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Jüdische Rundschau · 1909-07-23 · Heft 30 (23.7.1909) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 342. JUEDISCKE RUNDSCHAU No. 30. Tun wir erst in diesem Sinne unsere Pflicht, so wird das auf die Dauer auch nicht auf unsere verhältnismässig geringen Mittel beschränkt bleiben. Je mehr wir im Lande arbeiten, je besser wir die Möglichkeiten des Landes kennen lernen und die Kenntnis davon verbreiten, um* somehr wird unser ßeisipel weiter wirken und auch ganz grosse Kapitalien — auch nicht* zionistischer Juden - diesem Lande zuwenden. Es gilt auch nicht nur Menschen und Ka* pitalien. — Wir Juden werden von unseren Feinden als eine Macht hingestelit, und bis zu einem Grade (und natürlich in einem anderen Sinne als dem der feindseligen Darstellung) sind wir auch eine Macht. Jüdische Sym* pathie und jüdische Antipathie können ein politischer Faktor werden, und wir haben allen Grund unseren Einfluss — wie klein oder wie gross er sei — für die Türkei ii) die Wagschalc zu werfen. Wie die Türkei schon jetzt erstarkt, das geht übrigens aus einer, ganzen Reihe von symtomatischen Erscheinungen her* vor, über die die Presse in den letzten Wochen berichtete und von denen Einige hier Erwäh*. nung finden mögen: Ende Juni begab sich eine Abordnung der ägyptischen Nationalisten zum Sultan, und bat ihn ״mit seinen! ganzen Einfluss die Einfüh* rung einer Verfassung in Aegypten zu unter* ן stützen!“ In Afghanistan wurde der Krieg gegen die christlichen Nachbarn gepredigt und einstweilen das Heer von türkischen Ofiizieren, die der Emir sich als Instruktoren hatte kommen lassen, eingedrillt. Die persischen Konstitutionellen haben wenige Wochen vor ihrem Siege Achmed Riza, den Präsidenten der türkischen Kammer, ge* beten, gegenüber den europäischen Mächten ihr Sachwalter zu sein. ln Aegypten ist eine Agitation im• Gange um den Türken im Falle eines Krieges mit Griechenland Freiwillige und Geldmittel zu stellen. In Persien zeigen sich Strömungen für einen Anschluss an die Türkei etc. etc. Also: Die Türkei erstarkt! — Tun wir unser Möglichstes, diese Entwickelung zu be* schleunigen, denn in einer starken Türkei allein liegen unsere Hoffnungen auf eine Ge* sundung unserer Nation im Sinne des Zionis* mus! Tischa Beab Von L. Joseph. ״An den Wassern Babylons sassen wir und weinten.“ . . . Und die Tränen vereinten sich zum endlosen Strom, der sich überallhin ergoss — nach allen Himmelsrichtungen, in aller Herren Länder. Denn aut dem gesamten Erdenrund ist kein Flecken; der Judas Jammer nicht cekannt; keine Stüttc, die seine Seufzer nicht vernommen. Und noch schwillt der Trilncnstrom .immer mehr an — Qott, wie lange nochl? ״Schomcr, ma niileil!?*' Wächter, was wird aus der Nacht!? Aus d.eser finsteren, endlosen Nacht. — Tausend Jahre sind bei dir, 0 Qott, wie ein Tag. Für uns aber sind die Tage Unendlichkeiten. Denn unermesslich sind unsere Leiden zu jeder Stunde. Schau hernieder, 0 himmlischer Vater, uuf dein auserwähltcs Volk, das du dir geweiht und dem du eine Zukunft voller Herrlichkeiten verheissen hast, — siche, wie es geplagt und gepeinigt, gejagt und getreten wird. Seine Qrcise finden keine Ruhestätte für ihr gebeugtes Haupt, und seine Kinder gleichen einer herrenlosen Herde, die von wilden Banden zweck* und ziellos cinhcrgctriebcn wird. Scliomcr, ma 111111:111? Wächter, was wird aus dieser endlosen Nacht!? Du bist die Quelle des Lichts, und in Miriudcn Strahlen lässt du cs an deine Geschöpfe gelangen. Wann wirst du durch einen Morgenstrahl diese schreckliche Nachtfinsternis erhellen? Den Meeren hast du im Ufersand eine Qrenze gesteckt, uuf dass sie nicht überdiessen und alle Wesen verschlingen, — wann wirst du Israels Tränenstrom eine Qrenze setzen, ein Ende vor* zeichnen? Verleihe ihm deinen Beistand, dass seine Seele von seinen Tränen nicht verschlungen, dass seine Kraft nicht vom Schmerze gebrochen, seine Hoffnung nicht vom Leiden geknickt werde und cs nicht an sich selbst und an seiner Zukunft verzage; dass cs aus seinem Elend Kraft der Aufrichtung schöpfe!- ln allen Ländern und Städten sitzen die Kinder Israels am 9. Ab zu Boden und betrauern die grosse Herrlichkeit ihres Volkes, die vor zweitausend Jahren vernichtet wurde und noch nicht wieder aufgerichtet ist; den heiligen Tempel, der vom gottlosen Feinde geschändet und eiugcäschcrt wurde; die Stadt Zion, die Perle unter den Völkern, die in Staub und Schutt verwandelt worden. Zion, die göttliche Stadt! Israels Kleinod und Stoizl Wüst und öde liegt cs jetzt da, von seinen Kindern verlassen, eine Ruine von Judas Volksgrossc. Welch jüdisches Herz krumpft nicht zusammen bei diesem Gedanken? Welche Judenscelc vermag dies zu fassen? Und wenn am 9. Ab die Zionsklage millionenfach ertönt, da bricht daraus der zweitnusendiährige Schmerz einer in ihren Tiefen erschütterten Volksseele hervor als himmclstürmcndcs Gebet und ein gewaltiges Flehen zum Lenker der Welten und der Vülkcrgeschickc und wird zur furcht* baren Anklage wider die herzlosen Peiniger und Bc* drückcr. — Und mit den Tönen der Klage und des inbrünstigen Betons verwoben erklingen Laute tief inniger Sehnsucht, der alten, c\vig־neucn, nie gestillten Zions* Sehnsucht, und schweben auf den Flügeln der milden Nachtlüftc bis an des Jordans Ufer und ergiessen sich wie heilige Schauer über die altersgraue Klagemaucr. — Seltsame Ruinen! Zahllose stolze Vesten sind errichtet und zerstört worden, derweil du, ein Denk* mal uralter Herrlichkeit und zukunftskündend, allen Stürmen der Zeiten trotzest, Im Verfalle noch ein Bild der Unvcrgänglichkcit, ein Symbol des Schick* sals jenes Volkes, das dir aus fernen Landen weh. *, mutsvoll tröstende Grilssc sendet — — ן ״Nachamu. nacham aiui!" Tröstet, tröstet mein! Volk! Auf den Tischa Beab folgt der Sabbath* Nachamu. An die Trauer schücsst der Trost an. \ Gross ist Israel im Leiden, unerschütterlich aber im j Hoffen und Vertrauen. * Und ist ihm auch alles geraubt, seine Hoffnung | ist ihm doch geblieben. Und in ihr wird cs auch die י Kraft finden zum Wicderverclntscin mit der Stätte | seiner Sehnsucht. — t So hat Qott zu Rahcl einst gesprochen, als die ) Kinder Judas auf dem Wege der Verbannung aus f ihrer Heimat an ihrem Qrabe vorbeizogen; ״Weine 1 nicht länger, Rahcl, denn ich werde deine Nach• kommen nach Zion wiederbringen.״ Aui der langen 1 Wanderung leuchtet dein Judenvolkc das Bild seiner I Mutter voran, die ihrem Qrabe entstiegen war und l Qottcs Erbarmen auf ihre unglücklichen Kinder j Iicrabflchtc. Und durch alle Exilstürmc, durch alle t Ungemach seines heimatlosen Daseins tönen ihm die j tröstenden Worte der Vcrhcissung, die ihr zur Amj wort* wurden: ״Denn ich werde deine Nachkommen j nach Zion zurückbringen.“ ־ i Juden als Offiziere Gegen das mit so starkem Nachdruck aus vielen jüdischen Kreisen erhobene Verlangen, schon heute jüdische Offiziere int Heere anzustellcn, und auf der s 0• f 0 r t i g c n Verwirklichung des verfassungsmässigen Rechtes der Juden auf diesem Gebiete zu bestehen, macht Dr. Qcorg Zcplcr in seiner bei Hermann Walther (Berlin) neuerdings erschienenen Sehnit ,.Neue Demokratie“ folgende bemerkenswerte Ein* wände: ״Wie kann ein Jude als Mensch von guter Sitte und;inständiger (jesinmmg, feinerer Empfindung, Lar* gefühl und Takt überhaupt den schlechten Geschmack haben, unter den gegebenen Verhältnissen in Prcusscn* Deutschland aktiver Offizier werden zu wollen? So* lange unsere sugenauntc Gesellschaft noch auf einem derartig tiefen Niveau steht, dass man sieh bei einer Zusammenkunft, in einem Zirkel oder dergleichen, un* behaglich und beklommen fühlt, wenn ein Jude dar* unter ist, und dass man förmlich aufatmet, wenn er die Gesellschaft verlassen, froh darüber, den antise* miti.sclicn Gefühlen keinen Zwang mehr antun zu! brauchen, so lange ist es doch wirklich keine An* nchmlichkcit und kein Vorzug, gehört vielmehr ein eigentümlicher Mut dazu, will sagen, ein gewisses Dickhüutertuin und ein Talent, sich hcranzuschmeissen, den Offizier spielen zu wollen. Ebenso ist es auch mit gewissen Studentenverbindungen. Die besten Juden dürften cs jedenfalls nicht sein, welche sich zu solchen Rollen drängen. Wollen sie zeigen, dass auch Juden Schneid haben können, dann findet sich hierzu wohl auch andere Gelegenheit. Nach solchen Leuten, die sich derartig heranschmcisscn, beurteile man nur ja nicht die Juden überhaupt, unter denen cs gerade verhältnismässig viel wirklich vornehme Naturen gibt. Den leichteren Witzeleien, die dort allerdings schnell einmal in schwere Beleidigung« ausarten könnten, und ernsteren Zurücksetzungen (neben dem anfrösteinden und gezwungenen Vcrkchrston) wären die Juden im Offizierskorps besonders ausgesetzt, was zu vielen bösen Konflikten führen würde. Man braucht deswegen noch gar nicht an den ganz exor* bitanten Fall Dreyfus in Frankreich zu erinnern. Vor solchen Konflikten und Schwierigkeiten soll man nicht fliehen, wo sie einem begegnen, aber man braucht sie Ein Interview in der Unterwelt Von Heinrich Margulies*Leipzig. Tolstoj und die Juden, Gorki und die Juden, Neutürken, Alttürken, Journalisten, Klassiker, Goethe und die Modernisten, ־— alles was nur irgendwie einen Namen hat, wird nach allen Richtungen hin behorcht, beklopft und ausgc* fragt: ״Was denken Sie über die Judenfrage?“ Herr Moses schlagt durch die Reichhaltigkeit, die seine Kollektion dieses gangbaren Artikels aufweist, selbst seinen Linzer Konkurrenten, der wahrlich das beschwerlichste Treppensteigen nicht scheute. Alles ist heute unermüdlich auf der Suche nach irgendwelchen Meinungen irgendwelcher mehr oder minder anerkannter Persönlichkeiten über die Judenfrage. Ich sann und sann und verzehrte mich in endloser Grübelei: ״Wen kann man noch inter* viewen? Wer ist noch nicht über seine selig* machende Ansicht befragt worden?“ — Ver* gebens - In einer schlaflosen Nacht kam mir plötz* lieh die Erkenntnis. Und rasch löste ich mir ein Billct nach der Unterwelt, bewaffnete mich mit Notizbuch und einem langen Bleistift und reiste ab. Pluto, der Bibliothekar, gab mir bereitwilligst Auskunft: ״Zimmer 156—191, Hof soundso, Treppe soundso, Etage soundso.“ Also ich {and tatsächlich hin. In den be* zeichneten Zimmern standen, sassen oder lagen altehrwürdige Gestalten, alle mit einer grauen, oft schmutzigen, oft zerrissenen Toga bekleidet, alle jedoch auch fein säuberlich etikettiert und mit Nummern versehen. Ein wenig beklommen ging ich unter diesen hageren, schweigenden Gestalten umher, von denen einige sich lautlos hin und her bewegten, andere wiedeium sich ihren Gedanken übcrliessen. Da hinten am Ecktisch sass ein alter, be* brillter Mann mit würdevollem Gelchrtengesicht und blätterte in den Büchern, die vor ihm lagen. Keck entschlossen trat ich auf ihn zu und Hess mich in den zweiten Sessel fallen. ״Was denken Sie über den Zionismus?“ fragte ich laut, be* netzte den Bleistift mit der Zungenspitze (das Notizbuch hielt ich bereits in der Hand) und blickte den alten Mann erwartungsvoll an. Ei* blätterte indessen weiter und sagte abweisend utid ohne mich eines Blickes zu würdigen: ״Junger Mann, Sic haben da ein Benehmen an sich —1“ Mir als geübtem Interviewer waren solche Komplimente keineswegs neu; ich liess ihn aus* reden und wiederholte alsdann meine Frage. Indessen auch er blieb bei seinem Ton und er* widerte kurz: ״Junger Mann, ich habe keine Lust, mit Ihnen zu debattieren.“ ״Was denken Sie vom Zionismus?“ wieder* holte ich unbeirrt. ״cum 1 cuiei mit inrem Zionismus!“ seltne endlich der erzürnte Alte. ״Was wollen Sie denn von mir? Was weiss ich von Ihrem Zionis* mus!“ Nun legte ich los: ״Was der Zionismus sc*? Was er wolle? Er wolle nichts anders als die Rückkehr der Juden zum Judentum; er wolle die Juden auf den rechten Weg zurückführen, er wolle sie lehren, alles Fremde, alles Nicht* jüdische zu verschmähen —“ kurzum, ich sprach mit Emphase. Der Alte hatte indessen anschei* nend gar nicht zugehört. Nach seinem zor* mgen Ausbruch hatte er sich verdrossen wieder seinen Büchern zugewendet. In meiner Bcgei* sterung achtete ich nicht darauf — nun unter* brach er mich plötzlich: ,.Junger Mann,“ sa״te er, ״ich lese hier ge* rade ein ausgezeichnetes Gedicht. Hören Sie zu.“ •־־ und er begann in der Tat mit eintöniger, rauher knarrender Stimme: Nach^v/effhAi^n dic Z2״C! rc2ier* die Natur, E" 0csctzcn sie weise bewahrt Inj? dcn .״,״endlichen Kreis der Welt Sk Ä1$1M?*scWin*tJn״* ew|Kem Band: 7!?m v VCfkünden in lautem Ocsang Zum Klang der schwingenden Salten! ׳•׳

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