Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 28. Seite 321. Kulturgütern haben. Fuchs gibt zu, dass der nationale ürundzug der ursprüngliche sei, aber später sei er der untergeordnete, der religiöse Grundzug der tonangebende. Das ist nur halb richtig, Jedenfalls sehr missverständlich aufgefasst und ausgedrückt. Psychologische Tatsache Ist, dass der nationale Lebenswille die Anregung.zur Entstehung der prophotisch-Jüdlschcn Religion gegeben und dass er diese auch spater bis auf den heutigen Tag getragen hat. Tatsache ist, dass ohno do nationale Zukunftshoffnung die jüdische Religion sich in und nach dem babylonlschon Exil weder im Volke hätte verbreiten und festigen, noch auch erhalten können: das Ist Übercmstlmmendes Urteil; der alttcstamcntlichcn Wissenschalt, wie dies auch schon ^iq schlichteste, unbef.mgciic Prüfung der uns erhqltcnpjt Dokumente ergibt. Ohne nationale Zukunftshoffnung hütto sich dlo jüdische Religion,auch Im Mittelalter nicht behaupten können, wie unser Gebet und die synagogaio Poeslo!).:weisen. Fuchs sagt': ״Dlo Sehnsucht der Juden im Mittelalter bezieht siel» nicht so sehr auf das Rudi als auf den Tempel." ״Nicht so sehr," das ist wenigstens noch etwas vorsichtig ausgedrückt. Weniger vorsichtig aber Ist es, wenn Fuchs fortfahrt: ״nie Zionsliedcr Juda Halcvis schreien nach den biättcn der Religion, nicht nach einem jüdischen ruate. Und nur weil Kanaan das ״heilige" Land i::, und die Juden dort Gott nach den Vorschriften \on Bibel und Talmud nur dann verehren könnten, wuin sic staatlich dort geeint wären, also als ein Mittel für den religiösen Zweck, ersehnt das Mittel- .111er den jüdischen Staat." Ich kann es nicht verlidilcn, dass ich diese Worte nicht ohne tiefen schmerz und Verdruss gelesen habe. Sie sind ein Dezimen für die Art, wlo man unter dem Einfluss du׳ Assimilation und Entnationalisierung des Juden* uuas die ganze jüdische Geschichte förmlich auf den K<־|)f zu stellen gesucht und phantastisch übermalt lut. Nein, geehrter Herr Kollege, ich bin vollkommen Ilster Meinung, eine besondere Jüdische Wissenschaft s״ll 10 es hinsichtlich der Methode nicht geben. Dass wir aber auf den» besten Wege sind, eine solche zu lekommen, dafür hat unsere moderne jüdische Religmiisgemcinschaft mit üircn politischen, apologctiseiien und pancgyrisch-schönfärbcrischcn Motiven gesorgt. Also die Zionsliedcr Juda Halcvis schreien nicht nach einem freien, grossen, starken nationalen Leben des Jüdischen Volkes! Wenn Sie doch, geehrter Herr Kolk ge, ehe Sie diese verhängnisvollen Worte nieder* schrieben, den Divan des Juda Halevi von Gustav Karpelcs in die Hand genommen hätten! Hier ein paar Proben daraus! Gleich das erste Zionslicd lautet: ״Ihr Himmclsscharen alle, Engel, lichtbeschwingt, Weckt Zion laut mit Schalle, Frieden, Prlcden bringt! Sic sitzt in bangen Klagen, Trüb' ihr Auge schaut; als ich Sie das erste Mal gesehen, ganz abge• sehen von der Tatsache, die mich ihnen verpflich* fctc. Noch mehr bestärkt wurde ich in meiner Sympathie zu Urnen durch Ihr beharrliches Fort־ bleiben, da doch jeder andere, auf seine Ver* dienste pochend, mir das Htius gestürmt hätte. Auf meine Veranlassung hat Ihnen Bertha damals geschrieben, und der Oedanke, Sie zu Ihrem Oatten zu machen, kam mir schon bei Ihrem zweiten Besuche. Ohne diese Absicht, das’ können Sie sich doch wohl denken, hätte Ich nicht so sorglos Sic mit meiner einzigen Tochter verkehren lassen. Ich liess es zu, weil ich eure Liebe absichtlich erstarken lassen wollte; aber ich liess euch dennoch keinen Augenblick ausser Augen. Und Sie irren, Herr Engelsohn, wenn Sie etwa glauben, dass ich mein einziges Kind blind• iings einer oberflächlichen Bekanntschaft für das ganze Leben anvertraucn will. Ihre Verhältnisse sind mir vollständig bekannt, und einem Men* sclienkenner, wie ich einer zu sein mir schmei* cheln darf, genügt schon ein einziger Blick, um seine Schlüsse zu ziehen, um sich ein Urteil zu bilden. Mir war es deshalb bald sonnenklar, dass Sie Verstand, Rückgrat und Ehrlichkeit be« sitzen. Eigenschaften, die ich für den Oatten meines Kindes wünschte; Oeld habe ich selbst genug; mehr als Sie und die Welt ahnen. JUED1SCHE RUNDSCHAU Ihr will das Herz verzagen, , , Rings von Feind umgraut ’ Und horch! vom Wind getragen, ׳ , " ' Rahels Klagclaut: 1 ' ■ * ,:.•<׳׳ .. «׳׳•:■ י•.‘•• Wohl hatt’ Ich einst Propheten, Zog vom Nile frei; 1 Nun werd' Ich ach, zertreten — '* ■ Alles ist vorbei( 1 '; '■׳ So tönt der Hoffnungslosen Klag’ In Seufzern schwer, Und wilde Völker tosen,. Drfillcn um slo her; Und sie, slo hat nicht Mosen', Samuel nicht mehr. » י 1 ׳ Slo fleht mit Händeringen: ״Gib mir, Gott, Bescheid! Wann wird dein Herz bezwingen, Enden dieses Leid? . * S , l * I Kann ich dein Herz erweichen, Ich, dein ärmstes Kind, Den» Schirm im Kumpf nur Zeichen Deiner Liebe sind, Balsam bei Ihren Streichen Deine Satzung lind? Ha Rettung! Da mich nieder * Schon der Strudel rcisst — Schüttle dein Gefieder, Heiliger Rachcgcistl Da bin ich, dich zu retten, Mein geliebter Sohn! Musst’ ich auch hart dich betten, Herrlich sei dein Lohn. Inmitten deiner Ketten, War ich um dich schon. Heermassen, wüst und brausend, Drangen auf diel» zu — Mehr als die hunderttausend. Einziger bist du! Auf, auf zu frühen Mähren! Engel, gibt Bericht! Nicht strahl' aus hohen Sphären Holdes Hiininclslicht, Bis Lust aus Ihren Zähren, Dank und Jubel bricht. Sagt ihnen, dass gemessen Ali ihr Elend sei; Sagt: alles Ist vergessen, Alles Leid vorbcll"- Schreit das wirklich nur nach den Stätte!» der Riligion? Vernehmen Sic, geehrter Herr Doktor, hier gar nichts von der Sehnsucht der Elenden, Getretenen nach Freiheit und nationalem Glück? Aber ich fange bereits an, müde zu werden, und trübe Ahnungen, die mich in der letzten Zeit beschlichen, lassen es mich wünschenswert erscheinen, die Zukunft meiner Tochter an der Seite eines braven und wahren Menschen gesichert zu sehen. Nur eins liegt mir schwer auf dem Herzen: ich möchte es gern verhindern, dass mein Geschäft nach meinem Tode in fremde Hände übergehen sollte. Mein sehnlichster Wunsch ist es, dass Sie, Herr Engelsohn, mein Nachfolger werden. Ich möchte, dass die Firma Heinrich Kronenmann auch weiter zu den ersten der Welt gehören soll. Nennen Sie cs Eitelkeitmeinetwegen; aber ich will mir dadurch ein Denkmal errichten, damit mein Name nicht allzuschnell vergessen wird. Ein weiterer Grund, der mich dazu bestimmt, ist vielleicht noch schlimmer als die Eitelkeit, die Menschen werden es Aberglauben nennen-aber ich kann mir nicht helfen; ich halle fest daran. Mein Glück war nämlich auch die Folge meines Unglückes. Auch ich hatte Gelegenheit, meinem Schwieger* vater, einem sehr reichen Manne, einen gleich grossen Dienst zu Jc'.ren, wie Sie mir, und bald darauf heiratete ich auch seine Tochter. Und von damals an ist es mir gut gegangen, und was ich unternahm, ist mir gelungen; und da in der Hauptsache sich bei Ihnen all dieses wiederholt, so könnte ich auch Ihnen fast mit Bestimmtheit Hier der Anfang des vierten Zionslicdes: ״Preundef Not und Elend zwangen, . Unter Ottern mich und Schlangen, ׳ Seht fm Kerker mich gefangen. > Tago gehen, Tage kommen — Its der Morgen schon erglommen? Frag' ich; doch was soll’s mir frommen? Ismael und Eden mästen < Sich in meinen Qlanzpalästcn, Mit noch niedrigeren Gästen. Komm, Geliebter, komm doch wieder! , , Schon im Garten blüht der Flieder, , Drachen dränn — 0 wjrlslo nieder!., '•׳׳ ויו , ... Harfen, Qlöckloin, Goldpokalo ־־־■. Komm zum alten Freudenmahte, Und der alte Glanz erstrahlet" . Schreit das wirklich nur nach den Stätten der Religion? — Hier das fünfte Zionslicd: Die Herde Irrt verloren — — 0 ruht sie nie, Zu leiden nur erkoren? Erlöse siel 1 Schenk' uns doch auf Erden, Ein Freudenlos! Wie? sollen wir Beschwerden Ertragen bios?. Von Jischai soll kein Segen, Kein Reis mir blühn. So sprechen sic, durchbohren Mein Herz: doch sieht Die Zelt kommt, da, 0 Toren, Mein Reich gedieh. f » Dam» eilen wir, entronnen Dem Elend ganz, Nach Zion hin mit Wonnen Zu Pest und Tanz; Der Ärmste wird sich sonnen I!» Qottes Glanz. Er hört in Himmclstoren Sein Volk, das schrie, Tat kund es unsern Ohren, Dass er verzieh. Sah, wie sein Volk in Tränen, Im Blute chwainm, Und aus des Leuen Zähnen Riss er das Lamm — Nie, nie verlassen wähnen Soli sich sein Stamm! Mag sich sein Lieht umflorcn, Bald strahlt cs hie eine gleich gedeihliche und günstige Zukunft Voraussagen. Sie sehen, ich habe mit ihnen offen, ohne Rückhalt gesprochen, und nun, Herr Engelsohn, sagen Sie mir auch offen und ehrlich Ihre Meinung.“ ״Mein Gott! Herr Kronemnann, was kann, was soll ich Ihnen noch sagen,“ rief Juda mit wildpochendem Herzen. (Portsetzung folgt.) 4 9 MISCELLers # In No. 65 der ״Leipziger Neuesten Nachrichten" sucht ein herrschaftlicher, erster Diener, Lcibburscho eines Herrn Obersten, mit Zeugnis aus hochadligem Hause Stelle. Bel Israelitischen Herrschäften nicht ausgeschlossen." Es verdient alle Anerkennung, dass dlo hochadligen Anschauungen seiner früheren Herrschaft auf Ulesü Haiieiitenseelü so wenig abgefürbt haben, d״!,s I« ihr für so weitgehende Toleranz gegen jüdisches Geld Raum bleibt, Nur befindet sich der ״ahnungsvolle Engel" hierbei leider in übler Gesellschaft. Diese Duldsamkeit Ist nämlich fast ausnahmslos allen gesinnungstüchtigen Antisemiten gemein und In der Praxis am schönsten durch den ״Deutschnationalen Handlungsgchilfen-Vcrband" bewährt, wenn slo auch selten so unverfroren dokumentiert wird, wlo fm vorliegenden Fall. Die modernen Hüter des Deutschtums scheinen sich überhaupt Caracallas ״non ölet" zum Bannerwort erwählt zu haben?