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Jüdische Rundschau · 1909-07-23 · Heft 30 (23.7.1909) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 344. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 30. Osteuropas nach den höchst zweifelhaften .dieser Ländereien zu bringen. Heute, nach der Umwälzung in der Türkei, liegt das wesent* lieh anders. Die Umwälzungen in der Türkei haben die Einmischung der Mächte ziemlich ausgeschaltet, sie haben den verschiedenen Völkern, die dort um die Vorherrschaft gekämpft haben, die Möglichkeit gegeben, innerha b des parlamentarischen Rahmens, innerhalb des neuen osmanisclien Staates sich auszuleben und sieh auszugestalten. Wir können also rechnen, dass in absehbarer Zeit Frieden einziehen wird, wo bisher Kämpfe getobt haben, und wenn dort Frieden sein wird, so sehe ich nicht ein, weshalb nicht grosse Massen ׳von Juden unter anderen Gebieten auch in die europäische Tür• kei gehen sollen. Aber das ist eine Sache, die ihre Zeit haben will. So lange die Verhältnisse noch so wenig geklärt sind, wie in diesem Augenblick, so lange wir klar darüber sind, dass eine Reihe von Jahren vergehen muss, bis die nationalen Gegensätze, wie in Mazedonien, sich gelegt haben, bis dahin kommen diese Gebiete kaum in Betracht. Bleiben also die nichteuropäischen Besitz• tiimer der Türkei. Von diesen ist Klein* a s i e n das nächslgelegcnc. 1 ־ Von dem rumänischen Hafen Constanza kommt man nach Kleinasicn in 12 Stunden. Die Uebcrfahrt kostet keine 9 Francs. (Von den Donaumündungen, von Galatz, Braila usw. dauert es wenige Stunden mehr.) Infolgedessen wäre hier in Bezug auf die N ä 11 e ein vorziigchlich gelegenes Land ge* geben. Wenn Sie sich klar machen, was die Auswanderung einer Judenfamilic nach Nord• amerika kostet und was sie kosten würde, wenn man die Auswanderung nach Kleinasicn lenken würde, so ergibt sieli eine kolossale Differenz. Die Auswanderung einer Familie, sagen wir 5 Personen, nach den Vereinigten Staaten kostet heute an Uebcrfahrtsgeldcrn ungelähr 1000 Mark. Die Auswanderung von dem rumänischen Hafen Konstanza nach Kleinasien kostet 50—100 Frank per Familie, je nachdem, ob das Ziel der Auswanderung nahe oder weniger nahe von der Küste Kleinasiens ent• femt liegt. Was ich hier von Rumänien und Klein• asien gesagt habe, gilt mit verhältnismässig kleinen Aenderungen auch für Russland und für Galizien als A u s w a n d e rungsländer und auch für Syrien, Palästina und Aegypten als Ein* w andern 11 gsl ä n d e r. Die Uebcrfahrt — um zunächst vom Kostenpunkt weiter zu sprechen — von Odessa nach Beirut, nach Jaffa, nach Aegypten kostet ungefähr 10 Rubel, also auch nur etwa 100 höchstens 200 Mark (bis zum Bestimmungsort der weiter im Innern liegen mag) per Familie. Und Sie sehen, dass hieraus gegenüber den Reisekosten nach den Vereinigten Staaten ein Ersparnis entsteht von ungefähr S00 Mark per Familie. Wir werden im weiteren Verlauf dieser Darlegungen sehen, was das bedeutet, wir werden sehen, dass in einer ausserordentlich grossen Zahl von Fällen die Ersparnis an Ucberfahrtsgcldern hinreichen würden, um eine Familie — und unter Umständen auch die grössten Massen von Auswanderern im neuen Lande selbständig und erwerbsfähig zu machen. Bisher sind die grossen Gelder, die erforderlich waren, rein für den Transport der Auswanderer nach Amerika, in die Kassen der Schiffsgcsellschaft geflossen und in vielen Fällen ist es vorgekom* men, dass eine Familie, die ihr Letztes für die Auswanderungskosten ausgegeben hatte, nachher im Hafen von Nevv-York zurückgewiesen wurde. Weil sie nicht genug Mitte) besass, um über die ersten Wochen hinwegzukommen. (Fortsetzung folgt.) Solche Klagen werden immer häufiger und immer' lauter, aber ich kann ihnen nicht zustimmen. Die Führer der Partei wissen sehr gut. was sie wollen, und wen» Herr Wolifsolm sich jetzt auf zwei Monat« nach Koiistamlnopcl begibt, so geschieht dies nicht, tun in der türkischen Hauptstadt Zerstreuungen zu suchen, die er in Köln nicht haben könnte, sondern zu dem Zwecke, um dort mit den massgebenden Kreisen Fühlung 7.u nehmen und an Ort und Stell« darüber Untersuchungen an/.ustcllcn, auf welche Weise das zionistische Programm zur Durehfnlsrung gelangen könnte. Wenn aber trotzdem von vielen Seiten Klagen gegen die Parteileitung sich erheben, so sei eine solche Erscheinung im Judentum nichts Neues. Das jüdische Volk ist eben gross im llmien und Hangen und Verlangen, cs ist aber klein im Unterstützen und Geben, wenn cs sich um seine eigc* nen Zwecke handelt. Max Nordau über die gegenwärtige Lage des Zionismus Einem Redakteur des ״Lcmbcrgcr Tugb!att*‘ gegenüber üiisscnc sielt Dr. Max Nordau in sehr intercssanter und beachtenswerter Weise über den heutigen Stund des Zionismus. ״Alle Ereignisse in der Türkei nach der Konstitution" sagte Nr. Nordau, ״sind so cingetroffen, wie ich sie vorausgcschcn und am 1. Juni U. Js. in der ״Neuen Freien Presse" vorausgesagt habe. Die Zionisten müssen in der Türkei unbedingt über den Parteien stehen und dürfen sich in die inneren Angelegenheiten des Landes nicht cinmischcn und keinen aktiven Anteil an denselben nehmen. Pas war der Grund, weshalb ich seinerzeit noch vor der Revolution, als im französischen Blatte ״i.'lmRpoiuhmt" ein ufietter Brief gegen den Prüsideuten des türkischen Parlamentes, Achmed Riza, erschien und ich erfuhr, dass diesen Artikel ein Konstantinopcler Mitglied unserer Partei schrieb, sofort Jas engere Aktionskomitee darauf aufmerksam machte und wünschte, dass in Zukunft solche Fälle sich nicht wiederholen mögen, da ein offenes Eingreifen in die inneren türkischen Angelegenheiten dem Zionlsmus grossen Schaden zufügen müsste." Int weiteren Verlaufe der Unterredung erklärte Dr. Nordau freimti• tig. dass er, |!n Gegensätze zur gegenwärtigen Stint• nmug tm Zionismus, kein besonderer Freund der kolo* nisntorJschen Arbeit in Palästina sei. In einer Konferetr/ sagte Dr. Nordau: ״Wir haben in Palästina nur eine Kolonie und das ist das jüdische Land, und nur eine F.migrantcntiuppe dahin zu führen: das jüdische Volk." Hingegen sprach sieh Dr. Nordau für die Erriehtnng miiglielist vieler Schulen in Palästina aus, da diese zwischen dem alten und neuen Geschlecht nusgleichcml wirken. Hinsichtlich der vielseitigen Klagen, die jetzt besonders in der österreichisch• zionistischen Presse gegen die Zcntraileitung erhoben und ihr besonders vorgchaltcn werden, dass sic gegenwilrtlg überhaupt keinen Arbeitsplan besitze und politisch nur einen Tag auf den anderen und nur von der Hand ln den Munde lebe, äusserte sich Nordau: Das Judentum am Scheidewege Von Rabbiner Dr. Max Joseph, Stolp i. P. 1. (Fortsetzung.) v Marx (Strnssbitrgcr israelitische Wochcuscl:,,ft, 5. Jahrg. No. gibt zu, dass ich den Beweis :!;r die Unhaltbarkeit eines cntnationalisiericn Judentums ״im grossen und ganzen" erbracht habe. ״A' ז" so fragt er ähnlich \t1n Fuchs, ״wo ist das Judent um das in dem Sinne ciitnationalisiert ist. wie es .:er Verfasser darsteiit?" Marx scheint nicht zu wissen, dass, von der angeblichen .Unvereinbarkeit des Z10• nismus mit dem Patriotismus abgesehen, den Zionisten r,i:hts häufiger entgegougehaiten wird, als der wand, wir seien keine Nation, sondern uue biosse Religionsgemeinschaft. Er scheint auch nicht zu wissen, dass sehr ,viele, viellei«,׳,t diu!)leistet; liberalen Ralihincn -- und cs su,1 die konsequenteren, wenn auch noclt nicht ganz km!• sequenten — eben diesen Standpunkt vertreten. Die Konsequenz aber hat bisher die Entwicklung des neueren Judentums bestimmt und wird sie auch weiter bestimmen. Marx selbst zitiert das Wort Stcinthals: ״ln Wahrheit und im Innersten war lsr.iel niemals ein Volk, cs war nie etwas anderes, ais was cs heute ist: eine Rcligionsgcnosscnschatt, und war nur so lange auch ein Volk, als cs zu einer Religums• gemeinde erzogen werden sollte." Wer merkt es diesen Worten meines verehrten Lehrers nicht an. wie sehr die politische Lage und Entwicklung des neueren Judentums auf die Entnationalisierung des letzteren hingedrängt hat! Erstreckt sich doch diese Tendenz bis in die orthodoxen Kreise hinein, wo man cs um des religiösen Standpunkts willen für g.mz unmöglich halten sollte! Denn nichts anderes bedeutet der Rat, das nationale Moment im Judentum zu cacltierert, den der orthodoxe Theologe Kaatz, mit dem wir uns noch auseinandersetzen werden, dun Juden gibt. Bei Kaatz wie bei jenen liberalen Theo■ logen sind dafür, historisch und psychologisch be• trachtet, wesentlich politische Gründe massgebend. . . 1 .׳■׳«■■■ י ■י י.« Er kramte einen Moment lang in der Regi• stratur seines Gedächtnisses und begann: ״Hältst du, was fremd ist, für dein eigen, so wirst du auf Hindernisse stossen, wirst Trauer und Verwirrung erfahren, wirst Gott und den Menschen Vorwürfe machen. Hältst du aber nur das Deine für dein eigen, das Fremde aber für das, was es auch ist, für fremd, so wird niemand je dich zwingen, niemand dich hindern, du wirst niemandem Vorwürfe machen, nieman* den schelten, wirst niemals etwas wider Willen tun; niemand wird dir schaden, du wirst keinen Feind haben; du wirst eben gar nichts Schäd• liches erfahren können.“ ״Ich bin Ihnen äusserst verbunden,“ entgegnete ich und machte einen Strich unter das Stenogramm. ״Als gewissenhafter Berichterstatter möchte ich Sie indessen noch um die Liebenswürdigkeit bitten, mir den Titel des etwähnten Schriftchens anzugeben.“ — ״Gern,“ erwiderte jener, ״es ist mein ״Handbüchlein der Moral“ Kap. I.“ — ״Wie,“ rief, ich aus, ״Sie wären —** — ״Epiktet,“ lachte er, gab mir die Hand und Hess mich allein. ״Kadimah“ Erzählung von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. P u 1 v e r m a n n. (Fortsetzung.) ״Aha, da zeigt sich ja schon die Teufels• klaue! Da kommt ja schon der Klumpfuss zum Vorschein,“ unterbrach ihn Kronenmann scherzend, um die Spannung zu lockern, die nach• gerade anfing peinlich zu werden. ״Da sehen wir ja den Gefühlsmenschen, der im Verallgcmeinern schwelgt! Und das nennen Sie praktisch zu Werke gehen? Mit solcher allgemeinen Rühr- Seligkeit gründet man keine Staaten; nicht einmal solide Bankinstitute. Ein Mensch mit solchen Sentimentalitäten ist wohl noch imstande, seine Geschäftsberichte poetisch abzufassen und seine Rechnungen in Reimen niederzuschreiben.“ Juda stand bewegungslos da; er erkannte das Fruchtlose, einen Menschen zu überzeugen, dessen Lebensbahn mit Goldstücken gepflastert gewesen, der in seinem behaglichen Prunkgc• mach den Wchruf seines Volkes nicht hören konnte oder wollte; er sprach darum kein Wort; aber sein Gesicht war verstört und starre Trau• rigkeit war in seinen Augen. Kronenmann sah cs und war von den Leiden des jungen Mannes tief gerührt. ״Ich will Sie durchaus nicht zu einer so• fortigen Entscheidung drängen,“ sprach er freundlich, beide Hände auf Judas Schultern legend; ״ich werde ihnen-na, sagen wir —- — vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit geben. Das ist gerade Zeit genug für einen Menschen, um — — ich will wieder ganz orten sein-um sich mit seinem Schicksale auszusühnen. Nebenbei bemerkt, Sie werden Bertha itn Wohnzimmer finden,;nag Sie Unten helfen. einen Entschluss zu fassen.“ Juda schüttelte traurig sein l;«p!pr ״Ist den!׳ gm kein andcier Ausweg möglr!1?‘‘ brachte er endlich mit bebender Stimme hervor. ״Keiner,“ sprach der Bankier fest; ״da sind nur zwei Möglichkeiten vorhanden, und Sie tun gut daran, dieses in Erinnerung zu behalten. Ich möchte es Ihnen ersparen, Ihren Verstand abzumartern, um etwa andere Wege und Mittel ausfindig machen zu wollen. Ich wiederhole cs Urnen, es gibt keine; das eine, oder das an* derel“ ״, ^duÄ'״tJ ver״css Juda den Bankier und wankte aie Stufen hinauf, die zu den Privaige* maclicrn führten. An der Türe des Wohn• Zimmers blieb er stehen und lauschte. Bertha spielte wieder die Sonate, die, wie sie wusste, ״ wCrn,e Eine leidenschaftliche Schn• sucht bemächtigte sich seiner; und ob er auch sein Leben verlieren und ob er auch ganz zu l i' V l? 1,'

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