Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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angelegenlieitcn der Gemeinden, Insbesondere In Kultus und Ritus ist. Wir müssen darauf bestellen, dass das Judengesetz der Zukunft in allen Fragen der Verwaltung und Verfassung auf unbedingt demokratischem Hoden steht, Die Verletzung beidur Grundsätze ist der schwere Fehler dieser zweiten Lesung. < Anderseits bringt auch dieser Entwurf 111 an che 11 Fortschritt. Die Einführung' der Provinzialigeineinden und der Landesgemcinden ist überaus wertvoll. Es muss nur versucht werden, die leeren Formen, die der Entwurf schafft, mit Leben zu erfüllen, den aufsteigenden Verbünden positive Kompetenzen zuzuschreiben. Audi die Ordnung des B c a in t c n r c c 111 s verdient Anerkennung. Hei der Regelung der Steucrvcrl1filtuis.se ist man im Allgemeinen von richtigen Grundsätzen ausgegangen. Zu bedauern ist in dieser Beziehung nur die eine Be- Stimmung, die den Oeiucindestatiiten die Möglichkcit hisst, die Gemeindesteuern nicht als Zuschlüge zur Staatscinkommcnstcucr zu erheben, sondern das Einkommen selbst als Massstab der Umlegung der Gemeindesteuern zu benutzen. Dadurch wird der Segen der prog r e s s i v e n S t c u c r s Ü t z c beseitigt. Der Entwurf ist im Ganzen mit grosser Vorsicht zu genicsscn. Nur wenn scharf geschieden werden kann, können Teile der ״zweiten Lesung" als brauchbar erhalten bleiben. Wenn der ״zweiten Lesung" eine gründliche Beratung in einer erweiterten Kommission folgen wird, an der auch die nicht zünftigen ״Deutschen Juden" teiinehmen können, wird vielleicht eine dritte Lesung gefunden werden, die man sich als Gesetz gefallen hisst. Reisebriefe aus Palästina Von Dr. Rudolf Lcszvnsky. 11. Es gibt keinen Bädcker für Palästina, wenigstens keinen jüdischen. Kirchen und Kloster interessieren uns ziemlich wenig. Und was Wege, Preise und Verkehrsmittel auhetrifit, so ist die letzte deutsche Ausgabe dieses Reisehandbuchs doch schon stark ver• altet. Ls soll bald eine neue erscheinen. Im (ihrigen ist man auf Iiüormationeu von bekannten angewiesen. Und wenn man dann zweie fragt, ist man übel dran. Der eine sagt: (]eben Sie erst nach Scdicra, dann nach Meslta, ,lemiiia und dann nach Mcllmniie, und das können Sie bequem in einem Tag ahmachcn, und der andere sagt: Melliamie können Sie besser auf dem Rückweg selten und von Scdicra nach Mesha über den Tabor dauert allein einen Tag und mir sind Scdjcru und .lemuta, Mesha und Melliamie vor• hiufig noch böhmische Dörfer und die Namen schwirren mir im Kopfe herum und leb hin genau so klug wie zuvor, und wenn sich die Herren dann verabschicdcn. muss ich midi noch für die guten Rat• schlüge, die ich bereits vergessen habe, herzlich be* danken. Die Verkehrsmittel in Palästina sind noch priml* tiv, was das Vergnügen am Reisen natürlich ausser• ordentlich׳ erhöht. Wer auf dem Wege nach Riachon ‘einige /feit im Wagen gesessen und ohne eigentlich seekrank zu werden, die Fürsorge einer '־absolutistische» .Regierung für den Wegebau kennen gelernt bat, der wünscht sich vielleicht auf einem Pferd‘'oder Esel zu sitzen. Ahnungsloser Engel! Er welss• noch nicht, wie jemandem zu Mute ist, der einen Tag auf einem Tier reitet, olme Zügel in der Hand 'und Steigbügel unter den Füssen zu haben, wobei letztere mit Vorliebe einschlnfcn. Und von einem orientalischen Sattel macht sieb ein Europäer überhaupt keinen begriff. Wer sich einen begriff davon machen will, der setze sielt auf den breitesten Stuhl, den er zu Hause hat, recht breitbeinig hin. Nach einigen Stunden wird er begriffen haben. Wer aber viel Geld hat, kann — nicht immer und überall, aber meistens — im Wagen fahren, natürlich kn«»,״ vi״f. hk filnfmnt soviel Wie eilt Reittier. ln allen Jüdischen Kolonien, die ich besucht habe, gab cs sogenannte oder wirkliche Motels. Ver• pflegung und Logis sind Je nachdem bürgerlich oder bäuerlich. Im allgemeinen soll man cs nicht unter• lassen, frische bettwüschc recht ausdrücklich zu fordern. Zu hoch darf man seine Ansprüche nicht schrauben. Man darf nicht vergessen, dass man auf Dörfern und nicht ln einer (lrossstadt Ist. Es wllre ein Jammer, wenn man dort Luxus fände. Und welch ein Unterschied zwischen Jüdischen und arabi* sehen Dörfern I Dort die freundlichen roten Dächer, die dem Wanderer schon von weitem entgegenleuchten, gepflasterte Strassen, vor den Häusern bäume, die Kinder sauber gekleidet, an Arbeitstagen die Männer draussen auf den Feldern, die Felder sorgsam von Steinen befreit und gepflegt, und bei den Arabern das Umgekehrte. Kinder, zerlumpt und schmutzig, mit Fliegen im Gesicht, die sie ruhig dort sitzen lassen, wälzen sich im Schmutz der uuge• pflasterten Strasse und springen auf, um die Freut• den anzubcttclu; Männer sicht man zu jeder Tages• zeit gemütlich umhersitzen, die Hütten aus Lehm, verfallen und schwarz, die Felder voller Steine, not• dürftig bearbeitet. Natürlich ist das nur der Gc• samtciiidruck; cs gibt auch flcisslgc Araber, die den Juden manches ahgclcrut haben. Aber man merkt doch sofort, wenn man durch das Land reitet, wo eine jüdische oder deutsche Kolonie anfängt, und es ist sehr instruktiv, wenn man sicht, wie Steppe und blühendes Fruchtlund sich unmittelbar aneinander anschlicsse» uml ein Ritt von Jaffa nach Ekron würde manchem Juden, der heute noch von einem wüsten, unfruchtbaren Palästina redet, zeigen, was daran wahr ist und weshalb das wahr ist. Leider lassen sielt viele Juden Ihre Felder von Arabern bestellen, die dann (Rissig sein müssen, In dem jüdischen Steinhruch in Rischou werden uus• schliesslich arabische Arbeiter beschäftigt. Der arabische Arbeiter ist eben billiger als der iüdlschc, und an dieser Geldfrage scheitert der Idealismus des jüdischen bauern, Man hat, wie bekannt, in Recho• halb einen Versuch mit jemenitischen Juden gemacht; die sind ebenso billig, well ebenso genügsam wie die Eingeborenen. Ich werde den besuch bei einer jemenitischen Familie nie vergessen. Es war Abend, als Ich hinging. Der Stall, in dem sic wohnt, wird von einem flackernden Lämpchen nicht eigentlich erleuchtet, sondern nur angedcutct. Ein Mann, seine drei Frauen und einige Kinder sitzen am Boden auf einer Strohmatte, sic essen ihr trockenes brot, jhfc einzige Nahrung. Man kann sich nur schwer ver• stündlich machen. Sie reden einen jüdisch-arabische״ Dialekt. Der Mann mit den langen Pc'es zeigt mir seinen Schatz, vier büchcr, die er In einer HoizMstc aufbewahrt. Es sind kabbalistische Werke, eins mit der Hand geschrieben. Er freut sich sehr über den besuch. Alle Juden sind Drüdcr. sagt er. Ich gebe den Kindern Zuckcrwcrk, und unter tausend Segenswünschen und ohne dass ich den Handküssen ent• gelten kann, werde ich entlassen. — Natürlich ist das Wohnen in Ställen nur interimistisch. Die Kolonie hat die Absicht, den Armen klebte Häuser zu bauen. Vorläufig kann man in sämtlichen Kolonien n!it der deutschen Sprache vollkommen auskommen. Lange wird das alter kaum noch dauern, die Kinder verstehen meist nur hebräisch •und die Alten lernen von ihnen. Auch ich habe mich mit ihnen gern unterhalten und viel von ilincn gelernt. Sic sind zu. traulich und freundlich wie ihre Eltern Mau fühlt sich In den Kolonien sofort heimisch. Ohne sieh zu keimen, darf man besuche machen, mau wird herz• lieh empfangen, der Tee wird serviert, matt wird nach Nachrichten aus Europa gefragt, und man fragt nach der Lage der Kolonie, dem Leiten und Treiben in ihr. Man hat ia dieselben Interessen. Und alles geht so iiatiiriich zu, ohne jede Zurückhaltung und Förmlichkeit. Die Alten erzählen ihre Lcbenvgcschichte, wie sic vor einem Mcnschcnaltcr dorthin gekommen in eine Wüste, mitten unter die wilden Araber, die noch keine Europäer kannten, wie sie zuerst unter Entbehrungen gelebt, unter dem l'aher gelitten, ohne Brunnen, ohne Häuser, keine Bü!::!!e, keine Schulen, und wie Gott geholfen und nun alles so anders geworden. Und dann leuchten die Augen der Greise, und ein stolzes Lächeln malt sich auf den gebräunten Gesichtern der Kinder und Enkel. Die gewaltigen F.toberungen, die die hebräihv Sprache gemacht bat, verdankt sie in erster l.uu׳.• den Kindergärten. Sie spielen in Palästina eine eminent wichtige Rolle, dort lernen die dreijährigen Kleinen hebräisch. Ich glaube, cs wird jedem d.is Herz ergreifen, wenn er dort zum ersten Male .n jüdischem Lande die hebräischen Melodien aus dem Munde der Kinder hört. Und obwohl in den Kinder• gärten mehr gelehrt als gespielt wird, was vielleicht Pädagogen zu Bedenken Anlass gibt, trotzdem ent• wickelt sich echte Lebenslust und Lebensfreude. Als ich nach Rcchoboth kam, war ein grosses Hali» aut der Strasse, die gesamte Jugend zog schreien] umher. Die Jungen hatten einen toten Adler gc* fanden und wussten vor Ucl>crmut nicht, was sc anfangen sollten. Oder vielmehr, sic wussten es wolill Sic schleppten ihn oben auf ihr Turngerüst und setzten ihn dorthin, sic wollten Ihn wieder fliege:: leitrcn und warfen ihn auf die laut kreiscltenäci. Mädchen. — Als ich am Purim in Siehmn lak l) war, war die ganze Jugend draussen auf dem Felde beim Schcihettschlesscu. Das mag. in jedem Dorfe Vorkommen! und nur M den Juden klingt uns das neu. Aber einen Vortrag über Clicmlc mit Espcri• menten und eine musikalische AbeudunterhaUuug, wie ich sic in Rcchoboth hörte, die kann ich mir beispielsweise in vincin sächsischen Rübendorfe nicht denken, und das ist deshalb so interessant, weil es Sixlus der Fünfte Von Dr. M. Duschak. (Portsetzung.) Er linuclitc dem zerrissenen Staate nettes Leben ein,, indem er . dem Rechte Achtung, der Ordnung Vertrauen, und ihren Verrätern, jenen Ucbcriuütigcn in ihren festen Spelunken, heilsamen Schrecken cinflösstc. Schon als Kardinal war Pcretti ausgezeichnet durch eine strenge Moralität, und überragte schic Kollegen durch seinen fleckenlosen Lebenswandel und durch eine seltene Reinheit der Sitten. Durch seine unnachsichtige Strenge gegen sielt selbst, erwarb er sich die höchste Achtung der wenigen wahrhaft religiösen Männer, dabei zeigte er gegen die Vcrbindungen, die der Willkür und Genusssucht, dem Raub und Mord mit Leih und Seele ergeben waren, scheinbar eine solche Schwäche, dass sic sich sorglos der Roheit und Unsittlichkeit hingaben. Als er nun mit einem Male, auf den Stuhl Petri gesetzt, sich in hochaufgcrichtctcr achtunggebietender Münncrgcstalt zeigte, und mit einer so gewaltigen Löwenstimme in der Kirche das Tcdcutn intonierte, dass das Ocwölbc davon erdröhnte und widcrhalltc, da staunten und erschraken die Purpurträger, seine Jetzigen Untergcbeiicn, und diu Sünder unter ihnen erbleichten und erbebten. Sixtus pflegte oftmals, sobald die Abendglocken ihre Ave Maria ausgelautet hatten, inkognito im Betticrmantcl den Vatikan zu verlassen, und die geheimsten und verborgensten Strassen Roms zu durchwandern, um sielt so unerkannt ■von der Lage und dem Zustande seiner Residenz zu überzeugen, und zu erfahren, wie die Gesetze, welche er zur j Wiederherstellung vier Ordnung gegeben hatte, gchandhabt und ausgeführt würden. Zu diesem Ende führte eine geheime Tür, von der niemand eine Ahnung hatte, aus dem Vatikan ins Freie. Den Tag nach einer solchen nächtlichen Wänderung des erhabenen Papstes, wo er Gelegenheit hatte, Untaten aller Art zu entdecken, und zu erfahren, wie Roheit und Unsittlichkeit seinem hohen Genius den Hohn ins Angesicht spielt, hatte die Justiz vollauf zu tun; mit unerbittlicher Strenge wurde da verfahren. Sixtus hatte sich überzeugt, dass er mit gelinden Mitteln den alten Krebsschaden nicht heilen würde; da licss er die strenge, unerbittliche Justiz walten. An jenem Abende, an weichem das obige Zwicgespräcli zwischen Antonio und Portia stattgefunden, hatte sielt Sixtus auf einen Säulenstumpf nahe dem Ghcttothorc niedergelassen, und unbemerkt war er Ohrcnzcugo ihrer schändlichen Unterredung, III. Die reichen Gaben, welche Antonio Tag* vorher unter die Armen in Rom verteilen licss. um seine Dankbarkeit wegen des gewonnene» Prozesses gegen den Juden zur öffentlichen Kunde zu bringen, waren Veranlassung, dass sicit Sixtus )teilte zum Ghetto hin begab. E> v ar nämlich einen 'Vag vorher, dass sich der holte Priester entschloss, einen Morgeng. ng durch Rom zu machen. Es war eben einer der prächtigen Oktobertage, an welchem die Hevöl• kerung Routs sielt dem endlosen Jubel־ ergab, und ihre Freude und ihre Lebenslust austobte. Sixtus wollte auch einmal au der Freude des Volkes teilnebnicu und ganz so sorgenfrei t•»־ mal seines Lebens froh werden. Nachdem er frühe am Morgen die Messe gehört und i» seinem Zimmer einige Male auf- und ai geschritten war, sprach er zu sich seihst: tUic will ich mir einmal einen frohen, sorgenfreien lag machen. Heute sind cs gerade drei Jahre, dass teil vom Kardinal zum Papste avancierte, und auf den Stuhl Petri! gesetzt ward. Drei sorgenschwere Jahre sind verflossen, in denen keine drei Tage Ruhe und Freudigkeit dein Oberhirtcu der Christenheit gegönnt wäre»• Heute will ich einmal für den ganzen Tag '״ Jene giUckiich/cr.c unterste Mcnsclicnseliiclit