Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 262, JUEDISCHE KUNDSCHAU Man steht dort also vor einem neuen Wahl* * *• kampf. Höchstwahrscheinlich wird dieser abermals mit dem Sied der Kadetten enden, Ulr die vor allem die jüdischen Wähler von Kiew cintrctcn werden. Diese wünschen, und mit Recht, dass ein Jude als Kandidat von den Kadetten aufgcstclit wird, mit der Begründung, dass Wilna eine überwiegend jüdische Bevölkerung hat und dass die Juden von allen Natlonalitiitcn in Russland in der Dnnin am schlechtesten vertreten sind. Als den geeignetesten Kandidaten schlagen die indischen Wälder den bekannten Rechtsanwalt G r 11 א c ח h c r c vor. der zu den bedeutendsteil Juristen des 1.;indes und den inutigstcii und temperamentvollsten Kämpfern für die Sache der Freiheit geliöit. Die Kadetten sollen, wie verlautet, den früheren Laiidwirtschaitsministcr und Ahgeordneten der zweiten Duma. Kuttlcr. als Kandidaten für den hiesigen Wahlkreis in Aussicht genommen haben. Nun ist an mtd für sich gegen Kuttlcr nichts ciiizuwcndcii, da er sieh besonders als gründlicher Fachmann auf dem Gebiete der Agrarfragen einen Namen gemacht hat. Die Agrarfrage spielt Jedoch in der dritten Duma keine nennenswerte Rolle. Die Grossgrundbesitzer haben in ihr das absolute Ueber• gewicht und geben dieser Frage die ihnen erwünschte Lösung. Die Opposition in dieser Duma kann nichts Positives erreichen, sondern lediglich durch rückhaltlose Kritik der Regicriiugsmcthodcn wirken. Gerade hierzu ist aber Grusciibcrg wie selten ein Zweiter geeignet. Von besonderer Wichtigkeit wäre er in der Dnnin für die Juden. Hs wird sich nun bald zeigen, oh die Kadetten noch ein wenig Gerechtigkeitssinn und Pflichtbewusstsein gegenüber den entrechteten Juden empfinden. Die Annahme oder Ablehnung der Kandidatur Grusciibcrg wird ein Prüfstein dafür sein. Der Inspektor des Wilnacr Sclmlrnvons hat an sämtliche Lehranstalten dieses Kreises ein Zirkular versendet, worin er Freibilletts für die Seiiiilcr zur Fahrt nach Poitawa anbictct. damit sic an der .00י jährigen Jiihiläuiusfcicr zur Erinnerung an die Schlacht von Poitawa tcihichmen können. In diesem Zirkular heisst es: ״Alle Seiiiilcr können Freihiilets erhalten — ausser Juden und Polen.״- * Die Duniakoinmissioii für Volksbildung beriet vor kurzem einen Gesetzentwurf betreffs der Zentralschule für Geburtshelfer in Wilna, wonach Juden mir zu 10 Prozent diese l.elirnnstait besuchen dürfen. Dagegen protestierten der jüdische Abgeordnete Friedmatut und Andere. Hiusiimmig beschloss daraui die Kmiiniissioi״־ diese Bestimmung aus dem Gesetzcutwurf zu streichen. Oh mich die Duma seihst diesein Kommissiniisli'T.eliliiss ziistimincii wird, dürfte dennoch zweifelhaft sein. ♦ Das A'iiiisteri'iiu des Innern hat in der Duma eine» G e s e t z c n t w 11 r ן über die B i I d u 11 g c i 11 c s neue 11 G 11 ״ v c r 11 c in c 111 s C11 c I e in (aus dem östlichen Teil der bisher polnischen Gouver* ncinciits Siedlet mul Lublin) eingchracht. Danach soll den Juden in diesem Gebiete in Zukunft verboten sein. Immobilien auf dem Laude auf ihren eigenen Namen zu ersverlieu oder zu pachten. In Russisch- Polen besitzen sie dieses Recht. England Aus Manchester wird uns geschrieben: Hier werden Vorbereitungen zu einer Konferenz der ״lbriair-Oigunisation in England gemacht. Es ist bereits eine grosse Anzahl von Delegierten aus verschiedcncn Städten des Landes angemeidet. Die Konferenz wird sich hauptsächlich mit der Frage der Verbreitung der hebräischen Sprache in England befassen und dürfte mich der autgcstclltcn Tages- Ordnung und dem ihr cntgcgengcbraciiten regen Interesse seitens weiterer Kreise einen erfolgreichen Verlauf nehmen. Rumänien Der New-Yorker rumänische Konsul Spencer hat in einer New-Yorker Zeitung einen Aufsatz über Rumänien veröffentlicht, worin er über die Lage d?,r Juden in diesem Lande folgendes bemerkt: ..hin Löficl kostet I -1־ Pence ««d eine ganze jüdische Familie muss sich mit einem Löficl begnügen, da sic Nicht einen zweiten kaufen kann. Ein neugeborenes Kind wird in Papier gewickelt, weil l.eiuwaudwliulcln zu teuer sind. Die Loge der Jude» In Russland ist eine bessere als die Ihrer Brüder 111 Rumänien. In Russland besteht die Holhmng. dass die Progressiven und Gerechten zur, Regierung gelangen: In Rumänien ahor ist gar keine Hoffnung auf Besserung vorhanden, da die Konstitution dort das Unrecht sanktioniert und alle Parteien daran beteiligt sind. Aus Mangel an Mitteln zur Flucht aus der Knechtung ist lede Rettung unmöglich. Die rimiüuisclicu Juden leiden unter dem schweren Druck von besonderen Steuern und Ab* gaben." Wie trostlos muss cs um die Juden in Rumänien besteht sein, dass selbst sein offizieller Vertreter sich zu solchen Bemerkungen gedrängt fühlte I Ungarn mfmmmmmmmmmmmm In verschiedenen Städten des Landes wird ein ökonomischer Boykott gegen die Juden organisiert, der zu ernstlicher Besorgnis für die Zukunft Voranlassung gibt. Der «Verband ungarischer Kauflcutc" bemüht sich. die Juden aus den Handelsbetrieben nach Möglichkeit zu verdrängen. Dio Konsutngc• nossensehaften. die sielt besonderer Privilegien und steuerfreier Koiizcssioiiieriiiig seitens der Regierung erfreuen, nehmen keine Juden auf, s»da-8«׳ diese mit ihnen nur sehr schwer konkurrieren können. Der Boykott der jüdischen Geschäfte wird von Agitatoren systematisch und mit Erfolg propagiert. Jüdische Hausierer werden tagtäglich wegen Uebertretung des Haiisicrvorhotcs vor die Gerichte gezerrt und von diesen zu Uefilnlgiiisstrafeii verurteilt. Erwähnt sei auch, dass in einigen Hlüttcru wie den ״Aikotmani . die Befürchtung ausgesprochen wird. Del Einführung des allgemeinen Wahlrechts würde der Einfluss der Juden im Parlament mul politischen Leben gesteigert werden. Trotz der politischen Krisis haben dio Judenfeinde scheinbar keine anderen Sorgen! Oesterreich Jahreskonferenz der ״Poalel-Zlon'* Aus Wien schreibt uns unser Korrespondent: Das hiesige Vcrbandsburcau der ״Poaici-Zion" hat die diesjährige Konferenz der poalci-zionistisclicn Gesamtorganisation für den 12. bis 15. August festge* setzt. Der Ort der Konferenz ist noch nicht bcstimmt worden. Die provisorische Tagesordnung umfasst folgende Punkte: l. Bericht des Verbandsbureaus: 2. Berichte der Zentralkomitees; 3. Die professionelle und genossenschaftliche Bewegung in Palästina und in der Türkei: 5. Die nationale Frage in Palästina und in der Türkei und unsere politische Stellung: (1. Palüftiim-Intormation und -Eiuwanderung: 7. Falä.stina-A',beitcrloiul; 8. Propaganda und Parteiliteratur: T Poalel-Zion-Burcaus in Europa und Palästina; 10. Unsere Stellung zum IX. Zionistenkongrcss: 11. Verschiedenes. Bosnien Nach der neuen Landesverfassung für Bosnien und die Herzegowina, deren Entwurf im Rsiclisiumnziiiiiiistcriiim bereits feitijjgcstcllt ist, soll den Juden ausser ciitcr Virilstimmc, welche dem Oberrabbiner von Sarajewo zugedacht ist, keine gewählte Vertretung im künftigen bosnischen Landtag cingcrüiimt werden. Von den 72 gewählten Land-;agsahgcoiiincten entfallen 32 auf die Griechischorientalen. 21־ auf die Moshms und lf> auf die Katlioiiken. Die Wald der Abgeordneten erfolgt nach Konfessionen, und jede Konfessionsgcmcinschaft wird für sich selbst ihre Abgeordneten zu wählen haben — mit Ausnahme der luden! Galizien Die Pai.'istinakommission in DrnUobvcz (Galizien) hat eine Genossenschaft unter dem Namen ..Pal.istinagcsellschnit für Handel und Industrie G. ui. 1). 11." gegründet. Zweck dieser Genossenschaft ist. industrielle Unteriielnmmgcn in Palästina zu errichten. Die Gesellschaft beabsichtigt, nach Aufbringtiug eines Kapitals von!50 0110 Kronen ihre praktische Tätigkeit zu beginnen. In der konstituieren, den Versammlung haben die Gründer 100 Anteilscheine ä 100 Kr. gezeichnet, Ins Direktorium wttrden gewählt: Dr, Moritz Fnc h t in a 11 n. L. D i :1 tu n n t s t c i 11 und Dr. David Spindel. Zu deren Stellvertretern wurden Dr. Sussmann S. T c i c 11 c r mul Leo Spitz m a 11 n ernannt. Die Gründer entwickeln eine rege Agitation und erwarten eine bereitwillige Förderung «nd Unter- Stützung ihrer Aufgaben seitens der weitesten jihllsehen Kreise. Diese Paiästinagescüschaft ist wohl die erste Gründung in Galizien, weiche den Zweck verfolgt, die Industrialisierung Palästinas zu fördern. * Am letzten Sonntag fand in Lemberg eine Sitzung des Gründungskomitees der lüdischcn Volksbauk (..Kredit-Union" genannt) statt. Dr. H rau de und Rciclisratsabgcordnctor Dr. Gabel referierten über den Stand der Vorbcrcitimgsarbeitcn um! konstatier* tcn. dass die Snbskriptinnssummcn den für ein derartiges Institut bctr.'ielitlicbcn Betrag von 140 00Ö Kronen erreicht hätten. Mehrere Wiener und Prager Bankgeschäfte Italien sich bereit erklärt, der ..Kredit. Union" einen hohen Kredit zu gewähren, so dass von ihr eine erfolgreiche Tätigkeit zu erwarte« Ist. Dio ״Kredit-Union" ist zwar auf rein banktechnischer, geschäftlicher Grundlage errichtet, sic wird jedoch hauptsächlich dem Wohle und der ökonomischen Für-' i'crung der galizischcn Jmlcnhcit dienen. Die konstituicrcndc Generalversammlung der ..Kredit-Union“ findet am 19. April d. Js. in Lemberg statt. Die neue Bank wird am 1. Juli 1909 ihre Tätigkeit beginnen. Anfragen und Anmeldungen sind zu richten an: Herrn Karl Stand. Bankier. Lemberg. Kopcrnikusgassc 21. Amerika Vcrclnlfjunfl jüdischer Parteien in New-York Kürzlich tagte in New-York eine Konferenz, die wcgen der Wichtigkeit ihrer Beschlüsse und ihrer sympto- .malischen Bedeutung besondere Beachtung verdient. An der Konferenz beteiligten sich Vertreter der drei radikalen, nntlonaljildlschcn Parteien: der Poalc-Zion, Sozialistcn-Zionistcn und Sejmisten, die sämtlich während der grossen Ereignisse In Russland einen starken Einfluss auf die dortigen indischen Massen ausgeübt hatten, sich gegenseitig aber befehdeten. In ihren Programmen wichen sie insofern von einander ab, als die Poalc-Zion zionistisch, die Sozialisten- Zionisten tcrritorlalistlsch waren und die Sejmisten No. 23. eine jüdische Autonomie in den Exilländern erstrebtcn. Die Wichtigkeit des jetzigen Moments infolge der türkische» Vorgänge und des Sieges der Reaktion in Russland lujbc» in diesen Par. teien das Bedürfnis nach einer Zusammenfassung ihrer Kräfte zu gemeinsamer Arbeit für das jüdische Volk iicrvorgerufen. Zu diesem Zweck wurde die Konferenz clnhcrufeii, die von Dr. Sehitiowsky ge. leitet wurde und nach eingehenden Beratungen eine Resolution fasste, dass eine Vereinigung der drei gCmmuteii Farteieu Jetzt möglich und erwünscht ist. Ais gemeinsames Programm wurde aufgestellt: 1. Praktische, grosszüjäge Arbeit in Palästina llm| Mesopotamien. 2. Kulturelle und soziale Betätigung in den Hxilläiidcrn. — Bemerkenswert ist auch, dass der ,.Bund" eine Beteiligung an der Konferenz ab• geleimt hat. Allerdings hat der ״Bund" in letzter Zeit sehr viel von seinem früheren Einfluss Gingebüsst. Türkei Die armenische Zeitung ״Sagig" veröffentlichte vor kurzem unter der Uchcrschrift ..Der Chaehaiobasehi" einen regelrechten Hetz - und Schund, a r t i k c I g c g e 11 d i c J u d e n. Der ״Burlon". ei e spaniolisch jüdische Zeitung, hatte diesen Ar• tikcl vollinhaltlich abgedruckt und in gebührender Weise beleuchtet Hierauf sandte der Redakteur rks armenischen Blattes, wahrscheinlich durch Furcht \ r eericlitliehcr Verfolgung ״der vernünftige Zurede v. n seiten massgebender armenischer Kreise bewogen.;!!» alle hiesigen indischen Blätter eine Eutsciiuldiguu׳.:. Er schützte Krankheit und Abwesenheit von Uui redaktionellen Geschälten vor und versprach, de:::• näelist in seiner Zc’itune ausdrücklich zu widerrufen. Die jüdische Fresse reproduzierte diesen Brief und wartete auf ׳Jen Widerruf. Dieser ist aber bis dato atisgchlicbc». Infolgedessen sah sich der Mischlisch veranlasst, sich dieser Angelegenheit anzunelimen•. er Hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, gegen den i»czeichneten Redakteur gerichtlich vorztigelien. * Anatolc Lerny Benulieu. der bekannte französische Schriftsteller und Mitglied des Institut de France, befindet sieb eben auf einer Studienreise im Orient. Er veröffentlichte vorige Woche in der ..Revue des dcux Mondes" einige interessante Scliihlerimgui über die Eindrücke, die er von den indischen Schulen im Orient otnpfaiigeii bat. Nach Beaulieus Ansicht sind die beste» französische» Schulen die kotiere- Ballistischen. Aber auch den andern israelitischen Lehranstalten zollt Anatolc Bcaiilieu lebhaften Beifall. Er hat sic sämtlich besucht: in Europa. Asien und Afrika — und überall nötigte ihm das gediegene Wissen der Lehrer und der Lerneifer der Schiller und Schülerinnen die höchste Achtung ab. Die Selutleii von Saloniki, Ga lata, Konstante 11 o p e i und Sofia führt er als geradezu tmiMcrgiltig an. Als hervorragend gut organisiert preist er die französischen Schulen der Alliance Israelite, deren Leiter in Paris eine besondere Schule־ unterhalten, in der sie ihre Lehrer aiishiiden lassen. Er erwähnt auch den Vorwurf, den die deutschen mul Österreich:- sehen Juden gegen die Alliance-Schulen erlichen, nämlich. dass das starke Betonen der franzosi* sehet) S Pia ehe geeignet sei. ihr Ansehen in Palästina zu schwächen. Ebenso wie die kongrega* nistisclicii Schulen sind die Alliancc-Schulcu allen Konfessionen geöffnet Sie werden seiten von Christ* Hellen Kindern, häufig aber von muselmanischen bcsucht. — Anatolc Bcauiieu glaubt, dass alle diese niifhliiliciulcii Schulen noch eine grosse weitere Ent* wickchmgsinögiichkeit vor sich haben und misst ihnen eine hohe Bedeutung für die Zukunft der Juden im Orient fiel — * Herr Eugen Doktor aus Friedland i. Schl., der sich seit lauge!» für die Idee einer jüdischen Ko- Ionisation in Cyrenaika ciusctzt und auf dessen An* rcgiing auch die jüngsten Schritte der ״JTG" zurückzufiilircn sind, befindet sich, wie er uns von dort berichtet, zur Zeit zwecks persönlichen Unterband• lung mit der Hohen Pforte in Konstantlnopcl. *• Wie uns aus dein Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle!ungeteilt wird, hat sich in Aleppo ein Unicrstiitzuiigskoinlicc gebildet für dio Israeliten aus Anatolien, namentlich aus Adana, Antiochia, Marasch, Aintnb, Van, die infolge der bckannten Ereignisse in grosser Not sind. Die Alliance Israelite Universelle hat dein Untcrstützungskomitcc telegraphisch 5000 Francs überwiesen. hier auf der Durchreise nach Palästina im V ״Achwa־' einen Vortrag über ״Die Pflici des otto-manischen Juden gegenii s eine m V a t c rla nd und g c g c n ü seinem Volke". Seine Rede war durchav zionistischem Sinne gehalten und fand grossen a n! üc!r?ahlrcicllc» Versammlung. — l,״,!.׳,! udcö■ ״r, u s s a , unweit Konstantin n!״J5n c,״c״0* ״Isatlonsvcreirt begrü SSf ״! *lchMa," *1י* Regierung mit der Bitte ^♦״n« * sc,״״״ Mitgliedern Land zur Vcrfligum bei ihrer Ansiedelung als Kolon c י jC,n* .P*5 *st dio orsto von türkis Juden gegründete Kolonlsatlonsgcscllschalt — (Fortsetzung auf Seite 26