Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1909-05-25 · Heft 22 (25.5.1909) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 22 (25.5.1909)
Date
1909-05-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2651605-2651627--06414-2663502
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 24S. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 22. auszuriclitcu. Die judüisclien Belsen waren zu fest. Xu grösseren Schlachten kam cs nicht. Aber in Scharmützeln müssen die Römer ungeheure Verluste erlitten haben. — So hielt .sieh die Insurrektion in den jml;iiseüe» und iduiniiiselieu Bergen zwei Jaltrc lang mit Erfolg, und ilire Wirkungen zeigten sich in gleicher Weise in den erregten Nachbarländern wie überall, wo Juden wohnten Eine ungeheure l:\nlosion drohte att.szubfcclien. Noch war dieselbe in ihrem Heide zu ersticken, und Hadrian entschloss sich, den besten Fehllierrn seiner Zeit, .Julius Severus, seine!•'eldlierrnkunst gegen Provinzrebellen erproben zu lassen. Severns sah mit einem Blicke, dass hier taktische Erfolge und glänzende Siegeslorbecren nicht zu holen waren, dass vielmehr Kriegslage, und Op.'rationsbasis die unalnveislichc strategische Bordcning stellten, durch Eliizelzernieruug und schritt* weise Hrorherung die Insurgenten uns Ihren Belsen herauszudriingeit. Mit einem gross angelegten, einheitliehcn Platte machte 'er sieh ans Werk, von dem wir nichts keimen, als den Erfolg, 50 eroberte Besttmgeu. 'Ass besetzte Dörfer und die Kahl von 5*1(001» Üefalleueu bezeichnen denselben. — ücther war die letzte Belsenburg, die den Römern trotzte. N'aeli verzweifeltem Widerstande fiel auch sie, und in ihr die Seele der liewegnng, Simon Bar Koehba (!.«). Mehr Preihcitsheid als Staatsmann, mehr Helden-!(ihrer als Beldlterr, echt wie Oold, ohne fütternden Schimmer •- das war der letzte Kämpfer für Judas Freiheit. Hinter die gewaltige Persönlichkeit eines Jml« Makkabi hat ihn das Andenken der Nachwelt mit Recht ziiriicktrcteu lassen, Hin Kampf mit Rom, an sieb schon aussichtslos, wurde ein Wahnsinn, sobald von vornherein jede Vcrtragsmoglichkcit ausgeschlossen wurde. Doch das trifft vielleicht nicht Bar Koehba. Von Juda Makkabi hätte er aber lernen müssen (an dieser einen Stelle stehen die dunklen iVtiecn dieses Krieges der Kritik offen), dass ein Kampf hu Gebirge nicht allein von Helsemiestern aus geführt werden kamt, sondern dass ein Haupterfordernis desselben leichte, bewegliche Streifseliare» sind, dass einem ungeheuer überlegenen Beinde gegenüber Nadelstiche Schwcrtlilebe ersetzen müssen. — Im Erfolg hätte das alles aber nichts ge* ändert. Der Genius des jüdische» Volkes hatte seine Fackel gesenkt. Die Priichtc des Krieges sind darum aller nicht minder reich. Die reine und reinigende Begeisterung, die er unserm Volke nach einer laugen krankhaften Entwickelung gab, lebte in Rabbi Akiba und all den Millionen von Märtyrern bis auf den heutigen Tag fort und gab ihnen die Kraft, unter den Händen ihrer Würger und aus dem Blammcnstoss heraus noch den brechenden Blick hoffnungsvoll gen Zion zu wenden, gibt uns die Kraft, im Bewusstsein der Glosse unseres Tuns zuknuftsfreudig die alten Ideale wieder auflchcn zu lassen. Mesopotamien Mesopotamien' Es hat einen eigenartigen, guten Klang in unsern Ohren, dieses Wort. Und das ist kein Zufall. Eine angesehene Berliner Zeitung, die auch besonders gerne in jüdische» Kreisen gelesen wird, brachte einen kurze» Bericht über die Kondolier Versammlung, i!, der Israel Zaugwill das nette Proekt der JTO entwickelte, einfach unter der Spitzmarke ״Zionistische Versammlung‘•. Und das war j auch kein Zufall. i Als die JTO ihr Cyrcmneaprojekt berausbraeltte und fast mit ihm zugleich den Misserfolg dieser ihrer Bemühungen verkündete, war cs ohne weiteres klar, dass sie irgend etwas noch In der Hinterhand haben musste. Ein Knufinatiii pflegt nicht seine schlechten Bilanzen und seine geschäftlichen Sorgen allen Leute» mitzuteilen, um seinen Kredit zu erhöhen: und eine politische Partei steht und fällt mit ihrem Kredit. Nun Italien wir die ״Überraschung" und sic heisst Mesopotamien. Die JTO, die sich von dem offiziellen Zionismus J trennte, war prinzipiell von ihm noch nicht verj schieden. Was die beiden unterschied, war lediglich das System: jene wollte auf die territoriale Kolouisationsaushülfe nicht verzichten, aber sie sollte nur eine Durehgaiigsstatioii nach Kimi sein. Oh man sieh wohl vorstellte, dass die Juden, falls sic einmal in Ostat'rika durch die landwirtschaftliche Ansiedltmg fest eingewurzelt waren, in einem Kamle, das •sie im Sehweisso ihres Angesichts urbar gemacht, woiuüglieh mit Blut gedüngt hatten und das sic als freie Leute in nationaler Geschlossenheit bewohnten, auf den ersten Ruf hin Pflug und Spaten auf die Schultern j genommen und ihr Land den Schwarzen überlassen ' hätten? Die kolonisatorische Aushülfe musste im Laufe der Entwicklung für die •ITO Selbstzweck werden und ist das auch geworden. Und mm ergibt sielt eine prinzipielle Scheidung gegenüber dem Zionismus. Jene wollen nur eine Lösung oder Erlciclitcrung der sozialen Jmlrnnot durch territoriale Ansiedltmg, was wir wollen, ist weit mehr: wir wollen auch die Lösung der ideellen, nationalen Judetmot: jene wollen eine jüdische Kolonie schaffen, wir aber ein jüdisches Mutterland. Das ist der grundlegende Unterschied zwischen uns beiden. Wenn aber auch aus diesem Gesichtspunkte i heraus unsere vornehmste zionistische Arbeit stets auf 1 Palästina gerichtet sein muss, »nd mir auf Palästina, 1 denn kein anderer Bleck der Erde bietet für die Schaffung eines jüdische» Mutterlandes annähernd so günstige Bedingungen wie Palästina, so ist es doch andererseits nicht zu übersehen, dass im Balle einer iiidiseheii Besiedelung Palästinas dieses Land für eine Jahrhundertelange Zukunft keineswegs aus- 1 eichen würde, Mau müsste sieh dann, genau wie andere ״Mutterländer’' cs taten, nach Tochtcrkolonien umschen, und es ist nur Massrcgel einer weisen Politik, dies frühzeitig zu tun, Und da ist allerdings kein Land für eine solche Kolonie besser geeignet als Mesopotamien. Unsere zionistischen Statistiker, wie Warlmrg, haben stets, wenn sic Ziffern für eine zukünftige jüdische Bevölkerung und Bcvülkcnmgsdichtfgkeit gewinnen wollten, andere Nebenländern Palästinas, vornehmlich Mesopotamien, in ihre Berechnungen mit hiueiugczogeu. Zieht mau diese Zahlen heran, so ergibt sich, dass Palästina, mil den Durchschnitt der Provinz Pose« zu erreichen (105 Einwohner auf den qkm), noch anderthalb Millionen Ansiedlern Raum gewähren könnte, w.'ihrend ,für Mesopotamien (bei extensiver Jnudwirtschaftiielier Ansiedlung) TI 700(1(!() Menschen in Be. traelit kämen.'•1) Pie Lage Mesopotamiens gegenüber >1,- ־« Mutterland ist denkbar günstig, Mty,. Ich ist'das natürliche Hinterland Palästinas, von ,r1..״ durch die Wüste getrennt, die s,ch aber in weiten »ach Süden oifcucn Bogen, wie ein ״rCL •!ul die Karte lehrt, unschwer umgehen Itesse. ivtk. 1 inie würde in Gestalt einer Eisenbahn eine ^lC5f ״nd nützliche Verbindung zwischen PaiüMiia ״״ü Mcsopotamien sein, sowohl in handclspoKtisckr Hu in kulturell-nationaler Beziehumr. IIIIU - - -, als auch in kulturell-nationaler Beziehung. Die JTO nimmt mit 41er Ausführung ihres 1i״;Vh potuinischen Planes eine schwere Verantwort״,^ auj sich; ein Belilseliiageu Würde das 5ell)Stvertr;1״e« <k־f Juden, das gerade heute in erschreckendem Aluichmvn ist, nicht .steigern und überhaupt das jüdisch«• . - V(|f. ucliiniieli aber auch das zionistische Prestige schwer schädigen. Sie .scheint sielt aber dessen bcwnsst zu sein, und ausserordentlich Vorsicht;,; gellen, was mir ein Vorzug sein kann. Liier .!,e ״,׳ן., niing' Mesopotamiens zur landwirtschaftlichen lksieü. lung zu reden, sväre »nissig; auch will die JTO dax Land erst durch ilire geographische Kn11m11s<.i״״ l״u tersueheu lassen. Aber es möge gestattet m n, l״cr ein Zitat zu hriiigcu aus dem Werke Max Breiherr von Oppenheimers ״Vom Mittelmeer zum persischen Oolf“*), in detu dieser Bor.schcr die Ergehniss«• .scäiier Reise durch Syrien und Mesopotamien veroiumiiclit. Es heisst da S. 25S; ״Die türkische Regierung düritc sich auch der an sie herantreteiidoii Aufgabe nidit entziehen, das Kanalisationsmul Irrigatton-system des unteren Tigris- und Euphratlatifes, wdeias die Grundlage der Blüte dieses Geländes in iriiiicit;; Jahr, hunderten und Jahrtausenden war, wieder in >tanj zu setzen und für dessen Unterhalt und dessm Ycr• tcidigiuig gegu rauhhistige Heduiiieuscliarvn borge zu tragen. Wenn die Wasserwerke in Aus«,אן,, tamieu wieder funktionieren, dann ist die erste Y«,r. hedinguug dazu geschaffen, dass dieses Land wieder zu der Kornkammer wird, die es in früheren Zeiten gewesen ist, und die Eisenbahn, die dieses Gebiet er• schliesst (gemein! ist die Bagiladbalm), wird t ue der ersten Verkehrsadern der Welt werden.־־ Auf welchem Wege die JTO eine Masse״. 1,!.!״j. sation der hmdciitwöimten Juden ins Werl. s«.t/cn will, oh sie sich die zionistische Methode * da• der P. L, D. C. — zum Muster nehme» oder eine andere zur Anwendung bringen wird, ist vorläufig ו,;;• i'a־. heinmis. Sie wird sieh der Verantwortlichkeit ihres Schrittes wohl bewusst sein, und ja ausserdem um dem Rate der erfahrensten Bachleute ebenso wie um dem notwendigen Kapital unterstützt werden, >«.«!,iss hoffentlich jede überhaupt mögliche Gewähr zmu Oe• liugcn gegeben sein wird. Auch in politischer Beziehung werden den, I*'.:me nicht unwesentliche Hindernisse entgegensiehen. I>,c JTO verlangt für dir Territorium eine Autoimmie, welche eine nationale Selbstverwaltung gewährleistet. Diese wird bei den heutigen Verhältnissen in der Türkei, mag diese noch so sehr von den friediwiie» und reichscrhaltetule» Absichten der jüdischen Bn• Wanderer überzeug! sein, kaum im Rahmen des Brrciehbarcu liegen: schon um des bösen Beispiels wegen, dass eine .s«dehe jüdische Autonomie den au• deren auf eine Gelegenheit lauernden Provinzen gehen würde, müsste das jungtürkisclie Regime einen der* artigen Vorschlag von sich weisen - wenn die um• Gerne ottoiuanisehe B-taatsurg.inisatiuii erst einm,«! fest #) Zahlen nach Warburg. men! ich wäre gewiss dabei nicht stehen geblieben, und — ich hätte ja nicht für die Ungarn, sondem für meine Johanna gekämpft!“ Nicht sobald fuhren ihm diese Gedanken durch den Kopf, als er auch den Entschluss fasste, nach Ungarn zurückzukehren, um — sich einreihen zu lassen. Wir haben im Eingänge dieser Er- Zahlung gesehen, dass er seinen Entschluss auch rasch ausführte. ln seiner hoffnungsvollen Freudigkeit vorgass er es wohl zu bedenken, dass bis zu dem in Aussicht stellenden Avancement auch die kaiserliche Armee ein Wörtchen werde mitzureden haben; er war jedoch durchaus kein Politiker; ״Johanna“ war sein Losungswort, und halte man ihm diese gegeben, so würde er recht gern die Aufständischen mit Stumpf und Stiel haben ausrotten lassen. — Einige Monate später finden wir Sebastian als Honwed-Lieutnant in einem Dorfe in der Nähe von Komorn. ״Herr Leutnant,“ referierte ein Feldwebel, ״wir haben auf unserm Streifzuge einen guten Fang gemacht. Ein verräterischer Lieferant, der zwei mit Tuch beladene Wagen in das feindliche Lager zu führen im Begriffe war, wurde von uns aufgefangen und samt der Ware hierher gebracht. Bei unserm Anblicke wollte er entfliehen, wurde jedoch von uns ereilt.“ — ״Was wollen wir liier mit ihm machen? Ich werde ihn nach Komorn transportieren lassen.“ ■— ״Nehmen Sie, Herr Leutnant, vorerst ein Verhör mit dem Kerl vor, vielleicht ist es ein Spion, und wir könnten Dinge von ihm erfahren, die uns Vorteil und Nutzen bringen dürften.“ —״ ־Gut, bringen Sic ihn herein 1“ Der Feldwebel entfernte sich, und kam bald mit dem gefangenen Lieferanten zurück. Es war dieses niemand anders als — Herr Heller aus P . . s. Von den eigentümlichen Empfindungen, welche die zwei nun einander gegenüberstehen• den Individuen ergriffen, da sic einander im ersten Augenblick erkannten, lässt sich kautn eine Beschreibung geben. Wir wollen also die Vorstellung davon dem Leser überlassen. Doch waren sie bei Sebastian von minder betäubender Natur, und sonach stellte sich bei ihm auch zuerst wieder die nötige Fassung ein. ״Wer sind Sie? und wie ,heissen Sie?“ fragte er in rauhem Tone. Der arme Gefangene, der sich seit einer Stunde mit dem Gedanken an des Seilers Er- #) Dietrich Reimer (t-rnst Volisen). Berlin t1״׳". Zeugnis vertraut machte, fühlte durch diese barsche Ansprache den Strick sich fest zu־ schnüren, konnte also kein Wort der!:!־wideru■1g hervorbringen, und sah nur stier und gk>1/..uu den Frager an. ״Wollen Sic antworten?“ herrschte ihn >.־• bastian an. Ein unartikulierter Ton, der uiigc• führ wie ein ״Ja!“ lauten sollte, wälzte sich schwerfällig über die gelähmte Zunge. ״Wer sind Sic, und wie heissen Sn >" wiederholte der Leutnant. — Keine Amu«1־1׳ erfolgte. ״Herr Leutnant,“ nahm der Feldwebel «.'as Wort, ״ich denke, zwölf Pillen a posteriori wer• den dem liallunken die verdammte Zunge lösen.“ Dass der freundliche Feldwebel eine psv* chologisch richtige Bemerkung gemacht haben müsse, lässt sich daraus schliessen, dass schon die blosse Vorstellung von dem angedrobien Mittel nicht ohne Wirkung blieb. Mit bebenden Stimme zwar, jedoch verständlich genug, »tot• terte der Examinierte: ״Ich bin Kaufmann aus P . . s, und heisse Abraham Heller.“ (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.