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Jüdische Rundschau · 1909-04-30 · Heft 18 (30.4.1909) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 202. No. 18. Der Gefreite Soistcr will übrigens, wie ״L'Express" in Mülhausen erführt, den Vorwuri der Unglnubwiirdigkcit nicht auf sicli ruhen lassen uml neue Zeugen bringen, die die Wahrheit seiner Angaben bestätigen sollen. In jedem Falle wird aber der Herr Kriegsminister sich z 11 r A u t w 0 r t i n irgend einer F o r m c n t s c h 1 i e s s e n müssen: sonst würde es als erwiesen gelten dürfen, dass in der preussiselten Armee mit Einverständnis des Chefs des Kriegs ministe rin ms j ü ־ d i s c h e Soldaten einfach v o g c 1 f r c i und den infamsten Gehässigkeiten Jude n feindlich er Offiziere schützlos p r e i s ge g c b c n sind! Diese Sache muss endlich einmal klargestellt werden! Wenn cs der Armee ziemt, solche vornehme und ritterliche Offiziere zu haben — uns Juden kann und darf cs jedenfalls nicht passen, unter solchen Offizieren zu dienen! — Wir warten auf Antwort ... , . Petersburger Briet (Von unserem Spczinlkorrcspondcntcn.) Petersburg, den 13. (26.) April 1909. Am 7. (20.) April hat die 0 11 in a ihre Arbeit wieder auigenommen. Wenn in der letzten /.eit das allgemeine Interesse für diese dritte ״arbeitsfähige" Duma stark abgcnommcn hat. well sic an die brenneuesten!•'ragen nicht so rccln heran wollte, so verspricht die jetzige Scssicyi eine neue Acra aubahnen zu wollen: auf die Tagesordnung kommt bald die H a b e a s C 0 r p 11 s - A k t c! Gewiss wäre das ein geeigneter Moment für die Aufrollung der gesnuiteil Judenfrnge, aber cs wird wohl kaum dazu kommen, uml das aus verschiedenen Gründen. Zunächst ist die augenblickliche Partcikonstclla• tlon ihr uns wenig günstig. Zwar bat ein Teil des Zentrums infolge der feindlichen Stellung, die die!?echte Stolypin gegenüber eingenommen hat, eine kleine S c 11 w c n k 11 n g nach l i » k s gemacht. יייין so gegen die Stimmen der Rechten mit einem Teil der Opposition die Majorität filr sich zu haben, aber dieser ,.Block" bietet uns keinerlei Garantien dafür, dass wir in der Judenfrage etwas Positives erreichen küimtcn. Die Judeufrage ist ein so heikler Punkt, dass sogar die Partcidisziplin versagt. Selbst wenn das Oktohrisicn-Hiircau eine uns günstige StcU hm« einiieiinieii wollte, würde doch innerhalb der Partei sicii das Wort bewahrheiten: quot cnpila, tot Sensus! Ferner wird diese Gelegenheit unbenutzt vorüber gclien müssen, weil cs an einer Initiative fehlen wird. Von den Kadetten erwarten wir sic nicht, und von imsern beiden Abgeordneten ist der eine, N iss c i o w i t s ch, zu seinem eigenen Leidwesen gezwungen, Petersburg dieser Tage zu verlassen. (Schon zwei Monate, seit seinem Auftreten in der Interpellation wegen Azew, ist er krank und begibt sich auf den Rat der Aerzte demnächst ins Ausland.) .— — ׳ —־* JUEDiSC 11־ El RUNDSCHAU V kJ Doch vor seiner Abreise wird er wahrscheinlich noch einmal unsere Interessen wahr nehmen müssen, und?.war beider* Ivmtaigcntsfragc. Auch der neue Kriegsminister S a c 110 m 1 i n 0 w, der bei seinem Amtsantritte als Judenfreund verschrien wurde, ist dem alten System treu geblieben. Die bereits wiederholt mit vollwertigen beweisen widerlegte Statistik (Iber die Entziehung der Juden v 0 rn Militärdienst, ist wieder als besondere Beilage zu den Materialien des Gencralstabcs der Dmna unterbreitet worden. Es werden weiter Klagen darüber geführt, dass sich wiederum nur *1.26 Prozent statt 6.28 Prozent Juden gestellt hätten. Es wird aber wohlweislich verschwiegen, dass die Zahl der Juden überhaupt nur *1,2 Prozent der G c s a m t b c v ü I k c r u 11 g betrügt. So konstruiert sicli der Kriegsminister aus dem tatsächlichen lieber• schuss an ausgehobenen jüdischen Rekruten eine Unterbilanz. (Die Hauptgründe der Nichtgcstcüung von Juden, wie Auswanderung, falsche Registric* rung usw. sind auch dem deutschen Leser wohl schon zur Genüge bekannt0 Eine bereits ciuhcruieiic Versammlung der Vertreter der verschiedenen jüdischen Parteien soll darüber bcsclilicsscn, ob und in welcher Weise unsere Abgeordneten zu dieser Frage Steilung nehmen seilen. Diese traurigen Aussichten für die Zukunft sind um so' betrübender, als die administrative W i 1 i k ii r sicii Jetzt in die unglaublichsten Dirnen* siemen versteigt. Die A u s w e I s u n g s w u t bcschränkt sicli nicht mehr auf die Fälle, wo wirklich eine ״gesetzliche Grundlage" vorhanden ist, sondern führt die iinmüglielistcn Zirkulare und Senatsentsclicidiingen herbei, durch weiche grosse Kategorien von Juden, denen seit Jahrzehnten ein völlig gesetzliches Wohnrecht zustand. dieses in einer jeder juristischen Interpretation hohnspreclicndea Weise entzogen wird. Nicht nur die Zahnärzte. Apotheker usw״ die Handels* patente gelöst haben, werden jetzt ausgewiesen, sondem auch solche Kanfieiitc, die als solche bis Jetzt Wohnrecht batten. So muss wieder der ״Stadien" N i s s e 10 w i t s c 11 einen neuen Gang nach Canossa unternehmen und sicii bei dem Finanz- und Handelsminister für diese gehetzten Brüder verwenden. Auch beim Kriegsniiuistcr ist er vorstellig geworden, dass die kaukasischen Kurorte den Juden, die doit• hin zur Kur kommen wollen, cröfinct würden. Ob all diese Gesuche genehmigt werden, ist fraglich, ob* gleich Nissclowitscli auf diesem Gebiete schon viele Erfolge zu verzeichnen hat. Vielleicht werden — fiskalische Rücksichten <ien Kriegsniiuistcr milde stimmen, wenn cs allgemein menschliche Mnlive nicht vermögen sollten. . . . Reisebriefe aus Palästina Von Dr. Rudolf Ic s z y n s k y. Zeitung־ und solle seine Rcisccindrückc aus Agyp{cn zum Besten geben. Es stünde aber schon alles recht hübsch in verschiedenen Büchern und man brauche das nur zusammcnzustcllcn. Hier habe er gute Zeit, in Kairo wolle er sicli amüsieren. Der Herr hat nicht so Unrecht. Und schliesslich bis zu einem gewissen Grade geht cs jedem so wie Ihm. Man soll sicii darüber nicht täuschen. Ein gut Teil eines ]eilen Berichtes, der aus Palästina oder sonst woher kommt, ist bereits auf der Hinreise fix und fertig und je nachdem, 01» nun durJi eine zionistische oder getaufte, eine französische ,oder misrachistischc Brille sicht, wird aucli der Eindruck, den das Land ausübt, bald so, bald anders, bald gut, bald schlecht ausfaiien. Über Ägypten darf ich liier nicht viel schreiben, obwohl icli manches Interessante wüsste. Leider ist Greater Palestlnc, das nacli Norden bis Cypeni und bis zum Euphrat gewachsen ist (Vgl. D.1% Palästina-Handbuch von TrictscU.), nach Süden zu in seiner Entwicklung im Sande von Ei-Arisch Steel :ף geblieben. Schade! Es gibt dort wirklich so.::l Interessantes und Wunderbares. Ich denke an di: gewaltigen Baudenkmäler der alten Ägypter, an;:•2 prächtigen Moscheen der Araber und an die ei,: 1׳- artigen Naturscliönlicitcn des Nils, und der W!.!0. Und wie viel historische Erinnerungen! Mau brat * nicht gerade nach Altkairo zu gehen, obwohl m .1 dort in einer Zeit von 10 Minuten Wunder 11• er Wunder trifft. Dort ist die Stelle, wo die Koni. ,, toclitcr Mose aus dem Flusse zog, in der Synag׳• : der Platz, wo Mose (ich wclss nicht hei welch.•* Gelegenheit) gebetet hat, in der koptischen Kirch■ die Ifühle, in der Joseph, Maria und das JesusM! sielt bei ihrer Flucht nach Ägypten aufgciiaiiM haben (stattgefunden bat die Flucht walirsclieinlic t nicht), in der Moschee steht ein Brunnen, dessen Wasser direkt aus Mekka kommt und ebendaher stammt die ehrwürdige Säule dort, ״Hier stellt der Nati't: Mohammed," sagte mein Führer. Zufällig stand dort gerade äü,;!her woher sollte mein guter Achmed wissen, dass ich arabisch lesen kann? Audi die alten Ägypter haben es wolii maiiclm!.!: mit der Wahrheit nicht so genau genommen. An einer Wand des Tempels von Knrnek erzähl: Sclicsciionk, der Sisak der Bibel, von seinem Kriegs, zug gegen Israel. Die gewaltige Figur des Plmrao ist in den Stein gcmcisselt. Er schwingt die Peitsche. Mit Stricken um den Hals stellen die Juden da« echt semitische Typen mit langen Bärten. Die Inschrift aber nennt die Städte, die unterworfen imd erobert sind. Es sind nicht unr judäischc, solidem mich Israelitische Namen. Die Bihel spricht mir von dem Feldzug gegen Juda und man darf den jüdisch'׳־! Annalen mehr Vertrauen schenken, nts den iigyptiseilen Berichten, die immer nur von Siegen und nie von Niederlagen zu erzählen wissen. Napolcmiischc Bulletins! I. Einer meiner Bekannten erzählte mir vor kurzem folgende niedliche Geschichte: Er fuhr auf einem Schiff nach Ägypten und lernte dort einen Herrn keimen, der sicli täglich einige Stunden lang im Schrcibsulon das Vergnügen machte, aus einem halben Dutzend Bücher ganze Seiten ab/usclircibcn. Auf die erstaunte Frage: was er da eigentlich treibe, erwiderte er trocken: er sei Berichterstatter für eine Auf der palimnreiehcn Insel Elcphantine hei Assuan wird fleissig geschürft. Dort hat mau 1 ו vor kurzem die berühmten Papyri gefunden, die 1m< über die dortigen Juden zur Pcrscrz.cit ungeahnte Aufschlüsse gaben. Vielleicht, dass der Staub noch mehr solcher kostbaren Dokumente birgt. Werfen wir noch einen Blick auf die jiidischci Verhältnisse in Kairo. Dass cs dort auch unter den Juden viel, sehr viel Armut, Krankheit und Schlimm Sein Junge 1 Von Israel Auerbach. (Schluss.) | Und er wollte auch nichts, er trug ja godul-! dig alles. Oder hat er sich je gesträubt? Oder i je beklagt? Wenn er elend war, war er elend; für sich, itu üds.um Hcr/.vn, m svtWer Seele. Und diese Seele litt! Nicht bloss unter dem, was von aussen kam. Mehr noch von Innen. Ja, am Gewissen. Er fühlte sein Unglück wie eigene Schuld, wie büsc Tat. Nur welche das war, nur, womit er verbrochen, das fand c nie, wie sehr es ihn peinigte. Wenn er die Speilcn in seine Sohlen schlug, wenn er den Enden drehte, wenn er ass und betete — quälte ihn dieses ״womit", diese grausame Frage seines Lebens, die er nicht zu läsen und auch nicht zu bannen vermochte. Die bucklige Esther gebar ihm ein Kind. Da. warf er sich nieder und schrie zu Gott: ״Macli's nicht, wie mich!" Und als ihm sein Junge kräftig licrnnwuchs, da betete er stiindlieh: ״Nur nicht, wie Ich!״ Aber eines Tages kam die Befreiung. Er sass hinterm Fenster. Draussen spielte sein Junge unter der lärmenden Gassenjugend. Der Alte sah zu. Da entspann sich ein Zank, und Meyer sah zitternd, wie zwei auf seinen Jungen drohend eiiulrangcu. ״Jetzt kommt’s, das Unglück", war alles, was Meyer denken konnte. Er wollte schreien, hinausstiirzen, retten — und war wie gelähmt. ״Jetzt kommt’s, jetzt kommt’s!!" Da — da — was war das? War das sein Junge, der so in Zorn geriet? Dem das Aug' so blitzt? War das sein Junge, der die grösseren prügelte? Wahrhaftig, sic liefen, sic liefen beide vor detn einen davon. Da taute er auf, der erstarrte Alte da hinter dem Fenster. Er stürzte hinaus, stürzte schluchzend hinaus, nahm den Jungen in seine Arme, trug ilm hinein ins Haus und küsste ihn wild: ״Mein Junge, mein Jungei Mein Held, mein Lehrer!" Das war die Erleuchtung — aus seines Kindes Blick. Der Mut, der Mut! Das war’s, was die andern schreckte, was wie ein Cherub den Schwächeren schützte. Und blitzartig kam’s: Die Augst, die war’s, die ihm sein Leben vernichtet hatte. Wenn die Angst ihm die andern nicht aufgehetzt ihn nicht damals gelähmt, wer weiss, was er heute wäre! Ja, Ja. die Angst! Ein Prophet wurde Meyer, Wenn die Juden alle die Angst von sicli würfen, wenn sie stark, wenn sie mutig- Ein Prophet wurde Meyer. Er predigte, wo er ging und stand: ״Lasst die Angst und seid stark! Vom Schemel herunter, die Gassen entlang, im Tcmcpelvorratim — überall predigte, predigte Meyer. Er galt für verrückt. Er aber wusste, wer der Sinnlose war. — Als seine Esther ihm starb, zog er fort von der Heimat ,wo ihn niemand hörte, wo ihn alles hörte. Wie Abraham nach des Herrn Berufung kam er sich vor, als er ilbersiedclte in die grosse Stadt. Zwar — das Predigen verging ihm da bald, denn Hunger ist noch stärker als Berufung — doch untreu wurde der Meyer sich nicht, /war die Worte schwiegen, doch — die Tat ward geboren. Sein Junge, das war Jetzt sein Lebensschild. Sein Junge, an ihm wollte er’s bcweisen! Ein jüdisch Kind und doch stark und mutig! Das würde sic achten, die ratihe Welt, und sic würde ihn wohl in Ruhe Cassen. Rührend war’s, wie er ihn erzog. Er, der Schwächling, der Krüppel, goss •ihm die Sehnsucht nach Kraft in die Seele. Er trieb ilm zu springen, zu klettern, zu wagen. Und er bewies, was an ihm war.

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