Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 29.! ו Seile 332. zu sein, wir wollten nicht etwas von unserem lieberfloss, unserer Kühe, unserer Bequemlichkeit opfern? Wozu sind wir Zionisten, uni jiilirlich ein paar lumpige Mark Bei trog zu zahlen und zu ein• paar Ver- Sammlungen zu laufen, oder darum, dass wir mit unserer ganzen Seele, unserer ganzen Kraft nach Zion streben, (lass wir unsere Persönlichkeit auf dieses Ideal cinstcllcn, alles materiell in unseren Mitteln Heuende auf dieses Ziel richten. Wie vielt!?,ii.d unter uns, die frei bekenne» können: wir haben unsere־!*flieht getan. Wie viele sind unter uns, die am Abend eines Jeden Tages sich die Frage mit Freude befallen können: ich habe heute für Zion gewirkt. Din Armen geben und tun zu wenig, und die Wohlhabenden geben und tun zehnmal zu wenig. Gerade ihnen kann der bittere Vorwurf nicht erspart bleiben, dass sie sieh durch, die Zugehörigkeit zur Organisation in eine Art moralischer C11 a r a k t c r v c r s i c 11 e r ti n g mit niedrigsten Prä•• iniensfitzen eingekatm haben und im übrigen das beinerne Leben jüdischer Bourgeois betreiben mit dem angenehm prickelnden Gefühl, Zionisten und hier• durch mit geringem Aufwand an Zeit, Geld und Go• miit jüdische Patrioten, starke Charaktere und Pfadfindet der Zukunft zu sein. So gcltt cs nicht. Wir wissen heute, viel mehr als bisher wird uns die Türkei in Palästina nicht ge- Mähren. Heule gilt es zu 11 an de In. Nur d ti r c 11 d e n eis e 1׳ n c 11 Will e n aller 1t n - s c r c r A 1111 ä 11 g e r i st d a s grosse Ziel z 11 e rr c i c h e n. Pa gilt es, alle Kräfte anzuspanueii und zu sagen: Fs muss geben, koste es was es wolle, jedes Opfer an materieller und persönlicher Bequemiiehkeit ist verschwindend gegenüber dem grossen preise. Die historische Notwendigkeit des Zionisums, die manchem ein Permesso 7ur Faulheit zu sein scheint, sie macht cs allein nicht, Rs war nicht historische Notwendigkeit, welche die Bilu nach Palästina trieb, nicht historische Notwendigkeit, welche Herzl;11׳ den grössten Anstrengungen mul Opfern antrieb, sondern eigenes Wollen und unbedingte Rrgebenheit an die heilige Sache. Hätte die zehnfache Anzahl von Juden die gleiche Rncrgic besessen, wir wären heute fünfzigmal so weit. Wir wissen alle, was wir zu tun haben, aber wir sind zu lässig! Wir müssen die Zumutungen, die wir an uns zu stellen haben, in persönlicher wie in materieller Hinsicht, v e r z c 11 ח f a c 11 e n , dann geht cs vorwärts. Wird jemuKi bestreiten, dass heute noch die deutschen Zionisten ihr ihre Vergnügungen zehnmal soviel an Zeit und Geld opfern wie für die Bewegung? Fs ist gelegentlich gesprächsweise der Gedanke aiifgcUucli!, man solle nach Art der Jesuiten einen jüdischen Mönchsorden begründen, um die nationalen Ziele zu fördern. Der Gedanke ist originell aber abstrus, denn mönchische Denkart, mönchische Unterwürfigkeit, mönchische Finscitigkeit sind mit jüdischer Rasse und mit jüdischem Wesen unvcrcinbar. Wir aber, seien wir dessen eingedenk, dass uns die historische Aufgabe zngciallcn ist, diesen Orden überflüssig :׳.u machen. Seien wir verlässliche Kampfer für Zion und das Judentum, jmü beherzigen wir die vornehmsten Figeuschaften des Soldaten: Disziplin und Opfermut. Dann werden wir die Lehren, die uns der tote Fahrer über das Grab hinaus ztiruft, beherzigen, werden tu seinem Geiste leben und noch den Augenblick erleben, wo nach dem letzten Wunsche des Toten seine Gebeine in der heiligen Erde unseres Landes zur ewigen Ruhe gebettet werden. Der feste Vorsatz, der Bewegung unser Bestes zu leisten: dies sei־ unser aller Feier am heutigen Tage! Der neue Kanzler Da im licntißcn Prctisscn-Dcutschland ein Personenwccli.scl — selbst an den höchsten Beamten־ stellen — für die Juden keinerlei Aciulerung des herrsehenden Zustandes zur Folge zu haben pflegt, so rufen solche ״Revirements" zumeist auch in der jüdisclten Presse keine allz.ngrossc Bewegung hervor. Der Abschied des F ü r s t c n B ü I 0 w aber hat uns einen Fall besonderer Art beschert. Der vom Kaiser neu ernannte Reichskanzler, Hers4 von j Be 111 tu a n u-H oll w cg s.t a m m U n;äm! F? h ln 1 gerader L i n i c v o n Juden a b1.־ Ursprünglich in 1 den Niederlanden ansässig, fl il eilte teil die; Bet 11 in :1 n n s einst vor den J u denverfolg 11 n-! gen nach Nassau bei Frankfurt a. M., wurden dann 1 später angesehene Bankiers in Frankfurt, und erst I der Grossvater des Herrn von Bcthmann-Hollj weg tat den entscheidenden Schritt, nahm das ״Rntreej lullet zur europäischen Kultur", trat selbst in j prcussisclic Staatsdienste mul ermöglichte cs zugleich; dem Rilke), Kanzler des neuen deutschen Reiches zu! werden.; Interessant ist das Verhalten der Berliner j Presse — die auswärtige ist bei Redaktionsschluss I noch nicht zu übersehen — zu dieser Tatsache der j jüdischen Abstammung des netten Reichskanzlers. Fast allein das ״Berliner Tageblatt" spricht einigerj!nassen deutlich von der. Ahnen des Kanzlers. l>ic ganze übrige ״liberale“ Presse kann sich des G licttu- ■ Feigenblattes noch nicht entwöhnen und lallt nur schämig etwas davon, dass ein Urgrossvatcr des { neuen Kanzlers Holland ״seiner Religion wegen habe verlassen müssen" — — und dabei steht doch den meisten Redakteuren dieser Zeitungen diese ״Rcligioit" nicht gar so fern, und wie breit hätte man davon geschwätzt, wenn der selige Herr Bethmann etwa als Protestant ans einem katholischen Lande hätte « fliehen müssen! ״׳! Ist es nicht wirklich oft schwer, keine Satire zu schreiben? ן Auswanderung der Armenier I Unter dieser Spitz.marke berichtet die ״Staats-! biirgerzeiltmg" über die Auswauderungsbewegung der i Armenier und erteilt der türkischen Regierung dabei : folgende weise Ratschläge: j ״Wenn es den Türken nicht gelingt, eine be-! friedigende Lösung der armenischen Frage zu | finden, wird in Kleinasien n i e Ruhe und Ordnung | einziehen. Bei etwas gutem Willen der tiirki-; scheu Machthaber wäre das gar nicht schwer, ln J erster Reihe muss die Regierung trachten, die Armenier vor Ausbeutung durch Wucherer, Zehnten- Pächter und Steuercinlicbcr zu schützen, dann müssen die Gesetze den Bedürfnissen der Gegen v a r i a n g e jj a s s t 11 n d a u c 11 unsere Brüder auch in den andern Ländern bis vor kurzem empfunden, darum sollten unsere Juden genau dieselben Bahnen wandeln, wie jene, uni die gleichen Vorteile zu erlangen. Sie pochen auf Kraft und Verstand,“ fuhr Kronenmann mit grossem Ernst weiter fort; ״ich gebe zu, dass dieses vortrdt'liche Eigenschaften sind. Aber die Kraft muss verständig gebraucht, der Verstand kräftig angewendet werden, dann wird auch hier — wie überall — eine Erlösung herbeigeführt werden, ohne überstürzte, planlose Auswanderung. Möglich auch,“ er senkte seine Stimme und sali sich scheu und vorsichtig nach allen Seiten um, ״möglich auch, dass wir gar nicht mehr solange werden zu warten brauchen. ~-.Es geschehen Zeichen am Himmel; die Zeiten sind mit Ereignissen vollgeschwängert. Welche Geburten sie zur Welt bringen werden, wer kann es wissen? Sicherlich wird auch eine Bluttaufe staitfinden-und auch jüdisches Blut wird dabei fliessen, was bei uns Juden ja seit Vater Abrahams Zeiten oft geschehen ist. Möglich auch, dass wir cs nicht mehr erleben werden, dass es nur ein Pidjon Haben, eine Erlösung für unsere Sohne sein wird‘- aber sie bleibt nicht aus; sie kommt früher oder später, und nicht in Palästina-- sondern im Innern des eigenen Landes-!1 Bis dahin aber-Geduld!“ ״Geduld, Geduld!“ murmelte Juda betrübt, hoffnungslos. ״Das ist ja das Wort, welches die mattherzige Bequemlichkeit uns immer wieder zuruft; inzwischen aber bricht cs der Mutter das Herz, ihre Söhne als Vieh und ihre Töchter bei den Haaren über die Strasse geschleift zu sehen ii (Fortsetzung folgt.) Theodor Herzl Fünf Jahre sind hingegangen, seit er uns entrissen wurde. Im Leben kann man einen Ausnahmcnicnselicn, einen Genius verkennen. Nach seinem Tode aber vollzieht sich an ihm ein Wunder, das ihn hoch über die Menge erhebt mul den Augen aller als das bezeichnet, was er war: cm Bahnbrecher, ein Wegweiser, ein Befruchter, ein Kraftspender, ein Schöpfer netter sittlicher Werte. Dieses Wunder ist die Umkehrung der Perspektive. Für den Durchschnitt gilt das optische Gesetz, dass die zeitliche wie die räumliche Entfernung ihn verkleinert; je weiter er zurückwcicht, um so mehr schrumpft seine Erscheinung zusammen, um so undeutlicher wird sein Umriss, bis er zuletzt ganz verdämmert und aus dem Gesichtskreis vcrschwnidct. gegen die Armenier unparteiisch g . handhabt werden. Diese zwei Massrcgeln würden bald Wunder wirken; die Lage der Armenier würde sich bessern und dann wiirden ihnen auch schnell ihre revolution ä r c 11 und anarchistischen Ideen vergelten, die sic heute so missliebig machen.“ Und wenn liberale Blätter dasselbe — sir.ngemäss angewandt — der russischen Regierung uki ״ihre" Juden sagten, wer liat's da immer besser gewusst, wer hat da gehöhnt und gespottet, verehrte Staatsbürgerin? Und dabei trafen alle Vorwiiric die russische Regierung in weit höherem und die Juden in weit geringerem Masse, als dies bei der türkischen Regierung und den Armeniern der Fall ist!. I Sozialdemokratie < und Judenfrage ln einem sehr interessanten Aufsatz in de!; ״Sozialistischen Monatsheften" (Berlin) behände!; Maxim A n i n ״Die J u d e n f r a g c als W a ndc• r u n g s p r0 b 1 cm." Der Aufsatz ist auch besonders deshalb beachtenswert, weil er die allmähliche ..Uns Wertung" der Judenfragc in sozialistischen Kreis,;! andeutet. Wir gehen nachstehend die einleitende. Betrachtungen und das Schlussrösumö Anins wiede;: ״Will man das Schicksal einer Nation richtig k urteilen, so muss man vor allem die innere Log!!, ihrer Geschichte erfassen; aus ihrer konsequente Fortbildung werden sich dann auch die historische Rntwicklungsmögliclikcitcn und •Ziele dieser Natm ergeben. Gegen diese elementare Weisheit ward vielleicht nirgend so stark gesündigt, wie bei der Behandlung der viclumstrittcncn Judenfragc. m. : zwar sowohl auf Seiten der Philowie der Am! Semiten. Wohin mit den Juden? Was mit den Jude;! beginnen? Diese!,ragen klingen aus allen Zeitalter.; und aus allen!״'indem zu uns herüber. Natürlich musste die Antwort je nach dem politischen und sozialen Kredo des Beantwortenden grumlve.־• schieden ansfallen, und so brachte diese Frage• Stellung notwendigerweise das Moment der suhiektiven Voreingenommenheit in die Behandlung de; Judenfragc. Der eine wollte, dass die Juden so r.isct! wie möglich vor. der Erdoberfläche verschwinden. « der andere, dass sie vorher die oder jene (relig; •v. [ ethische oder soziale) Mission erfüllen, der dritte, j dass sie nach Ziem zunlckkehrcn, der vierte, dasj sie in der Diaspora (Golus) eine ״autouom-kväiurcüc ■ Gemeinschaft" bilden sollen tisw. Kurz: entwert׳ { theologischer Determinismus oder theologische Will- | kiir. Die Hauptfragen aber (Wohin fuhren die Fan• ן wickhmgstendcnze» der jüdischen Nation? Welche j Strömungen und Kräfte machen sich, unabhängig von j den Wünschen einzelner, im jüdischen Leben .׳ geltend?), diese Fragen wurden stets äusserst suesj mütterlich behandelt. Und dennoch stellt cs ausser ן allem Zweifel, dass die Fragestellung nur so lauten : kann, wenn eine sichere Basis für ihre Lösung ge•; Wonnen werden soll, < Ucbcrblickt man die jüdische Gesichichtc vom j Gesichtspunkt ihrer inneren Triebfeder und Tenj denzen aus, so erscheint sic gewisscrniasscn als eine j fast ununterbrochene Kette von Wanderungen, die ' besonders intensiv und rasch seit dem Mittelalter Der Genius dagegen wächst in dem Masse, wie er in die Vergangenheit zurücktritt. Fr wird imme! grösser, immer heller, immer schärfer Umrissen, un I die Nachgeborene״ sehen ihn deutlicher, strahlende;, als die Mitlcbcnden. Dieses Wunder beobachten wir an Herzl. Heute, fünf Jahre nach seinem Tode, steht seine Gestalt gross und leuchtend da, uns allen nahe, hoch über alle luiuuisgewachsen, die ihm früher bis zum Scheitel zu reichen, ja ihn zu überragen schienen. Und er hat sein höchstes Mass noch nicht erreicht. Wer will noch bezweifeln, dass er ein Genius war, wie ihn die jüdische Geschichte nur einmal in Jahrhunderten hervorbringt? Fr erstand dem jüdischen Volke zum Heile. Fr wurde den: jüdischen Volke zu seinem Leid und Ungliick viel zu früh entrissen. Aber noch sein Andenken wirkt als ein Segen, seine Gedanken sind eine dauernde Bereicherung seines Volkes, und diesen Besitz, das Vermächtnis Hcrzls, wird es nie verlieren, solange es lebt und ein Rrbc anzutretcu fähig ist. Paris. 10. Juni m9. M. Nordau. (W c 11). '׳ .«,״