Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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\ No. 26. JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 295. •le 2t nist ic*׳ u• nt ie ii. I n• 0« lit jn- •eas r•! -ei m ir׳ ״« 5! tu as be 'er j ,st י* ar 1ede I)r* | ur I** ler ]ht,! er i 1 inte; lec da .]be* zu «ibm* sie 1m tus ijtc len, ilnf ich ein f t I;HR jlge!en.;eia s׳en m i. £ I; ׳1 1׳t 4 nu-iiuien sowie zur Bildung von Ruhegehaltslassen erforderlich ist. Eine Organisation von Provinzgemeinden und der Landesgemeinde ist nur insoweit zu bilden, als durch dieselben die Selnsliindigkeit der Gemeinden in keiner Weise beeinträchtigt wird.“ Und dazu beschloss man auf Antrag des Laiulgerichtsrats Loewe, den ursprünglich vor• gelegten Gesetzentwurf der Kommission ״als Material zu überweisen.für weitere Arbeit.“ Also in gamicht misszuverstehender Weise liat das Plenum des Gemeindetages der Kornmission die Direktive gegeben, unter Verwer• Hing lies bereits vorliegenden Materials nun* mein einen Gesetzentwurf auszuarbeiten, der in der Hauptsache die Schaffung eines reinen t w e e k v e r b a n d e s ״zur Bildung von Riiltegehaltskassen“ vorsieht, darüber hinaus eine organisatorische und repräsentative Zu*׳ sammenfassung nur insoweit, als sie ״die Selb* stiindigkeit der Gemeinden in keiner Weise be* eintriiehtigt“. Ganz klar! Man lehnt das Prin* zip der Gesamtorganisation als solches nicht ab; in den Vordergrund des Interesses sollen die pmkii.'Chcn Bedürfnisse der kleinen Gemeinden gcriuki werden, die höheren Organisation* formen nur in einer, der Autonomie der Einzel* gemeinde absolut unschädlichen Form verwirklicht werden. Also heraus aus dem Entwurf mit .!den Vorschriften über Anstellung und Miulubereich von Rabbinern, über Prüfungs* beluirdon für Rabbiner ud Lehrer, über Einfüh* rung von Rcligionsbüchcm, heraus mit den Bestimmungen über ein rückständiges Wahl* recht für die Oemeindekörperschaften, heraus mit allem, was für die einzelne Gemeinde eine Quelle des Gewissensdruckes werden könnte! Dass und wo im Entwürfe Bestimmungen ent* hallen sind, die die Selbständigkeit der Ge* meinden schwer zu beeinträchtigen geeignet wären, muss den Herren von der Kommission aus den Verhandlungen des Geincindctages und au> den verschiedensten Pressslimnien klar ge* winden sein. Es kann danach nicht schwer iiali-n, unter Erhaltung des grossen Rahmens der Organisation diese mit einem Inhalt zu fidlen, der im Wesentlichen auf die Erfüllung einer piakiischen Solidarität, hiunusläuft, ohne die ideelle Harmonie zu gefährden. Hoch scheint diese Vereinfachung der Or* gauisatiimsaufgahe an massgebenden Stellen sehr unwillkommen zu sein. Man ist bei dem ursprünglichen Entwurf zu tief in die Nachah* nmi'g iles verwaltungstechnischen Bureaukratis* nuis mul in die Nachbildung der Staatskirche Pivii'M'ivs hincingeraten, um so leichten Herzens davon loszukomnien. Deshalb taucht jetzt an v»1v liiedeiien Stellen der jüdischen Presse glch;!zeitig der Versuch auf, die Ergebnisse des Gemeindetages wegzudisputieren. Da wird einfach behauptet: ״Es kann keine Rede davon sein, dass der Antrag Friedmann als Ausdruck des Willens der Majorität irgendeine dircktive Bedeutung für die Mitglieder der Kommission haben kann“ — so zu lesen in der ״liberalen“ grünen Zeitung! — und das ״Hamburger Fami*. lienblatt“ deutelt den Plenarbeschluss dahin, dass weitergearbeitet werden soll, ״wenn mög* lieh auf der Basis dieses Antrags, aber nicht um jeden Preis.“ Gleichzeitig wagt dieses Blatt, das seinen Lesern wohl ein sehr kurzes Ge* dächtnis zutraut, zu behaupten, .der ״Antrag Loewe mache den Antrag Friedmann unter Umständen illusorisch“, während die ״allgemeine Zeitung des Judentums“ selbst ein so schwaches Gedächtnis hat, dass sie aus dem Antrag Loewe einen Antrag Makower macht und ihm die Absicht zuschreibt, das Votum des Gemeindetages der Kommission lediglich als Material zu überweisen. Es kommt aber noch besser! Die Herren haben offenbar selbst das Gefühl, dass solche Kunststücke nicht hinreichen, um die Kornmission von der Pflicht, auf Basis des Antrags Friedmann ihre Arbeiten fortzuführen, gänzlich zu entlasten. Sie verwandeln deshalb die Majo* rität rasch in eine Minorität. Von 182 Delegierten fehlten bei der Abstimmung 54, von i 487 Stimmen waren 117 nicht vertreten — als j ob bei so stark beschickten Tagungen jemals eine grössere Frequenz von Abstimmenden vorhanden wäre. Wie selten sind z. B. im preussi* sehen Landtag mit 443 Abgeordneten, selbst bei den wichtigsten Abstimmungen höhere Präsenz- Verhältnisse festzustcllen. Aber viel schlimmer - das Berliner wie das Hamburger Blatt konstatieren in trauriger Uebereinstimmung, dass ein grosser Teil der Abstimmenden sich über Bedeutung und Tragweite des Antrages überliaupt nicht klar waren und auch jetzt noch nicht klar sind. Zuerst lacht man über diese niitleidwürdige Manier, durch Horabdrückung des nesainiiiivemis der I)elegiertenVersammlung den offiziellen Entwurf retten zu wollen. Aber das Lachen vergeht, wenn man nachher Schwarz auf Wciss 5 Delegierte verzeichnet findet, die den beneidenswerten Mut der capitis diminutio finden und nachträglich ihr Votum zurück* ziehen. Als ob in der Geschäftsordnung einer parlamentarisch geleiteten Versammlung irgendwo in der Welt solch nachträgliche Sclbstdesavouierung Berücksichtigung fände. Aber eine libirale Judenzeitung und das Hamburger Blatt nehmen gerade diese 5 Herren in Anspruch, um die Majorität für den Antrag Friedmann fortzuzaubern. Nun, wir können solche Spiele ruhig denen überlassen, die sie selbst ernst zu nehmen geneigt sind. Tatsächlich ist es ganz gleichgültig, ob der Antrag eine knappe Majorität hatte oder es auch nur auf 100 Stimmen Minorität gebracht hätte. Kein Gesetzentwurf, der im Schosse des Gemeindebundes selbst auf den Widerstand einer irgendwie beträchtlichen Minorität stösst, wird die Beachtung der regicre n den Körperschaften zu finden hoffen dürfen. Von diesem Gesichtspunkt sollten die Herren der Kommission bei ihrer Weiterarbeit sich leiten lassen, wollen sie wirklich ״pour le roi de Prussc“ arbeiten! Mögen sie nicht auf Stimmen hören wie etwa folgende: ״Die Verhandlungen grosser Verbandstage zeitigen nur selten ein befriedi- * gendes Resultat; die Beschlüsse sind oit nur allzu sehr Sache des Zufalls und des unbewachten Augenblicks — so auch *im vorliegenden Falle“ (Hamburger Familienblatt). Vielmehr sollten sie in voller Loyalität gegen die Be- Schlüsse des .Gemeindetages ernstlich und ehr* lieh, ohne Rechthaberei und Empfindlichkeit bemüht sein, ein neues Werk zu schaffen, einen Weg zu finden, auf dem man zu einer möglichst einmütig votierten Gesamtorganisation der preussischen Juden doch noch gelangt. Dr. Jeremias-Posen. Unsere Antwort auf die Angriffe der Alliance In einem Bericht der Alliance IsraClite Univcrseile aus den sechziger Jahren des׳ vorigen Jahrhunderts heisst cs: .Alle Hauptbckenninisse sind in der Welt durch Nationen und Regierungen, die sic schützen, vertreten. Wenn die Christen im Reiche der Musel-!!!.׳inner leiden, so geiiit darüber die ganze Christenheit in Bewegung. Die französische Regierung sendet den Christen in Syrien ihre Truppen zu Hilfe: jede protestantische Ocmclmlc kann auf die Unterstützung einer protestantischen Regierung rechne«. ... . . . |)le vet folgten Juden alle in wissen nicht, wohin sie sieh wenden sollen. Die Ölfentliclie Meinung, die Presse und die Teilnahme der Regierungen zu ihrer Hilfe aufzurufen — eben deshalb ist die Alliance gegründet worden.“ Zur selben Zeit schrieb in der liberalen ״Allgemeinen Zeitung des Judentums" Ludwig Philippson: ״Lines der ältesten und unverletzbarsten Vorurteile ist, dass man den Juden ein geheimes Versiäudnis, ein Zusammenhalten, eine Kamcradic zuschreibt, welche durch alle Glieder unseres Stammes, durch alle Zonen und Völker gehen und zum Nachteil der christlichen und anderer Völker, unter welchen wir wohnen, wirken.Das Vorurteil ist da; es wurzelt tick cs ist eins der gefährlichsten. Hüten wir uns mit grösster Fürsorge, ihm Nahrung zu geben, cs ist nicht bloss der Hass, der sielt jedes, des unschuldigsten Anlasses bemächtigen würde, sondern iluu!- ch nicht so weit gehen, um das Judentum des Verbrechens zu bescliuldigcn, dass in seiner Min ׳ Menschen vorhanden seien, die, wie dieser hrmale Mensch, die Gottcsälmlichkeit so ganz und gar aus seinen Zügen verwischt hätten. — Her Trunkenbold da unten machte jetzt eiiti- Bewegung, blieb aber bald wieder regungs* 10\ mtfliorchend stehen •-־ jemand kam die Ttv herunter. Juda beugte sich weit aus dem Eenster, um die Entwicklung besser sehen zt! können. Eine junge Dame, das Gesicht verschleiert, in eleganter Kleidung, trat aus dem Hause; sichtlich gehörte sie nicht den hier wohnenden Familien an. Einen Augenblick blieb sie verblüht stehen, über den hässlichen, widerwärtigen Anblick, der sich ihr darbot. Schon aber stolpctio Ivan fluchend und schimpfend auf sie zu; er hatte das Knistern von Frauengewändern vernommen, und in seiner blinden, unzurechnungs* fähigen Wut glaubte er bestimmt, seine Frau vor sich zu haben. Racheschnauend stürzte er auf die Dame *u, die, als sie die Gefahr erkannt, laut aufschrie, »׳in dem Mneschcn vorbeistürmte, um die Gitterfür zu erreichen. Ein einziger Blick überzeugte sic aber, dass diese verschlossen war, und dass auch keine Zeit vorhanden sei, um die schweren Riegel zurück zu schieben. Sie wendete sich um, um wieder in den freien Hof zu gelangen, da aber stand der Wüstling schon vor ihr, ihr in den Weg versperrend. Juda übersah sofort die ganze Lage; da am Hause links stand eine kleine Tür offen; er war* tetc nur noch, um die Dame da hincinflüchten zu sehen, um sofort die Treppen herunter zu stürmen, fünf Stufen auf einmal nehmend. Als er im Hofe ankam, hatte Ivan gerade seine Hand unter der Jacke hervorgenommen, und ein blitzendes Messer kam zqm Vorschein. Juda wusste, dass die kleine Tür zu einer Bodenkatnmer führte, die keinen weitern Ausgang hatte, so dass die Dame unrettbar in die Hände ihres Verfolgers fallen musste. Juda kannte diese Bodenkammer, denn er selbst hatte sich einmal dort hinein verirrt. Und Ivans schwankender Fuss hatte bereits die Schwelle überschritten; aber Juda war bereits hinter ihm. Mit festem Griff erfasste er ihn am Kragen, schlug ihm das Messer aus der schlaffen Hand, und durch einen einzigen kräftigen Stoss fuhr der Betrunkene, wie ein Kreisel sich drehend, auf einen weichen Düngerhaufen, wo er stumpfsinnig, plump wie ein׳ Mehlsack, der Länge nach hinfiel. Es war dieses das Werk von kaum einer Minute. ״Sie können jetzt getrost herauskommen,“ rief Juda der Dame zu; ״die Gefahr ist vorüber.“ Schüchtern kam sie «an Juda heran, der jetzt erst bemerkte, dass er ein ganz junges Mädchen vor sich hatte, dessen bildschönes Gesicht unter dem Schleier kreidebleich war. Ein Zittern überlief ihren ganzen Körper, als sie nach Ivan hinsah, der jetzt auf seinen Ellbogen gestützt, heu* lern! und winselnd dasass. ״Ich danke Ihnen,“ sprach sie einfach und bereits wieder gefasst, als Juda den schweren Torflügel, der nach der Strasse führte, für sie geöffnet hatte. Aus dem Ton ihrer Stimme konnte Juda gar nicht entnehmen, wofür sie ihm eigentlich dankte: dass er ihr den Ausgang frei gemacht oder dass er ihr das Leben gerettet. Er liess es daher für beides gelten. ״Darf ich Sie nachhause führen?“ fragte er, ein wenig misstrauisch und zagend. ״Der m> angenehme Vorfall hat Sie sicherlich erschüttert.“ ״Ja, wenn ich bitten darf, begleiten Sie mich nach unserer Wohnung,“ erwiderte sie freundlieh; ״sicherlich wird mein Vater Ihnen persönlieh seinen Dank aussprechen wollen. Er würde gewiss schelten, wenn ich Sie nicht mitbringen sollte.“ Juda rief eine Droschke herbei, war aber nicht wenig erstaunt, als er die Adresse hörte,