Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Stadt liegt sozusagen Raitz auf.dem rechten Ufer des Seihutiflusscs in der üusserst fruchtbaren kilikischcn Ebene und ist mit Ausnahme des bestgebauten und jedenfalls ältesten Stadtteils im Zentrum und Osten, auf ebenem Gelände erbaut. Rings lierum liegen ausgedehnte grosse Weingärten mit Dörfern und Sommerhäusern, die Türken. Armeniern, Griechen und Europäern gehören. ״ , Die Bevölkerung zählt etwa 80 000 Köpfe, nach neuerer Schätzung, wovon etwa •10 000 Türken, »10000 Armenier. 8000 Araber und 2000 Gricehcn-l.cvaiitiuer, nebst wenigen Europäern sein mögen. Die europäische Kolonie bcsteht linuutsächlich aus einigen französischen Jcsultcupatcru und Ordensschwester!!• dio eine Schule in der Stadt haben, einigen mnerikonischen Missionären, die ebenfalls eine Schule besitzen, und einigen Deutschen. Angestellten der deutschen ilamnwollfabrik, und neuerdings nun noch aus einigen Ingenieuren der Bagdadbalm. Die Häuser des inneren Zentrums der Stadt bestehen nur 7״ T. aus Stein, der grösste Teil der anderen Quartiere jedoch ist aus Erde oder Holz ' erbaut. Daneben gibt es in den iiussersten Guar- .ticrcn auch viele einfache Schilfhäiischcn, meist von Arabern und Fellachen bewohnt. Die türkische Bevölkerung treibt meist nur Kleinhandel, etwas Gartenbau oder vorübergehend irgend eilt anderes Gewerbe, ist aber natürlich die vorherrschende im Staate und bewohnt mehr dio äusseren Quartiere und nur zu einem kleinen Teil die inneren. Der armenische Teil der Bevölkerung ist tätiger, treibt Handel und Grossgewerbe und . wohnt im allgemeinen mehr im eigentlichen Zen* trum der Stadt, dem Gcschäftsviertcl, daneben aber auch In verschiedenen grösseren und kleineren äusseren Quartieren. Da cs sich in den Unruhen sozusagen nur um diese zwei Bevülkeriingsgrnppcn handelte, übergehe ich eine Schilderung der anderen. Der Türke ist im allgemeinen ziemlich faul und Fatalist, gutmütig, wenn nicht sehr gereizt, n! u t i g, ehrlich und tr e u, erkenntlich ׳ für erwiesene Wohltaten und vor allem gast* freundlich. Der Armenier ist intelligenter und schlau und infolgedessen auch tätiger, flcissi* ger, wohlhabender; aber daneben im Durchschnitt unehrlich, verlogen, treulos, feige und vor allem sehr u n r u h i g u n d revolutionär. Unter diesen Umständen wird man es begreifen, dass die nach der Ausrufung der Verfassung erteilte Erlaubnis, Waffen zu halten und zu tragen, nicht von guter Wirkung sein konnte. Alle Bevölkcrungstcile machten denn von dieser Erlaubnis ■auch den weitesten Gebrauch, vor allem aber die Armenier. Ich sah in der Stadt massenhaft Waffen verkaufen: diese grossen türkischen Dolche, dann Revolver Jeden Alters und Kalibers, aber auch Hunderte von Brownings und sogar viele Martinigcwchrc, Winchester* biiehsen usw. Infolge des W a f f c n t r a g e n s und aller anderen Freiheiten, die sie durch die Verfassung erhalten hatten, wurden die Armenier immer frecher und un ru 11 i gc r und zuletzt ge hä rdeten sic sich üusserst herausfordernd, schossen mit ihren Waffen Tag und Nacht in der Luft I! c cum und reizten die Türken. Schon vor und dann während der Ostertage wurden einige Türken von Armeniern erstochen oder erschossen und darauf auch umgekehrt. Man fühlte es, es lag schon lange etwas Schwüles in der Luft; man wollte aber an nichts glaubtu, da Adana’bis Jetzt in den früheren Wirren vollständig ruhig geblieben war. Immerhin hatte die türktsehe Regierung, doch jedenfalls, weil sie etwas ־ahnte, schon im Dezember 190•» etwa 400 Mann r cg u l ä r c Truppe 11 (Araber) n a c J! Ada na beordert, die mit den modernsten Mauscrmagazlnguwchrcu bowalinct waren. Am Dienstag, den 13. April, abends wurden mm' wieder einige Türken und Armenier ermordet und nachdem nochmals Mittwoch um 9 unr morgens zwei Leute auf frischer Strasse ermordet wurden, schlossen sich im Nu alle Läden der Staut und einige Militärpatrouillen durchzogen die Strassen, waren aber in den winkeligen Quar• ticrcn einer orientalischen Stadt von 80 000 Ein* *• M 1» IHM .*1* n n H'i 1*11.01 Und so geschah cs, dass die Wut der aufs äusserstc gereizten türkischen Massen, ן unter denen cs natürlich ebensoviel Gesindel gibt wie anderwärts auch, sich in den entsetzlichen Gewalttaten Luft machen konnte. Mit einer erfreulichen Promptheit — wir sagen es ohne Ironie — hat das europäische Ge. wissen darauf reagiert. Obwohl cs siel! uni 1 eine i 1111 c r t ü r k i s c 11 c Angelegenheit handelt, die nach der allgemeinen Uebung nientaudvm ein Recht zur Einmischung in die innere Politik der Türkei gibt, haben sich Ule diplomatischen Vertreter zweier westeuropäischen Mächte im Aufträge!ihrer Regierungen an den türkischen Minister des Innern gewandt und ihn um Abstellung der unerhörten Grausamkeiten frcmidschaftlichst ersucht, Sehr schön! Aber warum geschah das nicht 1903 und 1905 ans Anlass der nicht minder entsetzlichen Judenmassakers in Russland auch? Wurden dort nicht auch Kinder und Greise auf dem Pilaster zerschmettert, Mädchen und Frauen bestialisch vergewaltigt und schändlich gemordet? War die brutale Blutgier des Kischinewer Pöbels dem europäischen. Gewissen sympatbischer als die Mordlust des Pöbels in Adana und Mersina? Warum denn? Das wäre doch ein merkwürdiges Gewissen, das siel! nur regt, wenn ein Christ gemordet wird, und das stumm bleibt, wenn es sich nur um Juden handelt! Gewiss würde man in Paris und London recht gern der Türkei ein bischen ins Gehege kommen. Aber die politische Heuchelei kann doch noch nicht so weit gediehen sein, dass man sich das moralische Gewissen nur dann schlagen lässt, wem! cs in den politischen Kram passt. Oder doch?. Wir Juden haben cs ja oft schon gefragt ״Und ein Narr wartet auf Antwort.“ Am Quai d’Orsay und anderwärts aber lächelt man über die Frage und Über den Wartenden. Juden, wie lange noch wollt ihr die Narren Europas sein?- Zum Fall Bloch Aus den! Eisass wird uns geschrieben:״) Durch die ausführliche Besprechung der Gerichts. Verhandlung in der Angelegenheit des Einjährigen Bloch aus Mülhausen hat sich die ״Jü<li. sehe Rundschau" ein'unzweifelhaftes Verdienst erworben. Die Besprechung war in vielfacher Bin. .stellt interessant. Es sei mir nun gestattet, in An. betracht des grossen Aufsehens, dass dieser Fall sowohl in jüdischen Kreisen des Eisass als auch weit über die Grenzen unserer engeren Heimat hinaus erregt, liier noch einige ergänzende Betrachtungen uuzustelleu Dio ״Jüdische Rundschau" — wohl in Unkemit• nis der Details, welche die Gerichtsverhandlung zu 'läge gefördert, — knüpft au leitender Stelle an einen kurzen summarischen Bericht eine üusserst sehirfe Kritik über die Behandlung, welche den Juden im deutschen Heere durchschnittlich zuteil wird. Wie sehr Ich mm auch diesen allgemeine» Ausführungen hcipflielitc, fühle ich mich doch zur Feststellung verpflichtet, dass diese allgemeinen Ausführungen .!ul den vorliegenden Fall nicht ohne gewisse Einschr!וו• kungen zutreffen. Dass die Behandlung der : .discheu Soldaten im Heere eine durchaus unwürdige ist, dass sic geeignet ist, täglich das Ehrgefühl zu verletzen, und zwar nicht nur das der besonders Feinfühligen, darüber ist man sieh über den Kreis unserer davon betroffenen Volksgenossen hinaus auch in den politisch liberalen Kreisen klar. Klar ist man sich auch darüber, dass eine solche Behandlung oft auch jüdische junge Leute trifft, deren militärische Tüchtigkeit der ihrer Christliehen Kameraden gleichwertig oder auch im einzcincu Falle überlegen ist. Es ist deshalb Bf lieht insbesondere der Jüdischen Presse, die üffent• lieho Meinung und die massgebenden Kreise immer und immer wieder durch Aufdeckung der einzelnen Fälle auf diesen Missstand im sogenannten deutschen / 1/1u ouiku kvüwii wir wiuucr, ua sie den Fall unter einem Gesichtspunkte betrachtet, den auch wir durchaus nicht unberücksichtigt wissen möchten. Für jene Art von Objektivität aber, die durchaus auch die letzte psychologische Möglichkeit aufsuchen mochte, die geeignet wäre, den Gegner zu entlasten, haben wir durchaus nichts übrig. Uelier die Kriegsgcrichtsverhandhinge» haben uns seinerzeit sehr ausführliche Berichte Vorgelegen, auf Grund deren wir uns unser Urteil über beide Parteien gebildet habe». Die jüngsten Nachrichten, die wir in der Rubrik ..Aus aller Welt" wicdcrgchcu, lassen die Person des Rittmeisters noch weniger sympathisch erscheinen und sind durchaus nicht ge• eignet, uns zu einer Revision unseres Urteils zu ver•;!»lassen. Oh Bloch ein tüchtiger oder untüchtiger Soldat war. kommt überhaupt nicht in Frage — das!nag dem Herrn Rittmeister eventuell mildernde Umstände sichern — uns kann cs nicht tangieren. Denn einen! N'ichtiudcn — und wäre er weit untüchtiger und undisziplinierter, als Bloch angeblich gewesen sein soll! — würde der Herr Rittmeister schwerlich nii* ähnlichen Gehässigkeiten auigewartet haben. Abc!• den Juden verhöhnt man eben und beschimpft Ilm als Juden — wenn man schlechter Laune ist! Das ist für uns das einzig ausschlaggebende Moment, wenn wir diese Sacnc ausführlich behandelten. Wir Kommen in näcnster Nummer auf die neue KriegsgcrichtsvcrJiandlung nochmals zurück. — Red. der Sixlus der Fünfte Von Dr. M. Buscha k. (Schluss.) Mcnschenluilic, sprach er, wird schwerlich »n diesem Falle hinreichen, besonders bei der Kürze der Zeit. Denn mit Tagesanhruch soll das blutige Werk vollbracht werden. Und eher lässt sich der Tiger ein blutiges Schaf von einem Knaben aus dem Rachen reissen, als Antonio seine Beute fahren lässt. — Aber wie kam cs denn, dass dein Vater sich zu einer so seltsamen Verschreibung entschloss? Ihr seid ja sonst so vorsichtig im Geschäfte. Das ging einfach so zu, erwiderte Jessica, Miete für das Haus und einige bare Darlclmc hatten die Schuld bis auf tausend Zcchincn gesteigert. Antonio war seit einem Jahre ein häufiger Gast bd uns und ging mit meinem Vater vertraulicher, als mit irgend jemand um. Nun mit einem Male forderte er die Rückzahlung nebst dem Mietzins von vielen Jahren. Mein Vater der nicht zahlen konnte, bat um Aufsehub, der ward denn auch gewährt. Aber Antonio woOlte ein Pfand. Auch das vermochte mein Vater zu solchem Werto nicht zu verschreiben, da schlug ihm Antonio vor, Ihm ein Pfund von seinem Fleische zu verschreiben, und er behandelte das wie einen Scherz, und mein j Vater ging in die Falle. Jetzt hat er bitteren j Ernst daraus gemacht, der schlaue Tiger, nur | um den Preis meiner Unschuld will er die ganze 1 Schuld fahren lassen. Aber solche Schande zu ertragen vermag weder ich, noch mein Vater. Es war unter diesem Gespräche die Nacht hercingcbrochcn, und der Landsknecht drohte zu scWicsscn, wenn das Mädchen sich nicht gleich in das Tor begebe. Jessica entfernte sich, Sixtus liess siel! aber auf einem Säulenstumpf nahe dem Chettotore nieder, in der Hoffnung, noch eins oder das andere zu vernehmen, und heute, •wie noch niemals, hat der Himmel seine edlen Absichten begünstigt. V. In der Frühe des nächsten Morgens hörte man ein Sägen. Hämmern und Klopfen auf dem Platze, der ״bocea dclla veritä“ heisst. Dio Arbeiter schlugen die Blutbülmc auf, und schwätzten gleichgültig «her die neue Todesart. Aber, fragte Cccco den Beppo, was soll denn neben dem Blutgerüste der Dreibein? der hat ja so lange schon in der Poltcrkarnmor der Rota geruht! Hast du noch von einer zweiten heu- Egen Exekution gehört? — Nolnl erwiderte Beppo.־ Auch ist noch die Frage, ob der Jude an der Operation sterben wird. Vielleicht wird er. wenn der Schnitt glücklich Überstunden wird,!י‘ ' . Hin Pfund Fleisch ist eine •v.»..״״״,» ,«,.«״״״ Unzen Apothekergewicht! Im übrigen heiligen, römischen Reiche würde das schon mehr austragen! — Beeide lachten über den rohen Scherz und stiegen vom fertigen Gerüste herab, um das sich bereits der Pöbel zu sammeln begann. Als nun der Tag heller dämmerte und es zur Friilmiettc zu läuten begann, war bereits der ganze Platz mit Schaulustigen ungefüllt, und was nicht Raum fand, erfüllte die Fenster und Dächer der umgebenden Häuser. — Jetzt öffnete sieh das Gefängnis, und aus seinem Tore trat eine Schar Hellebardiere «in blanken Harnischen, in ihrer Mitte der Verurteilte, zu beiden Seiten von zwei Glaubensbriiderii imterstützt, und gefolgt von dem Henker. Als der /£״g über die Brücke und am Ghettotorc vorbeikant, war der Jammer herzzerrcissend. Denn Shylok war unter den Seinen als ein gottcsfürcluiger und hilfreicher Mann geachtet und geliebt. Auch hatte ihn ja kein Verbrechen in dieses Unglück gebracht, sondern seine Argjosigkeit und die Arglist eines Feindes, der sich in sein Vertrauen ©ingeschlichen hatte. — Jetzt war cs nicht mehr weit bis zum Blutgerüste.—