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Jüdische Rundschau · 1909-04-23 · Heft 17 (23.4.1909) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 17. Seite 191. Pflicht zur Arbeit für das Jüdische Volk auffassen, cs w״re besser um unser Volk bestellt. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, hier noch auf die wissenschaftlichen Arbeiten Badfs clnzu• gelten, — bei aller andern Arbeit fand er auch dazu Zeit, Erwähnt seien nur eine ״Kinderblbcl״ und ein anderes Religioiislchrbueh, eine Arbeit über die Jüdisch• tybillinischen Bücher und noch in allerletzter Zeit seine Beteiligung an der deutschen Philo-Ucbcrsetzunc, bei der er Kcradczu Mustcrgiltlgcs geleistet luit. Auch einem wissenschaftlichen Verein ״Orient und Okzident" stnud er vor. Es waren böse Tage für uns ln Breslau, als wir bürten, dass cs mit Professor Badt bedenklich siehe, und als wir dann gar erfuhren, dass dio Aerzte die Hoifuung aufgegeben hittton, da kam es uns so umiz zum Bewusstsein, was er uns allen gowesen, wie null er uns gestanden, und einem Jeden von uns war, als kämpfe dort in der stillen Paradics-Strasso ein nächster Verwandter den letzten Kampf . . . . Wir hofften aber immer noch, dass es der Kunst der Aeiztc. der aufopfernden Pflege der treuen Qattln gelingen werde, den Kranken wieder zu Kräften, zur Ueberwindung des Leidens zu bringen. .... Vergebens. Bestem Nachmittag geleiteten wir Professor Badt zur letzten Ruhe, ein uniibcrschrbar langer Zug, ein Zeugnis der Liebe, Verehrung und Achtung, deren lieh der allzufrüh Heimgegangene erfreute. Das Jüdische Volk wird ihn nicht vergessen. Breslau, den 19. April 1909. Pharisäer I I-inc Weltanschauung, Ule mit alten Vorurteilen bricht und aus der ()cdnnkcntrüghcit mehrerer Jahr• zehnte aufrüttelii will, hat die Massen noch niemals in; Sturme erobert. Fs gilt langsam Feld zu ge• v» innen. Audi wir Zionisten wissen, dass unser noch ein gutes Stück Aufklärungsarbeit wartet, ehe jene Gedankenwelt, in der sich uns die einzige Zukunfts• «:״dichkcit des Judentums spiegelt, zum Gemeingut unseres Volkes werden wird. So lange wir glauben, die ehrliche Kampfeswcisc unserer Gegner achten zu müssen, wird unsere Geduld nicht ermüden, und wir werden immer und immer wieder unsere War• liciten in dio Massen tragen. Wenn aber ein bos* liaitcr Feind heute einen Vorwurf erhebt, den wir vor Jahren widerlegen zu müssen glaubten, und der siel! seitdem nicht mehr aus Lieht getraut hat, weil eben unsere Widerlegung allgemein als bündig anerkannt wurde —dann können wir nur bedauern, dass von Jener Seite eine sachliche Kompfesweiso verschmäht und statt dessen ein Jüngst totes Schlag• wort wieder aufgegriffen wird. Die ״Allgemeine Zeitung des Judent u ui s״ hält cs für gut, heute, zehn Jahre nach dem I. Basler Kongress, unter Zitierung einer Anzahl von englischen (!) Kronzeugen die alte Verdächtl* zum. niisziigrnben, dass der Zionismus uns hindere, ״gute Deutsche" zu sein. Der Sachverhalt ist kurz der folgende: Wie seinerzeit ln diesen Blättern gemeldet, bc• ginnt der jlidischc Nntloimlgcdanko neuerdings an den englischen Universitäten Fuss zu fassen und hat nacheinander in Oxford, Cambridge, Leeds und Cr knirscht mit den Zühnen, denn er denkt an dies Einst. Zum Krüppel hat man ihn damals gemacht. * Zum Krüppel, der er als Kind nicht war. Das wurde er erst, als er Jude wurde, das heisst, als er merkte, was Jude sein heisst. Woran er dies merkte? 0, an vielem! An den liühnischlen Gesichtern der polnischen Jungen im Heimatstädtchen, an den Mäulern, die vor. ihm ausspie'n, an den Fäusten, die vor ihm sieh hallten, an den Steinen, die nach ihm geworfen wurden. Ja die polnischen Jungen! Sie haben Ihn nie in Ruhe gelassen. Warum hat er nicht gewusst. Erst später, viel später. Angst hat er gehabt, darum! Aber er w׳ar noch zu jung, der kleine Moritz, una wusste noch nicht, dass ein Jude verloren ist, w׳cnn er Angst hat Zehn Jahre war er wohl damals alt 1 war so ein Junge, ©in polnischer Zwar Jünger wie Moritz, kaum neun, loch fürchtete Moritz ihn wie keinen, ich seinen grossen Bruder, einen wilden icn, nein ein wildes Tief־־־ .dcn.^Lc*‘ wel Teufeln wich .der Moritz den holden J UED1SCHE RUNDSCHAU London zur Oflhidung zionistischer studentischer * Korporationen geführt. Wie zu erwarten, entspann sich eine erregte Diskussion über dio Berechtigung solcher ״Absomicrungsbcstrcbungcn" — genau wie wir cs vor Jahren in Deutschland erlebt liabcn. Im klassischen Lande der Interviews konnte das nicht übßchcii, ohne dass cluo massgebende Stcllo um Ihre Meinung belragt wurde und das Ergebnis der Unter* redung in Form eines wcitschweiiigcn Interviews in die Presso gelangte. Unser UcsImiiitigsfrcuuU, Mr, Nornum Beut• wich, hat also dem Austräger des Jewish Giro• niete" In geschickter und für Jeden, der aus legen und nicht un ter legen wollte, einwandfreier Welse die Berechtigung und die Ziele der neuen Vereine ausolnandcrgesotzt, Besonders entschieden trat or im vorhinein der Ansicht entgegen, dass jüdisches Voiksbcwusstscln irgendwie mit dem guten Eng* iändertum der dortigen Juden in Konflikt goratcu könne‘. Dennoch veröffentlicht eine Rcilio engUsch-iüdischcr Notabcln einen Protest, der sich gegen einen willkürlich und in sinnentstellender Welse aus dem Text hcrausgcrisscncn Satz richtet. Der Interviewer lütte nach dem Wort• laut der Protestresolution gefragt: ..Fühlen die zionistischen Studenten, dass sie sicii vollständig mit der englischen Nation identi• fizicrcn können?״ j (Antwort des Mr. Norman Bc 11twich:) ״Sie fühlen, dass dies für sie als Juden nicht mög• > lieh ist. Sic können ln ihrem Denken nicht so ganz | Engländer sein, wie diejenigen, dio von englischen; Eltern geboren sind und die von Vorfahren ab• | stammen, die ihr Blut mit umleren Engländern seit 1 Generationen vermischt haben. Es hat! keinen Zweck, diese Tatsache zu verheimlichen, j Mir scheint cs unmöglich zu sein, die Religion von der Nationalität Im Judentum zu trennen.“ j Schon an Jener Stelle, an der eine Auslassung I durch Punkte vermerkt Ist, finden sich einige erj klärende Worte, die den Widerspruch an sich ent- 1 krähen. Es liebst da: ״Die Juden müssen immer ein Gefühl der Sympathie und Brüderlichkeit gegenüber den Juden In allen anderen Teilen der Welt haben und müssen in gewisser Beziehung als Gemeinschaft »!)getrennt bleiben, wenn sie die Anhänglichkeit an Ihre Reilglon bewahren wollen." Diesen Satz lässt auch das Berliner Blatt wohlweislich aus. Es erübrigt sich an dieser Stelle, auf den Wort• laut des Notablcnprotcstcs cinzugchcn. Die Wahrnclinnmg eigener wirtschaftlicher oder sonstiger In• teressen sichert ihm eine milde Beurteilung und wir haben diese Art Proteste in früheren Jahren auch in Deutschland kennen gelernt. Uns interessiert mehr der Kommentar der ״Allgemeinen Zeitung־ des Judentums": ״Diese Erklärung hervorragender englischer Juden wird auch in den weitesten Jüdischen Kreisen Deutschlands freudigen Widerhall finden. Es Ist die höchste Zelt, den Jungen, gebildeten Leuten, die in dem Zionismus ihr ganzes Heil erbücken, deutlich zu zeigen, wohin sic mit ihrer gefährlichen Agitation steuern, slo untergraben völlig den Boden, auf dem slo Ihre Zukunft auf• bauen sollten, und erst, wenn cs zu spät sein wird, werden 510 clnschcn, dass sie auf clnom Wege wandeln, der slo ins Irre führt. Slo stellen nicht aus. Durch die Strasse, ln der sic wohnten, wagte er sich nie, wenn er sie von weitem sah, lief er. und nach der Schule machte er einen weiten Umweg. Das wusste der Victor. Und er hatte cs leicht, zu höhnen, zu puffen. Der Moritz Hess sich ja alles gefallen! Einmal aber war das anders und das war der Unglückstag. Jn der Seitengasse zwischen den beiden langen Oartenzüunen, deren einer nur das Häuschen unterbrach, in dem ״die dicke Gelle" ihren Zucker und Zimmt verkaufte, ging Moritz vergnüglich pfeifend immer vor der Sonne her, und bei Jedem Schritt trat er sich auf den cigcnen Schatten. So versunken war er in dieses 1 Spiel, dass er garnicht sah, wie der Victor vor ihm daherkam. Er merkte cs erst, als sein Kopf dem Victor gerade gegen die Brust sticss, dass der Hut ihm zu Boden flog, der Victor auf polnisch fluchte und ihn in den Leib trat Moritz stöhnte und schnitt ein Gesicht, krümmte sich furchtsam nach seinen Hpt ,und schlich davon. Doch drei Schritte tat er nur, da wallte cs plötzlieh in ihm auf. Wie höhnisch der Victor hinter Ihm her!achtel Dem Moritz wird, wie ihm nie gewesen. Wild dreht er sich um — weiss nicht, was er tut — und schaut dem Todfeind voll nur ihre eigene spätcro Existenz in Frage, sondern sie gefährden alles dasjenige, wofür unsere Väter und wir seit Jahrzehnten gekümait und gestritten haben. Was wir erreicht haben, ist nur dann mög. lieh uns und unseren Kindern zu erhalten, wenn wir als treue Juden gute Deutsche sind und guto Dcutscho bleiben in all unserem Denken und Fühlen." Der blosse Abdruck dieser Sätze wird genügen, um zu zeigen, an welcher Stelle die Maulwurfsarbeit geleistet wird, dio den Boden, auf den wir Juden von heute stehen, untergraben könnte, wenn er nicht doch schon zu fest geschichtet wäre! Oh wir, die wir dem Judentumo einen wahrhaft modernen Gehalt geben wollen, mehr Im Sinne der Jüdischen Vorkämpfer handeln, als icne, dio an seiner Auflösung arbeiten, darüber werden wir mit dem Blatte nicht diskutieren. Den Pharisäern im Judentum war der jüdischo Staatsgedanke von Jeher ein Greuel, und derselbe niedere Geist, aus dem ehedem die verfängliche Präge geboren wurde, ob man dem Kaiser den Zins verweigern solle, spricht auch aus der Taktik unserer modernen Pharisäer gegen Jene Junge Jüdische Volks״ bewegung, deren Ziel die Wiedererlangung der Staat, liehen Einheit ist, die vor zwei Jahrtausenden den Wühlereien der alten Pharlsfler zum Opfer GeL la. Der englische Protest und die jüdischen Studenten Wir erhalten aus Berlin unter dem 20. April 1909 folgende Zuschrift! Die ״Allgemeine Zeitung des Judentums" vom fö. April bringt eine Erklärung englischer Herren über einige den Zionismus betreffende Acusscrungcn des Herrn Norman!!entwich*) und fügt dieser Er- : ki.'irung Sätze hinzu, die uns veranlassen, irn Namen | der zionistischen Studcntcaschatt Deutschlands zu; der Angelegenheit Stellung zu nehmen. Es er• scheint uns im Interesse der Jüdischen Ocffcntiichkcit gelegen, wenn über die erwähnten Fragen Klarheit geschaffen wird und wir ersuchen Sic daher hüf* liehst, diesem Schreiben irr Ihrer geschätzten Zeit• schriit vollinhaltlich Raum zu geben. Nach dem erwähnten Bericht hat Herr Norman Bentwich gesagt, die zionistischen Studenten könnten 6lch nicht vollständig mit der englischen Nation identifizieren, sic könnten In ihrem Denken nicht so ganz Engländer sein, wie diejenigen, die von eng- Ihschcii Vorfahren abstammen. Wir sind der Ansicht, dass diese Acusscrungcn nicht dazu angetan sind, die Erregung zu rechtfertigen, in die einige der englischen Judenheit ungehörige Herren dadurch versetzt worden sind. Wer diese Acusscrungcn ruhig und vorurteilslos liest, kann, sofern er über die Judenfrage nachgedacht hat und die nötige Selbstbcobachtung besitzt, darin nur die Konstatierung einiger Tatsachen finden, die aller parteipolitischen Willkür entrückt sind. Dass die Abkömmlinge des alten Jüdischen : Stammes, der seit vier Jahrtausenden sein eigenes i geschichtliches Dasein geführt hat, in ihrer sccll- *) Vcrgl. dazu auch den vorstehenden Artikel ״Pharisäer"! — Red. der ״J R." Hass ins Auge. Der, erst verwundert ob soleher Kühnheit, stösst endlich ein heiseres Lachen aus und kommt auf ihn zu. Der Moritz ihm? Was läuft er nicht bald? Doch der Moritz steht. Jetzt giit’sl Sic sind an einander, sic ringen. Da — ein Schreien von vorn — und die Gasse herauf, die Faust hoch drohend, gefletscht die Zähne, Jagt der wilde Alex. Wie Moritz ihn sieht, wird's ihm schwarz vor den Augen. Sinnlos vor Angst — obgleich ihm ״die Gelle" aus dem Häuschen zu Hilfe kommt, lässt er den Gegner aus seinem Griff. Der nützt den Moment, und wie man ein Rohr knickt, drückt er den Moritz ins Knie, mit aller Kraft auf die Steine nieder. Ein spitzer Stoin, ein knaxender wahnsinniger Schmerz, und Moritz verliert die Besinnung. — Von diesem Tage an war Moritz ein Krüppcl. Verkrüppelt seine Jugend, seine Hofinungen, sein ganzes Leben. Was nun noch kam in disem Leben, kam, weil er ein Krüppel war. Die Lehrzeit be'ra Schuster mit Hunger und Prügeln, sein Eheleben mit der buckligen Esther, die ihn nicht minder schlug und hungern liess— was wodlte er Besseres, der Krummbein, der Krüppel? (Schluss folgt.)

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