Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 20S. niF.niSCHE KUNDSCHAU uiul gestrebt datier eine Fortsetzung des nationalen Lebens des Jüdischen Volkes, In der Hoffnung, dass dieses knltnrkrüftigc Volk auch in Zukunft durch die Entfaltung seines Eigenwesens einen wertvollen Hei־ trag zur Gcsamtkultur leisten werde. In der Eornt des Zionismus aber erstrebt der jüdische Natlonalis• »ms günstigere Entfaltungsbedingungen für das Lehon des indischen Volkes, das sowohl geistig und kulturell, wie physisch n1׳d ökonomisch durch seine anormale Lage, seine Zerstreuung tmd den Mangel an einem eigenen Territorium unter einem schweren Drucke seufzt: Der Zionismus stiebt in keiner Weise darnach, die Juden in einen Gegensatz zu den andern Völkern zu bringen. Ganz im Gegenteil! Er will, dass die Juden zu niesen «in normales Verbiiltnis gewinnen, dass durch die Lösung der auch auf die Völker drückenden Judenfrnge eine innere Aussöhnung bc־ wirkt werde und das jüdische Volk durch kraftvolle, ungehinderte Entfaltung seines Nationallcbcns bc• fähig! werde, in gesundem, die Achtung erzwingen• dem Wetteifer mit den übrigen Völkern an dem Eortschritt der Wdtkultnr zu arbeiten." Von seinem abstrakten und universalistischen Standpunkte aus urteilt Goldmann, die nationale Wiedergeburt sei das ernsteste Hindernis für die reiigiösc Zukunft des Judentums. Wenn Goldmauu damit meint, für die Zukunft des abstrakten Universn-!Ismus, so hat er allerdings recht. Dass dagegen die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes auch seiner Religion zugute kommen müsse, während sie bei andauernder Zerstreuung rettungslos dahinsiechen müsste, glauben wir in unserem Buche ״Das Judentum am Scheidewege“ mit nicht ganz schlcchtcu Gründen dargetan zu haben. Nur wer die kindliehe Meinung liegt, dass die Religion in der künftigen Kultur der Menschheit keine Rolle mehr spielen werde, nur der kann im Ernste von dem Schicksal der jüdischen Religion im ncucrstchcndcn jüdischen Volke eine andere Meinung haben als wir. Nationale Kultur ist in den Augen Qoldmnnn's minderwertig. Nationale Kultur sei nie die bessere gewesen, meint er! Es muss doch aber, will uns scheinen, tt.it der nationalen Kultur nicht ganz so schlimm bestellt sein, da z. B. ans der nationalen Kul* tur der Juden der ethische Monotheismus geboren ist. Aber nein, sagt Goldmann, Israels Religion ist durchaus keine Schöpfung des nationalen Lebenswillens, und mit grossem Nachdruck versiebt er meine entgegengesetze Auffassung mit zwei Ausriifungszciciien. Das Beste in unserer Religion soll vielmehr ״im bewussten Gegensatz zum nationalen Lebenswillen des Volkes geschahen“ sein. Also: Wenn die von lieisscr Liebe zu ihrem Volke erfüllteil Propheten sagen: Uns ergreift, uns erschüttert die bange, schwere Besorgnis, du. Israel, unser teures Volk, könntest untergehen• um deiner Sünden willen umergehen I So verstehe doch deinen Gott, deinen Heiligkeit fordernden (iott recht und handle darnach, dann wirst du leben, leben und glücklich sein, in aeineut Lande bleiben und neu *aufblühen! Und wenn sie dabei Gelegenheit nehmen, ihr durch die dem Bestände Israels drohende Gefahr verschärftes mora- Jisch-rclißiöscs Bewusstsein zu entwickeln, so heisst das nach Goldmann: das Wertvollste in der Religion Israels ist im bewussten Gegensatz zum nationalen Lebenswillen Israels geschaffen! Wir wollen doch die Psychologie der Propheten, an der auch sonst viel gesündigt wird, nicht auf den Kopf stclleni Der wirkliche psychologische Vorgang ist, wie sich an ledern der hier 'm Betracht kommenden Propheten unschwer nac'uwciscit lässt, der: die hochgcstcigcrtc nationale Erregung versetzt auch ihr religiöses und sittliches Gefühl in starke Bewegung und steigert beides zu grösserer Reinheit und Schönheit, als dies bis dabin in Israel der Fall war, empor. Diese histolisch und psychologisch ausschliesslich berechtigte Auffassung gibt der religiös-ethischen Genialität der־ Propheten das iltr zustchcnde Recht, ebenso aber auch dem nationalen Lebenswillen, der diese Genialität erst hat liei'vortrctcn und sielt entwickeln lassen. Falsch ist cs auch, wenn Qoldmann meint, der ethische Monotheismus sei ״in Zeiten nationaler Auf- Urning Out der Religion geworden." Richtig ist viel- 1״ehr, dass ohne die von so starkem Lebenstrieb zeugende Fortsetzung des nationalen Lebens nach der Zerstörung Jerusalems die religiös-ethische Gcnialität der Propheten nur metcorartig aufgcleuchtet hätte, und, ohne irgend welche geschichtliche Folgen zu hintcrlasscn, verschwunden wäre. Gut der Religion, Gemeingut Israels wurde der ethische Monotheismus erst im babylonischen Exil und nach demselben. Ja noch inolirl Hätte die israelitische Nation in Babel nicht gehöht und geglaubt, dass sie wlcdcraufcrstehcn und ins Land der Väter ziiriickkehrcn werde, und dass der ethische Monotheismus die Vorbedingung tiir die Verwirklichung ihrer nationalen Hoffnungen sei, dann v׳iire dieser ethische Monotheismus, der Glaube der Propheten, nie mul nimmer Gemeingut des jüdischen Volkes und also dauerndes Gut der Religion geworden. Der nationale Wille war die Voraussetzung für die Erhaltung des durch die Proplicteu geschaffenen religiösen Kulturguts und damit fiir die Erhaltung des religiösen Judentums. Die Beweisführung hierfür wird mir hoffentlich erlassen werden. Dafür stellt jedem, der sich für diese Frage interessiert, die ganze Literatur der alttcstamcntlichcn Wissenschaft zu näherer Einsicht offen. Nun nlur meint Goldmann, seihst wenn der natioiudc Lebenswille Israels die Religion geschaffen hätte, so hihtc diese doch über ihren Ursprung bin• Auswachsen können. Darauf antworten wir: Gewiss kann sie das! Und n:1e!1 ihren allgemeinsten religiösen und ethischen Ucbcrzcugungcn ist sie cs auch wirklich. Aber nichtsdestoweniger musste erstens ihr Ideengehalt einen nationalen Einschlag behalten, weil dem israelitischen Volke ein religiöser Beruf ziigewicscn v׳nr. weil es nach der Auffassung der Propheten das auserwähltc Volk Gottes war und bleiben sollte. Zweitens musste der ethische Monotheismus, weil das Volk Israel Jahrhunderte hindurch sein alleiniger Träger blieb, mit dem nationalen Leben dieses Volkes eng verwachsen. Und endlich bedeutet auch der ounikularistisch-messianischc Glaube einen sehr wesentlichen nationalen Einschlag der im all• gemeinen universalistisch gerichteten jüdischen Rcli* gion. Goldmann nennt den universalistischen Messianismus dem nationalen gegenüber eine fortgeschrittenere Entwicklungsstufe. Das ist vom Standpunkt der all• gemeinen Rcligiousgcsciiichtc aus gewiss ganz riehlig. Aber für den Juden muss der nationale Messianlsmus zum iiMiulcstoti die gleiche Bedeutung haben, wie der universalistische. Denn das Schicksal seines Volkes muss ihm mindestens ebenso sehr am Herzen liegen, wie das der Menschheit im allgemeinen. Eher dürfte man umgekehrt sagen: Das Hemd ist mir näher als der Rock. Man kann aber das eine tun und brauch darum das andere nicht zu lassen. Jedenfalls vermag ich beim besten Willen nicht cinzuschcn, warum cs selbst vom umfassendsten und höchsten ethischen Standpunkte aus ein Verbrechen sein soll, sein eigenes Volk zu lieünn und an eine schöne Zukunft desselben zu glauben. Um so weniger, als ich doch dadurch in keiner Weise gehindert werde, an die zunehmende Befreiumig der Menschheit von einer rückständigen Religiosität und moralischer Niedrigkeit zu glauben und zu arbeiten. Der nationale Messianismus ist ebenso wie der universalistische von den Propheten geschaffen worden, der eine aus ihrer Liebe zum eigenen Volke, der andere aus ihrer Liebe zur Menschheit, beide aus dem gleichen starken ethischen Triebe. (Fortsetzung folgt.) « AUS ALL6R WC LT :: Deutschland Die Wahl des Dr. M u g d a n zum Berliner Stadtverordneten, die wegen der damit verbundenen besonderen Umstände seinerzeit so viel Aufsehen erregte, ist vom Bezirksausschuss für ungültig erklärt worden. — Man darf nun fiiglieh gespannt sein, ob die Vorstandsmitglieder des ״Zontralvcrcins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", welche seinerzeit versprachen, bei der gleichen Alternative wiederum ihren Einfluss für den Taufjuden geltend zu machen, ihr Versprechen cinlöscn werden. Wieder ein Gewissenszwang seitens des Oberrafs der Israeliten Vor dem Schöffengericht in Karlsruhe fand am letzten Freitag eine Verhandlung gegen den Kaufmann Marschall statt. Er war angcklagt, sein Kind dem jüdischen Religionsunterricht entzogen zu haben; tatsächlich hat Marsclmll, der der positiven Richtung angchört, sein Kind an dem Religionsunterricht der hier bestellenden orthodoxen Rcllgionsgcmciudc teilnehmen lassen. Das Stadtrabbinat konnte sich aber zu einem Dispens von dem allgemeinen Rcligionsunterricht nicht verstehen, Hess vielmehr das Kind durch einen Schutzmann seinem eigenen Rcligionsunterricht zuführen und beantragte bei dem Bezirksamt die Bestrafung des Vaters. Dieser erhob Widersprueb, so dass «Ich nunmehr das Schöffengericht mit N°. 26. der Angelegenheit zu beschäftigen haue. Von dt, Verteidigung, die Rechtsanwalt Dr. Kander (i’jorz. heim) führte, waren Obcrschulrat Sallwiirk und Stadt* labbincr Dr. Appel als Zeugen,!,rovin/.ialrahbincr Kahn (Fulda) als Sachverständiger geladen.!)J Gericht leimte indessen die Vernehmung der Ze״״tn mul Sachverständigen ab. In seinem Plaidoycf gcisscltc der Verteidiger das Verhalten des Oberrats ,der Israeliten, der in den Fällen Kayser und Marschall den schärfsten Gewissenszwang ausübt, weil es sich liier um Angehörige der orthodoxen Rielitnug bandle Ganz anders sei das Verhalten des Oberrates, ^emi Angehörige der sogenannten liberalen Richtung mit DispcnsgesueMcn bezüglich des Rcligionsmiterriclitcs an ihn her.»ntrcten. So sei es notorisch, dass der Oberrat entgegen seiner eigenen Mestummmg vom IS. Februar 1H8I, die (las Hebräische als integrieren• den Teil des Religionsunterrichtes festsetzt, erst jüngst in Pforzheim Dispens von diesem Unterricht erteilt habe. Ferner sei in Mannheim, i'iorzlieiui, Frei• bürg und Karlsruhe einer ganzen Anzahl F;,m|jc״. vüter, die iluc Kinder übcilianpt ohne Rcligi<,ns• mit erricht zu lassen wünschen, auch liierzi; der erforderliche Dispens erteilt worden. Wie!׳,״u<nc also der Obern» dazu, in diesem Falle in solcher Weise vorzugclien, und ein Kind durch den Sehnt z 111 a 11 ח zur Sc 11 u I c h o 1 e 11 zu lassen? Allerdings stehe der Oberrat jetzt auf dem Standpunkt: Jer Religionsnntcrriclu der hiesigen RoligionsgeseiSscliuft ist vollwertig, so lange es mcIi um Kinder lianüelt, deren Eltern aus der!״.::des• svnagogc ausgc.stliicden sind: er ist aber nicht vollwertig fur Kinder, deren Eltern noch der L..ndcs- Synagoge augehören. Es sei dies ein Standpunkt, der iogiseli und juristisch gleich ungerechtfertigt ist Es sei daher der Angeklagte freizusprechen, der lediglieh, tim einem Gewissenszwang zu entgegen, sein Kind in einen Religionsunterricht gesendet Imlu־. der seinen eigenen Anschauungen entspricht. Die Bc• rcchtigung hierzu leite sich aus!1 IV der Badischen Verfassung he«, der jedem Staatsbürger volle (ic• Wissensfreiheit garantiere. Das Gericht kam ״ach kurzer Beratung zur Verurteilung des Angeklagten zu einer Geldstrafe von 3 Mark. In den Urtcilsgründen wird angeführt, dass von einem Ein• treten in die Sache selbst abgesehen werden müsse. Das Gericht konnte lediglich die formale Seite prüfen. Ein Dispens lag nicht vor; ob ein solcher mit Recht oder Unrecht verweigert worden ist. ent• ziehe sich der Nachprüfung des Gerichts. Der Augeklagte wird sich bei dieser Entscheidung nicht bc• ruhigen, sondern Berufung cinlegcn, so dass die An• Gelegenheit auch noch die höheren Instanzen beschäbigen wird. Amerika Zum Tode Gordins Nach langem und schweren Leiden starb in N e w York vor kurzem der bekannte jüdische Dramaturg Jakob G 0 r U i n im 60. Lebensjahre. Der Verbliebene stammte aus Südrussland. Seine schriltstellcrische Tätigkeit begann er in den stier Jahren als Mitarbeiter von russischen Journalen. Er wurde bald ein begeisterter Anhänger der Tolstoi• sehen Ideen, die zu jener Zeit in der russischen Intelligenz grossen Anklang fanden. Gordin, der ein wirkungsvoller Redner war, sammelte um sich viele jüdische junge Leute und begründete eine ״Biblische Brüderschaft", die ein ..geläutertes Judentum" nach Tolstoi's Prinzipien erstrebte. Gordin wurde jedoch von der russischen Re• gicrung wegen seiner idealen Tätigkeit verfolgt, und so musste er Russland verlassen und nach Amerika nnswandern. Hier begann sein Wirken auf dem Gebiete der jüdischen Dramaturgie. Er vcrlasste mehr als 50 Theaterstücke in jüdisch-deutscher Sprache, die fast ausschliesslich das neuzeitliche Repertoire der jüdischen Bühnen in Amerika und Russland bilden. Mit Jakob Gordin begann die moderne Re• forniieriing des jüdischen Theaters in literarisch• künstlerischer Hinsicht — und in ihm hat cs nun seinen bedeutendsten und fruchtbarsten Träger mul Schöpfer verloren. Rumänien Erneute rigorose Judenausweisungen! Sämtliche jüdische Weingarten-Pächter aus den Jassy benachbarten Gemeinden wurden aufgefnrdert, sofort die Gegenden zu verlassen, obwohl sie schon seit 30 und mehr Jahren dort ansässig sind. Diese Aufforderung wird dadurch begründet, dass den Juden der Aufenthalt in den Dorfgemeinden verboten ist. Es herrscht grosse Panik unter der jüdischen Bcvölkerung, die nun ihr ganzes Hab und Gut in Gefahr sieht. Die Juden haben sich an die oberen Behörden telegraphisch gewandt, es vyurdc ihnen aber gcant* j worteti dass dies eine Angelegenheit der Dorfgc* 1 mcimlon sei. (Fortsetzung auf Seite 300.)