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Jüdische Rundschau · 1909-07-02 · Heft 27 (2.7.1909) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 27 (2.7.1909)
Date
1909-07-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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.27 .סא giöscn und nationalen Moments int Judentum, mit besonderer Rücksicht auf die religiös interessierten Kreise, zum Gegenstand einer logischen, völkerpsychoiogisciicn und historischen Untersuchung mache, wie das in meinem Buche ״Das Judentum am Scheidewege" geschehen ist. Za meiner Kritik des Missionsglaubens der neueren Rnhhincn bemerkt Üoldmann nur, dass dieser Glaube der in die Praxis umgesetzte universalistische Messianismus sei. Goldmann gibt also jedenfalls zu, dass der Missiousglaubc in der unter uns verbrei• teten Passung nicht altes jüdisches Rcligionsgut sei. Aber ein alter Glaube sei hier in die Praxis umge* setzt. Nun, wie praktisch er sei, haben wir in unserem Buch dargetan, wir wollen aber hier noch einen kleinen Nachtrag zu diesem Kapitel liefern. Wie wunderlich, wc wahrhaft ntopistisch ist doch der Glaube, dass wir zmn Zwecke der religiösen Mission unter die Völker zerstreut seien! Wir Juden, die wir gering geschützt, gehasst oder gar verachtet sein werden, so lange wir wehrlos und ohnmächtig sind und man ungestraft uns verletzen, zurücksetzen, auf uns herumtreten darf; wir Juden, die wir den anderen Völkern als fluchboladon erscheinen werden, 50 lange wir, ruhelos umliergetrieben, den andern eine Art von gespenstischem Grauen cinflüsscn, sc fange wir kein Land unser eigen nennen und keine eigne freie Kultur besitzen: wir Juden, die wir als Minorität überall mclu׳ oder weniger geduldet und gedrückt sind und darum froh sein müssen, wenn man uns in Frieden lässt; wir Juden, die wir um des auf uns lastenden Druckes willen im 19. Jahrhundert einen sehr grossen Teil unserer besten geistigen Klüfte verloren haben und fortgesetzt durch die Taufe weiter tüchtige geistige Kräfte verlieren; wir Juden, die wir herzlich froh sein dürfen, wenn wir im Golus mit Ach und Krach nnsern Besitzstand nur cinigcrmasscn behaupten können: wir Juden sind in der Tal die denkbar geeignetsten Missionäre, die cs in der Weit geben kann! Wenn von irgend jemand, wird sich die Welt gewiss von uns bekehren lassen! Natürlich! Jude sein, das klingt ja jedem menschlichen Ohre so lieblich, dass jeder um dieses Namens willen gern Schimpf und Schande auf sich nimmt. Es bringt viel Nutzen und viel Ehre, in unsere Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Und klingt denn das Wort Jude den von dem neuen Hauch nationalen Selbstgefühls noch unbertlhr* ten jüdischen Brüdern selber so schön? Wie stolz tragen sie ihre jüdischen Namen! Wie freuen sie sich, wenn sie recht jüdisch ausseiten! Christlicher Verkehr gilt innen gtr nichts, und allerlei Ehrungen von draussen gelten innen erst recht nichts im Vergleich zu der Ehre, ein jüdisches Gemeindeamt verwalten zu dürfen. Wie vornehm verhalten sic sich in der Bewahrung jüdischer Sitten und in ihrer selbstbewussten Ablehnung fremder! Nicht wahr? So stolz und unbeirrt müssen die auftreten, vor denen man Respekt hat und denen alle Welt zuläuft! Der assimilatorische Jude, der nicht eher einem konfessionell gemischten Verein fcrnbleibt, als bis er liinattsgcgrautt wird, der assimilatorische Jude, der demütig um Duldung und Gleichberechtigung bettelt, der im Verkehr mit ״Andersgläubigen" die ruhige Sicherheit und Festigkeit vermissen Jässt: der assimilatorische Jude ist eine starke, stolze un• gebrochene, imponictcndc Persönlichkeit, vor deren moralischer Ueberiegenheit sielt alles gern beugt, er ist, im moralischen Sinne eine wahre Herrscher* uatur, und, im religiösen Sinne der rechte Missionar, von dem sieh alles, alles freudig bekehren lässt. Mit diesem Mehlen Nachtrag zum Missions• glauben der neueren Rabbiner, mit diesem Hinweis auf leider allzu konkrete Erfahrungstat״ suchen könnte ich meine Bemerkungen gegen Qoldimmn schlicsscn. Um aber recht gründlich zu sein, will ich noch auf die drei ״Erfahrungstatsachen״, die Üoldunum am Schluss seiner Besprechung mir zur Erwägung anheim gibt, wenigstens mit einigen Worten eingchcn. Ouldmamr fragt zur Widerlegung der Erwartun• gen, die Ich auf den Zionismus setze, woher es komme, dass der Aufschwung des deutschen Juden• tums in den letzten beiden Jahrzehnten von ausgc* sprochcncn Gegnern des Zionismus ausgegangen sei. Nun, die Antwort ist sehr einfach! Bis 1897 gab es noch keinen Zionismus als öffentliche Bewegung. Bis dahin konnte also eine Hebung des deutschen Judentums, so weit sie bis dahin eingetreten war, durch Zionisten nicht gut erfolgen. Hinsichtlich des letzten Jahrzehnts dürften aber selbst Üesinnupgs* genossen Goidmann’s ganz anderer Meinung sein. Was die Zionisten als Volljiidcn zur Hebung des jüdischen Selbstgefühls auch in Deutschland beigetiagon haben, darüber will ich schweigen, weil solche Dinge sieli iiatiirgein.iss nicht durch Daten und Zahlen belegen lassen. Aber auch ausserhalb ihrer Kreise gelten die• Zionisten als die eifrigsten und opferwilligsten Arbeiter im Dienste des Judentums. Vielleicht fragt Üoldmann einmal hei niehtzlonistisch'en Gründüngen, Organisationen, Vereinen, Instituten, die im letzten Jahrzehnt entstanden sind, an, wieviel sie der Initiative und der ausdauernden Tätigkeit von Zionisten verdanken. Goldmann fragt weiter, ob der Zionismus nicht im Rückgang begriffen ist. Wenn sich nun auch, seitdem diese Frage gestellt ist, die Sachlage wieder seltr wesentlich zuguns’cn des Zionismus verschoben hat, so möchte iclt doch auf die gestellte Frage nur dies bemerken: So eng praktisch zu denken bin ich nicht gewohnt. Mich schert es gar nicht, ob die Zahl der Scltekclzalilcr zurückgeht oder nicht. Mich kümmert es nur. ob der Zionismus recht hat. Ist das der Fall, dann halte ich cs mit ihm und glaube an seine Zukunft, mag die Zahl der Schokelzahlcr auch auf ein Minimum zusammenschmclzcn. Man hat den Zionismus schon öfter als einmal tot gesagt, und ich habe die Naivität dieser Propheten immer wieder belächeln müssen, ln grossen Fragen ist niemand beschränkter, als die blossen Praktiker, die nur einen Blick für das Nahe und Nächste, aber nicht für die Weite und Ferne haben. Hundert Mal vergreift sich ihre enge Klugheit in der Entscheidung, wc״ grosse historische Zusammenhänge nicht 7,u über, schauen und ihre inneren Gesetze nicht zu erkennen vermögen, weil sic immer nur lür die gestern, heute und morgen gegebene Sachlage, nicht aber für das Werden und Wachsen der Dinge Verständnis haben Und nun noch die dritte Frage: Wem! Ziunisi ums und Religion vereinbar sind, woher es denn komme, dass zionistische Thcologicstudierenüe in so grosser Zahl während des Studiums ״der nach demselben den Rabbinerberuf aulgcbcn. Nun, ich habe da nur die Gegenfrage zu stellen: Ist es denn gar so verlockend, zionistischer Rabbiner in Deutsch•!und zu sein? Ich weiss auch eine ganz stattliche Anzahl von nichtzionistischen Theologen. d;e abgc• Sprüngen sind. Dass sie weniger zahlreich ii״d, als die zionistischen, erklärt der Umstand zur (ienuge. dass man besser vorwärts kommt, wenn inan als Rabbiner nicht Zionist ist. Oder meinen 8 ,• nicht, Herr Kollege? Für üoldmann ist cs ein ״Chiddiisch", ahn etwas Neues, dass die nationalen Schicksale AU-Im,;(.׳* du Anregung zur Entwicklung seines religiös-ethischen Bewusstseins gegeben haben. Ein zweiter •,;׳.gaetU sciter Rezensent, Fuchs (Allgemeine Zciii.1׳;: det Judentums. 72. Jalirg. No. 46), gibt ohne weiseres zu, dass dieser Satz in meinem Buche wirklich ln:iesen sei, weiter auch, dass das Judentum bisher sie;:; eine nationale Basis gehabt habe und sic auch i,!r die Zukunft nicht entbehren könne. Für ihn ist dies alles sogar so selbstverständlich, dass er meint, ich schlage mit meinem Nachweise, das Judentum stelle nicht nur eine religiöse, sondern auch eine natiou.de Ge• meinschaft dar, offene Fenster ein, Fuchs erklärt cs für selbstverständlich, das:, ״zum Foitlcbcn der jüdischen Religion die ״Nation", das Bewusstsein der Volksgemeinschaft und Bhitvlnüder• schuft vonnöten sei." Er ist aller nichtvksto• weniger, wie Ooldmnnn, der Ansicht, dass das Natio• r.ale an sich minderwertig sei, dass es nur tarne de mieux den Träger des jüdischen Glaubens bilden müsse, der durchaus universalistisch gerichtet sei. Universalistisch sei die Glaubens- und die SitteuIclirJ des Judentums, national nur der Kultus. Diesen letzteren könne man unmöglich für so bedeutsam an• sehen, dass um seinetwillen ein freies, ungehindertes jiidiches Volks- und Kulturleben — Fuchs sagt merkwürdigerweise immer ״Staat“ — geschahen werden musste. Dieses freie Volksleben brauche man auch nicht für die Entfaltung der jüdischen Religion uud für die Erweckung der religiösen Oeuiulüut, überlinupt nicht für die Erhaltung des Judentums. Ueber den Wert der Anschauung von der Minder* Wertigkeit des Nationalen habe ich bereits gegen Goidmann gesprochen. Aber wie sonderbar und widerspruchsvoll ist cs, zu wissen und zuzugolion, dass die ganze universalistische rcligiüs-ctliisclie Kultur Israels aus seinem nationalen Gcmeinscluilis• leben hervorgegangen ist, zu wissen und zuzugeben, dass diese universalistische Kultur zu ihrer Selbst• crhnltimg andauernd des nationalen Unterbaues he• gegnung sielt ausmalen? Verstehen Sie denn nicht, ein wenig in den Sternen zu lesen? Sie haben bei Heinrich Kronenmann freien Zutritt; er ist Ihnen zu Dank, zu grossem Dank verpflichtet, und so weit ich Sic kenne, besitzen Sie die Kraft, auch einen Stein ins Leben zu reden. Darum hören Sic, Engelsolm, gelingt es Ihnen, Heinrich Kronentuann für unser Unternehmen zu gewinnen, dann können wir getrost ״Viktoria“ und ״Sieg“ auf unserer Fahne schreiben.“ ״Einen Augenblick dachte ich selbst daran,“ erwiderte Juda kühl; ״es ist ja auch möglich, dass ich cs versuche, allein, es ist sehr zweifelhaft, ob ich überhaupt noch einmal dorthin gehen werde.“ Belinsky sah ihn durchdringend und for* sehend an, aber er sprach kein Wort weiter. Er und die andern hatten es bereits gelernt, Juda Engelsolm als ein Elementar-Ereignis anzusehen, der nie von dem sprach, was er in sich verschlicsscn wollte. Bcllinsky wusste daher irn Voraus, dass hier jede weitere Bemerkung ganz überflüssig sei. Eine Woche folgte der andern, die Zeit- Strömung ging ruhig weiter, ohne dass sich irgend etwas Nennenswertes ereignet, das geeignet wäre, Juda von seinen zionistischen Zielen und Bestrebungen abzulenken. . Die Kronenmann-Episüde, wie er jenen Vorfall zu bezeichnen pflegte, fing auch an, nach und nach aus seinem Gedächtnisse zu schwinden und immer mehr zu verblassen. Manchmal freilich tauchte plötzlich Berthas Gestalt und Stimme vor ihm auf; aber er suchte sich selbst ein Gegengewicht zu schaffen, indem er sich noch tiefer in seine Arbeiten versenkte, die ihm das Vergossen erleichtern sollten. Nach etwa vier Wochen aber kam doch der ״Mahner“, — den er zwar nicht begehrte, denn• noch aber mit mehr Befriedigung entgegeunahm, als er sich selbst einzugestehen wagte. Die Bot- Schaft lautete: ״Herr Engelsolml Mit Ihrem beharrliehen Fortblcibcn machen Sie mir durchaus kein Kompliment; zumal, wie ich mich jetzt erinnere, habe ich selbst Ihnen noch nicht ein* mal für Ihre ReUungstat meinen Dank ausgcsprochen. Ihrem Wunsche gehorchend, wollte ich die. Dankbarkeit in Freundschaft umwan* dein. Doch allem Anscheine nach liegt Ihnen an keiner von Beiden und das tut mir aufrichtig leid. Bertha Kronenmann.“ , Nun musste er hingehen, wollte er nicht die einfachste Anstandspflicht gröblich verletzen, obwohl er im Voraus wusste, was für ihn daraus entstehen wird. Und er hatte richtig geraten. — Als er nach zwei Stunden das Palais verliess, t, •1 nahm er die Ueberzeugung mit sich, dass er jetzt an der Scheidegrenze seines Lebens äugelangt sei, dass das Zünglein seiner Schicksals• wage haarscharf in der Mitte stand, dass cs nur einen Hauch, ein einziges Atemstäubchen be• durfte, um es nach der einen oder andern Sette spielen zu lassen, zu entscheiden, ob er fortan sieli und der grossen Sache, oder jenem Mädchen angehören soll. Seine Gedanken Hessen sich jetzt nicht mehr durch Arbeit abschrecken und betäuben, sie fingen an, sich gegen diese Versuche zu empören, sie waren zu einem hauen Kampf gerüstet. Doch dieser Zustand dauerte gar nicht lange; denn als er das Kronenmannsche Haus zum dritten Male verliess, war er ein Besiegter -ein Besiegter, der aber über seine Niederläge Iriumphierte, Er war durchaus nicht betrübt über seine Niederlage; im Gegenteil, er fühlte sich gehoben und gestärkt, wie jener Riese des Altertums, dem nach jeder Berührung mit der Mutter Erde neue Kraft zuströmte. Und dieses diente ihm als Rechtfertigung, vor sich selbst, Seine Energie für die heilige Sache erlahmte nicht nur nicht, sondern sic nährte und vermehrte sich derartig, dass er keinen Raum mehr fand, sie unterzubringen und nach aussen hin überströmte. (Fortsetzung folgt.) K I

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