Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651605-2651632--06477-2663570- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 27. Und so werden wir die aus Konstantinopel in der jetzigen, noch immer von allerhand Leidenschaften durchziiterten Zeit kommenden Nachrichten, die uns antizionistischc Regungen zu melden wissen, mit Ruhe aufuelimcn — auch wenn es sich herausstcllcn sollte, dass sie begründeter sind als die jüngsten. Und nur die eine Lehre daraus ziehen, dass man nicht erlahmen darf, intra et extra muros, vor Juden und vor Türken die Wahrheit unserer guten Sache zu verkünden. Auf klären und werben, im Orient nicht weniger als in! Okzident! Nochmals ״Konferenzgemein־ schaft der Alliance“ Das Berliner Bureau der ״Alliance״ scheint die äusserste Müssigunz« der wir uns in unserer vorwöchigen Nummer ihm gegenüber bcilcissigten, — um ihm die Möglichkeit zu geben, sich still ans der keineswegs ruhmvollen Affäre zu ziehen — nicht ver* standen zu haben oder nicht verstehen zu wollten, ln seinem Wochenorgan reagiert Herr Klausner in der für dieses Bureau typischen Art auf unsere Aus- J führunge». Dabei vermeint er, indem er bei ganz unwesentlichen Details mit hämischen oder schmähen• den Anmerkungen verweilt, sich um die Hauptsachen drücken &u können. Wie geschickt er z. B. nicht zu berichtigen versteht, dass das Berliner Bureau über das Haupt einer anderen Organisation hinweg eine unerhörte l'ress-lntrigue veranstaltete, dass es dafür zweimal aus Paris vom Zentrulburcau der ״Alliance" svlmrfc Rügen erhielt! Und wagt es noch, uns antisemitische Kampfmethoden vomiwerten und ' sich mit zynischem Spott an der Bedeutung des Zionismus zu reiben. Ks hat fast den Anschein, als wolle die Berliner ״Alliance” den Kampf fortsetzen. Sie kann den Kumpf haben, wenn sie ihn will. Wir denken nicht daran, uns unsere zionistische Sache von diesem Bureau durch Spott oder Krnst, durch Kmmziationen oder Denunziationen schädigen zu lassen. Wir sind kein Bureau, keine ״Alliance" der Statuten, sondern eine Alliance der nationalen jüdisclien Massen, die. wenn cs die Kino des zionistischen Schildes, die Verteidigung der nationalen, j ü di selten Aspirationen gilt, zu kämpfen verstellt. Die Parole der Mässigung kann schnell in die des Kampfes verwandelt werden. Als man in hämischer, hässlicher Kampagne den Kongress verhindern, die Bank im Keime ersticken wollte, da schrieb Theodor Hcr7l jenen berühmten ״Mauschel"• Artikel, der mit den Worten schloss: ״Mauschel, der zweite Pfeil des Zionismus ist für deine Brust bestimmt." Dieses Wort ist noch nicht vergessen. Der Jode als BüitSienKsyikafur Viele neueren Schlager, ob Operette, Lustspiel oder üesaugsposse, haben als Dekoration eine in mehr oder minder antisemitischer Komi gehaltene jüdische K’igur, Begnügte man sieh früher damit, jüdische Typen so darzustcllc», wie sie eben in Wirkiiclikcit sind, so geschieht dies heute in einer zwar angeblich harmlosen, aber umso gehässigeren Art. Wir begegnen in den neueren Biilmenwerkcn keinem weisen, gutherzigen Nathan, keinem geistig ringenden Acosta, keiner heldenhaften Judith, dafür aber widerwärtigen. grotesk-koinlsclicii Jiidaigcstalten. Himerlistig und schlau, manchmal auch gutmütig, aber feige — das Mauscheln darf selbstverständlich nicht fehlen - so wird der heutige Jude auf der Biilmc üargestellt. Man betrachte sich einmal Theaterstücke neuesten Schlages, in denen Juden figurieren, ks muss einen tief, verletzen, wenn mau sieht, wie hier ';,י׳1' י•יי« üidiki'iu' Volk verhöhnt und erniedrigt wird. in der jüngsten österreichischen resp. ungarischen Operette ״I i erbstmanövc r" muss ebenfalls ein Jude zum CJamlitmi des arischen Publikums herhalten. Was da tut Unsinn und Geschmacklosigkeit geleistet wird, ist kaum mehr zu iiberbieten. Man enke sich einen jüdischen Oifizicrsstellvertrcter, der 00:11 General auf dessen Vorhaltungen, warum er (der O/fiziersstellvcrtrcter) nicht antworte״ erwidert:,.Ohne ׳ lliiiut* kann ich doch nicht reden" (es ist nämlich ״StiUgcstandcu" kommandiert.) Wenn dam! das — grösstenteils jüdische — Publikum bei derartigen albernen, abgeschmackten Mätzchen in Beifall und Gelächter ausbricht, kann man sielt allerdings nicht j wundern, dass der Jude auf der Biilmc nicht gerade j zart behandelt wird. Ucberliaupt diese ganze Ver• üclitlichmuelmng des jüdischen Soldaten! Beim Mar• I schieren absichtlich gekrümmter Rücken. Hin- und j Hcrwerfen des Kopfes, schlenkernde Beine cte. Ferner Unbeholfcnheit in der Kaserne, arrogantes Benehmen in Gesellschaft: das ist der jüdische üfti• zier — wie man ihn darzustellen beliebt. Durelt eine so krasse Umstellung der Wirklichkeit wird der Au• schein erweckt, als ob der Jude /.um Offizier tatsüch• lieh nicht geeignet wäre, tindurch wird den Gegnern der (ileiclibereclitigiing der Juden im Heere ein vor• znglielier Dienst erwiesen. Wir haben uns an diese Schmähungen und Beleidigungen derart gewöhnt, dass wir cs — iür unser eigenes Geld -- denn die Herren Theaterdircktoren ziehen den grössten Gewinn vom jüdischen Publikum —, ruhig hiimchmcn. wenn man 1ms der i.ächerliehkeit und Verachtung preisgibt. Hs würde zu weit führen, wollte man alle Theater- Mücke an/iiliren, wo der Judo nicht gerade eine gUin- /,ende Rolle spielt. Gibt cs doch ständige Theater, wo - o Ironie! — jüdische Schauspieler ihre eigenen Stanimcsgenosscn verhöhnen und verspotten. Ks sind dies die sogenannten Kolies-Caprico-Theaier, die in den meisten Grosssiädten ihre ״Filialen" haben. Wer einmal eine Vorstellung dieser Gesellschaft besucht, wird bei etwas jüdischem Selbstbewusstsein wohl kaum ein zweitesmal hingehen. Die Schamröte steigt einem ins Gesicht, wie unsere Klirc, unser Charakter, ] unser Ansehen hier mit Küssen getreten werden. Krcilieli, dass sich solche dem jüdischen Volke scliäd• liehen Institute erhalten können, daran sind wir nur selbst schuld. Das jüdische Publikum sollte einfach .solchen Vorstellungen fern bleiben, und dann wollen wir sehen, ob man uns roch weiter zum Gespöttc machen wird, denn - das Portenmnnai geht den Herren Theaterdircktoren denn doch über alles Nur etwas mehr jüdisches Selbstbewusstsein _ unij die geliässige Jüdische Biilmcnktrikatur tun au(«, hört, zu existieren.*) Moritz R a 11 s n i [ j׳. Sportliches aus Palästina Von Dr. KI i a s Auerbach und Krnst H c r r nt a n n B c r I i ,1 1 Das Krwachcn des jüdischen Volkes in l\»Ustin, geht Hand in Hand mit einer körperlichen Rcgcnera• tion, die eine der erfreulichsten Kischeinuiuca jUr den Juden ist, der mit offenem Auge durch d.!> reist. Gerade der schroffe Gegensatz zwischen üeiii alten und altersschwachen Volk der Almoy. fängcr und der frischen, jungen, aufstrebenden <jv;1c• raiion lasst diese krschcinung scharf I1crv«.ttcn. Nachdem wir auf unserer Reise Gelcgenlieis gehabt hatten, Gliettojudcntum zu scheu, verbrühten wir in Jaffa einen Abend im Jüdischen Turnverein. Rincii wundervollen Abend, den wir nicht vergasen werden, am 31. Mürz. im Hofe des Hebräischen Gymnasiums 1.; d!״• Turnstüttc. Der Hoi ist teilweise überdacht, und G.!s genügt bei dem milden Klima, um die Vorteile der Turnhalle zu gewähren, lieber dem grössere:! heil des nicht sehr geräumigen Hofes wölbt siel! der klstinische wundervolle Sternhimmel. Wir Mm.lvn eine kleine Zeit im Dunkel des Kingangs, um im«, sehen den Turnbctrieb beobachten zu können. n!c Turner gehörten der jüngeren Abteilung an, dm etwa die Altersklassen zwischen 14 und 19 Jahren u1m'..s%t. Zu unserer Kreude sahen wir etwa M) Turner, d;. in musterhafter Disziplin an mehreren Geräten tun!:*.,!. Als wir ciutratcn, unterbrach der Leiter, Herr Orlow, das Tufncn einen Moment, um uns in bei r.*ischer Sprache zu begriissen. Ucberliaupt horten uir liier nur Hebräisch, Hebräisch im Kommando und!1ui Hrmuhnungen des Leiters, Hebräisch im Gespräch der Turner. Wir konnten uns überzeugen, dass es Herr״ Orlow in der Tat gelungen ist, die ganze Turnsprache *) 111 Prag fanden bekanntlich anlässlich der A. fiihnmg der oben genannten Operette ״Herbst!!!,,, növer" Demonstrationen jüdischer Studenten .st.it:, die eine Absetzung des genannten Stückes vom kepertoire zur Folge hatten. Wir halten im allgc:nei:u1־J nichts von der Herbeiführung solcher ״Theatersk;.!!• dalc" — aber einige kräftige Pfiffe hätten wir d״cf! auch in Berlin ganz gern gehört. Statt dessen kkbt man uns hier an die Lithi.isssäuicn die ckdluhc Karikatur dieses ״jüdischen Offiziers", und tout Der• litt - das jüdische natürlich in erster Reihe -׳־■ amu• siert sich glanzend. Wir sind ja so vorurteilslos und tolerant — — tolerant Ins zum Kkel! — Red. d. ...i. R." "') Mit Krlatibnis der Verfasser abgedruckt am»: ״Körperliche Renaissance der Juden.“ 1'cstschrtit anlässlich des IV. Turntages der Julisehen T u r n c r s c h a f t und der Feier des 10 jährigen Bestehens des Jüdischen Turnvereins Bar K oc 11 b a Bc r I i 11. Iler• aiisgegcben vom Ausschuss der Jüdischen Turner• schalt. ״Kadimah“ Erzählung von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. P u 1 v e r in a n n. (Fortsetzung.) Einige Minuten später sass in einem mit fürstüchcv Pracht ansgestatteten Salon; kaum aber hatte er auf die im Zimmer herrschende Pracht einen neugierigen Blick geworfen, als die Türe heftig abgerissen wurde und sein Schützling und deren Vater standen vor ihm. ״Sic «also sind der Held, der meine Tochter vom sichern Tode gerettet,“ rief Kronenmann, mit einem Versuch die Sache scherzend zu be• handeln, dem jedoch das Zittern seiner Stimme und das feuchte Schimmern in seinen Augen ganz und gar widersprach. Er erfasste Judas Hand, die er krampfhaft, leidenschaftlich drückte. ״Mein Herr,“ sprach er jetzt mit vollem Ernst, ״ich habe viele, viele Millionen Rubel, doch — mir ein einziges Kindl Wie kann ich mich Ihnen für Ihre Tat dankbar erweisen ״Indent Sie es mir ersparen, Ihnen mit ge• wöhnlichcn Phrasen zu antworten,“ cntgegnetc Juda selbst gerührt: ״die Dankbarkeit erlangt einen höhertt Wert, wenn sie unausgesprochen, im Herzen bleibt.“ ״Darin liegt eine gewisse Wahrheit,“' sprach der Bankier gedankenvoll, ״ich will daher Ihrem Wunsche nachkommcn und nicht weiter darüber sprechen, Herr-Herr . . . .“ ״Engelsohn,“ ergänzte dieser die Vorstei• lung. ״Es wäre sehr leicht, unter diesen Uinstan• den aus Ihrem Namen ein hübsches Wortspiel zu machen, da Sic ja meiner Tochter als ein ret• tender Engel in der Not erschienen sind,“ sagte Kronenmann lächelnd. Und zu dieser gewendet fuhr er weiter fort: ״Wie gewöhnlich ist cs wieder deine Schuld, dass ich mich in solcher Aufregung befinde. Ich habe dir doch schon so oft und streng verboten, bei der Ausübung deiner geheimen Wohltätigkeit nicht ohne Begleitung aitszugchcn und dich keinen Gefahren auszusetzen. Du hast es doch schon erfahren, dass das Amt einer gütigen Fee manchmal eine gar gefährliche Sache ist in den unbekannten, dunklen Strassen Warschaus. Du hast meine väterliche Warnung wieder in den Wind ge* schlagen, und ohne Herrn F.ngelsohn wäre es zu einem traurigen, schrecklichen Ende gekommen.“ ״Aber du weisst doch, Papa, Anette war fort, Marie ist sark erkältet und Johanna sehr beschäftigt, und während dessen musste die arme Familie hungern,“ suchte das Mädchen, mit lächelndem Munde, aber tränenden Augen sich zu verteidigen. ״Ausserdem.“ ״Nun, fahre nur fort,“ sprach der Vater, schon wieder versöhnt: ״Ausserdem?“ ״Ausserdem darf man schon ein klein wenig ungehorsam sein, wenn es gilt, einen gnnn Zweck zu erfüllen.“ . ״Das klingt ja ganz jesuitisch, du kleiner Trotzkopf,“ sagte Kronentnann lächelnd, zartlieh ihren Kopf streichelnd. ״Doch, wir wollen es jetzt unterlassen, deine Trugschlüsse /» widerlegen, da ich doch etwas viel Wichtigeres zu tun habe: Herrn Engelsohn zu bitten, zum Frühstück da zu bleiben." Juda antwortete nicht gleich. Eine innere Stimme flüsterte ihm zu, die Einladung »ich! anzunehmen, — die Ahnung einer grossen De* fahr, die schon während der langen Wagenfahrt sich seiner bemächtigt, musste sicherlich au ־ Grösse ztinchtnen, sollte er noch länger in der Nähe dieses schönen, edlen und mutigen Mail• chens bleiben. Er schämte sich zwar seiner Furcht, die, im Grunde genommen, doch recht kindisch war. Um sich daher die Selbstachtung zu erhalten, bemäntelte er seine Angst mit der Notwendigkeit, Bellinsky sofort sprechen zu müssen. Mit wenigen Worten stattete er dem Bankier seinen Dank ab, zugleich auch das Be* dauern, für jetzt die Einladung ablehnen zu