Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 23. J U EPISCHE RUNDSCHAU Seite 259. 8us«1'hildct. k,l(,z׳ sic lernen olles, wus sic befühlet, später im Leben weiter zu komme». Und was man ,וו einer solelien palästinischen Schule alles zu sehen bekommt: ein Krankenzimmer mit ein paar Soplias and einen Schrank voll Arzneien (Kibcraufälle sind ja dort eine alltimlichc Sache), einen «rossen Speisetaal. in ‘I•׳’«» *Mich lnmdertc armer Kinder gespeist werden, eine Ausstellung von DiunenhiUen und Stickereien. Dass in der ursprüngRcIi echt englischen Schule letzt bereits die liebriiisohe und die englische Sprache wenigstens gleichberechtigt nebeneinander licrgeiien. ist ein Verdienst der Pflichtigen Leiterin der Schule. Miss Annie Landau. Ist cs nicht wirklich eit! Widersinn sondergleichen, wenn auch eine derartige Schule, die alles, was nur möglich ist, für das «csdAstrctic .ludcntum tut, wie alle andern unter dem Clicrcm steht?!■;hciiso uneinig wie die Juden unter sich, sind muh die christlichen Konfessionen untereinander. Zur /nt. als ich In Jerusalem war, waren die dortigei! /iist.'imlc nicht gerade genilltilch. 11s gnh Kcihcrcion zwischen den griechischen und urahlschcn Clirisuu Die Araber wollten Geistliche aus ihrer eigenen Mitte haben und sic sich nicht von Konstantim; U aus schicken lassen. 118 kam zu Schlossereien, «ah einige Tote und mehrere Verwundete und das (lei. ei l verdoppelte und verdreifachte diese Zahlen. Viele Kanflcutc schlossen Ihre Geschulte, die lingstliehe!* tiltcri! schickten ihre Kinder nicht zur Schule, eine! meiner Dekanaten wurde abends, als er über die mi.issc ging, von einer Rotte vermummter Leute ange.uheii, die ilwn die Revolver voriiielten und Ihn;111! '•*ine Nationalität hin prüften. NVürc er ein (Irievlic gewesen, dünn wiir’s ihm schlimm ergangen. So /׳»gen die höchst unständigen Menschen sieh liüfl. entM huldigend, ab. Nicht ciumal du Dnkschisch verlausten sic. im Hotel wurde man dringend ge* warm, nach Ilmtritt der Dunkelheit noch auf die Stra".e zu gehen. In Wirklichkeit war cs gar nicht so schlimm und es ist mir nie etwas passiert. Kitten geladenen Revolver laute ich natürlich stets hei mir, ohwo'a! das Wr.fientragen verboten ist. Aber als lltimp.icr unter dem Schutze des Konsuls, bei dem cs vorteilhaft ist, seine Karte abzugehen, fühlt man sich skher. Um die Strasscnbelcuclitnng bei Nacht ist es ״hei bestellt, wenn nicht gerade Mondschein ist. Jeder Europäer lässt sielt von ־seinem Hadj mit einer Laterne voranleuchten. Kitt Hadj ist ein Molianimed.mer. der die Wallfahrt nach Mekka gemacht hat und infolgedessen etwas Ansehen genicsst. Man mannt ilm deshalb gern als Hauswüchtcr und zur Begleitung am Abend. Die wandelnden Lichter in den dunklen stillen Strassen sehen sehr hübsch aus, leid*.׳! sieh! mau nie viele. Wohin sollte man auch abends gelten? Ktwa ins Theater oder in ein Nacht- Cafe? Die gibt cs in einer Stadt noch nicht, in der soeben von‘zwei Juden die erste europäische Buchliandlimg eröffnet ist. Am Tage ist das Strassenbild besonders am Jaffator recht lebhaft. Nach einem tüchtigen Regen herrschen auf den Strassen slntflutliehe Zustande mul kaum scheint dann wieder einen Tag die Sonne, so Ist es sehr staubig, wenn auch niclti m! wie tu Kgypten. Staub und mangelnde Reinlichkeit erklüren die grovst Anzahl Aiigcnkrankcr in Jerusalem und ein Verein wie der l.ctnaan Zion, der eine vorläufig nur kleine Augenklinik errichtet hat und dadurch diese cutset/lichc Plage erfolgreich bekämpft, bedarf dringend der Unterstützung seitens aller pallistina• freundlichen Kreise. Freilich zur Hygiene gehört Wasser, und Jerusalem hat immer noch keine Wasserleitung und ist auf seine Cisternen angewiesen. Wenn diese dann im Sommer auf die Neige gehen, ist das Wasser teuer und schlecht. Zum Schluss noch ein kleines Krlcbnls, das mir erst später begegnete, und das sehr hllhsch zeigt, wie manche Urteile entstehen, Auf meiner Rückreise lernte Ich auf dem Dampfer einen indischen Herrn aus Amerika kennen. ״Haben Sie auch die Jüdischen Kolonien besucht," fragte Ich Ihn Im Laufe des Qcsprüelis. ״Gewiss, Ich habe alle gesehen," erwiderte er. ״Ist dort über ein Schmutz — und diese Armutl" Ich snh ilm erstaunt an, ״In welchen Kolonien sind Sie denn gewesen?" ״Na, in allen l Ich habe mich von meinem Hotel aus in ulten herumführen lassen," Du lachte ich belustigt auf. Die neuen indischen Stadtviertel rings nm dje Altstadt von Jerusalem sind auf dem Plan des Baedeker als ,liidenkohmlen bezeichnet, Ich hatte Gelegenheit, einem Juden, der uns Palästina kam, etwa» von jüdischen Kolonien zu erzählen. Unsere Palästinaarbeit Hfindc und die Exploitation der natürlichen Reichtümer des palästinischen Bodens in die der Jüdischen Arbeiter übergehe, und dass wir das numerische Uebergewicht sowohl aui dem Lande wie auch in den Stüdten, wodurch die Teilnahme an munizipalem Leben der Stadt- und Dorfgemeinden in der Türkei bedingt ist, erhalten. im gegenwärtigen Augenblick wird dank der Staalsumwülzung ln der Türkei eine Rechtsordnung geschaffen, die einer solchen hi andern Kulturländern in nichts uaclisteht und von derselben zu ihrem Vorteil sich dadurch unterscheidet, dass 111 U e r T ü r k c l die Jüdische Gleichberechtigung, dlo Gleichwertigkeit der jüdischen Interessen, nicht bloss auf dem Papier anerkannt, sondern als unumstössliclics Prinzip in der Praxis tatsächlich d!1 r c 1! g' 0 fllli r t I s t, Die Juridischen Scherereien, die ein so grosses Hindernis für die kolouisatorLsche Tätigkeit der türkischen Untertanen (und selbstverständlich auch der Juden) gebildet haben, hegt 11 uu 11 uu 11 mehr zu verschwinden, Nun kamt mit vollem Kug und Recht behauptet werden, dass der Krfolg der Kolonisatlonstätlgkclt in Palästina, der Krfolg, der ökonomischen, kulturelle^ und politischen Eroberung des Landes vollständig in unsere Hände gelegt und nur von unserer Aktivität abhängig Rundschreiben des russischen zionistischen Zentral- Komitees. Eine neue Epoche, die in der Geschichte unserer Bewegung einzig dastcht, hat für unsere Arbeit hi Palästina begonnen. Mit der Aenderuug' der politischen Verhältnisse in der Türkei fallen die Haupthindernisse und Schwierigkeiten, die unserer Arbeit in Palästina bisher Im Wege gestanden haben, hinweg. Auch bei dem bisherigen Regime in der Türkei, hei dem allerdlngs die juridische Sanktionierung Jedes einzelnen Landankaufs einen langen Instanzenweg durchlaufen musste und viele Zeit, oft sogur Jahre in Ansprucli nahm, Ja die Erlangung einer Erlaubnis für Hüuserbau mit unsäglich laugen Prozeduren verblinden war, mussten doch gleichwohl die schwachen Resultate unserer Arbeit nicht nur äusseren Hinderiilsscn zugesehrieben werden, sondern in erheblichem Masse Ursachen, die In uns selbst gelegen sind. Auch damals hätte man mit energischerem Willen und besserem Verständnis für planmässigc Arbeit an der Verwandlung Palästinas in ein Jüdisches Land und an der allmählichen Sammlung der zum Vorherrschen des Jüdischen fühlenden ökonomischen und kulturellen Kraft bedeutend erfolgreicher arbeiten können. Um so grösser sind die Möglichkeiten, die sich für die erfolgreiche kolonisatorische Arbeit In Palästina jetzt, mit der Einführung der konstitutioncllcn Ordnung, eröffnet haben. Die jüngsten Vorgänge in Pallistina, zur Zeit der ersten politischen Wahlen, haben׳ unsere ganze Schwäche, die ihre Ursache hauptsächlich darin hat, dass wir die Minorität Im Lando sind, ׳zur Genüge dargetan. Jetzt sicht cs jedermann wohl schon ein, dass cs für die Schaffung eines Mittel- Punktes des jüdischen Lebens in Palästina erforderlieh ist, dass das jüdische Element auf allen Gebieten numerisch bedeutend verstärkt werde, der grösste Teil des palästinischen Grundbesitzes in jüdische sei. Von nun an wird man unsere mehr denn schwache Tätigkeit durch keinen Hinweis auf Schwicrigkeiten juridischer Natur mehr entschuldigen können. ♦ Unter dem Ausdruck ״wir" verstellen wir nicht bloss die Zionisten, sondern alle diejenigen Juden, die sich als Glieder der jüdischen Nation fühlen und die nationale Wiedergeburt ihres Volkes hcrbeiwiinschcn. Die Schaffung: eines jüdischen Zentrums in Palästina hat aufgehört, die Sache einer Partei zu sein: Sie wird jetzt die Aufgabe der ganzen Judenheit. Und wenn das jüdische Volk durch seine nahezu zweitausendjährige Heimatlosigkeit nicht In so hohem Masse in nationaler Hinsicht degeneriert wäre und sich auch nur die natürlichen Lehensfunktionen einer unterdrückten Nation bewahrt hätte, so hätten sich alle Klassen, Parteien und Gruppen daran gemacht, mit dem ganzen ihnen ־zur Verfügung stehenden Vorrat an materiellen und kulturellen Kräften, die das Judentum trotz allem auch jetzt noch besitzt, ,den gegenwärtigen höchst günstigen Moment sich zunutze zu machen. Erfreulicherweise machen sieli die An- Zeichen einer nnbrcchcndcn Besserung' und des beginnenden Verständnisses unserer nationalen Aufgaben bei uns, sowie bei der westeuropäischen und amerikanischen Judenheit bereits bemerkbar. Die zionistische Organisation, die vom Anbeginn ihrer Existenz dieses nationale Bewusstsein geweckt hat, die ja unaufhörlich auf die gemeinsamen nationalen Bedürfnisse aller Volksklassen hingewiesen hat — diese Organisation ist nun verpflichtet, allen anderen in diesen Bestrebungen voranziigchen und allen zur gemeinsamen nationalen Arbeit erwachenden Kiementen der Judenheit den Weg zu bahnen Wir organisierte Zionisten müssen hei der praktischen Arbeit in Palästina die Ersten sein. Wir müssen allen zeigen, dass die Kolonisation Palästinas und die Konzentration der jüdische» Kräfte daselbst für uns keine blosse Parteidoktrin sei, sondern eine wirkliche Lebensfrage, die Krage unseres ״Allerdings, Herr Leutnant!“ sprach hier* auf Herr Heller, der nunmehr seine ganze Passung wieder gewonnen hatte. Er zog seine Burse hervor, beschenkte den Feldwebel mit zwei Dukaten, und übergab ihm einige Zwanziger für die Mannschaft, die bei seiner Gefangennehmung tätig gewesen war, indem er noch einige Worte des Dankes hinzufügte. Jeden* falls waren die zwei Dukaten •ein wirksames Mitei, die bedenklich aufsteigenden Zweifel in der Brust des tapfern Magyaren niederzuschlagen, * Nach Verlauf von zwei Stunden sass Herr 1 lellcr auf einem seiner zwei bepackten Wagen, welche ihre Richtung nach Kormom nahmen. Zwei bewaffnete Honweds folgten, ״Halt!“ donnerte es aus drei kräftigen Kehlen zugleich, welche drei heransprengenden Kürassieren gehörten, dem Fuhrmann entgegen. fJie beiden Honweds waren kaum der drohenden Gefahr gewahr, als sie die Waffen von sich werfend ihr Heil in der Flucht suchten; allein hur einem von ihnen gelang es, unter dem Schutze des nahen Waldes und des Abenddun• «eis zu entkommen; der andere sank, von einem Kistolenscchusse wohlgetroffen, entseelt zu Boden. Die Wagen folgten dem mächtigen Gebote, und blieben stehen. ״Wohin des Weges?“ wurde nun Herr Heller gefragt. Dieser, nunmehr in der frohen Hoffnung, unter dem Schutze der Kaiserlichen vollkommen frei zu sein, begann sein gehabtes Abenteuer zu erzählen. — ״Davon verstehen wir nichts,“ unterbrach ihn einer der Kürassiere, ״Rechtsum, Marsch!“ Die beladenen Wagen wurden auf eine andere Fährte gebracht, und nach Mitternacht langten sie in einem Dorfe an, worin sich kaiserliehe Kavallerie befand. Herrn Heller wurden Fesseln angelegt, und trotz seiner Protestation wurde er in ein Zimmer des Kastells gesperrt. Am nächsten Morgen nahm der stationie* rende Rittmeister mit dem Gefangenen ein Verhör vor. Bei seiner Durchsuchung hatte man Sebastians Brief gefunden, und dieser war keineswegs geeignet, den Unglücklichen einem kaiserlichen Offizier zu empfehlen; die Erzählung von der zweifachen Gefangennehmung erschien ebenfalls sehr zweifelhaft, wiewohl sie von dem Verdächtigen der Wahrheit getreu mitgeteilt wurde, so dass der Rittmeister ihn nach einem halbstündigen Examen mit den nicht sehr beruhigenden Worten wieder in den Kerker zurückführen Hess: ״Ihr Märchen wird Sie schwerlich vom Galgen retten.“ Am nächstfolgenden Tage wurde der beklagenswerte Heller unter schwerer Bedeckung nach R . . geführt, um dort vor das Kriegsgericht gestellt zu werden. — Die grosse Anzahl von Schuldigen und Verdächtigen, welche zu jener grauenhaften Zeit die Gefängnisse füllte, besonders an Orten, wo Kriegsgerichte eingesetzt waren, machte, dass unser Delinquent erst nach mehreren Wochen zu einem ordentlichen Verhöre konnte vorgenommen werden; und als dieses endlich geschah, wurde er — zum Tode durch den Strang verurteilt. Meine Leser, die mit mir von der vollkommenen Unschuld des Verdammten überzeugt sind, mögen sich keineswegs über dieses harte Urteil wundem; sie wollen vielmehr bedenken, dass alle Umstände gegen den Unglücklichen waren, dass seine Erzählung wirklich märchenhaft und also unglaublich klang; sie mögen ferner erwägen, dass sich das Gericht auf einem blutgedüngten Boden befand, wo ringsumher die Fahne des Aufruhrs ausgesteckt war; und dass endlich unleugbar die Insurrektion viel schneller und minder blutig hätte unterdrückt werden können, wenn sie nicht von so vielen Verblendeteu durch Lieferungen aller Art unterstützt worden wäre.