Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2-to JUKDISCHE RUNDSCHAU No. 21. M. A. l.ocb - Frankfurt u. M. beantragt die Streicliuns des 8 79, Absatz 1 und 2, nach welchem vor!oder Besetzung einer Rcllgiauslchrcrstolle der Vorstand der Provinzialgcmcindc darüber zu befinden hat, ob der von der Synagogongcmciude zu wühlende Lehrer als (lcnicindchcauitcr gemäss 8 3! unbestellt werden soll oder nicht. Rabbiner Dr. Solinniuuu-Franklurt a. M. bedauert als liberaler Rabbiner den Standpunkt des Ausschusses des Rahhlncrvcrbnudcs inbezug auf das Vetorecht. In der heutigen Zeit ist, so lueiutc der Redner, das Vetorecht absolut nicht mehr atu Platze. Der Rabbiner soll, wenn er mit seinem Gewissen cs nicht anders vereinbaren kann, einen Privatkontrakt mit der Gemeinde machen, aber in einen Gesetzentwurf passt heute eine solche ßestimmung nicht hinein. Redner spricht seine Befriedigung über den Antrag der Lehrer aus, dass nach einer Probezeit eine definitive Anstellung der Lehrer und Rabbiner zu erfolgen habe. Zur moralischen und materiellen Sicherstellung ist die lebenslängliche An- Stellung von Rabbinern und Lehrern unbedingt notwendig. Ich habe mich gefreut, als Herr Justizrat Dr. Blau erklärte, dass er den Tag segnen würde, an dem sein Sohn zu ihm kümc und ihm sagen würde, dass er Rabbiner werden wolle. Wenn wir die Stellung der Rabbiner erst so gesichert und gehoben haben werden, dass die Söhne unserer Vornehmen und Grossen sich dem Rabbinerstandc zuwenden werden. daun wird für das Judentum der Anbruch der incsslanlschen Zeit nahe sein. (!! — Red. d. ״J. R.") Lehrer M. Steinhardt-Magdeburg: Wir verhütgen, dass derjenige, der in einer Gemeinde als Reli• gionstchrer imgestellt wird, eine Vorbcrcitungsuml eine Schlnsspriifung abgelegt hat, wie sic allgemein üblich ist. Diesem so vorgebildeten Lehrer muss aber dann auch eine rechtlich-gesicherte Stellung zuteil werden. Uber diesen Standpunkt kommen wir nicht hinweg. Sic werden nun sagen, wenn wir die R n b 11 i 11 0 r nicht definitiv anstclicn, können wir doch nicht den L c h r e r 11 die definitive Anstellung Zusagen. Aber das geht eben nicht. Sie müssen Rabbiner und Lehrer definitiv anstellen. Sichern Sie sich durch Privatvertrüge soviel Sie wollen, aber cs darf nicht gerade den charaktervollen Lehrer Jeden Augenblick die Kündigung bedrohen, Denn der Kriecher und der Streber kommen schon überall fort, aller gerade den üherzcugnngstrenen Mann trifft naturgemiiss leichter eine Kündigung als einen bieg- Samen Charakter. Wir Lehrer wollen nicht über der Gemeinde stellen, aber mich nicht u 111 c r ihr. Wir wollen in der Gemeinde stehen und mit ihr wirken. Der von der Gemeinde einmal gewählte Lehrer muss mit allen Rechten eines Gemeindebeamten unbestellt werden. Darum muss der 8 79 fallen, der der Willkür Tfir mul Tor öffnet. Das ganze Gesetz hat mir dann einen Wert, wenn Sie damit einen zufriedenen und slcliergostclitcii ßeaintcnsfaiid schaffen. Was wir wollen, das soll nicht uns persiinlieh, Sündern nnserm ganzen Stande nützen und mit ihm der gesamten Judenheit. Referent Professor Biaschko bespricht in seinem Schlusswort hauptsächlich noch einmal die gegen die Bedingung der Doktorprüfung für die Rabbiner von diesen vorgebrachten Hinwäude. Sämtliche cingchrachtcn Anträge werden der Kommission für die dritte Lesung als Material li h c r w i c s c n. In einer persönlichen Bemerkung verwahrt sich Rabbiner Dr. Gntmann - Breslau dagegen, die Rahbincr als die alleinigen Vertreter des Judentums hingestellt zu haben. Was er habe sagen wollen, sei mir dieses: Der Justlzrnt, der Gymnasiallehrer etc. gelten eben doch in der Öffentlichkeit immer als Vertreter ihres Standes und nicht als Vertreter des .1 u d c n 111 m s; als solcher gilt aber überall, wohin er auch kommt, stets der R a b b i n c r. Und wenn gesagt wird, es gehöre kein grosser Mut dazu, seine Meinung frei zu äussern, wenn man definitiv angcstcllt sei, so halte er das für falsch. ״Verlangen Sic denn lauter Heroen? Es gehört doch auch für einen festangestellten Rabbiner oder Lehrer Mut dazu, seine Meinung gegen die Auschaumigen massgebender Gcmcindcpersönlichkcitcn zu äussern und zu vertreten. Diesen Mut aber können mul müssen wir eben verlangen, nicht aber dürfen wir von ledern den Mut erwarten, dass er seiner Überzeugung wegen sich und seine Familie auf die Strasse setzen lässt." Das Referat über die Paragraphen 80 bis 97 des Entwurfes, Abschnitte Bezirksvcrb.'indc, Provinzialgemeinden, erstattet Landgerichtsrat Loewe- Berlin. Vor Beginn der Diskussion über dieses Referat erbittet sicli Rabbiner Dr. Werner noch das Wort zu einer kurzen persönlichen Erklärung. ״Erstens erkläre Ich, dass ich Jeder sachverständigen Kommisslon die Entscheidung darüber überlasse, ob cs richtig und durch das Rcllgtonsgcsctz fcstgclcgt Ist, dass der Rabbiner in religiösen Prägen die Entscheiduug zu treffen hat. Zweitens erkläre ich cs ab irrtümlich, als ob das, was wir wünschen, konscr* vativ gemeint ist. Das Prinzip des Vetorechtes kann sich, wie hier schon sehr richtig gesagt wurde, ebenso gegen die Liberalen wie gegen die Konscrvativeu richten. Ferner protestiere ich d a g cg c n, dass Herr Rabbiner Dr. S 01 i g nt a n n sagte, wenn die Stellung der Rabbiner und Lehrer so gesichert sein wird, dass auch die Sühne^ der Qrossen und Vornehmen in Israel in diesen Stand eintreten werden, dass dann ״die messianischc Zeit an geh röche n" sein wird. Die mcsslanlsche Zeit Ist für uns ein zu hoher Begriff, um einen so!• eben Vergleich gelten zu lassen. In der Debatte zu dem Referat L o e w c spricht Herr Bergmann - Charlottenburg sein Bedauern aus über die Teilnahmslosigkeit der Juden in Charl o 11 e 11 b u r g und überhaupt in den westlichen Vororten Berlins an allen jüdischen Dingen. Die Juden in den westlichen Vororten Berlins zeigen koinerici Interesse für irgend eine indische Frage, und das wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Das einzig wirksanie Mittel, diese traurige Erscheinung zu hckämpfeil, ist, die Begründung selbständiger jüdischer Gemeinden In den Vororten von Berlin. In § I, Absatz 2, des Entwurfes heisst cs: ״Die AI1grenznng der GeiucimJehezirke (Synagogenbezirke) erfolgt in der Weise, dass sieh die Synagogenbezirke in der Regel den politischen Verwaltungsbezirken an* sehiies.seu." Was für ganz Preussen also recht ist, das sollte doch gerade für diese Orte in der Umgegond von Berlin billig sein. Nach diesen Orten drängen immer mehr luden, und gerade aus den wohlhabenderen Kreisen, und diese bleiben ohne die rechte Vertretung. Italien keinen Anteil an jüdischen Dingen, halten nicht einmal eigene jüdische Woldfahrtsiiistitutiniieii. ja sogar keine eigenen Friedhöfe mul nehmen infolge aller d:cscr Mängel auch gar kein Interesse au indischen Angelegenheiten. Über verschiedene spezielle Org.iuisatiousfragen .sprachen dann noch KaLscher Zerbst, Rabbiner Kopfstein - BcuUien. Justizrai Friedmann - Glogau. Kabhiner llorowlt/- Hockenlieim. t.cvy-Hcchingcn (llohciizollern), Rabbiner Dr. Wilde - Magdeburg, l.clirUr Wolf Aurieli und Lehrer Katz Nsiculmrg, der beantragt, die Einrichtung von Jüdischen V o I k s s c 11 u I e 11 in der Provinz sei zu fördern und evtl, seien Doihiillen an diese Schulen zu gewähren. Zur Begründung fügt der Antragsteller hinzu, dass die Durchführung seines Antrages wescutlieh geeignet sein würde, die kleinen Gemeinden zu erhalten, die vielfach gerade durch die am Orte existierenden jüdischen Volksschulen bestehen blieben. Justizrat Friedmann Glogau verlangt sodann Ab- Stimmung aber einen A 111 r a g, den er gemeinsam mit Koclimniin - Gleiwitz, Holz Königsberg i. Pr.. Dr, Rosenkranz - Tilsit. Lazar-Königsberg I. Pr.. Berger Königshiitte, Dr. Mayer-Düsseldorf und Barnays* Kattowitz eingebraeht hat und der folgenden Wortlaut hat: ״Die Versammlung bcschliesst: Bei der Organisation der jüdischen Gemeinden Preiisscns ist über die lokale Gemeinde, über die Bczirksßcmciiulc eine weitere Organisation mir insoweit zu schaffen, als es zur Bildung und zur Unterhaltung von Bczirksgcineinden, sowie zur Bildung' von Ruhcgclinltskasscn erforderlich ist. Eine Organisation von Provinzgcmcinden, und der Landcsgcmclnde ist nur insoweit zu bilden, als durch dieselbe die Selbständigkeit der Gemeinden in keiner Weise beeinträchtigt wird.'* Die mittels Zettel vorgeiiommenc Abstimmung über diesen Antrag ergibt die A 11 n a ii in e des An• träges mit einer ■Majorität von fünf Stimmen. Es wurden insgesamt von 128 Delegierten 36t Stirnmen abgegeben, davon 183 für den Antrag Friedmann und Genossen und 178 gegen den Antrag. Ein Antrag Feiner, ״falls die Anträge des Lehrerverhandes aus lormclicn Gründen in dem Organisationsgesetz nicht Verwertung finden können, die Kommission zu ersuchen, bis zum nächsten Gemclndctngc die Gruudzüge eines Besoldungsgesetzes zu entwerfen, in welchem die auf dem XI. Gemeindetage gegebenen Anregungen Beachtung finden," wird der Kommission als Material überwiesen. Das letzte Referat erstattet Herr Emil Cohn- Berlin über die §§ 98—107 (Landcsgcmclnde). In der Debatte, die sich hauptsächlich tun die Steuerfragen dreht, sprechen u. a. die Herren M. A. Klausner-Merlin, Dr. Kaatz - Zabrze, Justlzrat Friedmann-Glogau. Landgerichtsrat Loowo - Berlin sagt unter anderem: ״Ich weiss nicht, was dio Landesgemeinde nun überhaupt noch soll, nachdem Sie den Antrag Eriedmann angenommen habe«. Wir habe eben pro niliiio gearbeitet und nun machen Sic in einer neuen Kommission, an der Herr Justizrat Fried mann wesentlich wird mitarheiten müssen einen neuen Entwurf, und dann wollen wir uns £ 10 Jahren wieder sprechen.“ Zwischen l.audgcrichtsrat Loewe und Justizrat Frlednmmi entspinnt sich ein längerer Disput, u welchem der letztere den Standpunkt vertritt, *die Kommission hätte nicht einen so speziellen Entwurl vorlegcn sollen, sondern vielmehr Grumlzügo *״ einem Entwurl, über die man dann erst sich hätte einigen müssen. Nun aber sei es auch nicht richtig dass die Kommission jetzt einfach erkläre: Wenn ihr unseren Entwurf nicht so anneiimt, dann arbeiten wir nicht mehr mit. Die Kommission, die die Aul. gäbe einmal übernommen habe, solle den hier zum Ausdruck gekommenen Willen der jüdischen ncmeinden zur Kenntnis nehmen und den neuen En{, wurl unter Berücksichtigung der liier vnrgchraehtcn Wünsche ausarbeiten. Amtsgeriehterat Kallscher beantragt, der Kom. mission eine Anzahl von Mitgliedern aus d« 1 Reihe der Redner des XI. Dcutscli-lsraeiitiselieu Gcucindctages ziizuwälilen. Der Antrag wird der Kommission zur Berücksichtigung überwiesen. Ein Antrag von Rechtsanwalt Makower-Berlin ״über die Frage der Opportunität einer Kmre.chunz des Gesetzentwurfes an die gesetzgebenden Faktoren auf dem jetzigen Ocmcindetagc nicht zu bcscf.hcssen. sondern in dieser Beziehung später nach Anhörung des nächsten Gemeimtetages gemeinsam' mit dem Verband der Deutschen Juden vorzugeilen." wird e i 11 s t i m m i g a 11 g c 11 o 111 m e 11. Ferner wird gemäss A 111 r a g des l.andgericlitv rates Loewe der vorliegende Gesetzentwurf der gemischten Kommission als Material für weitere Arbeiten unter Berücksichtigung des heute angenom« menen Antrages Friedmann überwiesen. Nachdem noch von verschiedenen Seiten ausgcsprochcn worden war. dass man trotz des schein, har negativen Resultates doch mit der Art!eit des XI. G e m c i 11 U c t a g c s /. u I r i e d e n sein könne, der eine Klärung der Anschauungen herbeigeführt und uns auf dem Wege zu einem alle Teile hefriedigenden Organisationsgesetz jedenfalls ein gutes Stück Weges vorwärts gebracht habe, wurde nach den üblichen Dankreden der XI. Deutsch-Israelitische Oemeiiidetag gegen Uhr abends geschlossen «• 9 Ueber den allgemeinen Eindruck der Tagung er• halten wir noch das folgende Stimmungsbild wi.scri-x z. in.-Mitarheitcrs: Die Tagung, die am Sonntag und Montag diese.׳■ Woelie 25(1 Delegierte liidischer Gemeinden Dcutscl;• lauds vereinigte, war im rechten Sinne ein deutscher .liideutag. Da gal) es denn neben den aiisserordentlicli ernsten und gewichtigen Fragen, die dort verhandelt wurden, auch vieles, was abseits der Tages. Ordnung für den interessierten Beobachter von Bedciitung war. Es war eine iliustre Versammlung, die sieb. ge. tragen vom Vertrauen der deutschen Judcngcmcinden, ziisamnienfand, tun über Fragen zu beraten, die das vitalste Interesse der Juden Deutschlands bernluen Da gab es Männer der Wissenschaft, deren Namen weit über die indischen Kreise hinaus einen guts'.i Klang haben, Vertreter der freien Berufe und Gross■ industrielle sowohl wie schlichte Männer, die siel; in langjähriger pflichttreuer Oemcindcarbcit hev.äiirt haben. Dann aber auch eine grossere Anzahl R.!h• bincr, die mit überzeugendem Pathos für die Sc I»• stämligkeit ihres Amtes cinzutrctcu wussten 1 ■ ml Abgeordnete der jiidschcn Lehrer, deren bescheidene wirtschaftliche Forderungen in geschickter We.se vorgctragci! wurden. Dann erhob sich auch ein: a'. einer, der, wohl mangels parlamentarischer Sclmlmig. den Ort für geeignet hielt, die kleinen lokalen S׳>r. •m seiner Gemeinde vorzutragen. Wie hei der Xusammciisctzung der Versammlung׳ nicht anders zu er* warten, sali man viele stattliche Erscheinungen mul interessante Köpfe. Scharf geschnittene Profile, meist umrahmt von ehrwürdigen Bärten, von semitischem Adel sowohl wie solche, aus denen nur die Aristo• kratie des (leistes spricht, Hs mochte dem Gang der Verhandlungen förderlich sein, dass die Gegensätze, die, trotz der gemeinsamen idealen Endziele, in der Versammlung vertreten waren, nicht lauge latent blichen, sondern schon nusserlich durch die Gru?• picrung der Opposition an der rechten Seite des Saales in die Erscheinung traten. Denn so gal» cs 0' der parteipolitischen Erregung keine Steigerung, s|l״• dern cs wurde schon anfangs nach einer stürmischen Geschäftsordnungsdebatte, die der energische zweite Vorsitzende — um den manches Parlament den Oe■ mclndctag beneiden konnte — mit starker Hand ab* kürzte, bei der Abstimmung über die Zulassung einer