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Jüdische Rundschau · 1909-06-04 · Heft 23 (4.6.1909) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 23 (4.6.1909)
Date
1909-06-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ח? Abonnomonta » tut 410 wfichcnlllcb am frei• ® 111; cricliclncnde ״JUdlsclio * Rund»chau*' koMcn bei 4er * Expedition tmd bei allen Po»U * •intern vlcrlcIUlirllcIi 1,23 M, J tu»«crl14lb Dculsrtiland» und Ocdetrcleli'Ungarn» 2,— M| * lut Mitglieder |(ldl»chcr Ver• Uno Im Sanimclliozug durch den Verein 1,— M, 8 Verlag JUdlicho Rundtchiu * 1:, 0. in. b. II. Dcrlln SW. •8, ZlmtnerMr. 11, | ן •j,־»cliaii»sii1ndcn! 3 bli 7 Uhr * I lu.ier Sonnabend u. Sonntag, י —^1 i r. ץ־דח ח\r ח \ ' I ' M :! Ü ף . י־/ ס /PO / i '/ך—־ /yÄ 1/ "" 'S. ['■• //*iy ׳ < ו i / ", ■>־ I \j \ ¬ס nVv׳»\ ,־ 1 * » 0 I I t ( 0 0 0 I 0 0 0 I w. <i״zoloon •tosten lUr die (Unfgctpnllcna Pctluclle oder deren Raum?5 l'tx.! Slellcn-AriKCbote und QcmkIic »owie Vcrclnsmit• ,.ellunscn u. ״Kleine Anzeige«*' 1ur 15 l’lg. ——— — — — Manuskripte werden, wenn Porto bclllcEt. Met» zurlick• Kciandt. — Kcdakllonisdiluil Mittwoch mittag», Rodakllon JUdltcho Rundtchau Ilcrlln-Cliarlottcnliurx, Dlclbtrcuntr. 49• Tel. CI1, 9881• Sprechstunden Dienstag und fruitasi II—l Uhr mittag». 0 « I I .J ALL G6M(gö^(§ S)y<g[B)OS£IK)<g Z€0TUCNXO Nummer 23 'ZZ''ZKZK*.T: Berlin, den 4. Juni 1909 —15. Siwan 5669 XIV. Jahrgang ״Charakterlose Politik“ Pie l>0Iitik gilt mehr und mehr für ein nicht k.|ir s; i horcs Geschäft — ist es auch in der Tat .: niclii immer — und das hat manche der Besten j ן!! all•־•*« l ändern und zu allen Zeiten von ihr ' fern g'ü.ilien. Zwar hat man den berühmten Spruch ״Die Politik verdirbt den Charakter“ mit Recht umgekehrt und gesagt: ״Die Charakterlosen u nlcrbcn die Politik“ — aber wenn das auch zweifellos richtig ist, so ist es ebenso un* zweifeln :;ft. dass sie die Politik machen. Mi!n mag das bedauern,. mag es als un• abäiulerlich liinnclimcn oder es zu ändern trach• len, man muss sich jedenfalls vor der Hand da• mit abfiiulen. Wie reinen Herzens und lauteren \Vollens man sich in das Getriebe des öffent• heben lehens begebe: die Tatsache steht fest und ist durch kein noch so logisches Raisonne• ment aus der Welt zu schaffen, dass nicht die grossen ethischen Ideen und Ziele die aktuelle I Politik beeinflussen, sondern reale Interessen, ו die sich mit einem rücksichtslosen ״J’ y suis i ei j* y roste“ eindrängen, und die am letzten ו linde dann stets den Ausschlag geben, ln die* I sein Sinne enthält das Wort ״Realpolitik“ einen j Pleonasmus. Politik i s t eben real, anders ist (sie nicht Politik. Pas ist gewiss sehr schmerzlich für alle Doktrinäre, für alle Idealisten. Und wir mögen es nicht einmal bedauern, dass wir Juden zu diesen neiden Kategorien so zahllose Mitglieder stellen. Denn auch im Idealismus, im Doktri* itnrisnms, ja im Fanatismus steckt eine unge• heuro Kraft. Nur manifestiert sie sich selten in Augenblickserfolgen; ihre Wirkungen sind die Ewigkeitswerte unserer Kultur. Wer aber gegenwärtige Ziele verfolgt, wer morgen die Wirkungen der Arbeit von heute | sehen will — und jede aktuelle politische Tätig* ו keit ist von dieser Art — der muss, wie schwer! cs ihm auch falle, von den moralischen Gesichts• ' punkten abstrahieren und sich reale Stützpunkte suchen. Uns Juden besonders hätte solche materialbtisclie Kapuzinadc seit langem gut getan. ■ Wir sind ja in unserer Politik — wenn man iiberh.mpt von einer jüdischen Politik bis vor kurzer Zeit sprechen kann —־ die weltfremdesten Idealinen gewesen, sind es noch. Und das soll kein l ob sein. Denn es war und ist nur all* •euer Sklaven-ldealismus, den Heine bitter und drastisch verspottet: ״l:.s singt der Knecht ein Frciheitslied Gern abends in der Schenke — Das fördert die Verdauungskraft Und würzet die Getränke.“ Unser grösster Fehler aber war es immer, dass wir auch bei anderen einen Idealismus vor* | aussotzon zu können meinten, den jene nicht | •wten und der Lage der Sache nach nicht ent* I '3'•cn konnten. Wir haben es ja an der russischen Juden* 'rj»gc. die doch wahrhaftig schon mehr ein leiui als eine Frage ist, gesehen, wie lächerlich w'r mit unserem Appell an die Humanität Euro- Pas und Amerikas dastanden. Und es ist nicht ' einmal wahr, was im Uebereifer gelegentlich w״kl behauptet wurde, dass das nur uns J u d e n träfe. Wären nicht die Armenier für die euro- Paischen Grossmächte ein gar so feines, ein in*; «malisches Miitelchen, um das Erstarken der ״Der Zionismus erstrebt lür dos Jlldlsclio Volk dl» Sclialtun« einer Ollumllcli.rcclillich Kcslchcrten Heimstätte In Palilslina," Uaicler Programm. Sas ßca Katt ״Cliuraktortose PolltlK." — Wiindtung und Volten• düng. Von L. J 0 s c p h. -Urtel aus Palästina. Von Dr. Rudolph Leszynsky. — Unsere Pulästlnaarbclt. (Rundschreiben des russischen zionistischen Zentral• Komitees.) — Jüdischer ,lugcndvcrbandstac. (Orig in albe rieht.) — Landwirtschaftliche Versuchsstation tu Pulüstiiia. — PuUistinnfalirtcu. — Aus ulier Welt. (Russland, England, Rumänien, Ungarn• Oesterreich, Bosnien, Galizien, Amerika, Türkei, Tunis,) — Riuiilscliuu der Presso, — P«• Uistlmi-Rutulscliaii. — Vom Zionismus, — Alilanco Isruellie Universelle. — Verband der deutschen ,luden. — Vcrchisruudschuu. — Feuilleton: Der Lieferant. (Novolette aus den Ereignissen des Jahres 18-18.) Von L. Ilcrwet. — Der Sternen• solm, Prolog von Alfred N o s s I g. Türkei zu hindern, — ihr Christentum würde den armen Teufeln wenig nützen, wenn ein mordgieriger Haufe sie plündert und zu Krüppeln schlägt. Das würde kaum die Taschen der europäischen Namenschristen Jetzt eben ist in der russische!?. Reichsduma ein Gesetzentwurf eingebracht worden, und zwar von den Okiobristcn, in welchem den Juden das Wohnrecht in den kaukas i s c h e n Kurorten während des Sommers ge* währt wird. Bekanntlich war bereits im vorigen Jahre von der Arbeitsgruppe ein ähnlicher An* trag gestellt, von der Majorität der Duma aber abgclchnt worden. F.s handelt sieh hier utn ein scheinbar un* bedeutendes Vorkommnis, * dem aber eine grundsätzliche Bedeutung innewohnt. Die Oktobristcn begründen nämlich ihren Antrag keineswegs mit irgendwelchen humanitären Erwägungen ־— die werden ganz nebenbei in einem Satze flüchtig gestreift! ־־־ sondern sie weisen darauf hin, da«s es ein offen• barer Nonsens sei, russischen Staatsange• hörigen zu verbieten, ihr Geld in Russland aus• zugeben. Als der jüdische Abgeordnete Nisse- 10witsch kurz vor seiner Erkrankung auf ein Schreiben des Rabbiners von P j a 11 g o r s k (einem der fünf Kurorte des Kaukasus) hin dem Kriegsministcr den jetzigen Antrag der Oktobristen als Wunsch unterbreitete und ihn älmlieh begründete, da war man in gewissen jiidiselten kreisen entrüstet. Nisselowitsch hielt da• mals dem Minister vor, dass die kaukasischen Kurorte, die sogenannte kaukasische Mineral* wassergruppe, den russischen Staat alljährlich ganz bedeutende Zuschüsse kosteten, die vermin• dert oder vielleicht sogar in Uebcrschüsse ver• wandelt werden könnten, wenn man den Juden gestatte, dort im Sommer Aufenthalt zu nehmen, statt ins Ausland zu reisen und ihr in Russland erworbenes Geld in ausländischen Kurorten auszugeben. Natürlich wies auch .Nisselowitsch darauf hin, dass es ausserdem ungerecht sei, russischen Untertanen, die vielleicht nicht ins Ausland reisen können, die Möglichkeit zu nehmen, ihre Genesung an den russischen Heilquellen zu suchen. Gleichwohl fanden unsere ״Idealisten“ bürgerlicher und sozialistischer Observanz in seltener Eintracht,', dass es einem jüdischen Politiker nicht zieme, mit solcherart Argumenten etwas für. die Juden erwirken zu wollen. Und sie sahen in der Ablehnung jenes rein humanitär begründeten Antrages der Arbeitsgruppe durch die Duma den vollgiltigen Beweis, dass die Juden von dieser Duma nichts zu erwarten hätten. Was macht cs einem rechten Doktrinär aus, dass der I: r f o 1 g anders sprach. Der Minister nämlich zögerte anfangs, schlug das Gesuch Nisselowitschs aus, und erst einige Zeit später erhielt Nisselowitsch die Nachricht, dass infolge seiner Petition der kaukasische Statthalter Fürst Woronzow-Daschkow die Erlaubnis des Zaren 'auswirkte, den Juden während der Sommer• monate den Aufenthalt ln den genannten Kurorten gestatten zu können. Nun kommen die Oktobristcn mit einem entsprechenden Gesetzesprojekt, dessen Bedeutung wohl hauptsächlich darin liegt, dass es eine gesetzlich festgelegte Durchb r e c h u n g der Bestimmungen über den An- Siedlungsrayon und das Wohnrecht der Juden in Russland bringt, und beweisen mit ihrer Begrtindung, dass Nisselowitsch mit seinen so oft optimistisch gescholtenen Ansichten über die dritte Duma nicht so ganz unrecht zu haben scheint. Nisselowitsch sagte in seinem Bericht bekanntlich: ״Die dritte Rcichsdunta wird, falls es ihr bcschieden ist, den ihr gesetzten Endtermin zu erreichen, gar nicht umhin können, infolge der zwingenden Notwendigkeit, auf die brennende jüdische Frage zu antworten, und ihre Antwort kann meiner tiefsten Ueberzeugung nach nur in einem für uns günstigen Sinne ausfallen.“ Nisselowitsch ging und geht von der wohl kaum anzuzwcifelndcn Ansicht aus, dass die Entrechtung der Juden Russland selbst noch mehr Schaden bringe als den Juden, und als Politiker folgerte er, dass wohl eine habsüchtige und wenig weitblickende Bureaukratie diese Tatsache ignorieren könne, niemals aber ein Parlament von Volksvertret c r n , die — jeder in seiner Art —- doch immerhin das Wohl Russlands wollen. (Immer abgesehen von den Vertretern des ״echtrussisehen“ Verbandes, der ja mit der Tschinokratie identisch ist, und dessen letztes Ständlein doch wohl nach den neusten Vorkommnissen in Kürze geschlagen haben dürfte!) Wenn dieses Parlament nur die ökonomische und finanzielle Lage Russlands richtig zu beurteilen weiss und die Bedeutung der Juden in ökonomischer Hinsicht erkennt, dann kann es gar. nicht anders, als — selbstverständlich allmählich, Scluitt für Schritt — den Juden‘ in Russland eine grössere, freiere Entwicklungsmöglichkeit zu geben. Damit wird das Glück der *ussisclten Juden nicht besiegelt sein, und die Erfahrungen der Juden Westeuropas werden ihnen nicht erspart bleiben. Aber sie werden den Kampf unter menschenwürdigen Bedingungen führen können. Und die werden sie erkämpft haben durch die ״charakterlose‘* Politik des zähen langsamen Vorwärtsgehens. ' Diejenigen jüdischen Politiker aber, die fern von allem liberalen und revolutionären Phrasengebimmel diesen aufreibenden Kleinkrieg gegen eine ihre Existenz verteidigende Bureaukratie

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