Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 270. JUEDISCHE RUNDSCHAU } Theodor Barth | I ״Der letzte deutsche Libe* ra 1 c“, wie ihn englische Blätter nicht ohne Be• \ reell tigung nennen, ist am 3. Juni in Baden* Baden, knapp 00 Jahre alt, gestorben, un a.1 tragischen Momenten reiches Leben fand einen tragischen Abschluss — denn was könnte wohl einem Manne wie diesem tragischer sein als sterben zu müssen in einer Zeit, die auch nicht den leisesten Schimmer einer neuen Morgen* röte der liberalen Idee anzeigt. Wenn nicht etwa die stocktiefe Nacht als Anzeichen des kommen* den Morgens gilt. Theodor Barth war einer von denen, die unter anderem Himmel, oder vielleicht zu andc* rer Zeit auch in Deutschland, den ersten Staats* Politikern zugercehnet worden wären, und die sich bei uns nutzlos, zwecklos placken und ihr i Leben vergällen — pour le roi de Prusse, wie : die Franzosen sagen.- , Zwar sagen äussere Daten wenig über den I Entwicklungsgang eines Menschen wie Theodor Barth, doch geben sie immerhin hier eine charakteristische Begleitnote zum Wesen des Mannes. Barth wurde am 10, Juli 1840 in i Duderstadt geboren. Er studierte Reell tswissenschaft und Volkswirtschaft, war 1871—72 Rechtsanwalt in Bremen, 1872—76 Amtsassessor in Bremerhaven und wurde dann Syndikus der Handelskammer in Bremen, weiche Stellung er } bis zum Jahre 1SS3 bekleidete. Hier begann 1 seine volkswisscnschaflliche und politische Be* j deutung. Er trat sehr bald in den Wirtschaft* i liehen Kämpfen als einer der cntschiedendsten! Verfechter des Fr e i 11 a n d c 1 s hervor, und er I hat seitdem immer in der ersten Reihe derer ge* j standen, welche in Wort und Schrift unerbittlich j den Kampf gegen die. Schutzzollpolitik geführt ן haben, um so schärfer, je extremer diese agva*; rische Gesetzgebung wurde besonders in Rück* j sicht auf die unausbleibliche Verteuerung der j Lebenshaltung, unter der ja heute alle Schichten j der Bevölkerung so ausserordentlich zu leiden j haben.! Schon während seiner Bremer Tätigkeit j war Barth in den Reichstag gewählt worden, zuerst 1881 fi'tr den Wahlkreis Gotha, damals als Mitglied der Liberalen Vereinigung. Das brachte ihn sehr bald dahin, sich gänzlich der Betätigung seiner politischen Ueberzeugungen zu widmen. 1SS3 schied er aus seiner Stellung in Bremen aus und begründete im selben Jahve nach seiner Uebersiedlung nach Berlin die ״Nation", die bis zum Jahre 1907 bestanden und in diesem Zeitraum eine Fülle der wertvollsten politischen Anregungen gegeben hat. Hier wurde unter der Mitarbeit der glänzendsten Der Lieferant Novellette aus den Ereignissen des Jahres 1848. Von L. H c r w e t. (Schluss.) Unter diesen Umständen war das erste Wiederscheu der Liebenden kein freudenvolles; ihre Tränen galten nicht der frohen Hoffnung einer baldigen Vereinigung; ihre Zukunft lag grau und düster vor ihren Augen. Um der Geliebten wenigstens einige Erlcichtcrung zu verschaffen, bewarb sich Sebastian eifrig um den Stundenunterricht, wiewohl dieser hier eben nicht glänzend honoriert wurde; er suchte sogar und fand als Abschreiber Beschäftigung für die Nacht, lebte für seine Person sehr eingezogen, ja notdürftig, um nur die herabgekommene Familie unterstützen zu können. Es waren ja diese die einzigen freudigen Momente für ihn, wenn er zu Ende des Monates der heissgclicbten den zurückgelegtcn Schatz übergab, und in ihrem warmen Kuss den bclohnendsten Dank fand. All ihr Zureden und Bitten, doch auch für sich etwas zurückzubehalten, und sich auch einmal ״einen guten Tag an* Zutun,“ war da umsonst; der beste Tag, beteuertc er, sei für ihn derjenige, an dem er sie minder angestrengt wisse. Das Traurigste für No. 24.!•"(dem im liberalen Lager — die meisten Jivrvorragcndcn Führer und viele bedeul:11dc Publizisten lieferten Beiträge —־ ein ausserordentlich wertvolles Material zusaminengctragen, aus dein weit über den Kreis der regelmässigen Leser hinaus durch Vcrmittclung der Tagespresse und der politischen Redner Belehrung in die Massen hinausgetragen wurde. Barth selbst gehörte seitdem zu den anerkanntesten Führern der freiheitlichen Sache. Als deutsch-freisinniger Abgeordneter wurde er 1S85 für liirschberg-Schönau!gewählt, das er bis 1S98 und dann wieder 1901—1903 im Reichstage vertreten hat. 1S9S bis 1903 war er auch Mitglied des preussischen Abgeordnetenhauses. In beiden 1 läusern war er einer der entschiedensteii Verfechter liberaler Ideen, ein Mann von ebenso tiefem Wissen wie glänzender Red- »ergäbe, der stets das Ohr des Hauses hatte, von den politischen Freunden hochgeschätzt, von den Gegnern gefürchtet, rücksichtslos in der Vertretung dessen, was er für recht hielt. Wir Juden haben noch eine besondere Veraulassung, dieses Mannes zu gedenken. Und dabei meinen wir nicht einmal die Tatsache, dass er sich nicht scheute, sich als ״Führer der Judenschutziruppc“ verhöhnen zu lassen, dass er unentwegt den Kampf gegen den Antisemitismus führte, nicht nur im Interesse der Juden, sondern vor allem aus deutschnationalem Ehrgefühl und aus bürgerlicher Freihcitsliebe, denn er sah naturgemiiss im Antisemitismus eine der übelsten Sumpfpflanzen unserer reaktionären Politik. Dass Barth jahrelang auch diesem widerwärtigen Kampf einen Teil seiner besten Kräfte widmete, ist gewiss ein Verdienst, das wir anzuerkennen haben, um so höher, als wir es ja neuerdings aus liberalen Kreisen ganz, ganz anders gcwölmt sind! Was wir aufrechte Juden an Barth aber besonders hochschätzen müssen, ist, dass seine Argumentation gegen den Judenhass so wohl• tuend von der üblichen liberal-apologetischen Tonart absticht, die uns in ihrer sklavischen Sentimentalität so oft beschämt. Das haben wir noch jüngst an seinem Aufruf für die von den ״verfolgten Finnländern“ bedrängten finnländisehen Juden rühmend hervorgehoben. Er passte eben überhaupt nicht in den Dunstkreis des heutigen sogenannten ״Libcralismus“. Kein Wunder, sondern eine einfache Selbstverständlichkeit, dass er diese verwaschene Fahne bei Seite warf, als die ״liberalen Führer“ es gar zu arg zu treiben begannen. Was konnte einem Manne wie Barth, an dem die geschworensten Feinde noch den politischen Charakter bewundern, die Gemeinschaft mit dieser Kompromissler-Clique wert sein! Er vertraute dem Satze: Der Starke ist am mächtigsten allein! Er ging und suchte dem wahrhaft liberalen Gedanken in Deutschland eine Gasse zu bahnen, abseits vom Wege der politischen G’schaftelhubcr und der ״klugen" intercssenpolitikcr. Es mag ihm keine kleine Enttäuschung gewesen sein, dass er das deutsche Volk so wenig bereit fand. Den politischen Sinn der Deutschen hat er eben alle* zeit überschätzt — das war wohl der schwer• wiegendste Fehler in seinem Plan. Und erst die spätere Zukunft wird zeigen, ob das deutsche Volk überhaupt je zu so aktivem politischen 111• teressc, zum politischen Willen erwachen wird, wie Barth es erhoffte und voraussetzte. Theodor Barth ist uns zu früh ge• s t o r b e n — das ist das vielstimmige Echo der Toteuklage seiner politischen Freunde. Vielleicht sagte man noch richtiger; Theodor Barih hat überhaupt zu früh gelebt. Ein so fester und aufrechter Charakter, ein so unbeugsamer politischer Wille, eine solche ehrliche und zähe Kampfnatur — was wollten die schaffen in einer Zeit, auf die jene bittere Klage Lassalles über die ״a b s o 1 u t e geistige V c r s i m pelung des Bürgertums — i״ dem Lande Lessings und Kants, Schillers und Goethes, Fichlcs, Schöllings und Kegels" zu• trifft wie kaum je zuvor! Wie sollte ein l'lieulor Barth wirken können, wo die Hochverrate! an ihrer eigenen Sache die ״Führer“ sind! Wo wollte ein solcher ganzer Mann die Urner* Stützung finden in der Masse des Bürgertums, wenn dieses verflacht und in habgieriger Geld• macherci dahinvegetiert und keinen anderen . Ehrgeiz mehr kennt, als alle faulen und schlich teil Gewohnheiten der Aristokratie nachzuäuen, ohne deren starke und gute Eigenschaften auch | nur begriffen zu haben! — Nein, in dieser Zeit ן und diesem Lande, wo alles halb und hohl, wo j politisches und gesellschaftliches Leben gleich korrumpiert ist, wo das verlogenste Kompromiss und die unaufrichtigste Phrase alles und alle beherrschen — da konnte der Mann keine an* deren als platonische Erfolge haben, dem der Mut der eigenen Meinung und der ehrliche Kampf für die als wahrhaft erkannte Idee mehr als alles praktisch Erreichbare galten. Es ist ganz gleichgültig — und deshalb sollte hier davon garnicht die Rede sein — wie man persönlich zu dem steht, was Theodor; Barth erkämpfte. Wi e und warum er’s tat, das macht diesen Mann aus! Und weil dieser Theodor Bartli eben gar j so wenig in diese Zeit passte — deshalb hat sein Leben eine so tragische Note, und darum wirkt sein Tod gerade im gegenwärtigen Zeit* punkt fast wie ein mild versöhnliches Schicksal. ihn war die Aussichtslosigkeit auf ein heiteres Ende seines trübseligen und mühevollen Zustan• des, und einschliesslich die Hoffnungslosigkeit, jemals zu dem vollen Besitz der teuren Johanna zu gelangen; denn, im Falle er auch einen grossmütigen Wohltäter fände, der ihm verhülfe, die Doktorwürde zu erlangen — er träumte wohl bisweilen von einem so grossmütigen Wohltäter — und käme er auch dadurch in־ die angenehme Lage, einer Haushaltung anständig vorzustehen, so kannte er doch auch die zu ehrende kindliche Pietät seiner Johanna zu sehr; er wusste nur zu gut, dass sic sich um keinen Preis entschlossen würde, ihr Glück in einem ehelichen Bündnisse zu suchen, so lange ihr unglücklicher Vater in Ketten schmachtete. , * Sechs jahreähnliche Monate dauerte dieser des Mitleids würdige Zustand, da hatte der Herr Erbarmen, und rief ein beglückendes ״Ge* nug!“ Eines Morgens kam Sebastian ungewölm* lieh aufgeregt und blass zu Johannen, bat sie, nicht zu erschrecken darüber, dass er so eilig und unvorbereitet auf acht Tage verreisen müsse, und beschwor sie, nicht in ihn zu dringen, da er vor der Hand genötigt sei,- aus der Veranlassung zu seiner Entfernung ein Geheimnis zu machen. Zugleich beteuerte er, sic habe keine Ursache, deswegen irgend einer Besorgnis in sich Raum zu geben. All sein Bitten mul Be* feuern vermochte wohl, dass sich das arme Miid• dien endlich beruhigt stellte; innerlich aber war sie es nicht; ihr beklommenes Herz Hess es nicht zu. Wenn aber Sebastian Ursache hatte, gegen Johanna geheimnisvoll zu sein, um ihre Seele nicht mit Hoffnungen zu füllen, deren Verwirk* hchung noch in so dunkler Aussicht standen: so hnoen wir keinen Grund, dem geneigten Leser den Tatbestand vorzuenthalten. In der verflossenen Nacht, da Sebastian eben keine andere Beschäftigung hatte, fiel cs ihm ein, seine Schriften zu sichten, und diejeiii* gen, wcche eine verdächtigende Deutung zu־ itesscn, dem Feuertode zu übergeben. Da kamen ihm die von weiland Leutnant dem Herrn 1 leller angenommenen Schriften in die Hand. Mit ahnender Gier durchlas er sie, und fand den l״! y^lkrunnien geeignet, die Unschuld des Verurteilten zu beweisen. Sogleich beschloss ci, in der Sache alles zu tun, was in seiner Macht stunde, und es schmerzte ihn nur tief in seiner Seele, so lange untätig gewesen zu sein, während er allein im Besitz von Dokumenten war, die