Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1909-06-04 · Heft 23 (4.6.1909) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 23 (4.6.1909)
Date
1909-06-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2651605-2651628--06425-2663514
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 25S. JUEPISCHE RUNDSCHAU No. 23. mannhaft aufgenommen haben — man braucht ja noch nicht einmal die Finger einer Hand, um sie herzuzählen ־— die mögen sich; wenn man ihnen wieder vorwirft, dass diese׳ Politik ihnen und anderen den Charakter verderbe, da• mit trösten, dass man doch zunächst einmal einen Charakter haben muss, der ver* dorben werden kann. Und das kann man nicht von allen anderen jüdischen Politikern ohne weiteres behaupten! Wandlung und Vollendung Scliabuotli ־ Gedanken Von L. Joseph. Aul der Bahn von Judas Werdegang ragen zwei Berge leuchteiul hervor: Der Sinai und der Zionsberg. An jenem erfolgte Israels Umwandlung, auf dem Gipfel des zweiten ging cs seiner Vollendung entgegen. — Pin Haufe befreiter Sklaven zog aus dem ״Hanse der Knechtschaft", scheu, weltfremd, von kindlicher Unbeholienhcit, vor ihm die stumme Oedc der scheinbar endlosen Wüsic. Ein Mysterium hing hber seinem Geschick. Da kam über ihn die grosse Einsamkeit und licss in seiner rätselumschlcierten Seele ein tiefes Ahnen reifen: Das Erkennen einer höheren Wcltordnung. Und da ging die grösste Um- Wandlung in der Menscheitsgeschichtc vor sich. Der furchtsame Geist des befreiten Sklavcnvölkcltcns wuchs zu kaum fasslicher Höhe empor und kündete seinem Geschlecht und den kommenden Generationen eine das Ali und das Einzelne umfassende, vereinigende, sic in ihrer Wesensdeutung glcicltmässig wertende Wahrheit. Alles erhielt einen höheren, unbegrenzten Sinn in seinem Ucrvorgchen aus der Einheitskraft. Es fielen die Schranken zwischen Wesen und Wesen, und die Isoliertheit und damit war auch die Vergänglichkeit der Dinge und Erscheinungen geschwunden. Die Sinai-Offenbarung errichtete den Begriff der Ewigkeit. Und der Empfänger und Vermittler dieser Offen* barung musste selbst unvergänglich sein — Die Wahrheitsflammc In seiner erleuchteten Seele, schritt er einher durch die Wüstencinsamkeit — dem ״heiligen Lande" zustrebend. — Denn seine Wahrheit lehrte keine Wcltcntfrcmdtmg und Abgeschlossenheit, sondern sie war eine ״Lehre des Lebens." Sie war gross und schlicht, neu und selbstverständlich, göttlich und menschlich, bereichernd, aber nicht entziehend. Ihm den Himmel gehend, stellte sie ihn zugleich auf feste Erde, die sie heiligte und weihte. Auf dem Zionsberg fand Israel den festen Punkt seine Wiikcns und seiner Kraftcntfaltung. Die Offenbarung am Sinai nahm hier Lebensform an. — Jahrtausende sind seither verflossen. Die Szenerie der Oescltichtsbiihne hat inzwischen unzähllgcmal gewechselt — doch die Kraft des Qcistcs ist uiivernichtbar. Und alljährlich wird das Fest der Lehre gefeiert — bescheiden, anspruchslos, unmittelbar wirkend. Scbulmoth erheischt von allen jüdischen Festen am wenigsten Vorbereitungen und Umstandllchkciten, Clcsctzcsvorscliriften und zeremonielle Handlungen. Der Volksmund bezeichnet cs: Schcwuos gcnicsst man, was man will, und wo man will. Das erstere trifft am Pcssaoh, das letztere am Sukkothfest nicht zu. Die Lehre, die Wahrheitserkenntnis bedarf eben keiner äusseren Merkmale, keiner äugenfälligen Dokumenticrung, keiner auf die Sinne wirkenden Mittel., Sic ruht in der tiefsten Seele, frei, ver* inncrllcltend, sclbstempfundcn. — , * 1 Zwei Berge leuchten aus den» Werdegang unseres Volkes: sie zeigen uns den Weg und das Ziel. Der Sinai stein voran. Israels Geistesichre bildet seinen Lebensinhalt, seinen Daseinssinn, seine Existenzkraft.! Der Lebensinhalt bedarf aber eigener Pormcn, der j Dascinssinn erfordert freie Gestaltungsmöglichkcit. Die Vollendung verheisst der Zlonsbcrg. Brief aus Palästina Von Dr. Rudolf L e s z y n s k y. III. Jerusalem. Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt .schwankt sein Charakterbild in der Geschichte — das kann wohl mit gutem Recht von Jerusalem' sagen. Es ist die heilige Stadt dreier Religionen, 1 verknüpft mit unzähligen historischen Erinnerungen, ist heute noch mit seinen gewaltigen Mauern und Toren eine stolze Stadt Sieht man vom Oelberg aus dies Meer von Kuppeln und Türmen auf einem Hoch- Plateau von tiefcingcsclinittencn Tälern umgeben, dam» ist das ein Anblick, unvergesslich in seiner einzigartigen Schönheit. Es ist eine jüdische Stadt mit tiuzfilihgcn Synagogen, Schulen. Stiftungen und Anstalten, mit vielen tausenden jüdischer Bewohner, die dort wenigstens einmal die Majorität bilden, es ist noch heute die Hauptstadt des Jüdischen Volkes. Doch nein, cs ist eine unheilige Stadt, in der die | Religionen miteinander hadern und in sich zerfallen I sind, eine Stadt voller Zwistigkeiten und Parteiungen, eine hässliche Stadt mit schmutzigen, winkligen Strassen, hinter denen die Armut kauert, auf denen das Verbrechen sich breit macht. Nein, es ist keine Jüdische Stadt, auf ihrem heiligsten Punkte stellt eine Moschee, auf Zion eine christliche Kirche, die hochragende Spitze des Oelbergs ist in russ'scheu »111J lateinischen Händen, die Synagogen sind unscheinbar, die ii'odci'iieu Schulen gebannt, nicht einmal die Klugcmaiier ist in jüdischen Händen. Ein treffendes SmiiIk)!, wenn der fromme Jude heim Anblick .lernsaleins seine Kleider zerreisst, ein Symbol für seine zerrissene Seele. Ich gebe ohne weiteres zu. dass ich mir ein Urteil über die verwickelten Zustiinde in Jerusalem nicht erlaube. Um das alles gründlich zu studieren, dazu gciiöit Zeit, viel Zeit. Informationen versagen vollkommen. Was mau von der einen Seite als feststellende Wahrheit hört, das nennen andere Uebcrtreibung, Entstellung oder Lüge. Ich fragte, wie viel wohl die Clialnkkali jährlich betrage und erhielt Antworten, die zwischen 1KS 000 Pr. bis 12 Millionen schwanken. Eine kleine Differenz! Und dabei wandte ich mich nntürlicii njeht an •len ersten besten Menselten auf der Strasse, sondern an Leute, bei denen Ich eine Kenntnis der dortigen Verhältnisse voraussetzen durfte. Klar liegt dem Betrachter die Not und Armut der Bevölkerung vor Augen, die mir jedoch wenn nicht geringer, so doch jedenfalls in keiner Weise schlmmicr erschienen, als in anderen orien. talischcn Städten. Es wird Ja für Jerusalem gan* besonders viel von allen Seiten getan. Ich sprach soeben von der Clialukkah. Endlich hat man aiigcfangcn, sie zu reformieren, sicherlich zum guten Teil ein Verdienst von Dr. Heinrich Locwc und seiner iinablüssigeii Kritik in der lüdisehen Rundschau. Aller bei dieser Reform kommt leider mir die deutsch-holländische Clialukkah in Frage. Aus allen anderen Ländern der Welt wird das Geld nach wie vor direkt nach Palästina schickt und von den dortigen Gabboim verwaltet, Uebcr das Wie einer derartigen Verwaltung ist man noch nicht einmal geteilter Ansicht. Es ist misslich, wenn die, die das Geld verteilen, selbst ihren Antcii daran erhalten. Die deutsch-holländische Clialukkah dagegen wurde von Europa aus verwaltet, sie hat letzt in dem Rabbiner Horowiez einen eigenen Be. amten in Palästina, der zweifellos ohne überstürzte (kwalintassregeln eine bessere Verwendung der Gelder anbalmcn wird. Der beste Beweis Cat.,r, dass etwas geschieht, ist die Revolte, die gegen die Reform misgebrociicn ist. Das brauchen sich die Jerusalemer deutschen Juden, spez. die Vorsteher doch nicht gelallen zu lassen, dass über!1!, rK|j andere verfügen, dass man vorher seine lJeü״>itig. keit naclnvcisen muss, bevor man Geld bekomm; unj dergl. mehr. Die andern Kohclim sind doch von so!• eher Bcv.oriiiundung frei. Wir hier haben nur das Recht zu sammeln und hinzuscliicken, das i.Vige werden sie schon besorgen. Sie drohen mit thier Sezession und werden, falls die Europäer nicht ».»eh. gehen. Boten nach Deutschland senden, um für ihre gute Sache Propaganda zu machen und Geh. zu sammeln. Sie dürften sich doch wohl verrcckrcii. diese vier Herren Vorsteher, obwohl sie sehr 1 lug ausselicn, fast zu klug, nur dass sic die dcuts-.her, Juden für etwas zu dumm halten. Man spricht davon, aus Chalukkahgelderii vuie Gewerbeschule in Jerusalem zu errichten. Zw cif.•I. los ein gutes Werk. Es gibt zwar dort schon der. artige Schulen, aber das wäre kein Grund dagegen. Technisch wird die Gewerbeschule der Alliance viel, leicht nicht so schnell erreicht werden können, aller in anderer Beziehung dürfte sie imserii Intenti uici nicht ganz entsprechen. In reizender Naivität cr/.ililtc mir der junge Mann, der mich dort hcniminimc, die Unterrichtssprache sei französisch, des abends müssten aber die Schüler englisch lernen, weil sie ia zum grossen Teil nach Canada oder Austral en auswaiidertcn. Ebenso stellt die Kmistgeu erlas.hule Bezalcl, was ihre Leistungen anbctrift't, durchaus aui der Hulie mul verdient das Loh. das ihr von allen Seiten gespendet wird. Dort haben auch, wie ich es in einem Pall mit Vergnügen konstatieren konnte, die Schüler rciclilidi Gelegenheit, das Englisch «-.!er Französisch, das sic auf anderen Schulen früher ge״ lernt hatten, wieder zu vergessen. Poch ich lialic fast schon zu viel von Schulen geredet. Nur eine mochte ich noch erwähnen, •las ist die Evcline von Rothschild-Schule, in der an fiüü Mädchen in cehtiiidisehcm Sinne und zugle:J1 modern, wie mir scheint, nmstergdtig erzogen wer״ •len. Endlich einmal •ine Schule, in der die Rehen ■11 die Rolle spielt, die ihr im Judentum zukonimt. I 1:1 daneben wird nichts vernachlässigt, die Mädchen lernen Schneidern und Pntzmaehen. Sticken nml Kochen, sic hören etwas von Hygiene (etwas 'v'tr wichtiges!), sic werden in den theoretischen Fächern Der Lieferant Novdlctte aus den Ereignissen des Jahres 1848. Von L. Herwet. (Portsetzung.) ״Geben Sic mir Ihre Papiere!“ gebot dec Leutnant. Zitternd holte der Inquisit eine Brieftasche aus einer Seitentasche seines Rocks; sein Peiniger riss sie ihm aus der Hand, und nahm die darin befindlichen Papiere heraus. Während er diese Schriften vor sich auf den Tisch niederlegte, wendete er sich zu dem Feldwebel mit den Worten: ״Untersuchen Sic die Tuchballen auf den Wagen ganz genau und strenge, ob sich nicht sonst verdächtige Gegenstände unter denselben befinden.“ — Der also Beauftragte ent• forntc sich, und der Tuchhändler befand sich mit seinem ehemaligen Hauslehrer allein. ״Sie liefern der ungarischen Armee, nicht wahr?“ fragte Sebastian in einem bedeutend gelindern Tone, indem er die eben empfangenen Papiere ungelesen zu sich in eine Scitcntasche steckte. Wie ein elektrischer Schlag traf nun den Gefragten der Gedanke: sein vermeintlicher Totfeind vor ihm wolle ihn nicht verderben, und mit der zitternden Hand über die schweiss• triefende Stirn fahrend, stotterte er ein ״Ach ja!“ hervor. ״Wenn Sie also unseren Freunden liefern,“ fuhr Sebastian fort, ״warum suchten Sie zu entfliehen, als Sic der befreundeten Militärs an* sichtig wurden?“ Herr Heller wischte noch immer, konnte aber den stets zunehmenden Schweisstropfen nicht steuern, und blieb die Antwort schuldig. —״ ־Glaubten Sie in Ihrer Angst vielleicht, Sic würden von den Kaiserlichen verfolgt, und wollten in Ihrer Unbekanntschaft mit dem Ter* rain, zu den Ungarn fliehen?“ — ״Ach ja!“ — ״Die Furcht hat Sie geblendet, so wie Sie noch jetzt nicht aufhören zu zittern, obschon Sie wohl wissen, dass Sie sich unter Freunden befinden. Gehen Sie in Gottes Namen nach Komorn und liefern Sie dort die Tücher ab. Ich werde Ihnen zwei Mann als Begleiter mitgeben, und einen Brief an den Hauptmann D . . ., der die Ware übernehmen und die Bezahlung voranlassen wird, Machen Sie sich dann sogleich auf den Weg nach Ihrer Heimat, und lassen Sie das halsbrecherische Liefern. Nicht einmal den Ungarn liefern Sie; Sie könnten wirklich den Kaiserlichen in die Hände fallen, und es wäre um Sie geschehen.“ Nach dieser wohlmeinenden Zuspruch« setzte er sielt nieder und schrieb den verheißenen Brief an den Hauptmann D . . ., versah ihn mit Unterschrift und Siegel, und »;bergab ihn dem ehemaligen Prinzipale, der sielt vor heude kaum zu halten vermochte; denn er fühlte den Strick tun seinen Hals sich lösen, und das zu einem neuen Leben erweckende süsse ״Pardon!“ durch• zitterte wonnig alle seine Nerven. Eben begann er eine improvisierte Dankrede, als der I « Ulwebel erschien ,mit dem Berichte, nichts Vor* dacht erregendes gefunden zu haben. ״Das finde ich ganz natürlich, vcrset/.ic (Pr Leutnant; denn die Tücher waren für die l!1י• rigen nach Komorn bestimmt, wie mich die Pokumente deutlich belehren; allein dieser furcht• samc Hascufuss floh vor seinen eigenen I reim־ den, da er sie irriger Weise für Oesterreich er hielt.“ Ohne dem überraschten Feldwebel Zeit zu gönnen, irgend einen Zweifel auszuspreduii, wendete er sich an Herrn Heller. ״Wissen Sie aber,“ sprach er, ״dass dieser wackere l eid* webel sich um Sie sehr verdient machte, und dass Sie ihm zu grossem Danke verpflichtet sind? 11• c,r . nic*l{ aufgefangen, dann wären Sie wirklich in die Gewalt der Oestcrreichcr ge* raten und es wäre Ihnen sicherlich sehr übel ergangen.“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.