Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2651273-2651605-2651630--06454-2663545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JUEDISCHE RUNDSCHAU Suite 285, No. 25. jliiiiioii des Begriffes ,,tuitit>n;11“. Er ist jedoch im Irrtum. I>ic Definition fliutct «,ich Sette 09-70. teil u-rirote mn den Standpunkt, dass In der Frage, ob wjr .Inden noch eine Nation seien, allein die historische Untersuchung zum Ziel führen könne, dass eine voreilige Festlegung des Begriffs einen Irrweg Meute, über den Sinn eines IJcsriffs, der eine durchaus Historische Bedeutung hat, kann nur die liisiorischc Untersuchung entscheiden. Leider gibt 1V!1 ('11t|,lm,11m für die mit Unrecht hei mir vermisste iMim״"״ nicht seine eigene, gegen die ich mlelt lullte wenden können, Er meint nur, der Begriff des Nationalen sei bvi 1״•r zu weit gefasst. Wenn wir liebevolle historische Erinnerungen unserer alten N.1uoa.1igesclnch1c. pflegen, so sei dies noch nicht uatioo.ii /n nennen. .In, dann möeiitc Ich gern wissen, wie ו י ו" CS sonst nennen solll Wenn wir Juden am Passimost die Befreiung Israels von der ägyptischen Kuccl.1>ch:»ft feiern, so scheint mir das Passahfest;,llcrd lies ein nationales Pest zu sein. Wenn wir dem Volke Israel eine besondere Kulturmission zu* schrei! ca, so scheint mir dies allerdings eine nationale ,Missi! I /n sein, eine nationale Mission religiös* kulti:> teil Inhalts. Wenn wir hier mit Ooldmann von histo!; «chen Erinnerungen und Ideen, von historischem bewr >,..ct1> und dcrgl. sprechen, so Ist diese nur ge• cigtKt. den wirklichen Sachverhalt zu verdecken. Pcun «.s handelt sich hier doch um historische Er* iimeriingct — für uns Juden, um Erinnerungen aus unsere;• Nationalgeschichte, die für uns so bedeutsam sind, d.iss sie bis zum heutigen Tage sogar den Anlass und Mittelpunkt einer bedeutsamen religiösen Feier!■!Kien! Ich denke, dass wir uns gewöhnen inuss.n. jedes Ding beim rechten Namen zu nennen. W .ami Ooldmann den von mir als national bc* ■,.ciclnicten örütz mit einem Ausrufungszeichcn vor- .sieht, dafür ist er mir noch die Aufklärung schuldig. Vorlaiiiiw möchte Cclt mir die Mühe sparen, etwas so orten zutage Liegendes mit Dutzenden von Beweisen zu hciiiingin und bei dem unterrichteten Leser ein Lächeln oder Langeweile hervorzurufen. Nur eine Stelle statt vieler! Von Juda Halcvis Religions* Philosophie .sagt Qriitz: ״Sein System, so viel schwache Seiten cs auch dem tiefen Blick verrät, enthalt dennoch viel Wahres, vor allem ist cs national, und 41er Weg, den er cingcsclialgcn, ist der einzige, der zum rechten Vcrstündnis des Judentums führt." Mit soll ich ühcrschcu, dass die Geschichte des indischen Volkes durch tausend Pildcn mit der Geschichte der Wirtsvölker verknüpft sei. Ich wüsste hiebt zu sagen, worauf sich diese Behauptung Gold* iiiunus stutzt. Dass die Juden von der Kultur ihrer Umgebung beeinflusst wurden und gelegentlich auch auf sie zuriiekwirkten, ist z. B. S. 41 und S. 64—65 meines Buches zu lesen. Eine ausführliche Ausein* aiklersetzung hierüber und über die hin* und herübergehenden wirtschaftlichen und politischen Wechsel* wirkimgen konnte ich mir icdoch ersparen, da cs für mich vor allem darauf ankommen musste, den Nach* weis zu führen, dass das Judentum,׳ in und trotz seiner Diaspora und trotz der in gewissen Grenzen bestehenden Wechselwirkung zwischen ihm und der cs trngebenden Völkcrwclt, seinen nationalen Cha* i.ikter zu behaupten gewusst hat. Gegen diese von mir nachdrücklich betonte Tatsache hiUto sich Ooldmann 'vciulen müssen. Er hätte dartun müssen, dass die Berührung Israels mit den andern Völkern Jenes ent* nationalisiert Italic. Das aber liut er nicht getan und ׳ich mit der oben angegebenen allgemeinen Rede* Windung begnügt. Geradezu verwunderlich und bclrcmdcnd aber "״' s es klingen, wenn Ooldmann die Aussichtslos!«• kwit und Unnntürlichkcit des Zionismus damit zu bc* gründen sucht, dass er auf das angebliche Pehlen eiinr spezifisch-jüdischen Kultur hinwclst, in der der nationale Wille verankert werden könnte. Wenn (׳׳׳lütnann in dem Leben der östlichen und oricntali* (dun Juden, die doch die grosse Majorität aller Juden 1’״den, keine jüdische Kultur, wenn auch nur eine niicttokuitur, zu erblicken vermag, dann weiss Ich 'Wirklich nicht zu sagen, was er sich eigentlich unter Kultur vorstcllcn mag. Auch braucht der nationale Wille schlechthin nicht erst geweckt zu werden, wie Boldmar.n meint. Da* ziihe Festhalten an der natlo* ";den Kultur unter tausend Hemmnissen und Schwierigkeiten boweist ja deutlich genug das Vor- ׳•״mdcnscln des nationalen Willens; und dor national• »icssianischc Glaubo ist doch auch nichts anderes, «ls die religiöse Form dieses nationalen Willens, als die religiöse Form der Hoffnung der jüdischen Nation aut ihre natlonalo Wiedergeburt! Ja, ein Rest dieses nationalen Willens, gloichsam in ׳seiner abstrakteu Form, Ist selbst noch in'denjenigen westeuropäischen Juden lebendig, die, ohne starkes religiöses Baud, ja oft ohne alle Religiosität, doch Juden bleiben wollen. Von einem Wecken des nationalen Willens überhaupt, als wäre dieser gar nicht mehr vorhanden, kann In keiner Welse die Rede sein. Die Wall rheit Ist, dass der nationale Wille im Judentum als Ganzes noch nie au {gehört iiut. Der Zionismus hat den jüdischen Nationalismus in unseren Tagen nicht erst geschaffen: der ist vielmehr so alt wie das jüdische Volk selbst. Der Zionismus hat dem Jüdischen Nationalismus vielmehr nur schic he* sondere politische Form und Tendenz, gegeben, veraulasst sowohl durch die Innere geistige Luge wlo durcii die Zcltumstündc. In den Kreisen der iüdisclicn Aufklärung Russlands entstanden, bedeutet er nichts anderes als den Übergang des latenten und passiven Nationalismus in den bewussten und aktiven. Das jüdische Volk, zur ruhigen Besonnenheit und zum vollen Bewusstsein von der Unwürdigkcit und Unhalt• barkeit seiner Lage erwacht, will sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, und, indem cs dem nationalen Willen eine bestimmte politische Richtung gibt, sich selbst aus seiner schmählichen Lage befreien. Dies und nichts weiter bedeutet der Zionismus. Nun meint aber Ooldmann, wenn das latent vorhnndene Gefühl der gemeinsamen nationalen, oder, wie er lieber cuchierend sagt, historischen Ver* gangcnlicu in gewissen jüdischen Kreisen zum bcwussten und bestimmt gelichteten Nationalismus, d. 11, Zionismus gefüllt( habe, so sei diese Umbildung nur als eine vorübergehende Zeitersciieinung zu bctrachten. Der allgemein herrschende Geist des Nationalismus halte auch auf das Judentum uhgefürbt. Nun denken wir gar nicht dv.ran zu bestreiten, dass der allgemeine Kulturgeist die Ausbreitung des Zio* nisutus, besonders in manchen Kreisen der westliehen jüdischen Intelligenz, begünstigt habe. Nur stossen wir eben hier auf einen Grundirrtum Gold• munns, von dem allerdings noch immer der grösste Teil der jüdischen Intellektuellen beherrscht wird. ln und infolge der Zerstreuung war ein gewisses Nachhinkcn im Vcrhültnis zur allgemeinen Kultur leider nicht selten das Los der Juden. Mehr als irgendwo huldigt bei uns die Intclii* I geuz, noch immer einem abstrakten Knsmopoliusmus,! der bei den philosophisch und religiös Interessierten die Form des abstrakten Unlvcrsali.smtis angenommen hat. Dieser abstrakte Kosmopolitismus• ein Kind der Aufklärung, die bei uns Juden in erst später als bei unserer Umgebung eingezogen ist, wird bei uns einer* seits und am stärksten durch das politische Interesse des P.immzipationskampfes, d. 11. im Grunde durch eine unzulängliche Auffassung mul verkehrte Wahr* nchmung unseres wirklichen nationalen Interesses ge* nährt und begünstigt, und andrerseits, in engeren Kreisen, durch die Glorifizierung des prophetischen Judentums, das man als eine historische Antizipation des neueren abstrakten ethischen Universaiismus missversteht. Ooldmann meint daher, dass bei mir eine Betrachtung des Wcrtprohlcms fehle, und dass der ethisch allein wertvolle Universaiismus mit allem andern Nationalismus auch den jüdischen wegfegen und dem Zionismus seine Unterlage entziehen werde. Wir meinen mm demgegenüber umgekehrt, dass die Juden allmählich lernen werden, sielt von dem unfruchtbaren und hohlen abstrakten Kosmopolit tismtis und UnivcrNatlsmus zum konkreten zu bc* kehren, der einen intensiven Nationalismus nicht nur verträgt, sondern geradezu fordert. Wir stehen hier ohne Frage vor dem bedeutsamsten, well moralisch schimmernden Einwand, den Ooldmann durum auch ln den Vordergttmd rückt und den mit ihm die meisten liberalen Rcliglonsjudcn laut oder int stillen gegen den Zionismus erheben. Wir müssen daher etwas länger bei ihm verweilen. Qoldmann sagt: ״Österreich kennt das Streben nach nationaler Kultur und geht dabei zu Grunde." Wir wären sehr begierig, wie Qoldmann als Praktiker österreichische Politik machen würde, oder wie etwa gar als Dcutsch-Üstcrrelchcr. Es gibt hier für eine vernünftige praktische Politik gar nichts anderes, als clno ausgleichcnde Gerechtigkeit, die für die zu einem Stnativcrband vereinigten und vielfach ineimtnderge* tchobonon Nationalitäten nach dom recliton Status, nach einem billig verteilenden modus vivendi sucht. Ohne Kampf Ist nun einmal das Leben der Völker ebenso wenig, wie das der einzelnen Menschen. Man kann als anständiger Mensch sein Volk und die Kultur seines Volkes nicht einem schemenhaften Universaiismus zum Opfor bringon. (Forts, folgt,) ״Semitische Hausierer“ Unter den Christen der palästinischen Christen- Städte Bethlehem und Na/.aictli besteht seit langem eine ziemlich lebhafte Auswandcrungsbewc* g u n g. Besonders die Bcthlclicmitcn durchstreifen die ganze Welt und sind meistens als Händler und Hausierer tätig. Ursprünglich war es wohl der lohnende Vertrieb der in Bethlehem und anderen Städten des Heiligen Landes hergestellteii Andcnkcnurtikcl, der zu diesem Erwerb ermutigte, später aber wandten viele dieser ehristilcheit Syrer sich dem allgemeinen Hausierhandel zu. Die Leute verdienen ganz gutes Geld und bringen cs hei ihrer grossen Hcilllrinislosigkuit bald zu einem hcschcidciicn Vermögen, das dann meist dazu verwendet wird, in der Heimat ein Stück Land zu erwerben, oder Irgend weiche Geschäfte zu machen. Natürlich kommt cs auch vor, dass diese nächsten Vettern des Heilands auf ihren Handelsreisen auch mal in das angestammte Gebiet eines deutschen Klein- Kaufmanns cinbrcchcn, und dem sind sie dann naiiirlieh nicht die christlichen Brüder aus den lieben Heiligen Stätten gemeinsamen Christcngkiubcns, sondem ״geriebene und skrupellose* Semiten." Auf diesen Standpunkt ist auch die ״Staatsbürgcr-Zeitung“ hcrcingefnllen. obwohl deren Geschäftsbetrieb von diesen Semiten doch sicherlieh nicht gestört wird, und so kann inan in den folgenden Ausführungen des genannten Blattes sehen, wie da förmlich die ״Blume der Christenheit" — Leute sogar, in deren Adern vielfach das Blut teutscher Kreuzfahrer mitilcusst — in den Topf der ״Scmiten und Hausierer“ geworfen werden. Es heisst dort: ״Zu einer immer grösseren Landplage wachsen sich in Südbrasilien die in Massen cingcwanderten Syrer und Araber aus. Wie alle Semiten geriebene und skrupellose Geschäftsleute, haben sie sich des ganzen Hausierhandels bemächtigt. Einzelne Kapilalkräftigc unter ihnen bilden die geschäftlichen Zentren, von denen aus die deutschen Kolonien überschwemmt werden. Die Ware, die sie mitführen, ist durchweg minderwertig, auf den Schein berechnet und besticht durch scheinbare Billigkeit. Der Reiz für den ehrlichen, über wenig Warenkenntnis verfügenden deutschen Bauern ist sehr gross, die bequeme Gelegenheit, die ihm die Ware bis in seine einsame Pikade trügt, zu benutzen. Zumal Frauen und Kinder begriissen ״den billigen Mann*' mit Jubel. Pass er diesem auch die Reise mitbezahlcn muss und ihn als Nacht- und Tischgast aiifnimmt, berechnet sich der Bauer nicht. Da er ehrlich ist. gibt ihm der schlaue Araber gern Kredit bis zum nächsten Male. So leidet zumal der solide deutsche Kieinkaufmann in der Kolonie schwer unter dieser minderwertigen Konkurrenz." Berichtigung Vom Vorsitzenden der Jüdischen Turnerschaft geht uns die folgende Berichtigung zu: In der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes enthält der Bericht über unseren IV. Turntag (Seite 271 mittelste Spalte) folgende Stelle: ״Der Redner beleuchtet dann den Zusammcnliang zwischen der jüdischen Turnbewegung und dem Zionismus, dem erstere ihre Ent- Stellung verdanke. Deshalb mögen sich die jüdischen Turner als Avantgarde der zionistisehen Bewegung fühlen und im Sinne der nationaljüdischcit Ideen wirken." inr uericiitcrstatter hat die Worte des Vorsitzenden falsch ausgelcgt. Aus dem beiliegenden würt- Heb c n stenographischen Protokoll der Eröffnuagsrede (Seite!MO werden Sic ersehen, dass es statt V״ n11 ,s.11 stc!11 c״ , wc K יי n,g" ..11 a 11 ona I - }U ul sehe \ A c c in llircin Berichte hatte heissen müssen. יי AUS ALLCR W£LT :5 Deutschland Unter den 7543 Personen (5844 männliche und 1979, weibliche); welche 1907 In Prcusscn Selbstmord verübten, befanden sich 146 jUdlscho Selbstmörder. Diese Zahl ist geradezu erschreckend, denn während auf je 100 000 Christen 19,3 Selbstmörder entfielen, kanten auf je 100000 Juden 35 Selbstmörder. Russland In Petersburg ist ein Gerücht verbreitet worden, dass ein allgemeines Schächtvorbot für ganz Russland geplant wird. Der dortige Rabbiner Katzcnellcnbogcn hat sich deshalb mit einer diesbezüglichen Anfrage an den Premierminister Stolypin gowandt. Dieser antwortete ihm In einem Privatbrief, dass jenes Gerücht unbegründet sei.