Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Vor einigen Tagen wurde ein Fest von der Fe* j deration vcranstaUci, an dem sielt aucli die Aurorisien | beteiligten tmd das in Oraiova stattgefunden bat. Die rumänischen Turner haben ihnen aber das Fest verbittert, indem sie ihnen immerwährend ״Jidani“ (Juden), ״Izik", ״Ruhale" und andere ähnliche Liebens- Würdigkeiten nachriefen. Die Auroristen, die sich in ihrem Ehrgefühl verletzt sahen, haben sich dann ge• weigert, an dem Kommers leilzunehmen, was von den rumänischen Turnern mit Freude begrüsst wurde. Der jüdische Turnverein ״Aurora“ wird nun viel• leicht anerkennen, *dass nicht dort unter den Antise• miten sein Platz sei. Der ״Curicrul Israelit" rügt hart die Mallung der Auroristen. * Die Ausweisungen der Juden aus den Dörfern dauern hier fort. Im Distrikt Bacau wurden die Juden aufgefordert, binnen •18 Stunden die Gemein• den zu verlassen. Die Panik unter der hiesigen Judcnschaft ist unbeschreiblich. Es haben bisher aciit jüdische Familien aus der Gemeinde Fnraoni, vier aus V a I c a ־ S e a c a und zehn aus C l e j a Ausweisungsbefehle erhalten. Die Aufforderung wurde ihnen Freitag cingehündigt und schon am Sonntag mussten sic d|e Qcmein• den verlassen. Alle .diese Juden sind in der Gemc.indc geboren, erzogen und haben fast alle beim Militär gedient. Die Vertriebenen haben ein Tele• gramm an den Minister des Innern gerichtet, und eine Abordnung nach Bukarest gesandt, um, wenn möglich, ihr trauriges Schicksal zu wenden. England Zum Nacnfolger des zurückgctretcncn Kanzlers des Herzogtums Lancaster, Lord Fitzmaurice, ist das Purlumentsmiiglied Herbert L. Samuel, der jetzige Umerstaatssekretär des Ministeriums des Innern, in welcher Eigenschaft er sich durch erhebliche aümini• stralive Begabung und Arbeitskraft unbestreitbare Verdienste erworben bat, ernannt worden. Er ist erst 39 Jahre alt. Samuel ist das erste jüdische KabliicitsiiiltKlled in der englischen Geschichte. Sclum der verstorbene Premierminister Campbell• Bamicrnuum hatte ihm einen Kabinettsposten angctragen, den er jedoch ablclmtc. um die ״Childrens Bill", welche er damals ansarbeitetc, fcrtigslellen zu können. * Der für die erste Halite des August geplante Be• such des russischen Kaisers in Cawes begegnet in der englischen Bevölkerung recht wenig freundlichen Gefühlen. Der freiheitlich empfindende Engländer er* blickt iin Zaren den Repräsentanten eines barbarischen Systems der Gewalt und Unterdrückung der Minoritüten und leimt es mit Entschiedenheit ab,, diesem Despoten Gastfreundschaft zu erweisen. Diese Stirniniiiig fand jüngst in einer Sitzung des Unterhauses erregten Ausdruck in einigen eindeutige() Anfragen an den Premierminister. Insbesondere ist es auch sein Verhältnis zum Verbände der ״Echten Russen", das dem Zaren verübelt wird und auch die Presse zu zahlreichen Protesten veranlasst hat. So schreibt u. a. ״D a i l y News": ״Es gibt nur einen Kommentar zu der An• küiuligung des Besuches des Zaren in England. Man muss die einfache historische Tatsache wiederholen, dass, während der Periode, in der die ״Schwarzen Hundert" das Blutbad unter den Juden öffentlich organisierten, zur Zeit wo ein Protestmccting in London abgchaltcn wurde, bei dem Lord Miiner sprach, und zu dem Mr. Chamberlain einen Brief sandte, der Zar die Anführer der Mord-Liga in Audienz empfing und öffentlich zu dem Fonds beisteuerte, mit dessen Hille sie aufreizende Artikel druckten, um den Mob zu ködern, der die Blutarbeit verrichten sollte." * Ungarn Der Vorstand der hiesigen jüdischen Kultusge* meinüc ist bereits an die Realisierung des durch Reskript des UnterriciusmuUstcrs Grafen Apponiy konzessionierten jüdische״ Gymnasiums geschritten. Die Eröffnung des Gymnasiums findet wahrscheinlich im Herbst 1910 statt. Amerika Ein eigenartiger Zug durchzog in der vorigen Woche die Strassen des New Yorker East-End. Es war ein Demoustrationszug von besonderer Art, wie ihn das Ohetto bisher nicht gesehen hatte. Über tausend Zionisten, darunter eine grosse Anzahl Jugendlicher hatten sich zusammengeschart, um in friedlichem Zuge und in musterhafter Ordnung für ihr Ideal Zeugnis zu geben. Solche Züge sind an und für sich im Ghetto von New York nichts Ungewülm• liebes — man erinnert sich der gewaltigen Demo»• stration anlässlich der russischen Judenmassakres. und auch in innerjüdischen Angelegenheiten bediente man sich liüuiig dieses Kampfmittels — aber cs ist das erste Mal, dass sich ci!\c solche Masse zu,sam* menfand, nicht um gegen fremde Willkür zu protestieren, sondern um f tl r ein Ideal zu zeugen, das dem materiellen Eigcnintercsse des einzelnen so wenig zu bieten hat. Anlass zu der Kundgebung war die Jalireskonfcrenz der nmerikaiilsehen Zionisten, zu der eine grosse Anzahl Delegierte aus allen Teilen des Landes zusammengeströmt waren. Der Zug fand in einem zionstischcm Massenmeeting, das unter freiem Himmel abgehalten wurde, seinen Abschluss. Türkei Reform des osmanlschen Verelnsgesetzes Ein Gesetzentwurf, der für den nationalen Fric* den des türkischen Reiches von entscheidender Bedeiitung werden dürfte.« ist soeben von einer Paria־ mentskoinmission unter Ztisrundclcgung des Regieruiigscntwnrfes behandelt worden. Es ist dies der Entwurf eines türkischen Vcrcinsgcsctzcs. Ist auch die Lösung, die dieses Problem hn Schosse der Konimission gefunden hat, durchaus nicht in allen Teilen als glücklich zu bezeichnen, so enthält sie doch an• dererseits eine fundamentale Bestimmung, welche auclt den Wünschen aller irgendwie in der Türkei interessierten europäischen Organisationen entgegen• kommt, soweit sic gewillt sind, in loyaler Weise an der wirtschaftlichen und kulturellen Erneuerung des Landes niitzuwirkcn. Der Gesetzentwurf enthüll nämlich eine Bestimmung, nach der fortan sümtliehe Gesellschaften, also auch die k0ntmc rzie 1 ien, das Recht juristischer P c r s 0 » c 11 erhalten. Falls dieser Vorschlag im Plenum Annahme finden sollte, so wäre Uan1.it eines der stärksten Hemmnisse, die sielt bisher einer wirksnmen wirtschaftlichen Tätigkeit in der Türkei entgcgenstcllten, gefallen. Denn nunmehr wird der Bodenerwerb., dessen Legalisierung bisher den zahlreichen Vereinen tmd Gesellschaften fast unsudglich war, eine feste gesetzliche Grundlage erhalten. Oanz besonders in dein jungfräulichen, aber zukunftsreichsteil Teile der asiatischen Türkei, Palästina, wo der Einfluss der um den Vorrang rivalisierenden Faktoren in hohem Masse von dein Bodenbesitz eines jeden abhängig ist, dürften dann von allen Seiten erhöhte Anstrengungen gemacht werden, di״ der Entwicklung des Landes zugute kommen werden. Wie ein neueres Telegramm aus der türkischen Hauptstadt berichtet, hat das Plenum des Parlaments gelegentlich der Debatte über das Vcreiiisgcsctz den Artikel, durch den den fremden Nationalitäten die politische Vcrcfnsbildung verboten wird, trotz des Protestes des Ministers des Innern abgelclint. In den Wundclgür.gcn wurde infolge des in der Debatte hervorgetretenen Gegensatzes der jungtiirkischcn Majorität die Stellung des Ministers als erschüttert angesehen. Somit ha! die Einsicht der türkischen Voiksvertretung auch diese Gefahr, die unserer palästinischen Arbeit drohte, abgewendet, so dass es nunmehr an uns gelegen ist, in freiem Wettbewerb mit den anderen Nationen an der Entwicklung des Landes teilzunchmcn. eine anuzionisifscnc uonquicnotcric!11 der zweiten Hälfte der vorletzten Woche wurde die Judcnschaft von Konstantinopel durch eine Polemik über den Zionismus in Atem gehalten. Der ״Stumboul" vom 10. Juni beglückte uns von neuem — einige törichte Artikel waren bereits vorangegangen — mit einer aiuiziatUstisclicn Offenbarung. Diesmal \sar cs ein völlig obskurer Träger des altehrwürdigen Pricstcrnamens Cohen, der da glaubte, die Türkei durch eine Denunziation vor dem umstürzlcrisehcn Zionismus retten zu müssen. Es wurde unter hässlichen Bemerkungen auf Zion und Juda die alte Mär von dem neuen jüdischen Königtum vorgetragen. Das genügte aber noch nicht, der Territorialismus wurde gleich mit abgefertigt; der protestierende Jude wollte nun einmal mit allem Nationalismus überhaupt ein Ende machen, und so erhielt jede gcmoinjiidisclic Volksuntcrnchmung ihr Teil aus der allgemeinen Besudelung. Diese 'latsache wäre von zu geringer Wichtigkeit, um noticit zu werden, wenn nicht der Eindruck, den diese Attacke unter der Konstanilnopelcr Judenschuft hervorrief, unsere allergrbsstc Aufmerksamkeil verdiente. Es hat sich gezeigt, dass das hiesige Juden• tum, was nationales Zusammengehörigkeitsgefühl um! Ehrerbietung vor den historischen Gütern unseres Volkes betrifft, den abendländischen Juden weit voraus ist. Die Bestürzung und Entrüstung über solche Selbstentwürdigimg war allgemein. Nlehtzionistei! wie Zionisten waren in ihrem Unmut eins. Die allgemeine Stimmung hat denn auch sofort in der OciiemliehkcU den gebührenden Ausdruck gefunden. Uober alle hiesigen europäischen Blättci ging ein Regen von Protesten und Erwiderungen nieder, und keines konnte sich der Aufnahme diese! Manifestationen entziehen. Zuerst erschien in de! ״Turquic" vom 12. ein warmer Gegenruf eines junget Sephardi aus Baiat; sodann am gleichen Tage in ״Stamboul" selbst eino gemessene Abweisung vor zwei andern unserer scphardischcn Brüder, und In ״Courricr d’Orient" von unserer Seite eine auf aller Punkten schlagende Abfertigung, in der das Haupt gewicht auf die positive Entwicklung des sehen Programms gelegt war. D.e ikfned.«ung übc, diese Auikiürungen war eine ungeteilte. Am sWm. t l dem 13. hat mm auch der ״Osniamsclic Lloyd׳• m,״' satyrlsche Beieucluung des traurigen Uelde«, täms gebracht. Im .,Stamboul". ״Levant HcraM־־ und Cmirrief d’Orient“ situ» für morgen neue Artikel an- Sündigt. Es steht auch zu erwarten, dass gewie־.,. Sbc türkische Stimmen sich Ihr uns erheben werden. So ist der Schlag, der unserer Sache zugeduelu gewesen war, zu einer glänzenden Apotheose f״t de״ Zionismus geworden. Er erfuhr wohl zun! ersten Mal seine sei* langem notwendige Darsteilung in der Konstantinopcler OcCier.tHchkcit und ist in aller Munde Sich den Erfahrungen dieser Woche ersehe«« cs auch durchaus nicht schwer, ihn in die Herze« der -rosset» Masse der hiesigen Judenhcit zu pilunzcn. Sc ist überaus empfänglich. Nur entschiedenen Anfang und energische Arbeit gilt cs. Tunis Eine Skandalaffärc erregt in Tunis die Gcimueruml dürfte weit über die Grenzen von Soussc, dem Meine« Städtchen, wo sie sich abspiclt, hinaus, beree;!;gas Aufsehen verursachen. — Ein jüdischer Goi-t«;.rc״. Itündlcr ist unter Beschuldigung eines Vergewaltigung*• Versuches an einem muselmanischen Mädchen vor das muselmanische Gericht zitiert v..irden. Man kann dem Angeklagten zwar durchaus u,«. lut nicht nachweiscn, da die Beschuldigung m:r aui der Aussage des jungen Mädchens fusst, d.m Md! in den Laden des Goldwnrcnhäiidlers, 1 ierrn Berrebi, begab, um ein Schmuckstück fasse.1 zu lassen, aber der Hass der muliamedaiiisciien lk«.,i;,g. rung gegen die Juden ist so gross, dass sie den Ar.- geklagten zu den härtesten Strafen verurteilt scher, möchte. Eine schreiende Ungerechtigkeit lieg! darin, dass ein Jude vor ein muselmanisches und nicht vor ein französisches Gericht gestellt worden ist — in cincij! Lande, das unter frauzobischer S c h u t z h c r r s c h a f t stellt. Nai.iriieli wird der Hass der Eingeborenen jeden klaren Urteils• Spruch der Richter trüben, die ja selbst der (andliehen Partei zugehören. Sie haben es der Partei des Angeklagten bereits sehr verdacht, dass sie ulierliaupt in der französischen Presse erst Lärm g!.- schlagen hat! — Und diese Affäre dürfte sogar auch für die französische Bevölkerung von weitgehende!» Folgen sein: Die Mohammedaner boykotticren alle europäischen Geschäfte und verbieten öffentlich den muselmanischen Frauen, daselbst ihre Einkäufe zu machen. So leiden also sämtliche jüdischen und französischen Geschulte unter dieser uncrwicscncn Tat des Angeklagten, der selbst unter der schwersten Anklage siehr-- weil der (lass der Bevölkerung ein willkommenes Objekt in ihm sieht, siel! wieder einmal zu entladen. — Der Urteilsspruclt stellt noch aus. — Wann wird die fraii/.״• sischc Regierung tatkräitig cingrcifcn? PALAeSTINA-'RUNDSCHAU Die Gesellschafts-Reisen nach dem Orient nnJ insbesondere nach Palästina erfreuen sich seit Jahre« immer steigender Beliebtheit. Diese Tatsache imJet ihren konkreten Ausdruck in den Zahlen für den Export von Andenken, die im Verlaufe der letzten vier Jahre aus Palästina ausgeführt wurden. Nach den neuesten Angaben des Britischen Konsuls hat sich die Ausfuhr in diesen Artikeln seit dem Jahre 1904 v c r d r c i f a c 111. Ein besonderes Verdienst um die Entwickelung uiescr Hausindustrie, die fur ein Land von geringer industrieller Entwicklung von ausserordentlicher sozialer Bedeutung ist, ist der in Jerusalem seit einigen Jahren wirkenden Kunst-ticwcrbcschulc ״Bc/.alel * zuzuschrciben, die unter der Leitung des Herrn Professors Schatz jüdische Junglinge und Mädchen im Kiinsthandwcrk ausbildct tmd cs Urne« ermöglicht iür sich und ihre Familie lohne״• den Erwerb zu schaffen, wahrend sie in vielen Fallen sonst dazu verurteilt wären, das Lumpenproletariat der palästinensischen Städte zu vermehren. * Vor einigen Tagen trafen hier in Begleitung des Herrn Dr. Feitlowitz zwei Zöglinge von den Fallasclta» ein. Bekanntlich hat sielt der Hilfsverein der Deutsclicn Juden, der von Herrn Dr. Feitlowitz angeregteil Idee, den Fulluschas in ihrem Kampfe gegen die christliche Mission zu Hilfe zu kommen, angenommen. Zwei junge Leute sollen nun iu» Lehrerseminar des Hilfsvereins in Jerusalem ausgebildet werden, damit sic nachher als Lehrer und Kulturträger zu Ihren Brüdern zurückkehren. Der eine von ihnen war bereits l'-־ Jahr in Florenz, wo er vom Rabbiner Dr. Margulies Unter• rieht prhiclt. Er versteht und spricht schon recht gut Hebräisch, hat ein gutes Benehmen und macht einen durclmu? intelligenten Eindruck. Der zweite versteht noch gar nichts und blickt noch sehr erstaunt auf die Welt und auf alle ihn angiotzendcii Gäste des Hotels Kaminitz, wo die beiden Zöglinge sonderbarerweise, vielleicht als öffentliche Schaustücke, uiuergcbracht sind. Herr Dr. Feitlowitz hielt (Fortsetzung auf Seite 312•)