Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651605-2651632--06478-2663571- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Safed 1× ep/1046078
OCR text
No. 27. JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 307. bis in ihre feinsten Nuancen ins Hebräische zu über״ trauen. Nicht •11* Künstliche IJebersctzuug, sondern im Geiste der als lebendig empfundenen Sprache unscrer Väter. Wir haben überhaupt nicht Lobes gcnmc Ihr das Wirken des Herrn Orlow, der in müh- «clificr Arbeit alles geschaffen hat, was bisher an jüdischem Turnwesen in Palästina existiert. Ibs Turnen nahm seinen Fortgang in tadelloser Ordnung. Hann statteten wir unseren Dank für das Gesehene ab, indem wir den Turngenossen Küriihiutgen an Keck und Barren vorführten. licsoi'Utrtn Wert legt der Jaffacr Turnverein aut das volkstümliche Turnen; hier sahen wir, bcsonders in athletischen Uebungen, ausgezeichnete Leistlingen. Kingkampf wird flcissig geübt. Die Stimmung erreichte den Höhepunkt der 13cgeist«■ *!:Hg, als zum Schluss der eine von uns in kurzer hebräischer Ansprache unserer Freude über diesen Abend im jüdischen Lande Ausdruck gab und die Oriisse der Jüdischen Tnrncrschaft übermittelte. Na.'i herzlichem Abschied trennten wir uns von den v ..:1eren Genossen, denen wir mit gutem Gewissen ein Wiedersehen versprechen konnten. Als Friililingsfcier veranstaltete die Kolonie Kwumoth in den Zwischenfeiertagen des Pcssachfestes ein Sportfest. Es ist bezeichnend: die Freude a:1 der Natur verbindet siel» mit der Lust zu körperliebe. Betätigung. Das war ein Ereignis für ganz Judäa. Ucbcralf, in .1.;asalem, in Jaffa, in den Kolonien hörten wir die Verabredungen: Also wir treffen uns am Donnerstag 1a Keelmbuth. Und dort traf sich alles, was Fremie au frischem jüdischem Leben hatte. Wir fuhren von Jerusalem mit der Bahn nach Raiuieli. von dort ritten wirjuif Eseln nach Rcchobotli.!'schn» ist auch ein Sport und kein leichter, denn ein I'׳•׳ I IM ein sehr schstilmllgcs Wesen, das sich mein lucht einem fremdelt Willen fügt, llediild imisn um. haben, und Ausdauer und eine gute Armkrait, ronst erlahmt man Inlü beim Treiben. Auf einem .!ral'ischen Sattel sitzen, ist auch nicht leicht. Obwohl das Wetter trhbc war, herrschte laute Fröhlichkeit bei unserer kleinen Karawane. Mit uns litt der berühmte hebräische Dichter Bialik, in dessen Liedern vielleicht noch der Tag von Rcchobotli wider-!din:;׳’n wird. Und Prof. Schatz, der verdienstvolle Schöpfer der Bezalcl-Schule, den das Volk in Jerusalern lairz ..Reh Beznlcl" nennt, sah mit seinem schwarzen Barte, in schwarzem flatternden Mantel mit Kapuze, auf schwarzem Esel, fast gespenstisch .'US Kcciiu'mnh ist eine der schönsten Kolonien und vielleicht die am tiefsten von jüdischem Geiste bc• seeltc. Ihre Bewohner sind unternehmend und sozial gesinnt, ihre kommunalen Einrichtungen sind;nuslcrlmfi. Am ir'ihen Nachmittag begann das Fest mit einem L'mziig durch die Kolonie. Je näher der Zug der Fcmmicsc kam, desto mehr schwoll er an. Gegen JitiNi Personen halten sich cingefunden, unter ihnen zahlreiche Kolonisten-Suhnc zu Pferde. Eingclcitct wurde das Fest durch eine zündende Rede — natürlieh hebriiiseli — des Lehrers am Hebräischen Gymnasiinn, Mossinsohn, dann begannen die Wettkämpfe. Vinn sportlichen Standpunkt bemerkenswert waren zmi.ulist die Ringkümpfc, die mit guter Technik in durchaus korrektem Stile von statten gingen. Daran schloss sich Wettlaufen und Qcwchrschicsscn nach der Scheibe. Das Sehenswerteste war das Pferderennen, das in.mehreren Abteilungen mit fc drei bis fünf Teilnehmern als Vorlüufcn und mit den Siegern im Endlaufc stattfand. Es waren keine Zirkusritte und keine Jockeyritte, sondern urwüchsiger Sport eines pfcrdgcwolmtcn Menschenschlages. Die beste Leistung war der Ritt eines zwölfjährigen Jungen. Bei diesem Wettrennen beobachteten wir einen kleinen Zwischenfall, der deutlicher als viele Worte die Umwertung der Werte du ich das junge, kraft• volle Judentum in Pulüstina zeigte. Aus den umliegen• den arabischen Dörfern hatten sich eine ganze Anzahl berittener Beduinen cingefunden. Jetzt kamen sic und baten um die Erlaubnis zur Teilnahme. Als ihnen bedeutet wurde, dass cs ein Fest nur für die jüdischen Kolonien sei, gaben sie sich zufrieden, aber sie jagten wenigstens in sausendem Galopp durch die Bahn und hinaus, um ihre Kunst zu zeigen. — Ein jüdisches Sportfest, zu dem die übrige Bevölkerung um Einlass bittet — ist das nicht der Anfang der Auferstehung?. . Die Leitung der Wettkämpfe hatte der Arzt der Kolonie, Dr. Pucliowskl. Ein jüdisches Orchester aus Jaffa spielte auf dem Fcstplatzc. Als cs dunkelte, fuhren zahlreiche Gäste aus den umliegenden Kolonien nach Haus; allenthalben erscholl Gesang und fröhlicher Scherz. Mit tiefer Freude im Herzen über den neuen jüdischen Geist, dessen Lebcnsüusscrungcn wir gesehen hatten, gingen wir zur Ruhe. . Wenn man Sport nls die Freude an körperlicher Betätigung definiert, so Ist die ganze jüdische Generatiott Palästinas sportlichen(!. Oft kommt es vor, dass man in der Strasse einer Kolonie geschwind zur Seite springen muss, well ein Reiter in schärfstem Galopp lieraiisprciigt, und wenn man!ilnsleht, Ist*» oft ein Beugel von 10 ■hthrun 1u1l tmgesaitellem Pferde. Wir haben oft genug Typen gesehen, bei denen uns das Herz im Leibe lachte, Burschen, denen cs höchst gleichgültig ist, ob man sie für Schöngeister hält oder nicht, die aber stolz sind auf einen schweren Steinwurf, einen guten Schuss, einen Gewaltritt. Vor einiger Zeit hatten die Deutschen der Kolonie Wilhclmu einen Konflikt mit Beduinen, der für sic sehr klüglich endete, da sic gegen die Beduinen wehrlos waren. Auch in Sichrotr Jakob kam kürzlich ein solcher Konflikt wegen widerrechtlicher Bcnutzung von Viehweiden durch die Araber vor. Als aber die Jungmannschaft sich der Horde entgegenstellte, zogen die Beduinen sofort einen friedlichen Ausgleich vor. Kraft verschallt sich Achtung. Gerade unter diesem Gesichtspunkt ist in Palästina noch viel in den Städten zu tun. Am Beispiel des Jaffacr Vereins kann man sehen, wie rasch cs mit der Ausbreitung sportlicher Übung unter den Juden hier geht, sobald sich der rechte Mann für die Arbeit iindet. Hier gibt cs sogar schon eine Damenabtcilung, und das bedeutet in Palästina, unter den Augen der finstersten Rückschrittler, unendlich viel mehr als In Deutschland, ln Jerusalem wird man jetzt — unter grossen Widerstünden — an die Gründuttg eines Turnvereins gehen. Freilich werden hier die Kreise, denen körperliche Übung am meisten notlut, nicht zu hnhen sein, und in Städten, wie Safed und ’Liberias, wo sie vorherrschen, ist auf lange Zelt hinaus noch nichts zu liQ^en. Aber der Gedanke der körperlichen Aufrichtung der Juden hat einen guten Boden in Palästina und eine gute Zukunft; und wir selbst hoffen nach unserer baldigen Übersiedlung Ins Land der Väter die Grenzen der jüdischen Turnerschaft dort erweitern zu können. Das Judentum am Scheidewege Von Rabbiner Dr. Max Joseph, Stolp i. P. (Fortsetzung.) Ich vermag nicht cinzusehcn, wo der Widerspruch liegt, wenn ich sage, die jüdische Religion sei in dem angegebenen Sinne teils national, teils universalistisch. Noch sonderbarer ist der Widerspruch, den Goldmann anderswo zu entdecken glaubt: Ich sage, das nationale Bewusstsein sei das primum movens in der religiösen Entwicklung Israels tmd fordere anderer* seits, dass der Zionismus als organisierte Bewegung ' mit praktisch-politischem Endziel kein religiöses Programm haben dürfe. Aber einmal sagt der erste Satz nicht, dass jede Bewegung d.cs nationalen Bewusstscins eine solche des religiösen auslösen 111 u s s. Da liegt ein kleiner logischer Schnitzer meines Kritikers, eine Jalschc Umkehrung des Satzes, vor. Dann aber habe ich meiner innigsten personliehen Hoffnung Ausdruck gegeben, dass die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes auch eine Erhöhung seines religiös-ethischen Bewusstseins herbcifiihrcn werde. Und das nennt Goldmann Widerspräche, ״die natürlich gar nicht auszugleichcn sind.‘* Audi Goldmann macht cs dem Zionismus zum Vorwurf, dass er die Religion aus dem Programm iiiisgescliicdcii 11111)0. Es bliebe demnach Gnldiimmi äbeiiasseii, zu zeigen, wie der Kin11Kmt1s, der doch alle Juden zu gemeinsamem Zweck zusummenfassen will und muss, ohne diesen Standpunkt sein Ziel erreichen könnte. Und weiter! Will Goldmann etwa aas dem Verband der deutschen Juden die nichtrcligiöscn Juden aussehlicsscn? Muss nicht auch er fiir die Bestimmung des Begriffes ״Jude“ ebenso wie fiir praktische Zwecke nichtrcligiöscr Natur das religiöse Moment beiseite lassen? Was tun denn nun die Zionisten anderes? Aber nach Goldmann sind Zionismus und Religion Gegensätze. Das ist eine allcrncucste Entdcckung. Ob wohl nichtzionistischc Rabbiner in so grosser Zahl dem Zionismus wenigstens ihre Symputhie bezeugt hätten? Aber Goldmann meint, gestützt auf seine Entdeckung, die Beziehung, die ich zwischen jüdischem Nationalismus und jüdischer Religion uufzu/.cigcn gesucht habe, werde ״mit vollem Recht den schärfsten Widerspruch gerade von zio* nistischcr Seite ' hervorrufen. Auch hiervon haben wir bisher noch nichts bemerkt. Und warum hätte das aucli der Fall sein sollen! Ich dränge ja keinem Zionisten meine religiösen Anschauungen auf, und der Zionismus seinerseits denkt gar nicht daran, mich oder sonst jemandem in seinen religiösen Ueber- Zeugungen zu stören. Ebenso wenig kann er etwas dagegen haben, wenn ich das Verhältnis des relimüssen, da er zu einer wichtigen Besprechung et wartet werde. ״Das tut mir wirklich aufrichtig leid,“ sagte Kroiienmann, ihm warm die Hand drückend, ..doch helfe ich, Sie werden mir bald Gelegen- Inn geben, unsere begonnene Freundschaft weiter zu pflegen und zu befestigen. Bertha,“ fuhr er zu seiner Tochter fort, ״willst du nicht als Wirtin und Repräsentantin des Hauses ebenfalls Herrn Fngelsohn bitten, uns recht, recht bald wieder zu besuchen?“ ״Sali dieses eine Strafe für das gnädige l räulein sein, wegen ihrer vorhin eingestandenen Sünde?“ fragte Juda lächelnd. Bertha antwortete nicht direkt; allein die Art, wie sie sich dieses Auftrages erledigte, kannte nicht darauf hindeuten, dass sie diese Ntafe besonders schwer empfand. ״Bitte, lassen Sie uns wenigstens Ihre Aresse hier,“ sprach sie, ihn mit schelmischen Blicken betrachtend, ״es könnte vielleicht die Notwendigkeit sich ergeben, Ihnen einen Schriftliehen Mahner senden zu müssen.“ Juda händigte ihr seine Karte mit dem Be• wusstsein ein, dass er dadurch bereits eine Bresche in die Mauer geschlagen, die er zwischen sich tmd diesem Mädchen zu errichten so fest entschlossen war. — Auf der Strasse angelangt atmete er tief auf. Jetzt war er wieder allein und brauchte sich keinen Zwang atifzucrlegen, um seine Furcht zu verbergen. Es war ihm sehr peinlich, und er sträubte sich mit aller Macht, dem Zauber einer Frau zu unterliegen — ״Sich zu verlieben,“ wie man es im gewöhnlichen Leben bezeichnet. Er hatte schon oft gehört, dass dieses das grösste Unglück sei, das einem tatkräftigen, willensstarken Mann begegnen kann. Für ihn ganz besonders wäre dieses eine nie wieder gut zu machender Fehler gewesen. Fr hatte ein grosses Werk zu vollbringen, das er unter allen Umständen und auch glänzend vollbringen wollte; jede Ablenkung aber würde nur den Erfolg beeinträchtigen und von vornherein in Frage stellen. * * * Bellinsky wartete bereits seiner mit der grössten Ungeduld; er hatte von dem vorhin stattgehabten Vorfall einen konfusen Bericht er• halten ud wollte darum über den ganzen Hergang, sowie über die betreffende Dame.etwas Genaues erfahren. ״Und wer war jenes Mädchen eigentlich?“ fragte Bellinsky, nachdem Juda ihm den wah• ren Sachverhalt mitgeteilt. ״Ich will es Ihnen sagen, unter der Bedindüng, dass es zwischen uns beiden ein Geheim• nis bleibt. Ich möchte das Mädchen nicht ins Gerede bringen, und sei die Veranlassung noch so lobenswert. Sie legt den grössten Wert da• rauf, dass ihre Wohltaten nicht an. die grosse Glocke gehängt werden. Es war Bertha Kronen• mann.“ Bellinsky sprang erregt von dem Stuhle auf. ״Was? Die Tochter Heinrich Kronenmanns?“ Juda nickte. Es dauerte eine ganze Weile, ehe Bellinsky sich von seiner Ueberraschung völlig erholt. ״Aber, Menschenskind,“ rief er fast beleidigt, ״Bertha Kronenmann, das schönste und reichste' Mädchen Warschaus! Und Sie sprechen es so gelassen aus, als wäre cs der Namen Ihrer Waschfrau 1“ ״Wünschen Sie vielleicht, dass ich dabei vor lauter Wonne in Krämpfe fallen soll?“ Bellinsky sah seinen Besucher scheu und kopfschüttelnd an. ״Offen gestanden, Engelsohn“ sprach er jetzt mit mehr Ruhe, seinen Platz wieder einneh• mend, ״mir ist Ihr Gebühren ganz und gar un* begreiflich! Sind Sie denn kein Mensch von Fleisch und Blut, und haben Sie denn gar kein Verständnis, keinen Blick für unsere Zukunft? Können Sie denn nicht die Tragweite dieser Be*