Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1909-06-25 · Heft 26 (25.6.1909) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 26 (25.6.1909)
Date
1909-06-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2651273-2651605-2651631--06467-2663559
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JUEDISCI-Iii RUNDSCHAU Seite 297. No. 2Ö._' U״d so mochte den würdigen und braven alten Herren, die an den grünen Tischen des Zcntralvcr- (i״s und Jer Orossloge sitzen, doch wohl ein wenig jjlinelich ums Herz gewotden sein, wenn sie sehen nmssico. wie sich von der Zahl derer, aus denen sich dereinst ihr Nachwuchs rekrutieren sollte, tagtäglich immer wieder Neue leslüsten, tun das Judentum, das ihnen innerlich schon lange nichts mehr bedeutete, •uicli itnsscrlitfli gegen die Konfession einzutausclien, die 1u'l«a1׳ntlich identisch mit dem Kntrcebillct zur eurmmschcn Kultur ist. Und sic taten daher endliwl1." .׳s das einzig Richtige in dieser Lage wart jic im,!eilten nicht, wie bisher, den Umweg über die Hltenu sie versuchten nicht noch einmal durch stu- 1iMis.il«. Vortrüge über die grassierende Tnufseuchc (Hier ln■■wcgliche Artikel in der ״Grünen Allgemeinen" oder in ..Im Deutschen Reich" die Litern zu voran*!asseu. bei ihrer Erziehungsmethode endlich cinma! eine kräftige Wandlung cintrctcn zu lassen, sondern sie v, ,Midien sich — der gerade Weg ist bekanntlich iiinnct!mell der kürzeste -- direkt an die Jugend. |!< Echo, das sic mit diesem Appell In vielen lull!,!! 1 jungen Herzen geweckt haben, mag ihnen go/ck; haben, dass cs, Gott sei Dank, tatsüchlich noch j nielu .:.׳״■־ so sclilimm um unsere Jugend steht, als •1. den bisher gemachten Erfahrungen mul vor allem mich du! vorhin gekeunzeiclmcteii Sünden, die sich auf der anderen Seite hat zuschulden lanim-.a I. ssen. eigentlich zu erwarten war. Kurz• 11;!-. r . 11 den mancherlei Gehuftsweheu, die sie selbst• vers; 1 ,,,lieh durchzumacltcn batte, stellt nunmehr die On•,.! i'. iimi, d h. rin Verband von ca. 30 Vereinen neuer.! und neuesten Datums, fest und wuhlgcfiigt d.!.’ I'.r erste Delegiertciung all dieser Vereine, die sich .:mi Verband znsainnioiigeselilosscu haben, hat dem: v•ו ais erstes Lebenszeichen .bereits stattge* iuudc... Allerdings hat sich gleich hierbei ein nicht gern׳v. .."diat/eiulcr Ucbclstand gezeigt. Dieses Ju• ge :1,. י .! r I am e 111 war niimlich, wie sich Herr Bl.m. üieodm׳ Herzl’s priiohtige Romanfigur, ausge* drück: m.iie. mehr Parlament wie Jugend -!::!.ו er liiltte darin nicht so Unrecht gehabt, denn von :.11 ca. 30 anwesenden Delegierten waren fast zwei l׳:iuel bemooste Häupter In Amt und Würde״, wie u.y'.e, Rcclitsnnwiilte und Rabbiner, Die \v«• lügen .iiiweseiuien Altersgenossen der Üeuerntion, Inr di. d<>ci1 eigentlich der Verband ins Lehen gerufen wurde, k.imen kaum zu Wort und hätten svolil auch, wenn die' ihre Absicht gewesen würe, kaum gegen die vkiiunemioii Reden der durch den Beruf ge•! wlmbui Redner des Gerichtssaalcs und der Kanzel 1״:i:1..׳chcu können. — Soll das wirklich so weitergeiien? i:s ist Ja an und fiir sich üusserst wüit• sehenswert, dass diese Herten den Schatz ihrer Er-!,ilmuig und ihre Arbeitskraft der guten Sache der Jugend zur Verfügung stellen, zumal sic zum grössten Teile unlü selbst noch jung und begeistert fühlen, a b e r e s d a r l doch auf keinen P n 11 d a 11 i 11 kommen. — leider mehren sich die An* / e i> 11 e n d a f ii r| _ D u s s d i c J u g c n d l.m 111 u e!ul v e 1 b a n d c Ihres kostbarsten $ c 1• •1 ׳ z. e s, i h ז e r Unabhängigkeit b c r a n i! t 11 n d von den zahlreichen ü 11 c r c n Heilen, die im Vorstand der Vereine iind sogar bis in die Verbandsorga ne '1 i n e 1 n sitzen, kraft ihrer väterlichen Autorität majorisiert werde! — Nur v.enn der Jugend die Möglichkeit gegeben ist, sich voll!!-, selbständig beim Aushau ihrer Organisation beim.gen zu können, wird sie mit der Lust und Liebe *״!■ •Siehe ans Werk hcrangchcn, durch die allein 1 es!;!׳.glich ist, das grosse Arbeitspensum, das zu bc• 'vüliigcn ist, jemals ernsthaft in Angriff zu nehmen. Damm wäre cs wünschenswert, wenn diejenigen, die!11 anerkennenswertester Wclso fiir das Zustande• klimmen der Organisation gewirkt haben, letzt auch ciimi.il jüngere Kräfte denen durch nichts die Hände gebunden sind, die nicht die Handlanger i r g v u d einer politischen Partei im I ״ u 0 n 111 m c sind, ans Ruder kommen licsscn. ■!:,!. braucht wirklich keine Furcht vor dem ״Radi• kalsimis" der Jugend zu haben. Die organisierte iiHiiselie Jugend wird, auch wenn sic sich selbst •1111*1 lassen ist, unbedingt jederzeit das Ansehen und die 1:hrc der Sache nach aussen und nach innen zu ■•viilutn wissen! Und noch Eins! Man möchte so gern In die fugcndvcrcinc den ״deutsch-nationalen" Ton hinein- ’ragen. Der im Zentralvcrcin gang und gäbe ist. Nichts gefährlicher als das! Man soll doch be* denken, durch Schule und Erziehung, durch Militärdienst und die Beeinflussung durch dio christliche Aussenwclt, wird ja schon ohnehin der junge Jude bis zum Äussersten mit deutschem Nationalismus krossgezogen. Um diesen Einfluss noch weiter zu Märken, dazu brauchen wir keine jüdischen Jugendvereine zu gründen: zum guten Staatsbürger braucht der junge Jude nicht mehr erzogen zu werden; er w-ciss, auch ohne Mitglied des Zentralvercins zu sein, was seine Pflichten gegen sein Geburtsland, das er nicht minder Hebt als die anderen, sind! Aber was seine Pflichten gegen sein Judentum, ja was dieses überhaupt ist und i 11 in sein soll und kann, davon erfährt er 1111 gewöhnlichen Leben nichts, rein gar nichts! Das sollen Ihm die Jugcndvercine geben, ihm die Augen öffnen!Hier den wahren Wert des teuren Erbteils, das wir von unsern Ahnen aus grosser Zeit übernommen habenI Sic sollen den Indifferenten aufriltieln und auch mit einem anderen Typ des modernen jungen Juden nufrüumcn, nämlich mit dem, der nur noch, wie er cs so schön benennt, ״aus Rcinlichkoitsgefühl" Jude bleibt. Aus ReinliclikcUsgcfllhl, also aus demselben Motive, das andere Leute davon ziirilekhült, goldene Uhren zu stehlen! Diesen Leuten sollen die jüdisclien Jugcndvercine zeigen, dass es sielt auch aus anderen Gründe» heraus noch lohnt, Jude zu sein und zu bleiben! — Mögen die Jugcndvercine voll und ganz ihre Aufgaben erfüllen, ihr Werk wird dann eine Generution sein, die mit beiden Pilsscn fest im Judenturne wurzelt und ihre Augen nicht gewaltsam vor den grossen Pragei! verschlüsselt wird, vor die heute die Judenheit gestellt ist. Hans Q o s I a r. Russischer Brief Epilog zur zweiten Dumascssion Petersburg, Mitte Juni UWA Die zweite Session der dritten Rcichsduma ist lummchr beendet, und die gesamte Presse erörtert das Pucit ihrer Tätigkeit und ihre Resultate für die allgemeine politische Luge im Lunde. So ganz pessimistisch und unbefriedigt, wie nach der ersten Session, ist die Stimmung in den liberalen Kreisen diesmal nicht. Die zweite Tagung dieser Duma hat doch, wenn auch nur zaghaft, gewisse Schritte auf dem Wege zur bürgerlichen l’rcihcli vorwärts getan. Namentlich scheint die ausschlaggebende Partei der Oktohristen sich in letzter Zeit auf das Oktobermanifest etwas mehr zu besinnen und sich nach und nach zu der Erkenntnis von der UnhaUharkeit der bisherigen Situation durch/,uringen. Allerdings ist diese Wandlung in erster Reihe auf die fortwährenden, jedem parlamentarischen Anstand ins Gesicht sclilagciulcn Skandale der rechten Duimipartcicn zurilckzufuhren, die selbst solche ״guten Patrioten'‘ wie die Gktobristen vor den Kopf stossen mussten. Und so sind diese von ihren früheren Verbündeten abgerückt und haben während der verflossenen Dumatagung bei den wichtigsten Entscheidungen mit den linken Parteien gestimmt. Dazu gehörten besonders die Interpcllation über den ״Verband des russischen Volkes" und die Präge der Glaubensfreiheit, die den etwa 2ü Millionen Altgläubigen die ungestörte Ausübung ihres religiösen Kultus sichert und den freien Ubertritt von einem Glauben zu einem anderen gewähr- )eistet. Ist mm die allgemeine Beurteilung der Dumatiitißkcit wählend der abgclaufenen Tagung nicht ganz negativ und unbefriedigt, so hat diese Session der russischen Judenheit aucii nicht die geringste Erleichterung ihres traurigen Loses gebracht. Von der Freiheit des Glaubcnswcchscls gewinnen die Juden, wie der jüdische Abgeordnete Pricdmnnn treffend dariegte, keinerlei Vorteil, denn durch sie wird nur das ■Verlassen des Judentums, nicht aber der Übertritt zu demselben gefördert, da der zum Judentum Übertretende allen Beschränkungen der jüdischen Rechte unterworfen wird. Und an diesen Beschränkungen hat die Duma bisher absolut nichts geändert und verbessert, Weder ist das Wohnrecht der Juden erweitert, noch sind die jüdischen Prozentnormen In den Schulen erweitert oder gar abgeschafft worden, noch ist sonst irgend etwas von der Duma geschehen, um die schmachvollen Judenmisshandiungen zu beseitigen. , Und was haben die Juden von der Duma in Zukauft zu erwarten? Dio Optimisten unter ihnen sagen: Die Duma wird die Jüdlscho Lage nicht vorschlechtem. Das wäre an sich auch schon ein Trost. Aber auch dieser ״Optimismus" Ist nicht so sicher begründet. Bisher stand cs mit der Judenfrage in der Duma folgcndcrnmsscn: Die rechten Parteien sciiimpfton auf die Juden bei Jeder Gelegenheit; die Oktobristen schwiegen; die Kadetten sagten selten etwas zu gunsten der Juden, — und wenn sie etwas sagten, so war cs auch meist in schwächlicher und gezwungener Weise; und die Trudowikl und Sozialisten hatten andere Sorgen. . . . So hat auch die verflossene Dumascssion die alte Erfahrung aufs neue bestätigt, dass ein allstemeines Vorwärtsschrcitcn nicht identisch Ist mit einer Besserung der iüdischcn Lage. Das Russcnvolk wird schon früher oder später seine Freiheiten erlangen; ob die Juden davon viel profitieren werden? Und ob die eventuellen Erleichterungen Ihrer Lage den von ihnen Im Kampfe um die allgemeine Freiheit des Landes gebrachten Opfern entsprechen werden? L. N. Das Judentum am Scheidewege Von Rabbiner Dr. M a x J 0 s e p h, Stolp i. P. (Fortsetzung.) Denn das liiessc in Wirklichkeit nichts anderes, als beides den andern Völkern opfern, sein Volk den andern ais Beute hitiwcrfcn. Das aber ist doch unzweifelhaft im höchsten Grade unmoralisch! Man kann nur ohne Opferung, ohne Schädigung der vitalcn und idealen Interessen der eigenen Nation ein möglichst gutes, freundliches Verhältnis des eignen Volkes zu den anderen suchen, man kann ein bessc* res, gegenseitiges Sichvcrstchcn und Tolerieren der Völker utuiiüahncn, durch Schäftung von allerlei lnstitutionen den Krieg einzuschränken suchen, die Ausbreitung der Wcltkultur und Wcltwirtscliait bcgünstigen, an ihrem Wachstum mitarbeiten: aber die Interessen des eigenen Volkes müssen dabei durchaus gewahrt bleiben. Das ist Nationalismus im Bunde mit einem gesunden konkreten Kosmopolitismus. Das Verhältnis zwischen Kosmopolitismus und Nationalismus ist von mir in einem Artikel des zionistischen A-B-C-Bnehes im Zusammenhang bchandclt worden. Wir setzen daher diesen Artikel uitvcrändert hierher: ״Der moderne Kosmopolitismus ist, wie der Deismus, ein Kind der Aufklärung des lö. Jnluiiiinderts; der Deismus will die konfessionellen Schran- ken aufheben, der Kosmopolitismus die nationalen. Dieser gellt wie jener von idealen Motiven aus, aber diesem wie jenem mangelt es an dem rc'chtcn liisto* rischen Verständnis; das zum mindesten relative Recht des historisch Gewordenen leuchtet ihnen nicht ein. Die Idee der Entwicklung, die erst im neunzehnten Jahrhundert herrschend geworden Ist, ist ihnen fremd. Der Kosmopolitismus von heute hält wohl an der Einheit des Menschengeschlechts als einer zu verwirklichenden Idee fest, er sucht ferner Im Verkehr mit dem einzelnen Andcrsnationalcn Menschenliebe zu betätigen, und darüber hinaus die Nationen im Gefühl durch den Austausch Ihrer geistl* gen Kulturgüter und durch Begünstigung der Pricdensidee einander näher zu bringen. Nichtsdcstoweniger erkennt er die aus ihrer besonderen Geschichte hcrgclciicte Berechtigung der einzelnen Na- Honen an; er vcrschlicsst sieh aucii nicht gegen die natürliche, auf physischen und historischen Bcdingungen beruhende rassenhafte Verschiedenheit der Volker, und ebensowenig gegen die Tatsache, dass die Völker gleich Jen Individuen einen Kampf mit ihre materielle und ideelle Selbstbehauptung führen müssen, einen Kampf, der ihre Kräfte spornt und sic zu dem höchsten bofilliigt, was sie als Beitrag zur Wcltkultur leisten können. Pür den heutigen Koranopolitismus sind die Völker Kulturcinhcitcn und jeder einzelne ist moralisch verpflichtet, an den Lebensregungen, Kämpfen und Bestrebungen seines Volkes tcilzimchmcn, um so mehr, als selbst für die hervorragendsten lndividiicn das eigne Volk das notwendige Medium bildet, durch das sic auch auf die übrige Menschheit wirken können. Warme Teilnahme am nationalen Leben, angelegentliche Fürsorge fiir das Gedeihen und die Zukunft des eigenen Volkes muss daher gerade vom Standpunkt eines vernünftigen und moralisch haltbaren Kosmopolitismus gefordert werden, wenn dieser sich nicht ins Bodenlose verlieren und nicht in bequemer Gefühlsduselei und Nichtstucrei aufgehen will. Der ältere Kosmopolitismus hat dadurch, dass er das Interesse am nationalen Leben durch den Hinweis auf die unmittelbar nicht zu verwirklichende Idee des Weltbürgertums schwächte, moralisch destruktiv gewirkt: der moderne Nationalismus, der freilich die Klippe eines bornierten Chauvinismus vermeiden und sich mit dein auf realem Boden stellenden vernünftigen Kosmopolitismus verbinden muss, hat dagegen den Gcmcinsinn, die Quelle aller starken moralischen Gefühle, zu einer lebendigen Kraft geweckt. Es ist daher so verkehrt wie nur irgend möglich, die Juden durch den Hinweis auf die abstrakt kosmopolitische Idee und ihre angebliche Mission auf diesem Gebiete von der Fortsetzung und Pflege Ihres nationalen Lebens abziehen und nblcnkcn zu wollen. Der moderne jüdische Nation»-!Ismus hält mit unseren grossen Propheten an der Idee der Einheit des Menschengeschlechts fest, Ist fern von allem Chauvinismus und Hochmut und weiss dio europäische Kultur gebührend zu schätzen. Er erkennt jedoch die auf dem besonderen Ursprung und einer mehrtausendjährigen Geschichte beruhende rassenhaft-nationale Eigenart der Juden freudig an

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.