Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 102. JUED1SCHE RUNDSCHAU. No.!7. sehen Disposition anders geartet sein müssen. als dio christlichen Deutschen, Engländer oder Franzosen, ist ohne weiteres klar. Dass die Juden in den Fragen 1>les politischen Lehens eine Sonderstellung einnehmen, dürfte ebenfalls unhestreitlnir sein; einmal werden die ihnen verfassungsmässig /!!stellenden Rechte durch eine antisemitische Vcrwaltungspraxis vielfach unwirksam gemacht, und ferner ergeben sielt oft aus ihrer Zugehörigkeit zum Judentum auch im allgemeinen׳ politischen Lehen Verpflichtungen he• soliderer Natur; hcispielswcl.se wird es jedem, dem cs mit dem Judentum ernst Ist, unmöglich sein, einen getauften Freisinnigen politisch zu unterstützen. Fndlich halten die Judenspezifisch jüdische In• tercsscn. deren Bedeutung freilich nicht von allen Juden in gleichem Masse anerkannt wird Wir begreifen es deshalb nicht, weshalb die eng. fischen Herren es ״aufs Tiefste beklagen,■־ dass die englischen Juden in ihrem Denken ״nicht ganz Fng- )ander" sind. Wir können auch in den Aeusserungcu des Herrn Bentwieli nichts finden, was im Gegensatz zu den politischen Rechten und Pflichten steht, die jedem Juden durch sein Stnatsbiirgertum gegeben sind. Die eigentümliche Doppclstcllimg, in der die Juden überall leben, ist keine Erfindung der Zionisten, sondern eine historisch gegebene Tatsache. Diese Doppelstelhmg erfordert einen ständigen Ausgleich der Interessen, der sich ganz individuell gestaltet. Wer in Deutschland vom Judentum loskommen will, ׳wird sich —י sofern er politischen Eifer besitzt — mit rein deutschen Fragen beschäftigen. Wer dem Judentum eine Zukunft wünscht, wird sich auch mit den jüdischen Problemen befassen. Da in unserem Vaterlande die jüdischen Interessen den deutschen nirgends widerstreiten, so ist ein solcher Ausgleich für jeden Juden möglich. Nur so ist die Aeusserimg zu verstehen, dass das Judentum seinen Anhängern nicht gestatte, ,.ganz" deutsch zu sein. Wenn die englischen Herren meinen, durch die Feststellung solcher Tatsachen würden die Juden Englands ihrem Vatcrlandc entfremdet, so ist dies eine sinnlose Behauptung. Die Wahrheit, die hier über das Verhältnis der Juden zu Ihren Wirtsvölkern ausgesprochen wird, kann an diesem Verhältnis zu• nächst gar nichts ändern, sie gilt für alle Juden, nicht blos fitr die Zionisten ־־, und Herr Bcntwich hat ganz Recht, wenn er sagt, ־es habe keinen Zweck, solche Tatsachen zu verheimlichen. Wer dieses dennoch versucht, kamt cs nur zu dem Zwecke tun, cino möglichst unauffällige A s s i m i lation der Juden vorzubcrcitcn. Ob durch die Feststellung der genannten Tat• Rachen, wie die Herren befürchten, Misstrauen bc* züglich des Patriotismus der Juden hervorgerufen wird, ist für die Beurteilung dieser Fragen ganz gleichgültig. Dass bedenkenlose Hetzer die Juden immer verdächtigt haben, ist bekannt, darf uns aber nicht bindern, unsere Pflicht als Juden zu erfüllen. Die englischen Herren schlossen ihre Erklärung mit einer Denunziation, die wir im Interesse der jiidisehen Suche sehr beklagen. Sie behaupten, die Ver• Sicherungen der zionistischen Studenten, ihre Filich• ten und ihre Rechte als Bürger voll und ganz erfüllen zu wollen, hätten keinen richtigen Wert; cs sei unlogisch, dass Leute, die cs mit ihren englischen Bürgerpflichten ernst nähmen, gleichzeitig erklärten, sich nicht gänzlich mit der englischen Nation lüciiti• fizlercn zu können. Wir halien dargclegt. dass auch wir aus unserer Zugehörigkeit zum jüdischen Volke den Schluss ziehen, nicht ״ganz" Deutsche zu sein, nämlich in so• weit nicht, als eine verschiedene Abstammung und gesonderte Geschichte gewisse Unterschiede he• dingen. Wenn daraus überhaupt ein Vorwurf gegen uns abgeleitet werden könnte, so würde dieser Vor• wurf alle Juden der Welt treffen, soweit diese nicht Wos mit dem Munde, sondern auch mit dem Herzen Juden sind. Mit aller Entschiedenheit aber ver• wahren wir uns gegen den Vorwurf, unsere Bürgerpflichten nicht mit demselben Ernste uufzufasesn, wie alle anderen Juden Wir sind deutsche Staatsbürger, sprechen die deutsche Sprache und leben innerhalb der;deutschen Kultur. Deshalb sind wir deutsch und erfüllen unsere Pflichten gegenüber unserem Vatcrlandc gern und willig. Wir stammen von Juden, erkennen uns historisch verbunden mit der ganzen Juücnhcit und wünschen ihre Erhaltung. Deshalb sind wir Juden und erfüllen die Pflichten gegenüber dem Judentum. Dazu gehört unseres F.rachtens die Belebung des jüdischen Volkstums und die Schaffung einer Heimstätte In Palästina. Mit tiefem Bedauern bemerken wir, in wie leicht• fertiger Weise Juden gegen Juden den Vorwurf 1111• zuverlässiger Gesinnung erbeben, weil sie über die Aufgaben des Judentums vcschlcdcncr Meinung sind, und wU־ teilen die Hoffnung der ״Allgemeinen Zeitung des Judentums" nicht, dass solche Verdächtigungen in den weitesten indischen Kreisen Deutschlands freudigen Widerhall finden" werden. Kein verständiger deutscher Christ wird die Stellungnahme der Zionisten so falsch bewerten. Wir brauchen nur an die Haltung mächtiger Persönlichkeiten zu erinnern, die der zionistischen Bewegung Anerkennung und Unterstützung gewährt haben. Die Beweisführung unserer jüdischen Gegner, deren letztes Argument iuuner wieder die Angst vor ״Risehus" heisst, wird uns nicht davon abbriugen, die Saelie des Judentums vor aller Welt zu verfechten. Hochachtungsvoll ergebenst Das Präsidium des Kartells Zionistischer Verbindungen. Dr. Rosenberg, Vorsitzender. Dr. U11 u a. Dr. K d c I s t ei n. L i c 11111 e I m, R o s e 11 b a 11111,!••ßUS ALLCR waT!s Deutschland /״setzen, die eine Zcitlang auf Erden geweilt haben sollte Eine Zeitlang habe diese Mär als Dogma oder Symlml wenigstens einen Sinn gehabt, das sei aber seit Kolumbus. Kopernikus. Kaut• Schopenhauer ״na Darwin nicht mehr der Fall. I Ür den Himmel der mittelalterlichen Kirche mit seinem ewigen Einerlei der Freude sei in dieser Welt so wenig Raum. wi9 für die Hölle mit der unendlichen Langeweile ihrer Qualen. Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft sei nichts anderes als der Glaube an die Unsterblich, keit der Tat. — Und so gellt cs weiter in einem Stile, der Gänsehaut hervorruft. Wir haben selten soviel abgedroschenen Aufkläricht so dicht beisammen ge. sehen Das ״Berliner Tageblatt" sollte sicli d<*:h freuiidlicbst darauf beschränken. Fcstartikcl zu den grossen Israelitischen Festen zu schreiben. Die christlichen Feste und die christlichen Heils. Wahrheiten gehen das Blatt nichts an. Es möge sieh doch an uns ein gutes Beispiel nehmen, die wir grundsätzlich darauf verzichten, au indischen hohen Festen Feiertagsartikcl zu schreiben." Aber die ״Deutsche Tageszeitung" ist natnri ״h nicht antisemitisch. Russland Das preussisehe Olierverwaltungsgericlit hat kürzlich aus Anlass eines Spezialfalles entschieden, dass auch die Ehe einer evangelischen Ehefrau mit einem jüdischen F.liemamie eine Mischehe Im klrclien• gesetzlichen Sinne ist. Der evangelische Teil einer derartigen Ehe wird daher mit Recht zur evaugcll• scheu Kirchensteuer herauge/.ogcit, wobei cs uttcr* lieblich ist, dass der Ehemann auch zu Kultusbcdürf* uisscii der jüdischen Gemeinde erhebliche Beiträge leisten muss. Die Heranziehung des evangelischen Teiles solcher Mischehe zu der Hälfte des Steuer* satzes, zu weicher der Ehemann veranlagt ist. erfolgt auch ohne Rücksicht darauf, ob der evangelische Teil eigenes Einkommen besitzt. Für die Za 11• 11111 g der evangelischen Kirchensteuer haftet der jüdische Klicma 11». Daraus folgt jedoch nicht, dass letzterem die Zahlungsauf• jorderung /.!!gestellt werden muss. Das Wort vom ,.guten Magen" der Kirche scheint demnach auch auf die evangelische Landeskirche Anwendung zu finden, die auch ״.liidcngcld" schluckt, wann und wo sic cs nur irgend erhaschen kann. Wurde doch kürzlich erst berichtet, dass die Kirchen• Steuer von einem Juden, der irrtümlich veranlagt worden war, auf gerichtlichem Wege cingctrichcn worden Ist, weil er — nicht rechtzeitig reklamiert hatte י , , * Di: ״Freisinnige Zeitung" bringt folgende Notiz: ״Die vergiftende und zersetzende Wirkung des Antisemitismus selbst auf dem Gebiete der Wohl• tätigkeit, auf dem bisher Angehörige aller Parteien, Konfessionen und?fände einträchtig zusammenzu• arbeiten gewöhnt waren, wird durch eine Affäre bc• leuchtet, die augenblicklich das Stadtgespräch in Stettin bildet. Au den Bestrebungen des dortigen Vaterländischen Fraucnvcrcins beteiligte sich ln I1:r• verratender Weise Frau Rabbiner D r. V0 gc Istc in, die als Vorstandsmitglied dom Ver• ein sehr gute Dienste leistete. Vor einiger Zeit trat mm die ebenfalls dem Vorstand ungehörige Frau Eisc 11 b a hnd 1 r e k t i o n sp r ä s i dc 111 Dr. S o m b a c!1 mit dem Ersuchen an die genannte Dame heran, aus dem Vorstände aiiszutrctcn, unter der Motivierung, dass Frau Dr. Vogclstcin ander• weitig auch sehr in Anspruch genommen sei. Diesen Wink mit dem Zaiumfalil hat Frau Dr. Vogclstcin richtig verstanden. Sie trat aus dem Verein aus, mit Ihr aber fast sämtliche Damen jüdischen Glaubens, die dem Verein angeliörtcii. Wer hat mm den Schaden von dieser konfessionellen Engherzigkeit? Die bisherigen jüdischen Mitglieder des Vatcrländl• sehen Fraucnvcrcins jedenfalls nicht!" Dass das freisinnige Blatt nichts weiter zu sagen weiss. ist jedenfalls für die Spezies ״Freisinn", die es vertritt, noch charakteristischer als das eigentümliche Ersuchen für den Takt der Frau Eiscnbalmdircktioiis• Präsident. Und ein kleinwenig ist es doch immerhin auch merkwürdig, dass Frau Rabbiner Dr. Vogclstcin nicht bereits früher gemerkt hat, mit wie wohl• wollendem Auge man ihre Mithilfe im Dienste der ..christlichen Nächstenliebe" verfolgt. Das Ganze alicr reibt sielt harmonisch in die deutsche Kultur :;111 Anfang des 20 Jahrhunderts ein und kann uns nicht einmal eine neuu Enttäuschung bedeuten. Ein echter Freisiniisinamie aber sollte sich darüber doch eigentlich ganz anders entrüsten 1 Dem .,Berliner Tageblatt" schreibt die ״Dcutscho Tageszeitung״ folgende Liebenswürdigkeiten Ins Stammbuch: ״Ueber Unsterblichkeit und Auferstehung spricht sich in der Knrfrcitagsiiumiucr des ״Der- Iitt 0 r Tageblatts" ein sogenannter Ly nkc us aus. Er meint, jede Kirche richte ״goldene K ü 1 ber" auf. Die orthodoxe Kirche habo sich bceUt, dem Christus, der ln der Menschheit auferstanden war, clno blutleore Erscheinung entgegen• Nach langer Abwesenheit weilt jetzt N'j. S 0 k o I o w wieder in W a r s c 11 a u. In er er grossen zionistischen Versammlung, die von einigen tausend Personen besucht war. hielt er. mit stur;;,;, sehen Ovationen begrilsst. eine wirkungsvolle liehr.i. isclte Rede filier die Lage in der Türkei und die Aussichten der zionistischen Bewegung und bc• tonte die Notwendigkeit einer umfassenden und Lin. gclningsvollcn Tätigkeit 11• Palästina. — In einer anderen von einem hebräischen Verein einheruk-n.a Versammlung behandelte Sokolow die neu. hebräische Literatur mit besonderer Bernd:, sichtigung der hebräischen Schöpfungen in Warschau. m lu Mobile w sind 26 Bauern, die wegen Be• telllgung an einem Pogrom verurteilt waren. v,.!a Zaren begnadigt worden. Qalizien Der Ruhm der cclitrussischen Hooligans lässt ihre gulizischcn Gesinnungsgenossen nicht schlafen. Darum leisteten sie sieh tu P r z c w o r s k am Palm- Sonntag und Vortrag des Passall em besonderes Vergnügen. Die Bauernburschen aus der Umgebung ver. sammelten sich an den Strassenecken und überfielen wehrlose jüdische Frauen und Kinder und schlugen sic blutig. Die Behörden verhielten »Ich vollständig ״neutral" und iinteninliniun nichts, um die .luden zu schützen. Die Przeworsker jüdischen Bürger wandten sich telegraphisch an die Redaktion ‘des zionistischen Wochenblattes ״Wscliöd" um Hilie. Reichsratsabgcordnctcr Dr. Qabcl begab sielt hier• auf zum galizischcn Statthalter und machte ihntwegeu des passiven Verhaltens der Przeworsker Behörden •Vorstellungen. Statthalter Bobrzynski setzte sich sofort auf telephonischem Wege mit der Bc• zirkshauptm&unschaft und dem Gendarmeriekom• tnattdo von Przeworsk in Verbindung und gab strengen Auftrag. Ordnung zu schaffen und genauen Bericht zu erstatten, infolge dieser Intervention wiederholen sich die Ausschreitungen nicht mehr. Die Przeworsker Kultusgemcindc richtete hierauf a> den ״Wscltöd" folgendes Danktclegramrn: ״Im Nauica aller Juden danken wir Ihnen für die Intervention und für die rasche Abhilfe, welche durch Sic erwirkt wurde!" Frankreich Die in Paris wohnhafte Witwe des Miltärarzte* Felix, die vor wenigen Wochen hciittgcgangcn ist. hat der!:colo Normale Orientale, d. i. der Alliance Israclite Universelle. 100 000 Francs vermacht. Türkei Ist die Situation heute auch etwas mehr geklärt als noch atu Sonntag, so lässt sich doch zur Stunde (Donnerstag mittags) z. B. über die meliriacb ange• kündigte Abdankung des Sultans noch nichts Bi• stimmtes sagen. Entgegen allen anderen Meldungen telegraphiert der Korrespondent des ״B. T." am 20. April, nachmittags seinem Blatte folgende Mitteiluug. die durchaus wahrscheinlich klingt. Soeben empfing mich der Kommandeur des dritten Armeekorps. Mar schall Mahmud Schcwket Pascha. Er autorisierte mich zu der Mitteilung, dass nach seiner Kenntnis der Dinge und nach seiner Auffassung die Meldungen über die Abdankung des Sultans unzutreffend und unwahrscheinlich seien. Ein Verzicht Abdul Ha• mids auf den Thron wäre ausserdem zwecklos, weil in einem konstitutionellen Staate die Person des Herrschers verhältnismässig wenig Ins Gewicht falle; sie wäre aber auch unklug, weil slo wegen des Grundsatzes, dass nicht gleichzeitig zwei Kalifen existieren könnten, Schwierig• keiten innerhalb des Reiche« und Misstrauen Im Auslände erregen würde. Daher sei auch das Gerücht, der Sultan habe auf der deutschen Botschaft Zuflucht gesucht, hinfüllig. Da die Jungtürken aber ganz offenbar die Herren der Situation sind, wenn nicht etwa die