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Jüdische Rundschau · 1909-05-14 · Heft 20 (14.5.1909) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 20 (14.5.1909)
Date
1909-05-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 230. mP.nifiCHE RUNDSCHAU No. 2t). .schwere Aufgabe Zufällen. die Kolonisten durch die Praxis von der Wichtigkeit einer rechtzeitigen tier* ärztlichen Behandlung zu überzeugen. Wenn dies gelinttt, werden sielt wahrscheinlich die indischen Kolmuen auch zur Anstellung von Tierärzten gegen festes Gehalt cntseiiliessen. Es ist möglich, dass die jüdischen Koloiiisylionsgescllsehaftcn hierzu eine Bei• liilfc gewähren. Dagegen ist cs ausgeschlossen, dass die jüdischen Kolonien schon jetzt auf brieflichem Wege einen Tierarzt aus Europa engagieren. einfachsten dadurch, dass Jüdischer Verbünde t - ««•* rv?»% Uiiti'gLi'tW'f״ M In Jaffa ist ein jüdischer Mnurcrvcrbaiul ins Lehen gerufen worden, der auf eine gründliche Erlernung des Baufachs hei den jüngeren Arbeitern iiinarhcitcn will mul die Nachahmung der Interessen der jüdischen Maurer in seinem Programm hat. MB den letzten Schilfen sind hier zahlreiche jüdische jtmee Leute cingetroffen. die sich nach den Kolonien begehen wollen, um daseihst als Arbeiter beschäftigt zu sein. Die jüdische Arbcltcrorganisntiou ..Hapocl Hazair“ bemüht sielt eifrig, ihre Mitglieder zur Erlangung der türkischen Naturalisation zu veranlassen. Die neue Gesellschaft ״S c 11 i 1011“. welche die Erkenntnis verbreiten will, dass die Judenfrage ohne eine grosszügige Ausicdlung von Juden itt Palästina unter dem rcchtielicn und staatlichen S e h u t z der o 110 in a n i s c h c n Regierung nicht gelüst werden könne, und in diesem Sinne durch Massen• crklürtingcn von türkischen Juden besonders a\ti die JCA (Jewish Colonizntion Association, die Ver* walteriu des Millioucuvcrmögcus des Baron H i r s c h. das hekamitlich für Jüdische Kolonisations. zwecke bestimmt ist!) zu wirken strebt, arbeitet hier sehr erfolgreich und gewinnt immer mehr Anhänger. Sie veranstaltet hier häufig grosse öffentliche Ver- Sammlungen, in denen eine entsprechende Erklärung von zahlreichen Personen unterzeichnet wird. (i.) Die Nachricht von der Abschaffung der ״roten Scheine" für jüdische Einwanderer in Palästina (was gleichbedeutend wäre mit der Aufhebung des E i 11 w a n d e r u n g s - V c r b 01 $) war verfrüht. Herr D e 11 - J e 11 u d a hat sielt allerdings hei den hiesigen Behörden darum bemüht. —־ bisher ist aber der Erfolg noch ausgehlicben. Der jüdische Pariatncntsahgcorduetc M a z. 1 i a c U E f f e 11 d 1 hat sielt einem Korrespondenten gegenüber geäussert. dass die jüdischen Abgeordneten natürlich für die Abschaffung dieser ״Schaudscheinc" wirken werden; die Sache sei jedoch •schwierig, da sic nicht die ottomanlschcn .luden, sondern die ausländischen Juden betriiit. Er hoffe aber gleichwohl auf einen Erfolg der dahin zielenden Bemühungen. Dagegen ist hier die Beseitigung einer anderen B e s c 11 r ä 11 k n 11 g gelungen. Bisher mussten tiirkischc Juden heim Ankauf von Boden oder Häusern sich schriftlich verpflichten, dieselben nicht an aus• ländische Juden zu vermieten. Jetzt ist diese Be• Stimmung aufgehoben worden. f\U N DSC H fi U'D£ R- P tTesSü ,,Jüdische Turnzettung״, Berlin Sanitätsrat Dr. M. J ast row itz Berlin, ver• üffcntllcht im jüngsten Heft dieser Monatsschrift einen bemerkenswerten Artikel über ״Muskeljudett und Norveniuden", dem wir das Folgende entnehmen; ״Von Nordau ist das Wort geprägt worden: Die Juden sollten Muskeltucnschcn statt NcrNcnmcnschen werden. Damit ist in ■zutreffender Weise im n.'.gc־ meinen die Richtung angegeben, nach der die körperliehe Erziehung unserer Glaubens- und Rasscgcmcinscliaft sich zu bewegen hat ln streng Wissenschaft• liebem Sinne Jedoch ist eine solche Forderung nicht voll und ganz, zu rechtfertigen. Man kann nämlich Muskeln nicht kräftigen. Muskclbcwcgungcn zumal vernickelter Art nicht aushildcn, ohne zugleich das Nervensystem zu vervollkommnen und im eigent* liehen Sinne des Wortes stärker zu machen. , . . GeseV/A. es ginge an, unsere jüdische Jugend leeligllch zu Muskclmcnschcn zu machen, so wäre das ein schlimmer Tausch, wenn wir gegen das Gehirn uni so viel mehr Rückenmark clnwechscUcn und uns den Straussen und Krokodilen näherten. Dafür hat die Natur Indes vorgesorg't, dass wir solche ResuL täte, die uns nichts nützen würden, auch nicht er• zielcn können. Wir können nämlich niciits Neues an den Organismen schaffen, wir können durch Bebuiig allein die Organe liehen, welche entweder ln der Anlage schwach oder durch Nichtilhung vorkümmert sind. Im crstcrcn Falle gelingt das recht schwer, in letzterem nicht selten überraschend schneit. Man lat oft von der Elastizität unserer Rasse ge• sprachen, die sic trotz aller Leiden und Verfolgungen ausdaucru licss und, sobald ein Hauch der Freiheit in die Giicttos clmlrang, wo sie gebeugt, und mutlos, mit enger Brust und kurzem Atem, mit verkümmer* *ein Knochenwuchs und verkümmerten Muskeln dahinvcgctiorte, sic befähigte, cmporzusclincllen und, nach den höchsten Zielen mit den christlichen Mitbürgern strebend, *diese auch zu erreichen. Solche anscheinend wunderbare Wiederauferstehung der Oe• ncration erklärt sich am durch bessere EruäUcniitgs- und Lebensweise cs gehingen ist, die im Gehirn verborgen aufgcspcieherteii, latent existierenden Kräfte zu lieben und in die riehtigen Halmen zu lenken. Dem aufmerksamen älteren Beobachter ixt es sicher anfgefallcn, dass oft schon in einer Generation kleine, וווו vorteilhaft gewachsene, selbst förmlich degeneriert aussehende Eltern präehtige, grosse Söhne und Töchter von besonderer Schönheit erzeugten. Man hat dann zuweilen von einem Rückfall in den Typus der Vorahnen gesprachen, von einem sogen. Atavismus. Allein der Atavismus lässt sich nicht beweisen, da Bcschrcibungen und Abbildungen der Vorahnen nicht existicren. Wir dürfen mit Wahrscheinlichkeit allenfalls iiiiiteliineii. dass Jette unserer Ahnen, die in Palästina ein arbeitsames Landleben in freier Luft führten, kräftige und auch wohlgestaltete Menschen gewesen sind. Die mir bekannten Vcrkörpcrliehungeii derselben als Gefangene auf dem Tltnshogcn in Rom, welche nicht wie auf den ägyptischen Denkmälern Semiten isn allgemeinen, sondern unzweifelhaft Juden Jener Epoche darstellen, die ich mir daraufhin wiederludt angesehen Italic, zeigen bedeutende Gestalten, die merkwürdigerweise gar keinen semitische» Typus haben. Setzt sielt doch dieser Typus hei den heutigen Juden zusammen aus Erscheinungen, die in unserer Anlage begründet sind und in durch den Druck vieler Jahrhunderte künstlich hcrangezUchtoten. Wenn letztere, die unangenehm auffallen, in einer glücklicheren Generation schwinden, so kann der zurliekblelbeiule, rein semitische Typus au und ihr sich auf den Kenner und auf jeden gebildeten Menschen, der aufgehört hat, alles Fremdartige za hassen, keineswegs unangenehm wirken. Er ist in seiner Art ebenso schön und edel, als der in den! reichen West-Ghettos unserer Grossstädte hei Jü- Linnen so beliebte germanische blonde, oder der slavische. oder irgend ein anderer Typus. In einzelnen Familien, deren Sprösslinge durch Luxus, Verweichlichung, Liederlichkeit, durch gewisse von Schuld der Eltern zeugende Krankheiten auf der sozialen Leiter licrahgeglittcn sind (dreht sich hei den Juden das Schicksalsrad doch schneller!), kann man dann den Rückfall in einen, in seiner Art׳ viel widerwärtigeren Typus sehen, nls der der Voreitern gewesen ist. In summa glauben wir also, dass me Verkümmerung der Gesamtkonstitution während einer überlangen Periode des Elends die Schuld trägt an der l'.ntncrvung der Juden nach einer gewissen Richtung und ihrer Entmusketung. Es würde die Grenzen des für einen Artikel gegönnten Raumes überschreiten, wollte ich über die Nervenschwäche! mul über die Nervenkrankheiten unseres Stammes sprechen. — Nur kurz soviel; Ich muss nach einer •uclir denn dOiährigcn Erfahrung, wobei ich diesem Punkte spezielle Aufmerksamkeit zuwaudtc, leider im Gegensatz zu Ruppin cs aus- I sprechen, dass die Juden von Geistes- und Nervenkränklichen in einem erschrecklichen, im Vergleich mit anderen Völkerschaften unverhältnismässlg hohen Prozentsatz Iicimgesucht werden. Was können wir tun, um dies zu bessern, wie schaffen wir unserer Rasse gesunde Nerven und gesundc Muskeln? — Es fehlt Im jüdischen Gehirn nicht an den Substraten für die Fülligkeiten des Aufmerkens, des Nachdenkens, der geistigen Komhination und Abstraktion. Wir haben solche stets üben müssen zur Sclbstcrhakung und weil wir nichts Besseres tun konnten. Was uns fehlt, isf die Willenskraft, die nicht passiv im Verharren oder in grillenhaften! Eigensinn, sondern in frischer Betätigung des Qcistes in der Ausscnwclt mittels einer kräftigen Muskulatur bewirkt wird. Diese fehlt uns vorwicgend zur harmonischen Ausbildung unseres Seelenorgans. Haben wir keine genügende Muskelkraft, so können wir selbst auf rein geistigen Gebieten nichts leisten. Denn die Entäusserung der Geisteskraft zum Nutzen für andere geschieht doch auf dem Wege• der die Muskeln ln Bewegung setzenden Nerven. lieber die Behandlung unseres Geistes und Gemilts kann ich an dieser Stelle auch nur summarisch bemerken, dass Einfachheit und Selbstzucht, im grossen und ganzen das Festhalten an den auch hyglcniscli vortrefflichen rellglonsgcsctzliclicn Vorscliriftcu und an den Sitten der Väter, weiche durch Jahrtausende im Sturm sich bewährt haben, das Beste ist, was einem bedrängten Stamm noch heute dringend nitzuraten ist. Reizen wir ausserdem die Muskeln zur Tätigkeit an, so erwecken wir die Mirnprovinzen, welche der Bewegung »md dem Willen zugeeignet sind, aus ihrer Lethargie, was bislang vielfach ein wahres Manko ln unseren geistigen Leistungen verursacht hat, Nicht immer ist den iiUiiseheu Arbeitern mit Unrecht der Mangel an Ausdruck, au grossen Gesichtspunkten und an weitem Blick vorgeworfen worden. Wie die Verhältnisse liegen, können Massrcgcln zur Reform, zur Aufbesserung zunächst unserer physischen Kräfte nur in Vereinen ausgcfllhrt werden, wo die bei uns zahlreichen Schwachen, Vcrwcichlichten. Verkümmerten und selbst die Degenerierten beiderlei Geschlechts ungeniert über ihre Felder wohlwollend belehrt werden, wo sic in geselligen» Wetteifer sieh üben, Turnen und Freundschaft pflegen können. Einige wichtige Gesichtspunkte möchte ich zum Schluss *dabei hcrvorlichcii, die. obgleich bekannt, doch nicht oft genug wiederholt werden können. 1. Der Muskel ist während der Arbeit stark bim. : und sauerstoffhedürftig. Daher muss im Winter in gut ventilierten Räumen, im Sommer, wem! irgend möglich, im Freie וו das Turnen stattfinden. Es muss im Freien gebadet und geschwommen und es müssen dazu Ausflüge gemacht werden. 2. Ein zweiter Punkt ist die ausreichende, zweckmässige Ernährung des Körpers durch Speise und Trank. Ein ungenligemi Ernährter wird!ווו Turnen nicht nur Zurückbleiben, er wird sogar du reit die Anstrengung ahmageru und Schaden an seiner Gesundheit erleiden. ,1. Eine hesondere Berücksichtigung muss den hei uns so li.iu. figen, von Hause aus Nervösen und Schwachen zuteil werden. Bei ihnen müssen die Leistungen fei!: ah. gestuft und es muss streng individualisiert Waden, wenn man nütze» will. Gewisse Turnübungen, bei denen der Kopf stark herumgcsehleudert wird, wie die Weilen ־ - Knie-, Kreuz- und Artmvcilen ־ - m׳»t!1tc ich überhaupt widerrate». Ich weiss von zwei Kindem, welche dabei sich Blutergüsse ins Gehirn /;!. zogen und wie von einen! Schlagiluss halbseitig ■ge. lähmt wurden. Wir können uns mit Freiübungen, mit Laufen, Springen, Kieittern. mit Schwim,״u1, Diskuswerfen, Schiessen, mit gymnastischen Spk’.m und mit Barrcnturiicu begnügen, um die gew! i::.n Resultate zu erreichen. Diese sind: Kräftige Muskeln und die Rückwirkung auf das Gehirn die Entwich• lung der Faktoren, welche zum Durchdringcn in der Welt vonnöten sind: Ein fester Wille, ein stetiges, ruhiges Handein. ein richtiges Gefühl, das nicht du: J; Ueherspanntheit und Unruhe das Urteil trübt. Wir haben dann Aussicht, den heutzutage für uns sciir erschwerten Kampf ums Dasein siegreich zu in.׳• stehen, weil wir die Kraft uns erworben haben du!c’> eigene Mühen und deshalb den Mut und den Wer; in uns selber fiihlcn." ״D/e Welt**, min a. Rh. In einem Artikel ״Der alte und der neue Sultan״ schreibt N. So ko low In No. 19 der ״Welt:״ ״...*. Abdul Hamid war keine einheitlich, klar und durchsichtig angelegte Natur, deren Üestreini:!• gen stets einen geraden, deutlich erkennbaren Weg gehen, deren Handlungen sich von bestimmten Au<• gaugspunkten aus, nach bestimmten Grt111ds.it/u1, einem bestimmten Ziel zu bewegen. Es steckte etwas Fatales in dem komplizierten Geiste und dun vielseitigen Wesen dieses Monarchen, der mit einer gewaltigen Anspannung seiner Willcnskrait die in ihrer Entwickelung von ihm unabhängigen Ereignisse lenken zu können glaubte, der nur sich selbst und seiner eignen Leistungsfähigkeit vertraute und alle von ilun unabhängigen Personen als Automaten l e״ handelte, die sieh willenlos seinen Befehlen fugen mussten, der keinen Widerspruch vertragen konnte■, der in dem Schachspiel der Regierung mit einer gewissen Beflissenheit abscitslicgcndc Wege cinsehlug und nur die eignen Plano verfolgte, ohne die Mug• iiclikcit zu erwägen, dass auch der Gegner Gegen• ziige in Bereitschaft habe. Die Folgen dieser in der ganzen Veranlagung und Entwicklung dieses Aut׳׳• Nraten beruhenden Handlungsweise traten in einer Reihe unausgesetzter persönlicher Konflikte zutage, die Ihm seihst um so peinlicher waren, als sic mit einer andern, sehr scharf ausgeprägten Seite seines Wesens, seinem Streben, In seinen Leistungen über• all gewürdigt und anerkannt zu werden, in offenem Widerspruch standen. Sehr häufig gelang cs Ihm, seine persönlichen Pläne durclizusctzcn, mul er hielt dann TroUshm liir Weisheit, Erfolg für Tugend. Erfahrung und Schlauheit machte» ihn lange zu einem praktisch»!« Selbstherrscher, wenn cs sielt um Fragen der Er* haltung seiner Innern Macht handelte, aber sein Geist entbehrte des hohen Fluges, der eigentlicNii Genialität und stuatsmimulsehcu Voraussicht. Er i״SG0 dein Gange der Ereignisse und betrachtete die!:!• duttg eines Faktums wie ein Botaniker das Autblühen eines Keims, um ihn zu klassifizieren, l’*f folgte dem Laufe, ohne ihm Sc voraus zu sein. Ahe Eigenschaften einer starken Willenskraft, die Ihn h״ normalen Lehen nuszclclmctcn, schienen ln dem• seihen Augenblicke zu erblassen, wo ungewöhnliche Verhältnisse cintratcn. Seine Haltung war in Geis schwierigen Fragen unentschlossen, z.wcldcutig. Die ausserordciitliclic Ausdauer ■seines Wesens konnte nicht über die Beschränktheit seiner Ideen, sein Selbstbewusstsein nicht über deren ängstliches, talentloses, weil zu keinem Resultat führendes Ah• wägen täuschen. Er war Skeptiker, Quietist und hatte das ״Klsmct"-Prhtzip fast zu einer Regicrungsmaxlmo erhoben. Seine Kunst, eine Verwicklung zu behandeln, machte seine eignen Anhänger nervös; sein Scharfblick war intermit• (Porlsctzung auf Seite 232.) ג 1

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