Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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״״(einander folgen. Seit dieser Zeit wandern die Juden als Träger der Qcldwirtsehait unaufhörlich it.nerlialb der naturahvirlscliaftliclicn Welt. Hin Werk- 7em: der finanziellen Ausbeutung der breiten Volks« iii,i*m־ii in den Händen des herrschenden Peudiadd*. werden die Juden von den crstcrcn gehasst, von den letzteren verachtet, von allen jedoch vorf״let und misshandelt. Nur so lange muu ihrer II,,.,״Wellen und vermittelnden Tätigkeit bedarf, werden sie geduldet. Kaum aber ist das heran* w.uhsende Hilrgertum reif, die volkswirtschaftlichen ׳•ן,:.; »!innen der Juden auf sich zu nehmen, so werden MC hi utal aus dem Lande gejagt. Es ist gewiss kein י,‘.ן• er Zufall, dass gerade in diesen Perioden die Sekuterliatifen der heiligen Inquisition lichterloh l>1.u.men, die ungeheure Tragik des jüdischen Schick- >ai> beleuchtend. Spanien, England, Frankreich, lH’,1 >ehland, Polen, Russland: Das ist der dornenv. 1ie Weg. den die Juden gleichzeitig mit der Beweeuiig des Kapitalismus vom Westen nach Osten ,!!!» .seine Träger durchgemaeht haben. Russland war du i udstation dieser Wanderung der Juden, Weiter k-. ..e der Strom in dieser Richtung nicht {Hessen. Ihci Mauten sich seine Pinten in einem Sumpf sozialdl,, n uuischer Impotenz, bürgerlich politischer Recht* loMc .eit und national-kultureller Sterilität. Erst nach tun יי jahrhundertelangen Periode der Stagnation bcgi;s:;1 in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrlniü'lcrts Innerhalb der bisher in sozialer Beziehung fast homogenen oder richtiger amorphen Massen des 0$t ״,oiuisehen Judentums der Prozess der sozialen |)1;i.:c1uicr1mg. Der Kapitalistnus dringt endlich in die i.idisclic Nation selbst ein und ruft in ihren vorsek..»lenen Schichten das mächtige Streben und Bcüiumis des Ucbcrgangs zu höheren Purmen der?<׳ ./׳len Betätigung hervor. Die moderne .1.: 1 ״ n f r a g c ist daher Ihrem Wesen n..! nicht ein Problem der Degene* r,. 1.0 11, wie das oft behauptet wird, s 0.1 »lern in erster Linie der Rege ner.csoii, der wachsenden Produktivki.. 1!e. die jedoch keine freien Enti.!', u 11 g s m ö g I i c I» k e i t c n finden. Allerd״u> erzeugen diese Hemmnisse im jüdischen Volk wrwhiedcnartigc Dcgencrationscrschcinutigeu, diese m;״i aber zum bedeutenden Teile eben nur Begleitc1>».k׳mungcn des gehemmten inneren Wuchses, die n.uii der Ueberwindung der historischen Krisis, die »!,,» imlcntum jetzt durchmacht, verschwinden v»1 len. Insbesondere hat das ncucntstandcnc j'ultvclic Proletariat durch sein mächtiges soziales Ringen neues Leben und Bewegung in das Dasein des eucv.iischcn Judentums hincingcbracht. Freilich ist bc! den äusserst beschränkten Entwicklungsbcdin- «1 .״gen der jüdischen Nation dieser Kampf der jiidiseiten Arbeiterklasse nicht imstande gewesen, ihr am sozialökonomischcm Ocbict Errungenschaften zu verschaffen, die ihrer Knmpfcsencrgic und ihren Uiturellcn Bedürfnissen entsprechen. Ausserdem 11״! die allgemeine industrielle Entwicklung der oste.a.maischen Länder eine Reihe negativer Faktoren für die wirtschaftliche Lage der Juden geschaffen, die besonders die Positionen der proletarischen und kleinbürgerlichen Schichten der jüdischen Nation untergraben. Alle diese Erscheinungen rufen eine neue kolossale jüdische Wanderung hervor, Ule sogar 11. der jüdischen Geschichte nicht ihrcsgleiclicn finden k,t!u. . Nach einer Darstellung der Situation in den Eina iitleriiiigsländcrn heisst cs dann am Schluss: ..Aber auch in Amerika werden zahlreiche M. sNiegcln zur Einschränkung der Einv.׳ ndc rüg getroffen. Selbst dio amcrlkan i » 11 e n Genossen sind b c k a n n 111 c 11 v 0 n d 11 .! 11! i a I i c n i s t i s c h c n Bewegung ers:: .Men worden. Aber abgesehen von diesen Kwi/liehen und gesellschaftlichen Hemmnissen 11 ח! sich in den jüdischen Einwanderungszentren Nordamerikas und Englands auch eine immer stärkere " ׳!scliafiliche Sättigung in Hinsicht auf die Aufn.ilimefäliigkcit des stets wachsenden jüdischen F.migr.iiitenstroms ganz unzweideutig bemerkbar. Ala sicheres Symptom dieser Sättigung erscheint dlo tmttaciiiltlscho und asoinltlscho Bewegung, die in letzter Zeit und besonders in Nordamerika immer hiiufigcr bemerkbar wird. All diese Momente führen mich zu dem Ergebnis, dass dlo bisherige jüdische Wanderung dlo Judenlrago nicht gelöst, sondern vielmehr vervielfältigt hat, da sie durch Jene auch In den Lmigratlonsländcrn aufgcrollt wird, Und darin bc* steht eben der tragische innere Widerspruch der neuesten Periode der jüdischen Wanderungen: Einerscits wächst in steigendem Masse das Emlgrations* bcilürlnis in den unteren Schichten des ostcurobiiisclicn Judentums, anderseits aber wird die 1 m m i g r u t i 0 n s m ö g 1 i c h k c 11 in dio bisherigen jüdischen Einwanderungszentren immer bcschränktcr. Dor grosso jüdische Wandorungsström stösst immer härter an eine stets höher werdende Mauer von ökonomischen, rechtlichen und sozialen Hemmnissen. Das Problem wird immer zugespitzter und brennender. Wo ist ein Ausweg aus dieser Sackgasse? Welches ist die Linie des kleinsten Wider- Standes für die fernere Richtung der Jüdischen Wanderung? Welche Tendenzen machen sich In ihr selbst bemerkbar? Alle diese Fr.i!:cn bilden augenblicklich den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses Innerhalb des ostcuro• plüschen und des amerikanischen Judentums, und sic stehen auch in erster Reihe auf der Tagesordnung sämtlicher jüdischen Parteien und Gruppen. Eins steht jedoch ausser Zweifel: Es handelt sich hier um eine Frage, von deren Lösung das Schicksal der nationalen Entwicklung der Juden überhaupt und des jüdischen Sozialismus insbesondere, in ganz bc• deutendem Masse abhüngt." Wir sind gespannt, die Antwort zu vor* nehmen, die An in doch wohl auf diese letzte von ihm seihst gestellte Frage zu geben hat. Und noch j interessanter wäre cs, endlich einmal eine offi•; zielte sozialdemokratische Verlautbarung zu'! unserem Problem zu hören. Seit Zetterbaums Ar• tikclrt in der ״Neuen Zeit", die damals wohl der Aus• druck der ״offiziellen" Meinung der Sozialdemokratie waren, sind viele Jahre vergangen, und inzwischen sollte sich doch eigentlich auch In der sozluldcmo• kratischcn Partei dio Ueberzeugung Bahn gebrochen haben, dass man mit den paar alten Schlagwortcn über den ursächlichen Zusammenhang nationaler und sozialer Bewegungen gerade gegenüber der Juden• frage keinesfalls uuskommt. Probleme der jüdischen Emigration und Kolonisation*) Von DavisTrietsch (Berlin). Einleitung. Die Kurse, die Sie hier veranstalten, sollen wissenschaftliche Kurse sein. Aber es handelt sich dabei um zionistische Wissenschaft, und da der Zionismus eine poli־ tische Bewegung ist, so wird es sich nicht ver• meiden lassen, dass einige politische Dinge hier herein getragen werden. Aber nicht Politik in dem sozusagen politischen Sinne, sondern in dem Sinne, in dem Politik definiert wird als die ״Wissenschaft der Möglich• k e i t e n“; und wenn wir hier von zionistischer Politik sprechen sollen, so wird es eben eine Wissenschaft der zionistischen Möglich• keilen sein müssen. Ich beginne also mit dem Thema: ״Pro• blcme der jüdischen Auswanderung und Kolo* nisation.“ Die jüdische Auswanderung. Die Lage der Juden ist im höchsten Masse abnormal. Alle Juden leben — als solche — in irgend einer Art von Ausnahmezustand. Diese Sonder• Stellung ist für f a s t die gesamte Judenheit ein Zustand unerträglicher Zurücksetzung, Be• driiekung und Verfolgung. Wenn wir von allen Leiden absehen, denen die Juden in den zivili• sierlcslcn und wildesten Ländern ausgesetzt sind, und uns nur mit der ״Judenlrago" in ihrem üblichsten Sinne befassen wollen, so bleibt aucii dann das Problem noch gross genug. Die osteuropäische Judenfrage umfasst allein zwei Drittel der jüdischen Gesamtheit; die dortige Lage ist eine solche, dass sic zur Auswanderung zwingt, — in weniger als 30 Jahren sind an zwei Millionen ausgewandert, und die Not ist noch unvermindert, in vielen Fällen sogar noch verschärft. Dabei sind bei weitem nicht alle die ausgewandert, die da mussten, sondern nur die viel kleinere Zahl da־ von, die die Auswanderung erschwingen konnten, während für ungezählte Hundert• tausende die Auswanderung ein unerreichbarer Traum geblieben ist. Diese mussten in der Mitte ihrer Feinde weitet leben, und dieses Los ist viel• leicht eins schlimmste.1״) •) Wir bringen im folgenden zwei Vorlesungen, ״Probleme der jüdischen Emigration und Koionl* sation" und ״Das zionistische Palastina-l’rogramm" — gehalten In den Wiener ״H o c h s c h u 1 K n r s 0 n für Palästlnakund0", dio der Verein ״Theodor Hcrzl'" im Februar dieses Jahres veranstaltete. ״) Ich bin ein Jahr nach dem Massacrc In Kischlnew gewesen, und selten hat etwas einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, wie das — von den Vorhältnissen erzwungene — Weitcrlebcn der Juden in• mitten Ihrer Mörder. D. T. Unter solchen Umständen wäre die Aus-׳ Wanderung (Auswanderung im grössten Um-' fange) der einzige Rettungsweg — ein Glück im Unglück — wenn w i r e i n L a n d 11 ä 11 e n. Aber wir haben kein Land, das heute schon ־ (oder noch) fähig wäre, grosse Massen aufzunehmen, und bezüglich der Vorbereitung und Schaffung neuer Einwandcrungsgebictc herrscht unter den massgebenden Juden ein be-' klagenswerter Mangel an Verständnis, — derart, dass die wildesten Vorschläge und Urteile, von der grossen Mehrzahl selbst der jüdischen ׳ Führer mit dem gleichen (und oft genug mit einem grösseren) Masse von Interesse entgegengenommen werden, wie die besten Ergebnisse sorglältiger Forschung. Dies gilt sogar schon für das erste, für das primitivste: für die Frage der Eignung des Gebictcs. Das Einwan der ungsgcbict. Bei einer systematischen Suche nach limni• grations-Ländern wird es gut sein, sich klar zu machen, welche Gesichtspunkte massgebend sein müssen. Die wesentlichsten seien hier behandelt. ln erster Linie soll das Einwanderungsgebict dem Auswandcrungslande möglichst nahe sein. Nur »so werden die Uebersiedelungskosten niedrig genug sein können, um von grösseren Massen aus eigenen Mitteln aufgebracht zu werden. Auch sind die klimatischen Unterschiede bei wachsender Entfernung meist grösser. Sodann kommt Regierung und Bevölkerung in Betracht. Bezüglich der Regierung lässt sich fast eine Reihenfolge aufstellcn, an deren unterem Ende etwa die Emigrationsländer stehen und an deren Spitze wohl — bei sonst günstigen Bedingungen — irgend eine englische Kolonial- Regierung ihren Platz hätte. Freilich, die Regierung allein tut es nicht, auch die Bevölkerung muss gewissen Anforderungen entsprechen, hat doch selbst in England die Haitung der Bevölkerung diejenige der Regierung diktiert und zwar sowohl zur Zeit der englischen Juden - Emanzipation (wo die Juden de facto längst die Gleichberechtigung hatten, die die Gesetzgebung dann sanktionierte), wie auch jetzt, wo die Stimmung gegen die Einwanderung wieder in der Bevölkerung ihren Ursprung nimmt. Wenn wir zunächst diese 3 Punkte: die Nahe zu dem Auswanderungsgebiet, die Regierung und die Bevölkerung ins Auge fassen, so ist damit die Marschroute schon so gut wie gegeben. Das Auswanderungsgebiet ist der Länder- Komplex* Südwcst-Russland, Rumänien und Galizien. Der Norden und Osten, also Russland mit seinen asiatischen Provinzen, kommen als Einwanderungsgebiet eo ipso nicht in Betracht. Ebensowenig die europäischen Länder im Westen, von denen England, wie wir gesehen haben, sich einer weiteren jüdischen Finwauile• rung verschliesst, und Deutschland seine Grenzen nach Osten längst gesperrt hat, unter denen Oesterreich nicht einmal die Auswanderung aus Galizien absorbieren kann, und die Länder romanischer Zunge aller Voraussicht nach niemals ein Einwanderungsgcbict für nennenswerte Mengen von Juden abgeben werden. Es bleibt also nur der Süden resp. Süd- Osten, da von den nordafrikauischen Stanien Marokko mit seiner Unterdrückung der einheimischen Juden und Algier und Tunis mit ihrer französischen Entwickelung nicht in Bctracht kommen. Das türkische Gebiet von Tri* polis und Barka*) — besonders letzteres — gehört meiner Ansicht nach in den Rahmen unserer Betrachtungen, ist aber wegen der Un- Sicherheit der Zustände und der geringen Kenntnis, die: wir von dem Lande haben, zur Zeit sehr wenig aktuell. Es bleiben uns a Iso nurdie türkischen Provinzen Europas und Vorderasiens,sowiedashalbcnglischc Aegypten, ein Länder-Koinplex, der in unserem alten kleinen •) Identisch mit Cyrenaica oder Benghaü. — Diese Ausführungen sind (wörtlich) meiner Pablikution: ״Jüdische Emigrations-Politik", vom Jahre 1904 entnommen. D. T.