Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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1 No. 17. JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 193. «0111׳ stark zensurierten Depeschen trügen, die von einer völligen Hoffnungslosigkeit der rcaktiol fliiren ()nippen und der meuternden Truppenteile in Konstantinopel berichten, so dürfte cs von dem Ermessen der iuugtUrkischcn Führer abhüngen, welche «eitere Entwickelung die Dinge nehnten. Zur Um• sicht und Klugheit dieser weitblickenden und — wie sich gezeigt hat — Überraschend tatkräftigen Poiiliker darf man aber wohl das vollste Vertrauen haben. Die Proklamation des K ״ in m a 11 d a n t e 11 der A 0 n a r s c 11 a r m c c Hus sc in Husnv hält in initii.irtsili knapper und ruhiger, aber bestimmter!1! ז.!׳» Nbreehmmg mit dem Absolutismus, seinen gehem:cn mul erklärten Verbündeten nnd den Ansiiiurn des Pntselies vnin vorigen Dienstag. ,.Um die Schmach zu tilgen, die den seit sechshundert Jahren 11e c k c nIo s c n 1:11 r c 11 s c 1111 d des ottomanlschcn Heeres besudelt, sind wir gekommen. Wir «ollen das Vertrauen wlcdcrherstellcn zur Reiclisliauptstadt und die Bestrafung der Ge• «issculosei! durchsetzen, die den Unglücks• tag verschuldet haben. Wir verlangen, dass die Olli/Iere des Meeres und der Flotte wieder• cingcsui/t werden in die Kommanüostcllcn, die :Je %or dem 13. April Innchattcn. Die Soldaten und Unierolllzlcrc aller Waffengattungen müssen in Gegenwart des Scheich ul Islam feierlich schwüren. Ihren Vorgesetzten blind zu ge• horchen, sich für alle Ziiknnft nicht mehr In die Politik tu mischen, sondern sich auf Ihre mlll- :;irischen Obliegenheiten zu beschränken. Um die Elenden zu bestrafen, die unter dem Vorwand des Scherfats das Vater• i a u d I n Gefahr gebracht 11 a b c n, müssen wir Massnahmen ergreifen, in dlo uns die Soldaten der Hauptstadt nicht hluelnrcdcn und wegen deren sic keinen unserer Leute auch nur schief auschcn dürfen. Des weiteren sind den Offizieren die Spione und Anstifter anzn• zeigen, die die Soldaten zu den bekannten Ueber• griffen verleitet (iahen, Werden unsere Forde• ruugcii erfüllt, und hlelheti dlo Truppen Kon• stantbinpcl» gchorsum, wührend wir hundoln. so •oll Ihnen nichts geschehen. Wir verlangen, dass dies allen Soldaten in eitler Ihnen verstämlliehen Sprache mitgeteilt wird, und erwarten um• «eilende Antwort,“ Pule ähnliche Proklamation wendet sieh be* r ״ - v 11 11 an die Ile v ö 1 k e r u n g, der ver* vi.in.1i wird, dass mir die Ueheltütcr vom 13, April >.l1i1mmcs zu gewärtigen haben. Im Übrigen seien in! die S i eiie r beit des Publikums w e i: e s t g e h c 11 d c V o r k e 11 r u 11 g c 11 getroffen. * Ma zu erwarten war, verlautet mm, cs solle zw ivJu'11 der Pforte nnd der Leitung der i 1111 g t ii r k i s c 11 c n 0 p c r n t i 0 n s a r m c c cino Linigiuig auf der Grundlage erzielt worden sein, dass cini die Absetzung des Sultans verzichtet wird, der grösste Teil der KonstauUnopelcr Garnison durch Sali iiiker Truppen und Gendarmen ersetzt wird und die iiingtüri.ischc Armee vorläufig in die Hauptstadt »iv־ht e i n m a r s c b i e r t. Die im Laufe des .Mittwoch und Donnerstag eingogaitgencu Nachrichten bestätigen im grossen und ganzen diese Darstellung, cs gelit aber aus ihnen hervor, dass noch nicht alle Schwierigkeiten überwunden sind, So meldet ein T c I c g r a m nt: Saloniki, 21. April, 9 Uhr 15 Min. nbds. Der Ministerrat in Konstantiiiopcl nahm alle fiedln• vnngen Mahmud Sclicfkcts betreffs der t'eh ergäbe an, nur die Wahl des Präsidenten icv Parlaments nicht, da das Parlament unter dem 1*1 nck einer Soidatcnlicrrscliaft nicht arbeiten ,״,me. Schefket erwiderte darauf: ״Annahme binnen vleriindzwanzlß Stunden oder Vormarsch.“ Scluiket reist zur Armee ab, Hadi-Paseba wird 'ei;־. Vertreter. Die vielbesprochene NacbgleWgkeU der Jung« türken, die in einem jetzt noch mit der Pforte ge* sc'bossencn Flieden unleugbar zutage treten würde, f'iidet einen Kommentar in den nachstehenden Acussc. ״nuen eines türkischen Diplomaten. Paris 21. April. Ein mit jungtürkiseben Kreisen In enger Fühlung stellender türkischer Botschafter sprach sich über die gegenwärtige Lage in der Türkei wie iolgt aus• ״Dio Regierung von heuto und dlo von morgen haben das gemeinsame Intorcsso, dem Auslände Jeden ninmlschnngsvorwond zu nehmen. Nt es doch schon schlimm genug, dass die Botseb.aiter zu ihrem Schutze neue eigene Truppen in den Dienst stellten. Im Hauptquartier der nach Konstantiiiopcl ziehenden Hccrcsmasscn sind nicht Blutdurst nnd Rachsucht die Berater. Dlo für dlo künftige Ordnung der Dingo verantwortlichen Männer gehorchen augenblicklich nur einer Autorität, utta diese heisst: Staatsräson. Ob dieso Autorität mit ücr noch im Jildispalaste bestehenden vereinbar ist. ich bähe nicht zu prophezeien; Immerhin »st 0 Meinung־ gestattet, Abdul Hamid kßnnto sein ofgonor Nachfolger werden, dass heisst; In der neuen A seiner Regierung die Verfassung lieben lernen. Ueber ein Uchcrgrcifcn der Bewegung nach Syrien und Pa ifi st ina liegen nur einige wenige sehr unklare und widersprechende Nachrichten vor. * Wie alljährlich, hat auch diesmal die Hohe Pforte dem schönen Brauch einer Sonderspende an die verschiedenen Glaubcnsgemclndcn aus Anlass des religiösen Frühjahrsfestes Folge gegeben. So ist dem G r o ss r a b b i n a t c dieser Tage die Summe von 25(1 türkischen Pfund (die griechische Kirche erhielt 600, die armenische •UHU für die Annen der Gemeinde überwiesen Worden. Bei der allgemeinen ökonomischen Notlage, die trotz der Freiheit so schnell nicht schwinden will, bedeutet die Spende einen recht fühlbaren Zuschuss zu den MazzoKOstcrbroO-Sammliingcn, die fn den letzten Wochen nach Jüdischer Sitte mit fieberhaftem Eifer veranstaltet wurden. Die Juden Salonikis, an denen die türkische Frei• heitsbewegung schon in ihren Anfängen verlässliche Stützen gefunden hat. zeigen sich auch in diesen — für die Sache des Jungtürkentums so kritischen — Tagen des Vertrauens, das die türkische Fortschritts- Partei ln die Juden des Landes gesetzt hat für würdi«.' Die Begeisterung der hiesigen jüdischen üc* meiude hat bereits in opferwilligen Sammlungen für dlo Im Fcldo stehenden Freiwilligen konkreten Ausdruck gefunden, und die •Jüdische Jungmannschaft stellt sich, froh des neuen Rechtes mit der Waffe für das Vaterland clntrctcn ׳zu dürfen, in Massen an den Sammelplätzen der Frclwllllgcnkorpt ein. Bekanntlieh macht die jüdische Gemeinde von Saloniki Uber die Hälfte der gesamten Einwohnerschaft aus. » Dr. V. Jacob soll n, Direktor der Anglo-Lcvantinc Banking Cy, i.td, in Knnstniitlnopcl, lmt. auf der Durchreise durch Saloniki, wie uns von dort geschrieben wird, vergangenen Sonntag einen sehr schönen Vortrag im halten. Der Redner ihm sehr am Herzen rimg In die Türkei., davon haben, wenn ״Club des Intime s" gebatte ein Thema gewählt, das Hegt — die liidlsclto Elnwoiidc- Dieses Land kann nur Nutzen cs neue tätige Kräfte, neue lntelllgcnzcu mul neue Kapitalien aufnhnmt. Nur dank einer starken Einwanderung werden die ungeheuren Ausdehnungen gewisser* Teile der asiatischen Türkei nutzbar gemacht werden können und so zu dem Reichtum des Landes beitragen. Der Türkei fehlt cs heute au Arbeitskräften; das Mittel, sic ohne Gefahr für Ihre politische Integrität zu erlangen Ist. durch die Garantien der öffentUehen Rechte der Einwanderung der russischen, rumü• Mischen und im allgemeinen aller Juden, die die Ausweisung», und Beschränkung«• gesetzc zwingen, ihr Melmatslniul zu verlassen, sicher zu stellen. Ein guter Teil der Einwanderer wird sieb wahrscheinlich nach Palästina wenden, von dem Hauch der Vergangenheit angciockt, aber mir um dort ein aktuelles Zentrum, unter der Ottnmnnischcn Oberherrschaft, zu bilden. Und die Ottomanen, fügte der Redner •hinzu, würden die Ein- Wanderung in die Türkei, in der die Dichtigkeit der Bevölkerung nur 10 Einwohner pro qkm beträgt, sehr gern sehen und die Ankunft aller dieser tätigen, Intelligcntcn Elemente, die immer mit genügenden Mitteilt verseilen sind, freudig hegrflssen. Er führt als Beleg־ die Worte Ahmed Rizas, des ersten Präsidenten der Ottnmnnischcn Kammer, an, der klarlegt, dass aus einer Jüdischen Fänwanderung in die Türkei nur Vorteile für beide Teile entstehen könne. Dieser Vortrag, der auch von jüdischen ancr* kannten Persönlichkeiten unserer Stadt besucht war, erregte das grösste Interesse, und Herr Dr. Jacobsolm fand lebhaften Beifall. PALA€STINA'RUi1DSCHAU Wie das Odessner Palästina-Komitee mittcilt Inhen sich in» Jahre 191» 2097 .luden via Odessa nach Pulüstlna begeben, davon 1173 Personen in den letzten sechs Monaten des vorigen Jahres. Etwa 25 ‘/o der Reisenden haben dem Komitee Angaben über ihre Vcrinögcnsvcrliültnissc gemacht, wonach sic zusammen ein Kapital von 1115 300 Rubel nach Palästina mitfflhrtcn. Von den In der zweiten Hälfto des vorigen Jahres nach Palästina Reisenden bcab• sicbtlgtcn 784 Personen, sich daucrndalsKolo• niston In Palästina niederzulassen: 272 — dort ihre letzten Lebensjahre zuztibrlngcn 51 — Schulen daselbst zu besuchen; 52 — nur zeitweiligen Aufenthalt dort zu nehmen: 14 Personen suchten Heilung־ Im palästinischen Klima, Unter den Hinfahrenden waren 31 Juden aus Buchara und 48 aus Kaukasieu. die meist Erdarbeiter waren, * Die heissen Schwefelquellen bol Tiberlas, die wegen ihrer grossen Heilwirkung bei Rheumatismus und Hnutlcidcn seit dem Altertum berühmt sind und In Jedem Jahr von vielen Tausenden aus Syrien und Palästina besucht werden, sind In diesem Jahr auf dlo Initiative des Palüstina-Induitrle-Syn. dikats von Juden aus Tiberias gepachtet worden. Es wird dafür Sorge getragen werden, dass die Bäder, die unter dem bisherigen arabischen Pächter fiir europäische Ansprüche an Sauberkeit und Be- Qucmlichkcit fast alles zu wünschen (ihrig Hessen, in einen besseren Zustand kommen und allen Ansprüchen an Reinlichkeit und Bequemlichkeit genügen. Es ist zu hoffen, dass hierdurch nicht nur die Juden in Palästina und Syrien ln verstärktem Masse von der Heilkraft der Bäder Gebrauch machen, sondern dass auch Juden von Europa die Bäder besuchen werden, die den Bädern von Aachen in der Heilwirkung ebenbürtig sein sollen. Die Bäder liegen landschaftlich sehr reizvoll und sind mit der B n 1111 von Haifa uns in 4—5 Stunden zu erreichen. * CI1. N' Bialik. der bedeutende hebräische Dichter der Gegenwart, weilt jetzt in Palästina und wird dort von der gesamten Jüdisch .־n Bevölkerung mit grosser Begeisterung gefeiert. Seine Anwesenheit im Lande gestaltet sich zu einem Ereignis iiir die dortigen Juden. Überall werden ihm enthusiastische Empfänge bereitet, und in allen Reden und Ansprachen, die ihm zu Ehren in Jaffa. Jerusal c m und verschiedenen Kolonien gehalten wurden. wurde immer wieder dem tiefempfundenen Wunsche der palästinischen Judenheit Ausdruck gegeben, den grössten jüdischen Nationaldichter dauernd in ihrer Mitte zu sehen und von ihm Lieder des Wicdcrcrwachens und der Aufteilung unseres Volkes zu vernehmen. * eh. Für ein jüdisches Vnlkshaus. das in einer der jüdischen Kolonien zu Ehren des verstorbenen Dr. Leo K o h a n errichtet werden soll, sind bisher folgende Beträge bei dem Jaffacr Komitee (Adresse: Dr. CI1. Chissin. Jaffa, Palästina) cingcgangcn: W. Olushin. Kisclion Ic Zion 30 Pres: Dr. A. Ruppiii. Jaffa 20 Pres; Dr. J. Wsitzbard. Kisclion Ic Zion 10 Eres: Dr. Joffe. Sichron Jakob 30 Pres; Dr. lakobsohu. Konstantiiiopcl 10 Pres; J. Frank. Jaffa 10 Pres: J. Berlin. Jaffa 30 Pres: Dr. Puchowskv. Rcchohnth 10 Pres: Sigalewitscli. Ocdcrnli 5 Pres: Frauenvercin ״Salainitli". Rzeszow, gesammelt durch Frau B. Pewsner 51,83 Pres. — .Beiträge nimmt in Deutschland auch der Schatz* mcistcr des Jüdischen Nationalfouds für Deutschland. Herr Max W o11 s t c i n c r. Berlin-Charlottcnburg. Svbcl-Str. 50. entgegen: Quittung erfolgt dann im allgemeinen Spendennusweis der ״Jüdischen Rundschau.'' IVOM HILF51/CRCIH l Das Lehrerseminar des Hilfsvcrcius der Deutsehen Juden in Jerusalem cntlicss jetzt zum dritten Mal seit seinem Bestehen Absolventen — neun an der Zahl. Sämtliche neun Examinanden habe״ die Lehrer- Prüfung bestanden. Bis auf einen jungen Mann, der direkt aus Russland kam, sind sic in Palästina heimisch, fünf in Städten, drei in Kolonien. Fünf sind Zöglinge der Länicischiile in Jerusalem, die übrigen haben eine Kolonialschulc oder eine Jschiwah diirchgeinaclit und alsdann zu der erforderlichen Vorbereitung fiir das Seminar die PräparniiUcuklassc desselben besucht. Nachstehend die Namen der Absolventen nebst näheren Daten über ihre Heimat und Vorbildung: Hirsch ßclliuky aus Bobruisk, Zögling der LäincI- .schule: David Colin aus Pethach Tikwali. Zögling der Lümclscliulc: Israel Kipnis aus Rcdiowotli. Schule Rcchnwnth Präparnndcnklassc; Bchar Levy aus Jcrusalm, Scpliardiscbc Jcscliiwah und Präparnndcnklassc; Nissim Levy aus Jerusalem, Sepliardisclic Jcscliiwah und Präparnndcnklassc; Moses Mirnnsky aus Rischon Ic Zion. I.ämclschulc; Ascher Ben Israel aus Safed, Jcscliiwah Saied und Präparnndcnklassc: Jakob Rahinnwitz aus Jerusalem, Lümclscliulc: Avieser Ycllin aus Jerusalem, Uimcl״ schule. Von den Themen für die schriftliche Prüfung seien genannt: Hebräischer Aufsatz: Inwiefern trägt die persöniiehe Anschauung von Land und Leuten in Palästina zum tiefem Verständnis der Bibel und der Jüdischen Geschichte bei? Jüdische Geschieh(0: Mnlmonidcs und sein Zeitnitcr. Exegese: Psalmen Kap. 42 und 43. Pädagogik: Das Interesse als Mittel und Zweck des Unterrichts. Deutscher Aufsatz: Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen Tagen. Weltgeschichte: Ludwig XIV und sein Zeitalter. Gcographlo: Das Nilgebiot, ein Landschnftsum*. Kulturbild. Mathem, Geographie: Inwiefern ist die Richtung der Passatwlndo ein Beweis für die Rotation der Erde um ihre eigene Achse von Westen nach Osten? Physik: Es soll eine kurze Darlegung der mechanischen Wflrmcthcorlo mit einer Erklärung des Wesens des Uchtes und der Würmo gegeben werden, Chemie: Dlo Flamme,