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Jüdische Rundschau · 1909-06-18 · Heft 25 (18.6.1909) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 25 (18.6.1909)
Date
1909-06-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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rohe Natürlichkeit eines rechten Dortmunds besessen hat. Seine wesentlichen Charaktci'züge sind im heidamakiseh-walachischcn Dorfe gereift, in dem er «choren 1)ח|ן;mfucwaelisen!st. Den Dorfweibern, mit denen er gemeinsam auf den Feldern ״Kräuter" als Medikamente sammelte, hat er die Melodien abRchorcht, mit denen sie ihrem Hiittüuscliimgsschmerz über cittschwiinden c Liebe und ihrem Siimcnüurst Ausdruck gaben. Er zeigte eine besondere Vorliebe für Pferde, für den ״Duft" des Alkohols und manche andere in diesem Mibe» heimische Abnormitäten. Ebenso hat er sich die in dieser Umgebung lierrseliciuien Arten des AberRlaiibens und der Zaubereien ungeeignet. Jcdeufalis sollten Reradc seine Verehrer cs unter• lassen, dieses Hnch ihrer Beurteilung des Beseht zu• «runde zu lenen. Die Attribute, die man Ihm, sien darauf .stützend, wird hcilcRcn müssen, können unter keinen Umstünden dazu beitraRen, seinen Ruhm zu beRriindcn.1) Eine nnRefülire Vorstellung vom Beseht wird sich wohl der Leser gemacht hüben. Und danach werden auch dicjciii'Kcn zu bewerten sein, die sieh um diesen Mann scharten und seine Worte als Ausfhiss innerer Religiosität umgriffen. Es waren meist kiieclicrisehe Naturen, Schmarotzer, denen sieh leichtgläubige phantastisch veranlagte Dunkelmänner zuRoscllte״, Ein Mann von elitigermusscn feinerer Kultur wird unmöglich sich dieser Gesellschaft angc• schlossen haben. Die zur Zeit der Entstehung des Chassidismus lohenden ״Muskilim" erkannten dieses Irrlicht mit durchdringendem Blick. Sic wussten, dass die Freude der Chassidim nicht immer der Erkvtmtnis ewiRcr Wahrheiten, der Grosse der All• natur, wie etwa Maimoiiides sie dachte, entsprang, sondern dass cs eine Freude war, die man heran• sehenden Qctriiukcu verdankte, die die Chassidim tranken, um die ״Seelen dev Toten zu lilutcrn." Nicht deshalb haben die Wunder ״Rabbis” sich als Gott* verklärte .־wsgegcbeit. um ihre Getreuen innerlich zu befreien und des durch die Cicsctzesvorschriften auf sic lastenden Druckes zu entledigten, sondern um sich selbst empor zu heben und ein Mittel zu haben für eine geistige und materielle Ausbeutung ihrer ver* mmft• und kulturlosen Anbeter, Mir wenigstens ist cs undenkbar, dass alle diejenigen Schriftsteller, die heute in die Apotheose des Chassidismus cinstimmcn, als ob hier tatsächlich das ersehnte Erlösuugswort zu finden wäre, mir, sage ich, ist es undenkbar, dass diese Schriftsteller mit diesen Chassidim unter einem Dache wohnen könnten und an ihrem ״Rcscllschaftliehen Leben", das vor. der Wildheit der Abgötterei und des Götzendienstes beherrscht war, tcilnelunon würden. Gewiss, auch der Götzendienst batte seine Da• scinswiirde. Hs ist Aufgabe des Kulturliistorikcrs, ihr mmhzuprüfen und sie festzustellen. Es ist auch unzweifelhaft, dass der Gützcnkult einen reichen und geeigneten Stoff liefert für eine poetische Vcrarbei• tung und Verklärung. Man bedenke: Männer ohne ״Bücher", ohne feststehende Normen und Gesetze, erfinden einen neuen, eigenartigen Kultus für einen Gott, den sic zwar nicht kennen, aber überall In der ganzen Natur atmen und anbeten, In den Grashalmen *) Die Zitate aus ״Schwoehc ha-Ikscht" die diese Charakteristik bestätigen, kommen am Schluss dieses Aufsatzes. und im Erdengestein, im Himmel und in der Lrde, im drohenden Gewitter und in jedem schimmernden Stern. Ueborall finden sic ihr Aiibctungsobjekt, jauchzen ihm entgegen unter Entäusseriiiig ihrer Kör• perliclikcit und tanzen vor ihm mit Begeisterung und Extasc. Gibt denn nicht all dieses einen geeigneten Stoff ab für poesicvolle Sagen, Erzählungen und Märeben? Nicht herzlose Uiiehcr, von einer trockenen Logik und einer kontemplativen Anschauung, sondern lebende Menschen sehen wir hier, Menschen, die in ihrer Unwissenheit und Wildheit so natürlich sind, Menschen, die cntblüsst und in Unart cinhergelicn und sieh geberden. So sieht die Menschlichkeit" aus, mit der uns der Chassidismus des Beseht beschert hat! Das .ludciuum brachte Männer von grossem Intellekt und scharfer Logik hervor. Diese Armen besassen Men• sclienwilrdu und Menschenrechte, aber sie verstnnden nicht, ihre Rechte so geltend Zu maelien. dass sie sich an Gottes Welt erfreuen könnten, sondern wehklagten Über Ule Verbannung der Göttlichkeit, verkrochen sich in lichtscheue Schlupfwinkel und umgaben sich mit einer chinesischen Mauer. Diese Umglücklichen sind wirl iieh beklagenswert, haben eben-! so vergeblich gelebt wie sie gestorben sind. Aber j cs waren Männer, die wob! aus dem Paradiese der. | 1 Lebens verscheucht waren, die sieh aber mit ihrem ן י lief denkenden Geist und schauendem Gemüt zeit-! \ lehens mit Forschungen, wenn auch avif sterilem Gej I l.ict abmühten, Männer, die Werke verfassten, die j! eine öiientliclie Moral und eine gesellschaftliche Ge*! j sittung fiir das ganze Exillcbca hervorbrachten. Wie j; man auch über diese Moral und diese Gesittung denke, ׳ und wie sehr sic auch gezwungenermassen das Leben verdüsterten und versteinerten, so ist cs doch un* streitig, dass das jüdische Volk im Exil sich unmöglich als eine Einheit erhalten haben würde, ohne von dieser sozialen Maral behütet und beschützt worden zu sein. Nun entstand der Chassidismus und, wie bcliauptet wird, mit ihn neue ״Menschen", die angeblich das j Judentum von diesen ״Büchern" befreien sollten. Aber wie sieht der Ersatz aus, der uns hierfür geboten j wurde? Nicht ewige Wahrheiten über die Erkenntnis i des Weligauzeii, nicht eine Rovolutionicrung des Den- I sens und Glaubens, auch nicht das unmittelbare, na- 1 türliehe, trete und allgemeine menschliche Empfinden, } wie sie die Haskalah anstrebte, sondern einige Wundcrgcscliichtcn, Phantasie-Ausflüsse und abcrgläu* I bische Märchen, die wohl geeignet sind, dem Belle-! tristen und Dichter Material zu geben, und Anhaltspunkte zu liefern für eine Beurteilung des moralischen mul geistigen Niveau, eines Teiles der damaligen Judeniicit, unter keinen Umstünden aber geeignet sind, eine sittlich-nationale Erziehung zu begründen oder als wahrhafte Volkslitcratur zu gelten. Sie haben in ihrer Zeit sicher viel geschadet, sic haben aus dein 1 jüdischen Geist ein Zerrbild gemacht und den Einzel•! jaden degeneriert, Sie haben die Gefühle des Juden 1 verdunkelt und verkrüppelt und sein ganzes Wesen! veruntreut. Die durch die Beseitigung des Talmud• | Studiums entstandene geistige Leere füllten sic mit i Albernheiten, dunkeln Auslegungen und Zauberzciehcn! aus, welche aber auch nicht einmal originell waren, i Seinen ganzen Wortschatz in den Lehren hat der! Chassidismus der Kabala entnommen, ohne — wenn 1 man von Rabbi Sclmcur Salman aus Lydi, absicht, — S'g*!!L 11LJ«11 ÜJggHBg wesentliche Vorschläge zu machen. Er hatte geglaubt, dass einige wohlgefügte Worte ge* niigen würden, um diese zum Ausdruck zu bringen und zu begründen; aber es war bereits eine halbe Stunde vergangen, und et■ sprach noch immer; ihm war cs, als könne er die Flut seiner Beredsamkeit, die aus der Herzenstiefe hervorquoll, nicht mehr zügeln oder zurückhaUen, und gälte es, auch dadurch sein Leben zu retten; mit jedem Atemzuge nahm sie zu an Kraft und Ausdehnung, um schliesslich zu einem Wirbel• sturm überzeugender Kraft überzugehen, zu einem Sturm leidenschaftlichen Feuereifers sich auszuwachsen. Er merkte es gar nicht, dass seine Zuhörer mit offenem Munde verblüfft und erstaunt zu ihm aufblickten, Er sah sie über* haupt nicht mehr; er sprach eigentlich gar nicht zu ihnen, sondern mehr zu sich selbst, und was er sprach, war ja nur eine Wiederholung seiner nächtlichen Träume, seines brennenden Verlangens bei Tag; das waren ja die Oedanken und Empfindungen, die seit langer, langer Zeit sein Herz bewegten, immer wieder in sein Inneres sie zurückdrängend, dort eifersüchtig sie bewachend, aber dabei fort und fort sie anhäufend, bis kein Raum mehr vorhanden war, sie noch weiter unterzubringen. Und darum sprach er jetzt; alles, nichts zurückhaltend, weil die Ausspräche für ihn das war, was dem Erstickenden die reine Himmelsluft ist. Ais er sich endlich glühend, erhitzt und er* regt niedersetzte, herrschte einen Augenblick tiefes Schweigen, dem aber bald eine kurze, flüsternde Beratung der Anwesenden folgte. Endlich nahm Bellinsky das Wort‘. ״Sie können nicht länger mit uns zusam* men arbeiten, Engelsolm,“ sprach er einfach. ״Wie? Wn—warum denn nicht?“ fragte Juda bestürzt, ausser sich. ״Weil Sic zu gut, zu stark für uns sind. Wollen wir ein gemeinsames Ziel verfolgen, so wollen wir nicht m i t Ihnen, sondern unter Ihnen arbeiten. Denn Sie, ein Fremdling, ein Neuling in der Bewegung, haben uns gezeigt, dass Sic in Minuten das fertig bringen können, was wir vergeblich in Jahren angestrebt. Freilich haben wir Männer unter uns, die diesem Ziele, diesem Streben das Mark ihrer Jugend, die Spannkraft ihres Lebens geopfert —־ und keiner mehr als ich — doch jetzt müssen wir alle zur Seite treten. Soll unser Vorhaben gelingen, so muss der Unbedeutendere neidlos dem Bessern Platz machen, ohne Murren, ohne Klage; denn nur der Beste und Fähigste ist für die heilige Sache gut genug; nur er soll befehlen, nur er regieren dürfen* — Und darum, Engelsohn, seien Sie auch nur einen einzigen, aufgeklärten Geist hervor*!!, bringen, der auch die theoretisch-philosophischen (jc. dankengänge der Kabalen zu erfassen veruiüeiiie U!״ ganze Tätigkeit der Chassidim bestand darin,’ dM der Kabala entlehnten unverstandenen Worten |)cu. tungen bcizttlegcn, die blos einer krankhaften ]*)!antaslik entspringen Können. Das Judentum am Scheidewege Von Rabbiner Dr. Max Joseph, Stolp f. j>, (Fortsetzung.) üofdmaiiu meint (General - Anzeige |״r die gesinnten Interessen des Judentums, 7. ׳!,!!,>׳ No. 21): ״Das Judentum am Scheidewege" 11.,!,!,; ur! vielen Stellen eine Unsumme von IJchauptunzor. f״r die der Beweis gar nicht geführt sei. Es mag sein, dass manche Einzelheiten, die mir allzu geläufig waren, mir der Begründung nicht mehr bedürftig sch,>:״en! lut (ihrigen durfte ich aber hohen, dass die i)!׳,. kussion, die ich erwartete, mir zur spezielle:׳ Me• (Erfindung aller Irgend beanstandeten Punkte!ekhe Gelegenheit bieten werde,!n einem Buche, ä. , ir, seiner Grundanscltauimg von der verbreiteten so grundsätzlich abwcicht, und das dar.iui ״as. ging, diese Anschauung in ihren Ürundzügcn und klar htrauszuarbciicn und zu begründen, dufte ich bei den Einzelheiten nicht allzulange verv .; ,ui, wenn, wie Goldmaim richtig hcrvorliebt, die Unter, suclumg keinen schleppenden Gang hätte amai: .en sollen. Die Tendenz meines Buches, das sieh dmeli den Verstand hindurch un den Willen und das v1׳- sunde moralische Gefühl richtete, schloss das n.»׳,nrgemäss ans. Völlig aber verkennt Goldmanu die Tendenz meines Buches, wenn er meint, ich u.iru wohl mehr darauf ׳uisgegangcn, zu begeistern als /a überzeugen, ich denke, dass ein Buch, wenn es mJi auch auf wissenschaftlicher Grundlage aufbant, 111.M durchaus einen langweiligen Ton ansohlagcn m::s5, zumal wenn cs sich für den Autor um eine Sache seines innersten Interesses handelt. Ton und Stil meines Buches erklären sich zur Genüge daraus, dass ich das, was ich mit unerschütterlicher Gewissheit *als wahr erkannt hatte, nun auch in einer ebenso klaren, wie eindringlichen Beweisführung dem Ve;• stündnis und dem Herzen aller Denkenden, aller Denkenden unter den Starken und Edlen des jüdischen Volkes nahe bringen wollte. Dem Herzen durch den Verstand hindurch I Ich denke, dass die Sorgfalt, mit der ich jede Frage historisch, psychologisch und dialektisch behandelt habe, dieses Grundstreben deutlich genug hervortreten lässt. Aufrichtig muss ich daher bedauern, dass Goldmann sielt nur auf eine Besprechung beschränkt hat, die ihm nur zur Berührung einiger Hauptpunkte Gelegenheit bieten konnte. Doch gereicht es mir immerhin zur Befriedigung, dass ich auch so wenigstens einer Reibe von Ausstellungen seinerseits begegnen kann. Goldmann vermisst in meinem Buche eine Deunser Führer; willig und bereit wollen wir alle Ihrem Banner folgen!“ Auf diese Weise kam es, dass Kadimalt /׳! Juda überging. Es dauerte auch Rar nicht lauge, und sein Ruhm drang weit hinaus über me engen Grenzen des kleinen Vereins. Wo imrv.* er sich blicken Hess, auf den Nalewska’s, in tLr Franziskanergasse, oder wo sonst die schmalen und etiRen Gassen und Plätze von den hundc.i* tausenden seiner Brüder bevölkert waren, jeder blickte ihm mit Bewunderung nach, und 1m> > flüsterte hinter ihm her: ״Da geht Juda Eng«■!־ solm.“ Jeder, der den mächtigen Löwenkopf mit der breiten Denkerstirn, mit den furchtlos und feurig blitzenden Augen bemerkte, wer den auirechten, kühnen Gang und den festen, dröhnen* den Schritt wahrnahm, wer die Entschlossenheit und das Zuversichtliche seines ganze״ Wesens betrachtete, der sprach befriedigt zu sich selbst: ״Ja, ich dachte cs mir gleich, nur so und nicht anders kann Juda Engelsohn aus• sehen.“ (Fortsetzung folgt.)

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