Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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SlireeliMinuU•״ DicnttaK und l'rulinio II—I Uhr mliiau«. 1 I־. * % « I I J ALLGSM<S0 3ye©0scc;3® zsitufjo• Nummer 20 ■מידור.wrM* * Berlin, den 14. Mal 1909 — 23. \far 5669 XYV. Jahrgang Zur Beachtung! Pie :1;.liste Kummer der .,J. R.» muss, des chrislliel■.1:1 Feiertages wegen. einen Tag früher abg'c. iflilosscu werden. Manuskripte miisscii also bis 01(0(015 PlenMaa früh in unseren Hiindcu sein De Sprechstunden der Redaktion linden Von {ein ab dicustag* und Freitags von 11—1 u!!r statt. Redaktion der J. R.« Die Narren Europas Max Nordmi hat einen Erfolg errungen, freilich einen, den er nur mit schmerzlichem Lächeln quittieren dürfte. Das curop;iiseiic Ocwisscn nämlich — das er vor Jahren .mlässlicli der Judcntnctzclci'cn im clirisiiieliui Russland einmal suchen ging, das alle hai,.:וו״ oder zu kennen behaupteten, und das doch nirgends zu greifen war — dieses europäische Gewissen ist jetzt plötzlich wieder in die Erscheinung getreten. Und die Soziologen sollrcii sich die Gelegenheit nicht entgelien bssen, die merkwürdigen Ursachen des Auftretens «der des Versagens dieses seltenen Phänomens zu studieren. Pas europäische Gewissen äussert sich diesmal wieder, wie vor Jahren, gelegentlich <!.r Anm nierverfolgtmgen. Die Armenier sind bekannt lieh Christen und wohnen zum grossten Teil in einem nichtchristJichen Lande, der inohamiiieil.'iiiisclicn Türkei. Infolge dessen haben sie -- solange die Türkei schwach war und de! Sultan in Europa als der ״kranke Mnnii" galt ~ stets mit Erfolg die (sogenannten) christlichen (sogenannten) Kulturstaatcn um llüfe־ gegen die barbarische Regierung angerufen, unter deren Szepter sic schmachteten. Zwar li.ibeii sie sich nichts weniger als einwandfrei d.ii'e־: benommen — in gar manchem der von ihnen angeriifeiien Staaten hätte man sio «!me viel Federlesen als Hochverräter abgeurteil; wenn sic nätnlich als Bürger dieses Latidvs dasselbe hätten tun wollen, was sic a'v!•*!visjie Untertanen taten. Indessen, sic hutfeii Erfolg. Und also in unserer crfolganbcteriscliun Zeit auch Recht. P r Merliner Kongress sicherte ׳Ihnen weit- SeheiHle* Rechte zur Teilnahme an der tiirW- Mtbeii Staatsverwaltung, derselben Vcrwal• tung. der sie grosse Teile Ihres Gebietes nach oitciu in Eingeständnis zu entreissen und sic als arm nisches Königreich zu konstitnicreji dachten. M•'•״ stelle sich vor. dass Prcusscn heute Kezw imgeii würde, die polnische Landtagsfrakhon in clie prctissischc Staatsverwaltung auf- Z|m11s::ie11 — das wäre noch nicht einmal dashUh. aber man wird sich die Stimmung der türkischen Regierung dann ungefähr ausntalcn ״Ö1IIK1I. I’mrrcr Friedrich Naumann, der gewiss niebt im Vcrdacltt antichristlichcr Oe- '"1"וו,!■; stebt. schrieb vor mehr als zehn Jahren ״• seinem kürzlich zum sechsten Male neu auf- ׳ttkgicii, noch immer überaus lesenswerten 15"Go ״As in“׳ darüber das Folgende: ״Wer Ilm (den türkischen Staat) zerstören JW. der unterstützt zu diesem Zwecke die Griechen, Serben, Bulgaren, Mazedonier, p.vrcr, Armenier. An dieser Methode, den 1• rostu rz des Bestehenden in der Türkei herbei- 21•führen, haben gelegentlich alle Qrossmüchte' c . ״ ••Der Zlcmf*m11f crirrcb! fflr dai ladlielio Volk dl• I Än“״e,nCf ö״®«Olch-rcchtllsh «elidierten tlclmiiatlo In * Pala‘״n■• Baiolcr Prosrimin. fins [כ;ב.י! Dlo Narren Europa!. — Zum Fall Riocli. - " Bureau für Statistik der Juden. — Zur Reform des Judengcsctzcs. — Aus aller Welt (Deutsch• ״nd. Russland, England. Österreich. Rumänien, lürkei, Tunis). — Palästina-Rundschau: Erwerbs• ausslchten für neue Einwanderer. — Rundschau der Presset Muskcljtidcu und Ncrvcniudcn (Sani• tatsrat Dr. Jastrowltz in ״Jüdische Turnzcituiig־‘): Der alte und der neuo Sultan (N. Sokolow in ..Die Welt״). — Zionistische De• wcguiig: Der IX. Kongress. Sitzung des Engeren Aktionskomitees. Jüdischer Nationalfonds. — Aus den Gemeinden. — Vereins-Rundschau. — Sprachsaal. — Feu lleton: Sixtus der Fünltc. Von Dr. M. Du sc hak. Kleines Feuilleton. — Literarische Rundschau: BUchorhcsprccliuugcn. Elngegangcno Bücher. Preisausschreiben. ausser Deutschland teilgcnommcn. Das Vorfahren .ist dieses: man fordert für die abhängigen Völkerschaften Menschenrechte oder Humanität oder Zivilisation oder politische Freiheit, kurz irgend etwas, was sic den Türken gleichstellt. Auf solchem Boden können a 11 g c meine moralische Forderungen, die bei uns vor jedem Kinde vorgetragen werden, zu re v01111 i0n ä r c n Wirkungen führen.... Uns scheint cs fremdartig, wenn Missionare, Nihilisten und politische A g c 11 - ten in einem Atem genannt werden, aber in der Tat hat für den 'Türken ihre politische Wirkung einige Verwandtschaft. Sobald die Türkei wieder Luft genug hat zum Atmen, muss ihr Sclbstcrhaitungstrieb sie veranlassen, das abgezwungene Vcrsprechen abzuschiittcln, so wie die Deutschen Napoleons Dekrete abschiittcltcn und umgingen, so gut sic konnten. Es war Gefahr, dass die Türkei au der armenischen Frage zu Grunde ging. Da halt sic sich mit einem barbarischen asiatischen Gcwaltstrcich: sic dezimierte die Armenier so stark, dass sic in nächster Periode nicht politisch auftreten können. Ein entsetzlieber Akt. ein Akt politischer Verzweiflung, eine Schande in den grausamen Einzelheiten, aber eben doch ein Stück politischer Geschichte in asiatischer Art."- Dieser christliche unbefangene Beurteiler gab damals bereits, als die ״Pro Aimcnia - Bcwegung" noch hohe Wellung schlug, die ״Notwehr des Türken" zu. — Nun wiederholt sich in der neuen Türkei dasselbe Spiel. Es beginnt sich zu wiederholen. Der englische und der französische Botschafter — als Vertreter des ״europäischen Gewissens‘‘ — haben in der freundschaftlichsten Form (natürlich. man kann ja nicht genau wissen, wie stark die junge Türkei gegen üusscrc Feinde ist!) hei Fcrid Pascha, dem Minister des Inneren. Vorstellungen erhoben wegen der Metzeleien in Kl־cinasicn. Völker Europas, freut Euch •— es gibt ein europäisches Gewissen. Zwar für die Juden hat cs sich nicht sehr geregt, doch natürlich nur infolge der grossen Erschöpfung. Aber Jetzt Ist cs wieder erstarkt und setzt sogar Diplomatenfedern und -Beine in Bewegung. Metzeleien entschuldigen zu wollen, kann keinem guten Europäer in den Sinn kommen; Obzwar die ״Kreuzzeitung‘‘ und andere nocK weit christlichere Zeitungen für die cchtrussl« sehen Hooligans ein merkwürdig feines Vcrständnis zeigten. Und wir Juden besonders können den Armeniern an sich unser Mltgefühl nicht versagen. Aber man sucht uns Zlonisten ja auch gern mit dem Schicksal der Armenier grauslich zu machen. Da müssen wir doch gegenüber der wehleidigen Flut von ״Mitgefühl", die uns bald wieder übcrschwcmmen wird, auf Dinge aufmerksam machen, dlo auf die- ״armen, barbarisch verfolgten Annenicr" ein etwas eigentümliches Licht fallen lassen. Ein französischer Marine-Offizier von der Besatzung des Kriegsschiffes ״Victor Hugo", der als einer der ersten nach den Morden an Ort und Stcl’c kam, schreibt im ״Figaro" über die Armenier: ״Seit dem Erlass der Konstitution sind sic an- scheinend unverträglich. Iicrausfordernd und streitsüchtig geworden. Das ist gewiss kein Grund zum Morde, aber cs erkl.'irt immerhin die Leidenschaftlichkeit der entfesselten Wut.. Sic machten aus ihren separatistischen Plänen kein Hehl und verlangte זו offen die Wiedercrrichtung eines armenischen Königrcichcs. Auf den Strassen verbreiteten sic aufrührerische Schriften, schürten den nationalen Hass; in den Theatern spielte man Stücke, in denen die Tiirk e 11 I» c s c 11 i m p f t und g c s c h m ä h t w ti r den, und auf der Bühne erschienen die Grausamkeiten der Sultane in grotesker Verzerrung. Bis zum Tarne rlan ging man zurück, um Suicts zu finden, in denen man allen Hass und alle Verachtung gegen den mohanimc dänischen Unterdrücker zum Ausdruck bringen konnte. Die Unklugheit ging so weit, die Lokalbchürdcn zu diesen Vorstellungen clnziiladcn. Ihr gregorianischer Bischof — der l>el Beginn der Massakers sich flüchten konnte — schürte den Hass und die I n t r i g u c n. Von der Kanzel herab rief er fast unverblümt mit leidenschaftlichem Tone zum . Kampfe auf und ermahnte die Armenier, ihren letzten Besitz zu verkaufen und Gewehre dafür c i n 7. u 11 a n d c I n. Diese Erklärungen mussten uns überraschen: aber ich stelle fest, dass die Missionsvätcr bei aller Reserve sic nicht bestritten, Ja selbst mit sorgenvollem Kopfnicken׳ bestätigte n. Und auch von anderer Seite erfahren wir ein gleiches. Die Türken verlorcn schliesslich die Geduld. Irgend* ein Zwischenfall, an sich ganz geringfügig, diente als Vorwand. Und auf citi gegebenes Losungs* wort versammelten sich die Scharen, und das grässliche Gemetzel begann. Die armen Landbewohner haben die Schulden der Hetzer bczahlen müssen." Und dieser französische Offizier ist im übrigen bemüht, bei seinen Landsleuten, die sich ja noch Immer als die berufenen Schützer der Christenheit int Orient fühlen, Mitgefühl filr die Armenier zu erwecken. Sein Zeugnis wiegt also doppelt schwer. Dasselbe trifft zu auf einen schweizerischen Ingenieur, der mit Studien zum Bau der Bagdadbahn beschäftigt ist und Augenzeuge der Vorgänge in Adana war, und der in der ״Neuen Z U r c h e r Z c 11 u n g" gleichwohl ln anerkennenswerter Objektivität schreibt: ״Die Stadt Adana Ist die Hauptstadt des tflrki- sehen Wilajcts Adana und als solcho der Sitz eines Walls, d. h. Regierungsgouverneurs. Die