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Jüdische Rundschau · 1909-07-09 · Heft 28 (9.7.1909) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 28 (9.7.1909)
Date
1909-07-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 320. No. 23. Das Judentum am Scheidewege Von Rabbiner Dr. Max Joseph, Stolp I. P. (Fortsetzung.) Aber in Wirklichkeit komisch müssen die Worte meines Kritikers wirken: ״Dies Resultat (die An• regung des religiösen Qenius Israels) lüsst sich doch leichter ■erzielen, wenn wir gleich im ״Qolus" bleiben I" Ganz abgesehen davon, dass das Oolus bisher einen religiösen Qenius in Israel nicht gezeitigt hat, möchten wir unseren Kritiker nur (ragen, welche gemeinsamen nationalen Schicksale denn das Überall•, hin versprengte Judcnvolk erlebt und erleben kann. Nur die einzelnen Juden oder die Juden der einzelnen Lünder leiden, bald mehr, bülti weniger, bald hier, bald dort, bald in dieser, bald in jener Weise, in einer traurigen, aber höchst öden Monotonie, und diesen Leiden stehen die Juden nicht mit starkem, ge• sammelten! nationalem Willen gegenüber. Nur ein .einziges nationales Erlebnis ist im Oolus möglich, das aber nur dann cintrctcn kann, wenn das Oolus zu Ende gehen soll: die nationale Erhebung aus dem tauscndiiilirigcn Druck. Diese aber hat erst in ganz engen Kreisen eingesetzt und kleine Ansätze zu einer nationalen Kultur zu schatten begonnen, und Fuchs verlangt schon den neuen religiösen Oenius Israels zu sehen, ohne zu bedenken, dass dieser, nach unserer bisherigen Geschichte, nur das Organ eines national stark erregten Volkes sein kann. Fuchs gibt zu, dass der religiöse Qenius ״geistiges HinterlaiuT braucht, dass er die Sehnsucht seines Milieus verkörpert. Nichtsdestoweniger soll es m״g• lieh sein, dass ein jüdisch-religiöses Ocnic dieses Milieu auch und sogar noch besser in Nichtjuden finden könne. Wieso gerade ein Jude die Sehnsucht eines ihm fremden Milieus am besten soll zum Aus• druck bringen können, das einleuchtend zu machen, müssen wir unserem Kritiker überlassen. Vielleicht gelingt cs ihm auch, die Vülkcrpsychologcn zu überzeugen. Nach den Darlegungen meines Buches ist es zwar meine letzte, höchste, innigste Hoffnung, dass die nationale Wiedergeburt Israels den religiösen Oenius unseres Volkes von neuem wecken werde. Aber diese Hoffnung, die ja nicht jeder zu teilen braucht, und deren sichere Erfüllung auch nicht bewiesen werden konnte, obwohl sic durch die geschichtliche Erfahrung Israels reichlich gestützt wird, diese Hoff• mmg, die ich vielmehr nur den zugleich jüdisch und religiös tiefer Interessierten vor Augen stellen wollte, diese Hoffnung bildet nicht den’ eigentlichen und religiösen Grund, aus dem ich ein freies nationales Leben für das jüdische Volk fordere. Nach den Darlegungen meines Buches ist cs vielmehr die schon gegebene Auflösung und der sicher zu erwartende gänzliche Verfall des religiösen Judentums unter den In der Diaspora gegebenen Verhältnissen, die mir, vom religiösen Standpunkte aus, neben den sonst von den Zionisten geltend gemachten Gründen, die JUEDISCHE RUNDSCHAU Schaffung eines freien, ungehemmten und unbeengten nationalen Lebens als unumgünglich notwendig erscheinen lassen. Fuchs gibt nun zu, dass das religiöse Judentum der nationalen Basis nicht entraten könne, meint aber, dass cs sich auf dieser. Basis ln der Diaspora dauernd werde behaupten können. Die zweitausendjührige Qolus.Ocschiclite, In der weder Verfolgung noch Freiheit den Willen zum Volksleben ertötet habe, beweise das zur Genüge. Wir aber fragen: Beweist die Geschichte das wirklich? Dis zur Zeit Mendelssohns haben wir ein zwar beengtes und unfreies, aber innerlich starkes nationales jüdisches Leben, eine nationale Wissenschaft und, was beides stets getragen lmt, die nationale Hoffnung, und diese wiederum im Gemüt fest verankert durch einen unerschütterten Autoritätsglauben. Seit Mendelssohn aber Ist dies alles teils im Versinken begriffen, teils ins Wanken geraten. Das treibende Motiv In der neueren jüdischen Geschichte wurde, neben der an sich auf das besondere nationale Leben auflösend wirkenden Aufklärung, die Emanzipation, und dieses Motiv hat überall die deutliche Tendenz zur Aufgcbnng des nationalen Lebenswillens deutlich hervortreten lassen. Das Aufgeben alles Nationalen wurde, um der Emanzipation willen, unter den gebildeten Juden zum leitenden Grundsatz und wird cs in dem Umfang und so lange bleiben, wie man eine völlige Emanzipation überall zu erlangen hofft, und so lange, wie unsere Gebildeten noch nicht begriffen haben werden, dass nllo Emanzipation keine wirkliche äussere und innere Freiheit des Juden und der Juden bedeuten kann. Bis in die Theologie hinein, bis in die Kreise der Erzieher der jüdischen Jugend, bis ln die Kreise der Rabbiner und Lehrer hinein hat sich die Anschauung verbreitet, dass wir lediglich eine Religionsgemeinschaft, keine Nation bilden. Das ist die wirkliche Entwicklung und eine Entwicklung, wie sie der natürliche (lang der Dinge notwendig hervorrufen musste. Und nun kommt Fuchs und sieht cs als erwiesen an, dass auch die Freiheit, die halbe, die wir westeuropäische Juden haben, und die volle, die wir erhoffen, den ״Willen zum Volksleben" in uns nicht ertötet habe. Wenn dies auf Fuchs und noch ein paar andere liberale Theologen, von den orthodoxen abgesehen, zutrifft, so mag dies für sic persönlich in gewisser Hinsicht zwar rühmlich sein, aber für den Gang der Entwicklung auf dem Boden der bisherigen politischen Tendenz ist dies völlig unerheblich, umsomehr, als diese Theologen selbst im Grunde ganz und gar von einer abstrakten kosmopolitisch-uiiiversnlistlsehcn Anschauung erfüllt sind, die siel! nur so ״fautc de micux" des leidigen nationalen Moments als Träger der an siel! national indifferenten Anschauung bedient. Wo sind denn die modernen Juden, in denen sich der Standpunkt von Fuchs als lebendige Wirklichkeit darstcllt? Und wie ist unter den gegebenen Verhältnissen und bei den natürlichen wirksamen politischen Motiven zu hohen, dass dieser Standpunkt die Entwickelung, den Lauf der Dinge irgend beeinflussen werde? Hat ihn die liberal-religiöse Bewegung der Gegenwart zu ihrem Grundsatz erhoben? Im Grunde ist dieser Stand- Punkt nur ein Recht des traditionellen Bewusstseins, oder auch umgekehrt nur ein Anfang zur Abkehr von dem bisherigen Wege und zur Umkehr, g״nz ebenso, wie das sich in den Kreisen der jüdischen Intelligenz neuerdings, unter dem Druck der gemachten Erfahrungen, wieder stärkende jüdische Stammesgefülil. Allein, wer auf halbem Wege stelm bleibt über den rollt das Rad der Geschichte erbarmungslos iiinweg. Fuchs zeigt wenig Blick für die wirkliehen Dinge. Neben dem reichen Lob, das er meinem Buche spendet, erblickt er einen der beiden «rundlegenden Fehler des Buches dttrin, dass ich v,:j״gn Schematismus über ״Reichsaugehörigkeit und Volks- Zugehörigkeit nlclitj;bcriicksichtigt und also die Yertrüglichkeit von jüdischer Volkszugehörigkeit und deutscher Rcichsangchörigkeit, die als all gemein zugestanden betrachtet werden dürfe, nicht begriifen hätte. Es ist etwas n:.iv zu glauben, dass so elementare Distinktionen mir ,;.Jur irgend jemandem entgehen könnten. Und was Fachs als allgemein zugestanden betrachtet, gilt nicht einmal auf jüdischer Seite, geschweige auf der a״d:r״. Die ganze Entwicklung des westeuropäischen Judentums seit Mendelssohn, beweist ja das Gegenteil, ob• schon man, wie auch ich, mit Fuchs der Ansicht sein kann, dass jüdische Volkszugehörigkeit mit deutscher Rcichsangchörigkeit sich sehr wohl vertragen. Aber, so frage ich, was ist damit gewonnen? Kor.- nen wir damit auf der bisherigen Basis die EiUuick-!ung der Dinge im Judentum bestimmen? Und In.ugt hier die Entscheidung überhaupt von uns Juden י ab? Ist ferner damit die Judcnfiugc wirklich gelüst? j Können all die geistigen, moralischen, kulturelle!, und religiösen Nute des Judentums damit aus der Welt j geschafft werden? Juden und jüdisch-kulturelle In- I tcrcsscn leiden selbst in Nationalitätenstaaten, ge• J schweige denn in Nationalstaaten, in denen man uns! vollends als Fremdlinge empfindet! | Und nun der zweite Grundfehler meines Huciies! j Ich habe nämlich von den neiden Grundtrieben des j jüdischen Volkes gesprochen, dem starken jüdischen Lebenswillen und der religiös-ethischen Tendenz, j Falsch soll nun sein, dass ich beide koordiniere. 1 leb wüsste nicht zu sagen, ob ich irgendwo ein wirk•; liclics Koordinationsverhliltnis behauptet habe. Das Schematisieren ist nun einmal nicht meine Sache. Ich sclic mir immer die Dinge selber an. Ich Imin• nur nach dem Verlauf der ganzen jüdischen Geschichte konstatiert, dass liier die beiden gcnannieii Grundtriebe zutage treten und dass der elementare! nationale l.clcnswilie das religiös-ethische Leben ent* j wickelt und getragen )hat. Psvchologiscl» wuuic man da also nicht von Koordination sprechen, sw,dem J man würde eher den elementaren nationalen Lehensi willen den primären, die religiös-ethische Richtung { des Volkswilicns den sekundären Trieb nennen, was j aber nur eine psychologische Tatsache, kein Wer:•; urteil bedeuten würde. Wert kann der nationale j Lebenswille, unbeschadet seiner elementaren Be- rechiigung, immer nur als Schöpfer oder Träger vmi sich zu krümmen und-ohne Versuch zur Abwehr — — sich zertreten lassen? Er fi'srch* tetc, dass ein geschorenes Lamm nicht über Nacht in einen Löwen sich verwandeln־ kann. Was aber dann, wenn das jüdische Volk es vorzog, auch weiter, für alle Zukunft, in der Tretmühle verharren zu wollen? Juüa empfand einen heiligen Stich im Herzer --Und die Schande eines Misserfolges Und der Spott und Hohn all derer, die dies ganze Bewegung als phantastisch, hirnverbrann׳ wenn nicht als plumpen Schwindel bezeichn( T־־־־,. ־,— Wird er all dieses, das ja in erste Reihe ihn als Hilircr treffen wird, wird er c auch erfragen können? Und Bertha? Könnt er cs wagen, mit dein Stempel der Uchcrlichkc behaftet, ihr noch ins Auge zu blicken? Ihm tat es jetzt leid, dass er die Unterredun mit ihrem Vater für morgen bestimmt hatt! wenn nun auch diese Hoffnung fehlschlug - Kann denn der Mensch zwei Leben an einei Tage verlieren? Juda gab sich einen energischen Ruck. Se wann fürchtete er Gespenster? Fort mit all de Grübeleien; der Stein ist jetzt ins Rollen g, kommen, und er hielt absichtlich die Hände ai dem Rücken gefaltet, um dessen Lauf nicht au SS 1 * ZurVck #ab es jetzt nicht mch und seinem Zögern könnte Bertha vielleicht eine falschen Beweggrund unterlegen. Ja, cs war besser, die Entscheidung seines Schicksals so zeitig und schnell als möglich herbeizuführen. Er schauerte innerlich zusammen; cs war doch ein gefährliches Wagnis, zwei solche grosse Einsätze auf einmal aufs Spiel zu setzen! Aber, sei cs darum. Ihm blieb dann wenigstens der Trost, dass, wenn er auch beides verlor, nichts mehr in seinem Leben vorhanden sein würde, dessen Verlust ihn noch schmerzlich oder in seiner Ruhe stören könnte — --. Vielleicht auch bestand die wahre Glückseligkeit gerade darin, so unendlich viel und schwer gelitten zu haben, dass eine Steigerung gar nicht mehr möglich war. In der letzten Zeit hatte Juda den Bankier nun sehr wenig gesehen; Heinrich Kronen mann' hatte keine Zeit, sich viel in den Privatgemächcm aufzuhalten. Als Juda daher am nächsten Nach• mittag vor der Türe des Kontors stand, wurde es ihm plötzlich klar, dass Berthas Vater doch ihm eigentlich ein vollständig Fremder war, den er nur gelegentlich hin und wieder gesprochen, und das erschwerte ihm seine Aufgabe ganz bcdcutend. Es war doch ein kühnes Unterfangen, um die Hand des reichsten und schönsten Mädchens anzuhaltcn, dem er doch nichts zu bieten hatte. Mit schwerem Herzen und zaghaft klopft.’ er an die Türe, wurde aber bald halb und halb wieder beruhigt, bei dem biedern und herzlichen Empfang, den der Bankier ihm bereitet. ״Sie sind es gerade, mit dem sich meine Oe• danken soeben beschäftigt,“ begrüsste er JmVa, ihm die Hand entgegenstreckend; ״tatsächlich wollte icli nach Ihnen schicken, und Sie um Ihren Besuch bitten.-Nehmen Sie Platz und lassen Sie uns ein wenig plaudern.“ Während Juda dem Befehl nachkam, erhob sich Kronenmann und schritt einigemalc im Zimmer auf und ab; plötzlich blieb er vor Ju.la stehen. ״Herr Engelsohn,“ erstiess die Worte heftig hervor, ״ich will ohne Umschweife zu ihnen reden: Icii biclc ihnen die Hand meiner Tochter an — ״Ich spreche vollkommen im Ernst,“ fuhr er schnell fort, als er Judas grenzenlose Lieber* raschung sah. ״Ich habe mir die Sache lange und reiflich überlegt; ich ging sogar so weit, mich über die Gefüldc meiner Tochter Ihnen £e{j£nüber-allerdings heimlich und un* auffällig, aber doch eingehend und ernst-- zu vergewissern. Ich will Urnen auch die Gründe für mein Vorgehen offen darlcgen. In erster Reihe gefielen Sic mir schon ausgezeichnet gut,

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