Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1909-07-16 · Heft 29 (16.7.1909) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 29 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651605-2651634--06507-2663602
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 334. JUEDISCKK RUNDSCHAU No. 29. Stammlande Palästina quasi seirien Angelpunkt hat. Und das ist von Bedeutung. Denn wenn eine Untersuchung ergeben sollte, dass gerade dasjenige Land, rein sachlich genommen, für die * neue jüdische Emigrations-Politik hauptsächlich in Betracht kommt, welches auch der jüdischen Tradition am teuersten ist, so würden sich ausser den sachlichen Vorzügen noch Imponde* rabilien ergeben, deren Wirkung in Kolonisa* tionsdingen keineswegs gering veranschlagt werden sollte. (Fortsetzung folgt.) Was fär ein Landsmann ist Max Nordau? Man tindci vielfach die Angabe, Max Nordau, der am 29. Juli 1900 seinen sechzigsten Qcburtstag {eiert, stamme aus KrotosclUn in Posen, oder auch: er habe dort das Licht der Welt erblickt. Letztcrcs stimmt nicht. Max Nordau ist in Budapest geberen. Indes ist Tatsache, dass Nordaus Eltern erst ganz kurze Zeit vor seiner Geburt von Kroto• schin {ortzogen, und seine Vorfahren wohnten lange Zdlt in dem Poscnschcn Städtchen,!in 17. Jahrhundort kamen zwei Brüder spanisch •jüdisch er Abstammung von Venedig über Wien nach Krotoschin, von denen der eine sich S u e d {c I d, der andere Wiener nannte. Ein Nachkomme dieses Snedfcld schrieb im 18. Jahrhundert ein Buch oder eine Broschüre und prägte für diese das Pseudonvm Nordau. Beim Maskir (Totenfeier) in der Krotoschincr Synagoge kann man noch heute des öfteren den Namen Sucdtcld hören. Der letzte Sucdfclcl verlies» 1849 Krotoschin und übcrslcddtc nach Budapest, bd welcher Gelegenheit er seinen Namen gegen das Pseudonym seines Vorfahren cintauschtc. Das war Max Nordau's V a t e r. Wie Max Nordau selbst über seine landsmannsehaftlichc Zugehörigkeit denkt, geht aus einem Briefe hervor, den er einem zionistischen Gcslmumgsgcnossen vor einigen Jahren schrieb, der, auch ein Krotoschiner, ein Schreiben an Nordau mit ״halb-lnndsmannschaftlichem" Oruss unterzeichnet hatte. Nordau schrieb darauf: ״Mir geht es mit Krotoschin wie unsern Assimiianten mit dem deutschen Volke. Ich rechne mich ganz dahin und glaube — trotz des Zufalls anderweitiger Geburt — ein voller Krotoschincr zu sein, sehe aber mit wehmütigem Lüchcln, dass Krotoschin mich in wohlwollendster Laune höchstens als ״lialbcn" Landsmann gelten lässt. Ein tiefes Symbol״ . 0. L. 0״ alte Burschenherrlichkeit“ Einst rühmten sich deutsche Studenten, Vor* kiimpfer der Freiheit zu sein und nahmen gern d!c Unterstützung von allerlei ״ausländischem Gesindel" — wie sic heute so schön sagen — an. Und heute? Heute kt impft der deutsche Student auch noch, aber fragt nur nicht, wofür! Da hat eine Verbindung, die sielt stolz ״Verein Deutscher Studenten“ r.cimt, cs fertig gebracht, folgenden Antrag den Universittitsbehörden zu unterbreiten: ״Unterzeichnete Korporationen bitten einen!!dien Senat der Universität Berlin, entsprechend den an anderen deutschen Hochschulen bestehender. Einrichtungen, Ausländer erst sechs Wochen nach Beginn des Semesters zum Belegen von Vorlesungen zu zulassen. Begründung: Es ist ein besonders von Medizinern. Naturwissenschaftlern und Chemikern beklagter Uebelstand, dass die Ausländer, die meist auch in den Ferien in Berlin weilen, beim Eintreffen der deutschen Studierenden bereits die besten Plätze, sowohl in Vorlesungen als auch in Uebungen, belegt haben und so einen durch nichts bc* gründeten Vorzug genlcsscn." Und diesen Antrag haben 32 (zwelunddrdssig!) weitere Berliner studentische Korporationen mit unterzeichnet! Es lohnt sich natürlich nicht, über diesen antlscmitlschon, oder jedenfalls im schlimmsten Sinne chauvinlstlschcn Streich der jungen Herren ein Wort zu verlieren. Dlo ״Begründung" Ist geradezu albern. Es zeigt sich nur, wicviclHcuchclclin dieser hoffnungsvollen Jugend steckt. Denn dieselben Leutchcn haben bekanntlich erst vor kurzem mit viel Pathos gegen die katholischen Verbin• düngen einen ״Kampf um die akademische Freiheit" geführt. Das Judentum am Scheidewege Von Rabbiner Dr. Max Joseph. Stolp f. P. (Fortsetzung.) Was soll man nur zu der Auslegung sagen, die Fuchs der Sehnsucht der Juden nach der Erfüllung ihrer national-mcssianischcn Hoffnung gibt! Nur rein religiösen Motiven soll diese Sehnsucht entsprossen sein, dem Verlangen nach einer restlosen Befolgung des Rcliglousgesetzcsl Gewiss treten auch slo öfters hervor, und von vereinzelten Individuen werden sie aus ihrer individuellen Veranlagung heraus ln den Vordergrund gestellt. Es wäre auch, hei dem bunten Spiel der Individualcharnktcro und bei der religiösen Grundrichtung des jüdischen Volkes, sonderbar, wenn es anders gewesen wäre. Aber der Schrei nach Erlösung von Knechtschaft und Schmach, die Sehnsucht nach Wiederaufrichtung des gehöhnten und geschmähten jüdischen Namens im Lande der Väter steht im mittelaltcrliehen Gcsהm t Judcn tum durchaus im Vordergründe. Gegen jeden Versuch, dies zu leugnen, rufe ich unser 00• hetbuch und unsorc gnnzo synagogalo Literatur uU Zeugen auf. Ich möchte diese kleine Arbeit nicht mit zahllosen Belegstellen beschweren. Sollten mich die Gegner des Zionismus dazu nötigen, dann werden wir die Probe auf das Excmpcl machen. Für heute nur ein paar kleine Eriniicrmigon. in dem alten Pflichtgcbet der achtzehn Bcncdlktioncn heisst cs: ״Schau auf unser Elend und strelto unsern Streit und erlöse uns bald um deines Namens willen!" ״Stossc ln die grosse Posaune zu unserer Befreiung und erhebe das Panier, unsere Verbannten zu sammeln!" ״Den Sprössling Davids, deines Kncchtes, lasse bald hervorsprossen und sein Horn möge hochragen durch deine Hilfe! Denn auf deine Hilfe hoffen wir allezeit." Klingt das wirklich nur wie Sehnsucht nach einer restlosen Befolgung des Rcligionsgcsctzes? ln dem Bussgebet ״Wehn rachum" heisst cs: ״Neige, mein Gott, dein Ohr und höre, öffne deine Augen und sieh auf unsre Trümmer und die Stadt, über der dein Name genannt ist! Denn nicht um unsrer Gerechtigkeit willen tragen wir dir unsere flehentlichen Bitten vor, sondern um deiner grossen Barmherzigkeit willen. Höre, 0 Herr, verzeihe, 0 Herr, merk auf, o Herr, und tu’s! zögere nicht, mein Gott, um deinetwillen, denn dein Name ist Über deiner Stadt und über deinem Volke genannt. 0 unser Vater, barmherziger Vater, lass uns ein Zeiciien zum Guten sehen und sammeln unsere Zerstreuten von den vier Enden der Erde, auf dass alle Völker erkennen, dass du, der Ewige, unser Gott bist . . . Hilf uns um deines Namens willen, unser Hort, unser König, unser Erlöser! Erbarme dich, Ewiger, über dein Volk und gib dein Erbe nicht der Schmach preis, dass die Völker über uns herrschen. Warum soll man unter den Nationen sprechen: wo ist ihr Qott?“ Klingt das wirklich nur wie Sehnsucht nach einer restlosen Befolgung des Rcllgionsgcsctz.es? Und noch eine Probe aus den: so spät entstandenen, und doch so rasch nllbelicbt gewordenen Lccho Daudi: ״Heiligtum des Königs, du gottregierte Stadt! Auf! Erhebe dich aus der Zerstörung! Lang genug hast du geweilt im Tal der Tränen! Der Herr wird sich gnädig dein erbarmen! Schüttle ab den Staub! Auf, lege deine Prachtgewänder an, mein Volk! Durch den Sohn Isai’s, den Bcthlchcmitcn, nahe dich meiner Seele, erlöse siel Wach auf wach auf! Gekommen ist dein Lichtl Auf, :nein Licht! Wach auf, wach auf, Lied meines Sangest Die Herrlichkeit Gottes wird über ׳dir ofienbar. Schäme dich nichtl Erröte nicht! Was beugst du dich und was tobst dut ln dir werden sich bergen die Elenden meines Volkes und wieder aufgebaut •wird die Stadt auf Ihrem Hügel!" Klingt das wirklich nur wie Sehnsucht nach einer restlosen Befolgung des Rcligionsgcsctzcs? Doch genug von diesen Proben 1 Ich schäme mich, dass es nötig war, sic zu bringen, und doch wclss ich nicht, ob nicht noch ein ganzes Buch von Proben wird gebracht werden müssen! Und wenn auch dies gebracht wäre? Ach, cs erfasst mich ein namenlos traurig Gefühl! Wozu zu denen reden, die nicht sehen können, weil sie nicht hören wollenI Das, Ja das ist jüdische Wissenschaft! Soll ich nun wirklich noch auf die beiden letz, ten Punkte cingehcn, die Fuchs vorbringt? Sic muten gar sonderbar an, aber ich kann cs mir doch nicht versagen, auf dieselben cinzugehcn, weil wenigstens der erste Punkt, mit dem dann der zweite eng zu. sammenhüngt, einen intimeren Blick in die Seele mancher Gegner des Zionismus gestattet. Fuchs fragt mit grossem Ernst: ״Schreckt der Zionismus nicht vor der furchtbaren Verantwortung zurück, ein freies Wcltvolk in die spanischen Stiefel politischer Betätigung , cinzuschnilrcn, und dadurch Kräfte der Nation zu absorbieren, die jetzt in der Arbeit für die Kultur der Menschheit Erspriessliclies leisten?" So fragt Fuchs und er knüpft daran die Lehre des abstrakten Kosmopolitismus, Also wir Juden sind ein freies Weltvolk! Sonst pflegen die Autizionisten immer um Ihren guten, patriotischen Ruf besorgt zu sein und wollen durchaus nationaldcutsch, nationalcnglisch und nationalamcri■ kanisch sein. Ich vermute, dass sich die meisten Antizionisten bei Fuchs für diese Interpretation ihres Empfindens bedanken werden. Wir haben cs hier also nur mit Fuchs und seinen engeren Gesinnungsgenossen zu tun. Man soll nicht, sagt Fuchs, elh freies Wcltvolk ir. dlo spanischen Stiefel politischer Betätigung ein• schnüren. Bisher haben wir immer geglaubt, dass die politische Betätigung zu den notwendigen, nicht zu entbehrenden Funktionen Jedes normalen, gesunden Volkes gehört. Nur von Anarchisten und einigen zum Teil sehr achtenswerten Sonderlingen glauben wir etwas Gegenteiliges gehört oder gesehen zu haben. Diese politische Betätigung mag zwar nicht immer nngehnclnn sein, zumal, auf absehbare Zeit wenigstens, auch das Kiicgiülircn dazu gehört. Aber meint Fuchs im Ernst, dass das jüdische Volk sich von den unabwcisliclicn Pflichten, die der Wcltlauf jedem Volke mm einmal aufcrlcgt, dispensieren und anderen Völkern, in deren Mitte cs wohnt, diese Pflichten aufhalscn soli? Zum Glück tun sie es nicht und sic betätigen sich, wo man cs ihnen verstauet und nicht verekelt, in Krieg und Frieden mit grossem Eifer. Absorbiert wird also ein Teil der jüdischen Kräfte durch politische Betätigung auch in der Diaspora, und zwar gerade dann am meisten, wenn ihnen ein möglichst hohes Mass von Freiheit gewährt wird. Vielleicht macht Fuchs den jüdischen Parlamentariern Staatsbeamten. Politikern und Offizieren der ver• schiedcnen Länder klar, dass das, was sie tun, doch eigentlich sehr unrecht von ihnen ist. Und wenn sie sich dann doch nicht von ihm überzeugen lassen, dann wird er mir vielleicht zugeben, dass es bei aller Sorge für Jic Kultur der Menschheit nicht unerhört ist, wenn jüdische Politiker sich auch einmal im Intcrcssc ihres eigenen Blutsvolks politisch betätigen lernen, zmmil sie cs da, weil ungehindert, auch mit viel mehr Freude werden tun können. Wenn wir Juden nach dem Ideal von Fuchs ein freies Wcltvolk sein sollen, daun werden wir uns nicht über seinen Missionsglaubcn wundern, nach dem wir ״als der Typus eines Volkes ohne Politik" durch die Welt wandern sollen. Wenn er aber diesen Missionsglaubcn, und nicht den von mir in meinem Buche bekämpften als den allgemein in Theologen- und Lchrcrkrciscn gehegten bezeichnet, so irrt er über die Massen. Kaum dass ich mich entsinnen könnte, dort irgendwo den Spuren dieses Missiousglaubcns begegnet zu sein. Aber nach Fuchs’ Acusscrung zu schlicsseii, muss cs ausser ihm noch einige andere mit solchen Anschauungen geben! Doch können sic in jedem Falle nur eine ganz vcrschwindende Minoiitüt bilden. Es ist hier nicht das einzige I Mal, wo das, was Fuchs schreibt, mich, und auch wohl jeden Leser, etwas xvcltlremd anmutctc. Nur beiläufig zum Schluss noch eine Bemerkung: In meinem Buche sage ich, die Bibel wisse nichts von einer zweiten Zerstreuung, könne also auch nicht eine Mission Israels, die in dieser Zerstreuung zu erfüllen sei, lehren. Fuchs fragt dagegen verwundert: ״Darum, weil die Bibel nichts von einer zweiten Zer* Streuung wusste, kann sie nicht von Israels Mission sprechen?" Natürlich, geehrter Herr Doktor, kann sic das! Und sie tut es auch! Und in meinem Buche Ist das öfter als einmal zu lesen! Zu lesen ist dort aber auch, dass die Bibel ganz und gar nicht und an keinem Punkte von einer Mission Israels spricht, die In der Zerstreuung und durch die Zerstreuung auszuüben wäre. Dieser Glaube, sage ich, sei ein durchaus neuartiges Phantasicgcbilde, und darin glaube Ich, so lango der Nachweis des Gegenteils fehlt, noch immer recht zu haben. AusDeutcrojesaja geht sogar überall klar und deut-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.