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Jüdische Rundschau · 1909-04-23 · Heft 17 (23.4.1909) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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RUND SCHAU No. 17. der uns so lieb und teuer war, den wir so hoch vor• ehrte». U»d wie werden wir ihn noeb vermissen! In Kurnik, einem kleinen Städtchen ^im »Posensehen geboren, aus ärmlicher, aber ,hfts^clitbare^ Familie, kam Benno Badt in den seeh^fn'cr Jahre» auf das Breslauer Rabbiucr-Semin/r. NaeluUjn er.; ,das Rabbiner-Examen bestanden. j wandte er sich ־ dem Lclircrbcmf zu und wurde ‘zuerst Hilfslehrer bei dem Elisabeth-Gymnasium in Breslau. .4)8• die, Stadt Breslau Anfang der sechziger. Jahre das Johannes-Gymnasium begründete, trat• er In dessen,' Lehrkörper ein, dem er bis zum Tode atigehürte. Er war in den letzten Jahren Ordinarius der Oberprima. Er liess cs sicli aber auch nicht nehmen, den indischen Schülern der oberen Klassen den Rcligiouslintcrrieht selbst zu erteilen. Sein unbeugsames Pflichtgefühl, seine persönliche Anteilnahme an den» Ergehen Jedes Einzelnen seiner Schüler Hessen ihn noch am letzten Ahituricntcn-Exameit teilnohmo», obwohl er sicli schon krank fühlte. Am Tage darauf konnte er der Krankheit nicht mehr widerstehen und musste sielt zu Bett legen und sielt die Ruhe gönnen, die er sielt sonst leider viel zu viel versagte. Alle hofften ihn alter bald wieder gesund zu seiten. Es war eine trligcrisciic Hoffnung. Benito Badt war eine der arbeitsamsten Natiircn. Sein Lehramt erforderte viel Arbeit. Das hinderte ihn aber nicht, überall da mitzuarbeiten, wo er etwas erstrebt oder gefordert salt, das ihm erstrebenswert erschien, «)der wo er empfand, dass einer Not, dass einem Ucbclstande abgcitolfcn werden musste. Erkannte er die Notwendigkeit einer Betiitiguug, den Wert einer Arbeit, so zögerte er nicht, selbst Hand anzulegcn und andere zur Mitarbeit licranzuzichcii. Er war nicht nur ein guter Ersicher im Hause und in der Schule, sondern er bcwährte sich als ein saldier auch drausscu im Leben, insbesondere aber bei uuscrii Brüdern in der Jiidisehen Gemeinschaft, in der Gemeinde und weit darüber hinaus. Nicht blos sein vorbildliches Belspiel spornte andere zu gieieiicr Tätigkeit an, er war stets bemüht, andere zur Arbeit hcranzuzicheu. Seine Mühe hatte auch stets Erfolg. In einer grossen Zahl von Vereinen war er in der Leitung, nicht blos dem Namen iiueh, in ihnen und in vielen anderen mich ohne besonderes Amt nahm er tätigen Anteil nn der Arbeit. Vielfach leistete er sic allein. Das Breslauer Loknlkomitcc des ״Esra“ verliert In Benno Badt seinen Vorsitzenden. Gern hatte er die Arbeiten des Esra grosszügiger gestaltet und unternahm manchen Versuch nach dieser Richtung. Er begegnete zu starken Widerständen. Erst noch in der jüngsten Zeit erwog er mit einigen unserer Freunde den Plan, in Breslau eine ״Esra* und Bezaicl-AusstclIung" zu arrangieren. Dem ״Hilfsvercin der Deutschen Juden“ war er ein sehr geschätztes Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses, in dem er sich insbesondere für die Palästinischen Schulen, deren Lehrpläne und Einlichtung interessierte. Auch dem Lokalkomitcc der ,.Alliance" gehörte er als .stellvertretender Vorsitzender an und war stets bemüht, die Differenzen zwischen diesen beiden Organisationen zu überbrücken. Er batte cs aber gern gesellen, und vorsuchte cs. darauf hinzuwirken, dass die Alliance für ihre Schulen die Prinzipien annäiimc, die der Hiifsverein für die seinen hat. Im Lokalkomitcc des Hiifs- Vereins und der mit ihm verbundenen Auswanderer- Organisation scheute er bis in die letzten Jahre hinein nicht die geradezu aufreibende Tätigkeit der Versorgung der durch Breslau durchziehenden russischen, ׳ galizlseltc», aucli rumänischen Auswanderer. Mit •grosser Liehe und Aufopferung nahm er sieh ihrer ’ ln, wie ein Vater, nicht wie manche Armenkomniissioncn und Gcniciudcburcaus. In letzter Zeit intercssicrtc ihn sehr eine Förderung der Palascba- Angelegenheiten. Audi um die Begründung eines * Breslauer Lokalküsnitecs der A.LK.O. bemühte sicli Professor Badt noch vor wenigen Monaten. Woher auch immer jemand in jüdischen Angelegenheiten וי ׳■׳״״■׳ ■«י■■1■.- ׳׳■״״——י-—— —-—— t i * t1 Professor Dr. Bonno Badt nach Breslau kam: fragte man ihn: ״Wohin haben Sie Empfehlung?" so härte man fast immer als Antwort: ״Zu Professor Badt." Vor Jahren begründete Badt aucli den sehr segensreich wirkenden ״Verband zur Erziehung hiifsbedürftiger israelitischer Kinder." Audi der Pr.!- viuzialvcrdn israelitischer Lehrer und seine Unterstütztmgskassc verlieren in ihm ihren für sic äusserst tätigen Mitbegründer mul ersten Vorsitzenden. Ein besonderes Kapitel ist seine Tätigkeit tür die Breslauer Gemeinde, in Badt verkörperte sich die Opposition der Traditionellen. Selbst religiös konservativ, festhalteiul an unseren alten Gebräuchen, war ihm die Ikv.eichnung ״orthodox" in der Seele verhasst. Und das war charakteristisch für ihn. seine ganze Auffassung des Judentums und auch seine Toleranz. Er war der Begründer und Vorsitzende des ״Vereins zur Förderung' der Interessen der Synagogen-Gemeinde Breslau" mul war der geistige l.eiter des jungen Organs dieses Vereins, dessen!teste alter auch schärfste Artikel von ihm hcrriilirten. Seine Artikel zeigten so recht, wie hing er wteli im Innern war, wie kampfesfreudig jung. Und so war er auch in den Rcpräscntantcn-Sitzimgcn der Gemeinde, wo er einer der sehr Wenigen war die cs wagten, die Rechte der Minoritäten, religi5״j und soziale, zu vertreten. Aber seine Art zu käinp. feit war stets edel, stets sachlich, nie persönlich. Und so kam cs, dass ihn aucli die Gegner achteten j und schätzten, wie aucli er die gegnerische Meinmi- | würdigte, wenn sic nur einer ehrlichen Ueberzeugun- | entsprang. Was er aber hasste, das war der äi-c i Altfall, selbstischen Motiven entstammendes Tu'1. | Wer aus unseren Reihen ging, den kannte er nicht mehr, und offen zeigte er solchen, wie er von ihnen dachte. Es ist so kein Wunder, dass Professor Badt, der ewig jugendlich Feurige, obwohl damals schon in der zweiten Hälfte der Fünfzig, gern dabei war. als er gebeten wurde, bei der Begründung des HrCslauer ״Vereins Jüdischer Studenten" »lilziiiuifcn. Und wie wertvoll war seine Mitarbeit dem jungen Verein, der ihn zu seinem F.liren-AIten Herrn ernannte. Und wie wohl fühlte er sicli in der Mitte dieser begeisterten jungen Juden. Ein Leuchten der Freude ging über seine so sympathischen Züge, »unn er auf den Kommersen, zu denen er des öfteren kam, sali, wie liier ein junges Judentum erblühte, ui. jjc Jugend hier so stolz auf ihre Zugehörigkeit zum j״. Gischen Volke war, wie ihnen das Jüdische als das Erste, das Eigenste, das nie und nimmer Altstrciibarc galt. Und die Freude, die er dabei empfand, und!er er offen Ausdruck gab, wirkte zurück auf die ni! :•.rn. Eines Abend, da der Vater eines der jungen >tudeuten aufstand und bekannte, wie er dem Jude, fast ganz entfremdet gewesen, und wie er dtirj' |;c Zugehörigkeit seines Sohnes zum V.J.St, wieder selbst ganz Jude geworden sei, da kamen Fruit Tränen der Freude, und auf dem Nachhausewege i!m er immer wieder darauf zurück, wie er sicli uhcr dieses Bekenntnis gefreut habe. Müssen wir danach noch besonders erwähn,», wie er zum Zionismus stand? Flir ihn waren ilischc Religion und jüdische Nationalität Eines und untrennbar, und die Konsequenz, war ihm der nismus. In den ersten Tagen des politischen /,«• nismus bekannte er sich zu ihm. Das!linderte :1 alter durchaus nicht, sicli als guter deutscher Staats, biirger zu fühlen, ihm wollte cs nicht ciiileiicLuu. wie jemand aus der Zugehörigkeit zur zionistischen Organisation etwas Uitpatriotisohcs heraus!.«״- struieren konnte. Wir wissen, wie er bestrebt war, persönliche Freunde, die den Zionismus abiclmtu!, ihm nähcrziibringcn. Wenn ihm irgend etwas hege;׳• ncte. wenn er etwas erfuhr, was ihm das Gute, das Förderliche, einen Erfolg des Zionismus zu bew t ־...־. schien, wie freute er sicli da bei dem Gedanken, seinen Freunden zeigen zu können, dass er mit seine׳ Auffassung Recht halte und sic doch vielleicht durch Tatsachen andern Sinnes bekommen könnte. Er war stets über alle den Zionismus und Palästina hctrciivnden Vorgänge aufs genaueste orientiert. Er gehörte der Leitung der Misrachi-Gruppc an. aber auch d;•: Vorstandsmitglieder «ler Ortsgruppe halten gern und oft seinen Rat ein. und willig riet und half er, w<» und wann cs verlangt wurde, bis in die letzten T.ue 1 Fs ist uns ein überaus schmerzlicher Gedanke, ihn 1 nun missen zu sollen. 1 j Nur wer Gelegenheit hatte, mit ihm zusammen 11׳! arbeiten, wird unsern Schmerz zu würdigen wis«:n. i Hätten wir viele, die so ihr Judentum als ein: Sein Junge Von Israel Auerbach. Wie rasend der Wind um die Ecke heult! Den Schnee jagt er auf, der unter den Schritten der Menschen schreit und wirft ihn wie eine Sturzwelle über den Kopi der Laterne. Für Momente verfinstert sich dann ihr Lieht, wie das Auge sich scliliesst, wenn eine Staubwolke kommt. Das ist ein wilder Januarmorgen. Was fliehen kann, flicht vor ihm. Nur ein paar Strassoniungen halten aus, die Hände tief in den Hosentaschen, von einem Bein auf das andere trampelnd, Grimassen schneidend und rohe Witze zueinander rufend. Doch nein, noch jemand hält aus. Grad’ vor der Laterne. Und die Strasseitjuiigcn lachen und grinsen hinter ihm. Ein graubärtiges Männlein mit einem krummen. zu kurzen Bein, das eine Krücke schwer stützt. Schnee umwirbelt, so steht cs da, tmd schaut und schaut in das Licht der sohnccumwirbelten Gaslatcrnc. Die kleinen halbvcrlöschten alten Augen so sonnig verklärt, als sähen sic lachenden Sonnenschein, und nicht Wintersturm. In ihm muss cs warm sein, dass das dranssen ihm nichts tut. Und ihm i.st warm. Das hat dieser Tag gemacht und der glückswarmc Abend nach den langen schneidenden Lebensfrosten. Es stellt und schaut, das kuriose Männlein, oh auch die Strassonjugend ihn höhnt. Im Licht der Laterne sieht er alles noch ■einmal wieder- Sein Junge!- Da in der Halle hinten — das herrliche Fest! Die strammen jungen Leute in Reih' und Glied, in den gleichen, den schimmernden Turnerhemden — die Zuschauer alle da ringsherum, die seiner harren und Damen — die jungfrohen Lieder —- der dröhnende Glcfchtritt — und dann, und daun ־־ — Sein Junge, sein Junge! Wie der konnte ’s keiner. Wie der über allen, der Held, der König, unter detn donnernden, tosenden Beifallsjubel. Und erst der Abend! Er, er war mit dabei gewesen, ja er, der arme, lichtscheue, krüpp- Hgc alte Schuster aus der Kclicrwerkstatt. Er hatte durchaus nicht gehen wollen, aber sein Junge, der halte es einmal gewollt. Und so war er gegangen. Seinen struppigen, grauen, zerfressenen Bart, den hatte er vorher geklimmt tmd geklimmt, seine Stiefel wieder und wieder gewichst, ja seinen Krückstock mit Glaspapier weissgerieben, bevor er gegangen. Und dann war er im Saale gewesen, auf der lärmvolien Kneipe, am Vorstandstisch auf dem Ehrenplatz, neben •ihm, seinem Jungen. Das war ein Glück! Und erst die Ehre! Sein Junge gekrönt mit dem Lorbccrkranz, uinjiil dt. umschwürmt und angetoastet. Und plötzlich gar — da hatte man seinen Namen gerufen, den alten, den niedrigen — nid der Prüscs war abgestanden und hatte ans (üas geschlagen tmd donnernd gerufen: ״Der V.»cr unseres lieben Meyer, er lebe hoch!!“ — Wie die Gläser erklungen, wie das Rmc» erbraust war, wie der Jubel gebrandet — das hatte er nicht bis zu Ende gehört. Denn hinaus war er gestürzt, der alte Meyer, in den Augen dicke Tränen, in der Kehle ein Sticken - - hinaus, fort — fort- Nun steht er auf der Strasse im wilden Abend. ״Hepp, licpp. hepp, schallt cs hinter ihm, und die Jungen werfen nach ihm Sclmcc. Er lächelt nur so — mehr mitleidig als weh. Dann gellt er davon. Was tut ihm das heute? Heut ist ia nicht einst! Ja, einst, wenn man ihn so wart — ־־־־

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