Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 30. JUEPISCI12 RUNDSCHAU Seite 345 D.iss dagegen der Entnatlonnlislcrungsprozcss noch nicht wirklich bis zu Endo vollzogen Ist, ja, dass er sich. »0 lange cs überhaupt ein Roligionsjudcntum gehen wird, nie ganz wird vollziehen lassen, das ist ja gerade, was ich In meinem Buche habe zeigen' wollen. Marx fragt verwundert, ob denn nicht auch ausserhalb des Zionismus das Stammosgcfühl gepflegt und unsere grosse hislorischo Vergangenheit hochgehalten werde. Das bestreite Ich nicht. Marx übersieht nur, dass sich damit der Qedanke, wir seien eine Mosse Religionsgemeinschaft, nicht gut zusamuicureiincn lässt. Dann aber vergisst er ganz, dass ein Jude mit nationalem Bewusstsein zwar überall sehr wohl ein guter, sogar sehr guter Staatsbürger sein Kenne, dass aber damit allein eine Lösung der Jmlcuirngc noch nicht möglich gemacht sei. Dass sie c.« freilich ebenso wenig ist, wenn die Juden nur lionff'.siuiiell von den andern verschieden sein vollen, glauben wir in unserm Buche dargetan zu haben. Wollen wir Juden bleiben und müssen wir zur Erhaltung unseres Rcligionsfudentums nationale• simitc Juden bleiben, dann gibt es für uns und für die Wiker nur eine Lösung der Judenfrage, und das ist der Zionismus. Aut eine Erörterung meines bibelkritischcn Stand• Punkts mit einem orthodoxen Kollegen muss ich natürlie'i verzichten. Doch auf eine liberal schillernde Wendung in den Ausführungen meines Kritikers muss ich wenigstens mit einigen Worten noch elngchcn. Er sag; nämlich, dass man im Judentum nach einer Lebei.siimgliehl'.cit suchte auch ohne eigenes Staatswesen. Wenn das bloss heissen soll, dass man, nach de;n tief schmerzlich empfundenen Verlust des Staates, der Macht und der Freiheit, das jüdische Volk doeh weiter zu erhalten suchte, so ist das natiirlich richtig. Aber die Kraft hierzu entnahmen unsere Vorfahren ja gerade dem national-mcssianisehen (Hauben. Musste das Judentum sich doch auch ohne Older und Tempel clnzurichten suchen! Aber .Marx will hier doch offenbar mehr sagen. Denn {;!eich darauf nemerkt er näher erklärend, ״dass die späteren Zeiten eine spätere (soll wohl heissen: stärkere) Betonung des Universalismus forderten." Er kann also nur meinen, dass spätere Zeiten die nationalen Hoffnungen dem Univcrsalismus gegenüber zuriickgcdr.ingt hätten. Allein richtig ist nur, dass der Universalismus Int Judentum auch seine Stelle li.iite. Niemals aber hat er den nationalen Messianisimis auizuheben oder auch nur wirklich in den Hintergrund zu drängen vermocht. Und nun gar im i.ihumliselien Judentum, zu dem sich Marx bekennt, nimmt der Univcrsalismus den nationalen Zukunftshofmungen gegenüber eine sehr untergeordnete Stelle ein. Was Marx von dem Sinn der nationalen Zu• kunttslrnffmingcn der Juden im Mittelalter sagt, stimmt mit dem von Fuchs Vorgebrachten so ziemlieh iilii'rcii’. und braucht daher hier nicht mehr besonders kritisch beleuchtet zu werden. (Fortsetzung folgt.) | Gustav Karpcics. I SI(11*wr«Ti*1mi1r»M!1 Minimal ■וו- ■r ,1! —.mtmmmd In Bad Nauheim ist am Mittwoch, dem 21. Juli, nachmittags, Dr. Qustav Karpcics, der bekannte Helncforschcr, im Alter von 61 Jahren gestorben. Karpcics leitete seit zwei Jahrzehnten bekanntlich auch die ״Allgemeine Zeitung des Judentums." Stand er uns auch in seinen Anschauungen über Juden und Judentum ziemlich fern, so bedauern wir doch aufrichtig den allzu frühen Heimgang dieses klugen und gelehrten Mannes, der auch als Mensch bei allen, die Ilm näher kannten, sich herzlicher Belicbthclt erfreute. “ AUS ßLL6R IV(:LT :: Deutschland Vom Bureau des Deutsch - Israelitischen Gemelitdcbundcs wird uns geschrieben: ״Man wird sielt erinnern, dass der Dcutsch-Israclitisclic Qemcindebund am 29. Januar d. Js. bei dem Preussisehen Kultusminister darum cingckomincn war, bei Gewährung von Staatsbelhllfe» fiir den Jüdischcti Religionsunterricht auf das Erfordernis einer Mindestkinderzahl von 12 zu verzichten und solche auf 8 herabzusetzen. Der Ausschuss des Gemeindebundes durfte umsomehr auf Gewährung seines Gesuches rechnen, als Im Abgeordnetenhause das Bediirfnis einer Berücksichtigung der kleinsten jüdischen Gemeinden von allen Seiten anerkannt worden war, und er selber von anscheinend ausschlaggebender Stelle verheissungsvoile Mitteilungen erhalten hatte. Leider sind diese Hoffnungen vollständig getäuscht worden. Der Qemcindebund hat folgenden amtlichen Bescheid erhalten: ״Auf die Vorstellung vom 29. Januar d. Js. — R. U. No. 812/09 — erwidere Ich dem Ausschuss, dass ich nach eingehender Erwägung aller ln Betracht kommenden Verhältnisse nicht in der Lage bin, dem Anträge auf anderweite Regelung der Gewährung von Staatsbeihilfen bei Einrichtung besonderen Rcligions- Unterrichts fiir volksschulpflichtigc jüdische Kinder (Festsetzung der Mindestkinderzahl einer Unterrichts- Station auf 8 statt auf 12) zu entsprechen. Nach § 37 Abs. l des Volksschulunterhaltungsgcsctzcs besteht fiir die christlichen Konfessionen das Recht, einen eigenen Rcigionsuntcrricht von der schulunterhaltungspflicbtigcn Gemeinde zu fordern, nur dann, wenn in einer öffentlichen Volksschule die Zahl der der konfessionellen Minderheit angchörigcn Schulkinder dauetnd mindestens 12 beträgt. Diese Vorschrift entspricht der bisherigen, bereits seit dem Jahre 1886 beobachteten Verwaltungspraxis (vgl. die Erlasse vom 18. Mai 1886 und 1. August 1902 — Zcntr.-Bl. f. d. Unterr. Verw. 1887 S. 251 und 1903 S. 222.—). In der Ictztgcdnchtcn Rundverfügung ist insbesondere ausdrilcklich betont, dass bei Sinken der Kinderzahl unter 12 die Beschaffung des Religionsunterrichts den Kirchcngomcindcn zu überlassen, die Gewährung Staatlieber Beihilfen aber cinzustellen sei. Demgegenüber würde, wie ich im Einverständnis mit dem Herrn Finanzminister und dem Herrn Minister des Innern bemerke, eine abweichende Behandlung der jüdischen Religionsgcscllschaft nicht gerechtfertigt werden können und zu Berufungen seitens der christlichen Konfcssioncn Anlass gehen. ■ Es muss daher bei den Grundsätzen des Rmidcrlasscs vom 14. November v. Js. - U 111 E 3408 U HI D - (Zentr. Bl. f. d,. Unterr. Verw. S. 1004) sein Bewenden behalten. I, A.: Schwartzkopff. * Nach diesem Bescheide sind also die kleineren jüdischen Gemeinden, die weniger als 12 volksschui- Pflichtige Kinder zählen, genötigt, sich zu Schul-׳ Stationen zusammenzutun, wenn sic auf eine Staatsunterstptzitng rechnen vollen. So wünschenswert an sich ein solcher Zusammenschluss ist, so liegt cs doch auf der Hnnd, dass an vielen Orten die lokalen Verhältnisse, wie weite örtliche Trennung der kleinen Gemeinden von einander, schlechter Zustand der Konimunikationswege, Verschiedenheit der religiösen Auffassungen usw., die Vereinigung zu gemeinsamen Scliulstationcn unmöglich machen werden. Die einzige Hilfe kann solchen kleinen Gemeinden von dem Deutsch-Israelitischen Gemeindc-Bunde und seinen Verbänden kommen. Es ist vorauszusehen, dass infolge dieser schlimmen Enttäuschung die finanziellen Ansprüche der kleinen jüdischen Gemeinden an den Qemcindebund sich beträchtlich vermehren werden. Umso notwendiger ist cs, dass Körperschaften und Privatpersonen, die für dieses dringende Bedürfnis der jüdischen Gemeinsamkeit, fiir die religiöse und moralische Erziehung tausender unserer Söhne und Töchter ein warmes Herz und ein lebhaftes Interesse besitzen, dem Gemeindebunde durch ihren Beitritt die Hände stärken. Nur dann können wir, wie so oft, aus eigenen Mitteln uns das schaffen, was der Staat uns misswollend versagt." . Es wird nunmehr Sache des ״D.I.G.B." sein, zur Kräftigung der leistungsschwachen Gemeinden, die vom letzten Oemeindetage aufgewiesenen organisatorischen Schritte cinzuiciten. Amerika Der ״American Hebrew" veröffentlicht ein Interview, das sein Korrespondent mit Herrn Schiff nach dessen Rückkehr aus Europa gehabt bat und das in mehrfacher Hinsicht interessant ist. Auf die Frage, ob irgend etwas weiter zu dem Zwecke gescheiten sei, eine Einigung der grossen Organisationen herbeizuführen, antwortete Herr Schiff: ״Nein. Sic erinnern sich, dass ich im letzten Jahre versuchte, ein Uebereinkommen dahingehend zu treffen, dass Vertreter des American Jcwislt Committce, der Alliance, der Anglo-Jcwish Association, des Hilfsvcrcins und der österreichischen Alliance eine Art von Notstandskomitce bilden sollten, um in Zeiten grosser Not, wie z. B. des Kischincwcr Pogroms, gemeinsam zu handeln. Die Idee wurde von den fraglichen Organisationen günstig aufgenommen, scheiterte aber an der Unmöglichkeit des Zusammenarbeiten von Hilfsverein und Konferenzgemcinsciinft, die, wie Sic wissen, die deutsche Ab* teiiung der Alliance bildet. Ich muss Ontiuie gehen sollte, ei* muss sie wenigstens noch ein einziges Mal sehen und sprechen. Sie blickte sich um und erhob sich schnell, als die Türe aufging; als sie ihm aber ins Gesich! blickte, da blieb sie wie angewurzelt sieheii, beide Hände aufs Herz gepresst. ״Du hast den Vater gesprochen?" brachte sie endlich mühsam hervor; ״er hat dich abge* wiesen und du kommst Abschied zu nehmen 1 Sprich, Juda; sprich schnell, ist es so?“ ״Im Gegenteil,“ erwiderte er tonlos; ״dein Vater war so freundlich, mir Gelegenheit zu geben, dass ich dich ablchnen soll.“ (Fortsetzung folgt) von Hermann Berlin, Deut- 21. Juli. Regie: ״Ketten“ Schauspiel in vier Akten :ו c!t c n b a c 11. Erstaufführung: 11 c s Theater, Mittwoch, : r 11101 d Held. Ein jüdisches Drama, und zwar ein Tendenzstück, :r — cs sei gleich gesagt — ein erträgliches, d. 11. M bei dem die Tendenz nicht, wie cs meist geht, > künstlerischen Charakter völlig ruiniert hat. Iwr den Inhalt wurde ln diesem Blatte bereits eriert (Nr. 25, Literarische Rundschau). Hlnzuzuen hätte ich dem dort gesagten heute nur, dass es 1adc ist, dass dem Autor die Fortsetzung der den ersten Akte nicht gelungen Ist. Leider—, in es 111411a \uh v11rh ein modernes itldiscncs Df*unft werden können, trotz des Oflizlcrkonfliktcs, der ia immer üusscrliclt bleiben muss, wenn er auch freilich dafür dramatische und szenisch wirksame Möglichkeiten eröffnet, die der Autor sehr geschickt zu benutzen verstanden hat. Aber im dritten und vierten Akt ist er zu sehr ins Typische des allgemeinen Familicnmclodrnmas verfallen, und die jüdische Note Ist hier nichts Notwendiges mehr. Auch ein christlicher Handwerkerssohn könnte dieses Schicksal erleiden, hat cs wohl hier und da erlitten. Dafür sei aber auch hervorgehoben, dass der erste und namentlich der zweite Akt die besten Hoffnungen rechtfertigen, dass wir von diesem Autor noch einmal das jüdische Dramn unserer Tage erhalten. Dass er überhaupt ein nicht zu bezweifelndes starkes dramatisches Talent besitzt, das sich auch in diesem Stück vcrhcissungsvoll kundgibt und sich gewiss noch weiter entfalten wird — ihm das zu bestütigen, wird hoffentlich auch die niclttfüdische und die nichtjüdiscl1*j1;dischc Kritik parteilos genug sein, der ja sicherlich der Vorwurf dieses Dramas wenig bchagt hat. Die Aufführung des Held-Runge'schcn Sommercnscmblcs war Im allgemeinen recht gut. Einzig die Darstellerin der Mutter des unter seinen ״jüdischen Ketten" stöhnenden Helden, Loulou Wcrckm c 1 s t c r, traf Im Anfang nicht ganz den Ton. Dagegen war Guido Herzfeld •als Abraham Sender- Lehmann ein echter Jüdischer Vater und bildete einen überaus wirksamen Gegensatz zu seinem asslmülorten Sohn, dem ״Herrn Leutnant". Erich Kaiser-Titz war der uns allen so wohl bekannte Typ des getauften jüdischen Gentleman, und er vorstand cs auch vortrefflich, dieser Gestalt die sytnpatliischen, ehrlichen Züge zu geben, die der Autor dem ,.jüdischen Offizier" gab und geben musste, wenn er unsere Teilnahme für ihn erwecken wollte. Noch sei genannt Jaques Morway, der in dem alten Saloitton eine ganz köstliche jüdische Figur schuf. Auch Ilse Wehr mann gelang die Raitel sehr gut, wenngleich man manchmal etwas innigere Töne gewünscht hätte, statt des bisweilen etwas rhetorischen Pathos. Die übrigen Darsteller müssen sich mit einem Ocsamtlob begnügen. Die kleinstädtischen Honoratioren (Heinrich Karchow, Arnold Stange, Marie Brom, Willy Wolter) waren zwar teilweise etwas stark karrikiert, aber im allgcmeinen doch gelungene Vertreter ihres Standes. Dasselbe ist von den Offizieren des Stückes zu sagen. Und nun nocli ein Wort über Autor und Bühne: cs gehört heutzutage Mut — wirklich: Mut — dazu, ein solches Stück zu schreiben und fast noch mehr, es In Berlin zur Aufführung zu bringen. Und wenn dann das Stück im allgemeinen gut und die Aufführung jedenfalls auf der Höhe ist, dann soll das anerkannt werden. Deshalb wünschen wir dem Schauspiel viele Aufführungen und zahlreiche Besucher. Die Premlöre brachto dem Autor bei gut besetztem Hause einen anscheinend unbestrittenen Erfolg, und er konnte sich mehrmals persönlich bedanken. Es möchte eine Erntutigung für ihn sein, wenn Ihm der Erfolg einige Zelt treu bliebe. lb.