Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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t JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 283. Idee». Wtiss der Hilfsverem das nicht? oder »tat; er cs nicht wisse»? Es ist nicht meines Amtes, auf diese Frasren ni antworten.־‘ Peimjeecmlhcr hcsclt tränken wir uns, da wir im Interesse der jüdischen Sache bemüht bleiben, eine Polemik mit anderen jüdischen Organisationen zu venm'ideu, auf folgende Erklärungen: I. I'cr Milfsvercin der Deutschen Juden hat sich iiicmals /um Prourntiii» des Zionismus bekannt oder jiitmistiselie Tendenzen gefördert. Allerdings ist er immer bereit, ohne Voreingenommenheit mit jeder Organisation in konkreter praktischer Arbeit sich zuj.nuireitzufindcn. I *ie hebriiischtf Sprache dient in unseren Kindec.irten als Unterrichtssprache, weil sic bei den vieispi.!eiliger, Elementen die gegebene einheitliche Unten ietussprache ist. Es ist dies eine pädagogische Sotwendigkeit, der sieh niemand verschlicssen knnn der •i.e Verhältnisse an Ort und Stelle kennt. Hat aovli ״ns ucnselben Erwägungen heraus auch der Ciiaei.im Haseln in Konstantinopel neuerdings vorlugt, «',.iss sämtliche Berichte und Eingaben an ihn, um du• Vielsprachigkeit zu vermeiden, in hebräischer <j1r.\ 0׳ ungefasst sein sollen, v 111 der Auswahl der Lehrer und Lehrerinnen vird .111 i1iifsver״in ausscfiliesslieh davon geleitet, I)crs.>1i!e!1keite11 anzustcllen, deren religiöser und sittik .1׳ Lehcuswiiiidel zu keinen Bedenke» Anlass gibt, ״ad deren pädagogische Fähigkeiten dem ihnen ,;:iziin•! Hauenden Amte entsprechen. Der Hilfsverein Imt seinem Lehrpersonal die besten Erfahrungen gtfiiia.;;!,!tnd cs ist iniu nie bekannt geworden, dass seine!.einer und Lehrerinnen die vom Hilfsverein .mfgcstellte» Grundsätze fiir die Erziehung und den Intel rieht nicht inr.chnltcn. I».c Grundsätze unseres Erziehungswerkes haben i!ci1 .;uis trefflichste bewährt. Nach der Verscliic• denlici. der lokalen Bedürfnisse• — nur diese sind iiiasse.i’eni - ändern sich selbstredend auch Unteriieiitssi'i.ielie und Unterrichtsgegenstiinde. im Orient hcnuvi.t unser Schulweik, eine bodenständige, mit een Ilviiuatspraclien vei traute, ihrem Vatcrlandc erttcbcuc. mit ausreichenden Kenntnissen für ihr Leben um! Wirken in der Heimat ausgerüstete und ihr Judentum achtende Jugend hcranzublldcn. •L has Fundament unserer Erzieliungstätigkeit im Orient bilden naturgemüss die Kindergärten. Aber auf diesem Fundamente haben wir in der kurzen Sunm?.nt ein Sclmlwerk errichtet, wie In demmII'cii i\itraimi nie eine Organisation zuvor. * II. 1s Sclmlwerk, an dem wir beteiligt sind, umlasst heute 14 Kindergärten, 1.1 Knaben- und Müdclivnsclitilcn. 2 Handelsschulen, 1 Hanshultungsscliulc, I Lehrerseminar und 2 Mädclicnlicimc. Ausserdem 11.1t der llilisvcrein zu der Begründung des Jüdischen instmits für technische Erziehung in Palästina zu li.iiia,!las jetzt ins!.eben tritt, die Initiative gegehen. \ Unsere Schulen entsprechen, was den reilgi״sen Standpunkt anbei,ingt, sowohl den religiösen Anschauungen der einheimischen Bevölkerung als auch den Forderungen der religiösen Autoritäten im Abendland. Das muss uns genügen. ifilisvcrclii der Deutschen Juden. .) a in es Simon, Vorsitzender. Rumänischer Brief Der auch im Auslände bekannte antisemitische Universitätsprofessor Jorga wurde aus sämtlichen 1m österreichischen Rcichsrat vertretenen Ländern atisgcwiesc». Herr Jorga wollte in Begleitung einer grossen Anzahl rumänischer Nationalisten einen Ausfing nach der Bukowina machen, er wurde aber an der Grenze in itzeam von den österreichischen Bebürden ungehalten und ebenda wurde ihm auch das Ausweisungs-Dekret olngcliündigt. Herr Jorga sandte eine Protcst-Dcpcschc an seinen Gesinnungsgenossen Lueger, den Bürgernteister von Wien, worin er seine Verwunderung ausspricht, dass es möglich sei, dass unter einem Minis* tcrium, in dem auch die Christlich-Sozialen vertreten sind, er, der Vertreter der Antisemiten In Rumänien, durch jüdische Intriguen ausgewiesen werden soll, .Es wurden auch hier zwei Meetings, eines In Bukarest und eines in .1 a ss y, abgehuiten, an denen sich aber nur die Studenten, die ohne Ausnähme antisemitisch sind, beteiligt haben. Im allgemeinen abet nehmen fast sämtliche Zcitungen gegenüber Herrn Professor Jorga eine feindliche Haltung ein. Ein von den Czernowitzer Studenten an de» rumänischen Abgeordneten im Rcichsratc adressierter Protest, erhielt die Antwort, uass wenn Herr Jorga mit seiner Ausweisung nicht zufrieden sei, er den Beschwerdeweg beschreiten spllc. Ihre Pflicht sei cs, den gesetzlichen Weg cinzuhaitcn. Herr Joiga wurde schon vor einigen Jahren aus Ungarn ausgewiesen. Die österreichisch-ungarische Monarchie bleibt somit für Herrn Professor Jorga für immer verschlossen. Nun sei hier noch eine Bemerkung beigeiügt: Als 11» vorigen Jahre die Ausweisungen der Juden sich häuften, da war die Ereude des Herrn Professor Jorga eine unbeschreibliche, ln Wort und Schrift hatte dieser Judenfresser seine Freude kundgegeben und verlangte, dass man nur weiter .,auf diesem Wege" (mit den Ausweisungen der Juden) fortfahren solle. Nun mag sich doch Herr Jorga. der jetzt wegen seiner Ausweisung so grossen Lärm schlägt, erinnern an das uralte Sprichwort: ״Was du nicht willst, das man dir tu’. Bukarest, Anfang Juni 1909. Sg. Chassidismus und Haskalah Von S. J. Hurwllz-Bcrlin. (Aus dem Hebräischen übersetzt von Dr. H. Jakob.) II.‘) Wenden wir uns mm dem Beseht zu.a) Schon seine Herkunft und ,Persönlichkeit sind dunkel. Man vermisst an ihm ein festgeprägtes, einheitliches Wesen, das den Adelsmcnsclien mit eine!• Faniilien-Traüilion und mit eigener Familicn-Aimosohärc uuszcichnct. Ebensowenig hat er diejenige Scclcnvornchmlicit, Bescheidcnheit und Keuschheit, die dem selbstsicheren ') Siehe ...1. R" No. 6. ־) Rabbi Israel Baal Schein Talo, nach den Initialen Beseht genannt, der angebliche Begründer des Chassidismus, lebte 1700—170(1. Gelehrten eigen ist. Vielmehr stechen aus seiner ganzen Art alle Merkmale des Geistesparvenus hervor, der, innerlich unabgeklärt und unbestimmt, mit geräuschvollem Geplapper, ruhmrednerisch, marktschrcieriscli und wankelmütig cinherschreitet. Es ist selbstverständlich, dass meinem Urteile nicht die ״Schwochch-Bcscht"3) zugrunde liegen. Nicht nur Ule darin erzählten brcilgctrctcne» Märchen und Wunderdinge, die Ausgeburt einer krankhaften, verworrenen Phantasie, sondern auch die damit vermengten sogenannten ״Tatsachen und historischen Dokumente" können keineswegs als historisches Material betrachtet werden, da sie unmöglich aus dom Wirrwarr der Faseleien herauszuarbeiten sind, und man nicht wissen kann, wo die Sage aufhört und die Geschichte anfüugt. Man muss staunen, dass die Geschichtsschreiber des Chassidismus dieses unzuverlässige Material fiir ihre Zwecke verwerten kennten. Welches Kriterium soll etwa bei einer Auswahl massgebend sein? Wenn man den Beseht blos nach denjenigen Quellen und Dokumenten beurteilt, deren Zuverlässigkeit sicher ist, so wird man ihn als einen naiven Ghetto-Juden zu betrachten haben, der weniger Kenntnisse im allgemeinen jüdischen Schrifttum aufzuweisen hat als in der Kabbala und der Mystik. Er war sicher ein Mann von innerer Religiosität, von einer überhitzten Phantasie und extatischcr Voranlagung: ein ganz gewöhnlicher Typus unter den ״Morahv.ünnern" und Chassidim-Sekten. die noch vor dem Beseht und nach ihm im Ghetto zu finden sind, Männer mit mangelhafter Intelligenz und grossen phantastischen Illusionen. Gleich vielen wesenverwandten Männern wird auch der Beseht sich mit ״Krankheits- und Geisterbeschwörungen, mit Tcuielsaustreibungen und mit Austeilung von Heilmitteln" beschäftigt und dabei ,,Glück" gehabt haben. Dazu kommt seine starke Extasc beim Beten und vielleicht noch manche andere Zufälligkeiten, die seinen Ruf begründet haben. Nach und nach wird er auch dazu gekommen sein, nach bestimmten Regeln sein Tagesielien zu gestalten, die er seinen Besuchern immer wieder vorlcgtc und cinschürlte. Seclcnhirten, denen in ihrer Gemeinde Unzufriedenheit entgegengebracht wurde, schlossen sieh ihm an und suchten aus seinem Rufe für sich Kapital zu schlagen. Sic nahmen ein uiigeformtcs Material, gestalteten cs nach eigenem Gutdünken und demeten in des Rabbis Lehensgewohubeiten auf ׳las Himmelreich sich beziehende Ansichten hinein. St> entstand der Beseht, wie wir Ilm heute kennen. Ungefähr so würde mau stell das Wesen mul den Entwicklungsgang' des Begründers des Chassidismus vorsttllcn, wenn wir bloss das tatsüchliehe historisch nachzuprüfende Material heranziciicn v/ilrde». Emen grundverschiedenen, überraschend bcfrcmdliehen Charakter werden wir aber beim Beseht konstatieren müssen, wenn wir das im ״Schwoclich- Heseln" Erzählte als historisch« Tatsachen hcir.ichtcu wurden. Wir hätten dünn bei ihm nicht das Oeringsin von einer jüdischen Moral, von den Postulatcn einer indischen Ethik, von den Lebensgebräuchen des cellten Weisen aufspüren können. Nach dem hier Erzählten wäre der Beseht ein Mann, der die derbe und a) Sammlung von chassidisshcn Legenden über den Beseht, erschienen zuerst 1815 in Kopyst, l<ussland. scheiden; ״ich lese den Cicero, ich bin mit der dein sehen und französischen Sprache wohl veriiätti, und ausserdem habe ich ein grosses In- UTevi: für die wichtigsten Tagesfragen, hauptsiidilich solche, die mein Judentum berühren. 1 bis sind meine angelernten Fähigkeiten; aber ich habe auch noch ein natürliches Talent — meine heilige Liebe für Zion.“ ״Das letztere ist uns stets willkommen, selbst wenn cs einstweilen mir äusserlich erworben ist und noch nicht im Herzen tiefe Wurzeln geschlagen hat,“ fiel Bcllinsky ein. ״Und vorläufig soll auch dieses das Feld Ihrer Tätigk׳it sein. Sie sollen Ihr Talent — wie Sie es nennen— vervielfältigen und auch andern einzuilössen suchen.“ Juda sah den Sprecher fest an. ״Ich wünsche mir nichts besseres und könnte für, jetzt auch nichts anderes verlangen. Und ich denke mir, nichts dürfte auch leichter sein in dieser «rossen Stadt, wo jeder dritte Mensch, den ich sehe, schon ohne dies mit mir verbunden ist durch die gemeinsame Erinnerung an die Ruinen Jerusalems. Ja, ich werde von einem zum andern gehen; ich werde auch geeignete Mittel finden, um mir Gehör zu verschaffen; ich werde ihnen sagen.“. ״Gemach, mein Freund,“ unterbrach ihn ßcllinsky lächelnd; ״Sie denken sich dieses vielleicht als so eittc Art reisender Moralprediger oder Wanderredner?! Nein, nein, wir gehen doch etwas mehr planmüssig, etwas mehr methodisch zu Werke, als Sic in Ihrem schwärmerischen Feuereifer anzunchtnen scheinen. Hören Sic mich jetzt ruhig an. Wir sind jetzt etwa ein Dutzend Männer, die sich für die heilige Sache verpflichtet. Unser Wahlspruch ist: ״Kadimah, Ostwärts.“ Wir haben das Streben nach Gut, nach irdischen Ehren und Genüssen abgeschworen, und jeder, der uns angehören will, muss dasselbe tun. Wir haben uns mit Leib und Leben, mit Geist und Seele Zion verpflichtet, und so lange unsere Pulse noch eines Schlages fähig sind, solange unsere Vernunft noch einen Gedanken zu formen vermag, wollen wir im Dienste Zions arbeiten. Und fürwahr, sie braucht viele Mitarbeiter, viele Helfer 1 Ich glaube, Sie werden ein brauchbarer und wertvoller Rekrut sein. Wollen Sie unserer Vereinigung beitreten?“ Juda blickte schweigend zur Erde. ״Kadimah“, sprach er endlich leise, wie zu sich selbst; ״ostwärts, dem Sonnenaufgang entgegen! Ja, ja, dahin sollten wir steuern, dahin, *o ein neuer Tag, ein neuer Lebensmorgen für uns anbricht, wohin die Schatten der Nacht nicht zu folgen vermögen. Kndimah, Sonnenaufgang! Es wird 1ms wohl tun, wieder etwas Sonnenschein zu gemessen, nachdem wir so lange, ach, so lange in der Finsternis geweilt, in der Kälte gebebt und gezittert und gefroren י Und Sk fragen mich,“ fuhr er dann mit erhöhter Stimme zu Bellinsky gewendet fort. ״Sie fragen mich erst, ob ich einer sein will, der den Weg dorthin zeigt und ebnet? Nein, ich flehe darum, dass mir dieser Vorzug, dass mir dieses Vorrecht gewährt wird! Ostwärts! O, inein Zion! Wie bangt mein Herz nach dir! 0, könnte doch mein letzter Blutstropfen dich zu neuem Leben erwecken!“ Und so kam es, dass Juda Engelsohn der Kadimah beitrat, oder besser, dass die letztere zu ihm überging. — Als nämlich Juda vorhin seine Fähigkeiten und Eigenschaften aufgczählt, war er doch, wenn auch selbst noch unbewusst, etwas ungerecht gegen seinen Schicksalsstern. Er hatte nämlich bald Gelegenheit, eine Begabung in sich zu entdecken, die ihn selbst noch mehr überraschte als die andern. Bei der ersten Zu* sammenkunft der Vereinsmitglieder, der er bei* wohnte, stand er auf, um einige nicht besonders