Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 20. Seite 331. י*י Den vereinzelten erleuchteten Qclstcrn, die Ini Laufe des 19. Jahrhunderts die Rückkehr der Juden ins Land der Vater gepredigt hatten, folgten als praktisches Echo die Ansicdliingen der Chowewe Zion, die verstärkte Auswanderung frommer Beter in die palüstlnischcn Stlidtc, die jüdisch-nationale BewcKting in Teilen der Jüdischen Studentenschaft. Aber wie war die Lage 1896, als Theodor Hcrzl seinen ersten Weckruf erschallen licss? Die Kolonien siechten dahin in den Händen der Rothschildschcn Verwaltung, nach innen wirtschaftlich schwach, nach aussen diskreditiert durch die über ihre Lage verbreiteten Mitteilungen. In Palästina war wenige Jahre zuvor von der türkischen Regierung die Ein- Wanderung osteuropäischer Juden verboten worden. Die nationalen Studcntenvcrclne, die humanitären Koloaisutionsvcrcinc waren schwach, zerstreut, ohne }?:!v.nmucnhaltg, fast ohne Hoffnung auf die Zukunft. Es ichlte das einigende Band, die grosse Idee, die die M .'seit mit sich rcissende Bewegung. Da trat Hcrzl auf; aus dem bequemen, sorglose u, mondänen Leben des Pariser Korrespondenten einer grossen europäischen Zeitung hatte ihn die D.־־'■■yfusaffärc wach gerüttelt. Er, der kaum in.־'■:‘ wusste, dass er Jude war, sah, wie durch die g!.i;0 Kulturdcckc des französischen Lebens die pri! tren Hass- und Rache Instinkte des V •scs durchbrachen, wie hundert Jahre Evcihcit, Gleichheit und Brüderlichko:; verschwanden vor der elcmen- 1.1 i 0n Gewalt des in den untcrstcn Ti.ien der Volksseele wurzelnden .1 ־. Jen Hasses. Ein Jude war unter seinen Augen go'O'.'.äudct worden, weil er Jude war. Millionen a:1.i :er galt dies als individuelles Schicksal, von U ׳ sie sich furchtsam abkehrten. Dem einen wurde cs ,׳mit grellen Schlaglicht, das auf das gleiche ia : der osteuropäischen Brüder, des ganzen jüdischen V«׳i\es in der Diaspora fiel, das ihn die Tragik unserer 1::«•,■‘rischen Existenz erkennen licss. Und damit war filr den starken, freien Mann auca die Lösung gegeben. Die Juden werden verfolgt, weil sic zerstreut sind, sie muwn sielt zusauMucnschlicsscn, überall sind sie Mia■ ׳ntiit, sie müssen ein Land haben, wo sic die M.!■ .:1;!t sind, wo sie herrschen, wo sic sich unter n Gesetzen frei verwalten. Lange erschien i!.,1; der eigene Gedanke, der einen vollständigen Urnen mit allen Anschauungen des Jahrhunderts bc* deutete, als über die Massen kühn. Er gab ihm im J nd e ח s t a a t" Ausdruck, um die Wohlmeinenden!•ml Mächtigen Israels zur Tat anzuregen, ohne den linden zu kennen, auf den er die Saat der Ideen aus- Manu•. Tausendfältiger Jubel antwortete Ihm aus;■Ihn Teilen der Welt, die Juden bewohnten. Er hatte (iciu Denken und Fühlen der Besten des Volkes \V<1ie verliehen; er, der sich von beiden zurück-;•klau wollte, sah sich über Nacht an der Spitzo cis,*.r grossen Bewegung. Wo andere versagt hätten, da bewährte er sich als Meister. Willig nahm er die ungeheure Verant- Wortung, die erdrückende Arbeitslast auf sich. Er vtisme das Chaos, das er vorfand, zu ordnen, er ftikne die verschiedenartigen, durch politische und religiöse Anschauung, durch wirtschaftliche und w׳,:iaie Lage, durch Sprache und Wohnland gemimten Einzclbcstrcbungcn zusammen, er schuf das JUEDlSCHg RUNDSCHAU Panier im Baseler Programm, er schuf die cinhcit- 1 liehe grosszügige Massenbewegung, er gab ihr das Schlagwort und das nächste, unmittelbar vor den Augen stehende Ziel: Die Erlangung des Charters. So oft man diese Anfänge der zionistischen Organisation durchdenkt, so oft zeichnet sich in unerkennbaren Schattenrissen unter dem uns allen ins Herz gegrabenen assyrischen Künigskopfc Theodor Hcrzls, das feine energische Profil, das dunkle Feuerauge Ferdinand Lassailcs ab. Auch er, ein Stolz unseres Volkes, ein Jude in Jeder Faser seines Wesens, auch er, der Erweckcr und Organlsator einer grossen Bewegung,, die zerbrochen lag in verstreuten, einander fremd gewordenen Stücken. Auch er gibt der Masse ein nahes, sie hinreissendes Ziel: Das gleiche Wahlrecht auf politischem, die Produktivassociation aui wirtschaftlichem Gebiet. Auch er stösst auf unerwartete, nicht Überwindbare Hindernisse, die Bewegung, die er entfacht, fällt in Krisen, die durch den unerwarteten Tod des Führers verzehnfacht werden. Aber hier endet der Vergleich. Die deutsche Sozialdcmokratic brauchte zehn Jahre, ehe cs dem unbeugsamen Willen und der stählernen Logik Marxens gci.ngt, die Bewegung auf anderer Basis und mit anderen Mitteln und Methoden zu reorganisieren. Wir haben in ungleich schwererer Krisis innerhalb eines Jahres Ordnung geschaffen gehabt, aus uns heraus ohne die leitende H:1״ü eines der grössten Genies aller Zeiten. Es ist der untrüglichste Beweis für den tiefen sittlichen Ernst, der die Anhänger Theodor Hcrzls erfüllte, für die innere Wahrheit unseres Wollcns, dass wir nach Entschwinden unseres unmitteibaren Zieles, des Charters, xvcitcrlcbtcn, ohne ins Wanken zu geraten, ohne dass die Bewegung auch nur einen Augenblick gestockt hätte. Wenn wir heute wissen, dass Palästina nicht wie J ein Minmiclsgcsehcnk in den Schoss fallen wird, dass j wir uns vielmehr Jeden Fuss seines Bodens | in wirtschaftlichem Konkurrenzkampf werden erkämpfen müssen, wenn unsere Bewegung aus ihrem heroi- .sehen Stadium in das merkantile getreten ist, so ist cs gegenwärtig um so mehr unsere Pflicht, das Andenken Herzis zu ehren und nach seiner Tätigkeit die Richtlinien unserer Arbeit zu zeichnen. Durch koiouisatorischc Arbeit allein wird man kein Zionist und durch die jüdisch-nationale Begeisterung des einzelnen kommen wir praktisch keinen Schritt weiter. Es gilt, die verschiedenartigen Zweige unserer Tätigkeit, die wirtschaftlichen, die politischen, die kuUurcilen z us a mm c n z u f a ss e n, Uber dem Teilgebiete das grosse Ganze nicht aus dem Auge zu verlieren, die sozialen und lundsmannschaiilichen Unterschiede zurUcktrctcn zu lassen hinter das eine grosse Ziel. Mit dem Verschwinden der überragenden Persöulichkcit, die dem Ganzen den Stempel ihres Geistes aufdrücktc, sind natnrgemäss die Teilarbeiten mehr in den Vordergrund getreten. Die gleiche Folge hatte die starke Betonung der praktisch-kolonisatorischen Tätigkeit, wie der Innerpolitischen der einzelnen Landsmannschaften, gegenüber den diplomatischen Verhandlungen des einen Führers in der Herzlichen Zeit. Aber so wichtig diese Art unserer Betätigung auch ist, so notwendig die Bearbeitung der Gegenstände, die früher vielleicht nicht ausreichend zur Geltung kamen, so ist es doch unerlässlich, dass wir uns stets vor Augen halten, dass sie nur Mittel der Vorbereitung, aber nicht Selbstzweck sind. Unverrückbar muss bei Jeder wie immer gearteten Arbeit in zionistischen Dingen vor unseren Augen das eine Ziel stehen: Die Schaffung der öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Dazu ist vor allem notwendig, dass unsere Organisatlon festgefügt ist. So sehr zu wünselten ist, dass jeder besonderen politischen und rcligiösen Schattierung in unseren Reihen voller Spielraum zum individuellen Auslcbcn gewährt wird, so ist doch die Unterordnung des einzelnen Teiles unter das grosse Ganze unumgänglich. In ihrer Stadt ist die Ortsgruppe die höchste Instanz, im Staate die Landsmannschaft, ihr Vertretertag, die von diesem gewählte Behörden, in der Gesamtorganisation muss der Kongress und seine Organe das Aktionskomitee und dessen Exekutivausschuss, das engere Aktionskomitee und dessen Präsidium auf unbedingte Autorität und Disziplin zählen können. Und damit komme ich zu den Verpflichtungen, die wir als Mitglieder anderer Organisationen, seien cs indische, seien es nichtjüdische, dem Zionismus gegenüber haben». Wir haben cs stets mit dem vollsten Recht abgclehnt. unsichere Kanto- 1 nisten aufzunchmen. Mitglied einer der anderen Organisationen wird man, wenn man seinen Beitrag bezahlt; Zionist ist inan, wenn man aus• driicklich und formell das Baseler Programm anerkennt: d. h. wenn man sich als Jüdisch-national bekennt und sich vcipflichtet, seine jüdisch-nationale Tätigkeit auf Palästina zu konzentricren. Dies bedingt ein politisches und kulturelles Glaubensbekenntnis, das den ganzen Menschen utnfasst. Gerade in Deutschland, in der Mitte des assitnilatorischcn Milieus ist diese strenge Auswahl bcsonders notwendig. Wir wissen alle, dass cs leichter ist, zehn Mitglieder filr den Hilfsvercin oder den Zentralvcrcin oder die Alliance zu werben, als einen orgauisicrteu Zionisten zu erziehen. Aber wir wissen auch, dass dieser eine mehr für die jüdische Sache zu kämpfen und zu werben hat, nicht als die zehnfache, sondern als die hundertfache Zahl der anderen. ist dem über so, und wir alle sind stolz darauf, lieber eine kleine Kern truppe zu bilden als einen grossen zusanmiengdaufenen und zusammenhnitglosen Haufen, so legt dieser Zustand dem einzelncn die grössten Verpflichtungen auf. Wo immer er int öffentlichen Leben stein, im Rahmen welcher Organisation er sielt jeweilig beiindet.cr muss wissen und betätigen: Zu allererst bin iclt Zionist, alles andere kommt an späterer Sidic, alle Arbeit, die ich anderswo leiste, muss meiner Bcwegung, der zionistischen, zu Gute kommen, sonst taugt sic nichts. Muss so die Bewegung ihren Mitgliedern in ihrem Verhalten zu Dritten ganz genaue, präzisierte PJlichlen aufcrlcgeit, sonst verliert sic ihre OrunJlngcn. so ist sic auch berechtigt, an die persönliche" Opfer* Willigkeit des einzelnen die grössten Ansprüche zu stellen, Pur das Judentum, als dessen heilige Kiimplcrsclmr wir uns rühmen, sind hunderttausende von Blutzeugen gefallen, unser unvergesslicher Führer. in dessen Namen wir uns heute versammelt haben, hat sielt für die Bewegung buchstäblich innerlieh auigezelirt, durch übermässige Arbeit und Sorge. Und wir, die wir uns rühmen, die Jünger seiner Idee nommen, und die mich der zionistischen Bewe* K>1״g in die Anne getrieben, der Bewegung, die d*ui verfolgten und geknechteten Judentum eine eigene Freistätte schaffen will, wo es still und geräuschlos sein religiöses Herzensbedürfnis be* friedigen kann, ohne von einer andersgläubigen Umgehung verhöhnt und gequält zu werden; von einer Umgebung, die so gewissenlos, so reli* ginnslos ist, die Notwendigkeit solcher Orausatn• Jfc־iirn, solcher Menschenknechtung, der eigenen Religion in die Schuhe schieben zu wollen. Herr Kronenmann.“ fuhr Engclsohn mit Begei• stening fort, ״ich habe auf den Bahnhöfen jü■ Uisi-hc Gopäcklrllger gesellen, die Lasten getragen, manchmal schwerer als ihr eigenes Körperge* wkht; ich habe auch jüdische Schifferknechte gesehen, die die Holzflösse meilenweit gegen den Strom gezogen, und ich habe Tausende jüdischer Feldarboiter gesehen, die sich selbst in aen Pflug Bespannt, weil sie wegen Mangel an Futter das Viel! verkauft hatten. Nicht wahr, Herr Kronen• mann, das sind Männer von physischer Kraft, Männer von elsenstarken Muskeln i“ Der Bankier nickte. _ . ״Und nun weiter,“ sprach Engelsohn. ״In demselben Hause mit mir wohnen vier Studen• ku, deren Zensuren es bestätigen, dass sie immer die ersten Plätze in ihren Klassen innegehabt; da ist ferner ein kleiner Schuljunge, der blitzartig sechsstellige Zahlen im Kopfe zusammen• rechnet; da ist auch ein junger Handwerker, der das Modell für einen Dampfkrahn angefertigt, ohne jemals ein Buch über Mechanik oder Ma* thomatik in Händen gehabt zu haben; endlich ist noch da ein Hausierer, dem iclt vor sechs Wochen zehn Rubel geborgt, damit er einen kleinen Handel anfangc, und der jetzt schon lum* dert Rubel auf die Sparkasse gebracht hat. Sie werden mir zugeben, dass dieses wiederum eine grosse Menge von Energie und Verstand erfor* dort.“ ״Ich merke ja, wo Sie hinauswollen,“ sprach Kronenmann gelassen. ״Sic geben also diese Eigenschaften ohne weiteres zu,“ fuhr Juda noch eifriger fort; ״Sie wissen es auch, dass diese Menschen keine Aus* nähme bilden, sondern Probestücke der ganzen Rasse. Ich denke daher, dass Kraft und Ver• stand, das Muskel und Gehirn das beste Material ist, um eine gute, lebensfähige, selbständige Nation zu machen.“ ״Für den •Anfang vielleicht genügend,“ warf der Bankier trocken ein. ״Mag sein,“ fuhr Juda mit Nachdruck fort, ״und das Uebrige ist Sache der Organisation. Muskel und Gehirn schaffen Vertrauen und Selbstbewusstsein; wir werfen von uns innere Missverständnisse und äussere Unterschiede; wir fangen an, uns zu vereinigen, zu verbinden; wir sind nicht mehr einzelne Glieder, sondern ein ganzer, geschlossener Körper, der Macht und Ansehen genug besitzt nach aussen hin, nicht zu erobern, doch aber zu imponieren. Sie sehen,“ schloss Juda seine Rede, ״die Möglichkeit ist kein leerer Wahn, und-— die Notwendig• keit drängt sich uns leider handgreiflich von allen Seiten aufl“ ״Den letzten Umstand bestreite ich eben,“ rief Kronennunm lebhaft, ״ich will alles zugeben, nur eben nicht die Notwendigkeit für solche gewaltsame Massnahmen. Eine Auswanderung heutzutage ist absolut nicht notwendig; es ist höchstens der Wunsch einiger Hitzköpfchen,' den biblischen Auszug aus Aegypten in zweiter Auflage ins Werk zu setzen, mit der stillen Hoffnung im Hintergründe, vielleicht da ein kleiner Moses oder einer der zwölf Stammes• fürsten zu werden. Es ist wohl wahr, dass die Juden dieses Landes ein wenig mehr unter die Wagenräder geraten sind als die Menge des Arbeiterstandes. Und das haben sie ja tut• sächlich selbst verschuldet; es ist nur die wohl• verdiente Strafe, weil sie sich selbst als Stief* kinder des Reiches fühlen wollen, durch ihr be• ständiges Zurückweichen von der Front, durch ihre einseitige Bildung. Sie empfinden wohl einen Druck, aber keinen andern als den, den