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Jüdische Rundschau · 1909-04-23 · Heft 17 (23.4.1909) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Sprechstunden Dienstag und ץ, t t I t a a » ״I I s t .4 Donnerstag 0-7 Uhr äbenda a _J A W Nummer 17 Berlin, den 23. ftprii 1909 — 2. Ijar 5669 XIV. Jahrgang Zwei Tage Stubenarrest I StriissburK, 21). April. Vor dem Kriegs- •׳״ericlit der 29. Division in Mülhausen wurde gestern und heute gegen den Rittmeister der .1. Eskadron des Jägerregiments Nr. 5 Oralen von Gcrsdorl verhandelt, der durch vor- Nchriitswidrige Behandlung und fortgesetzte Beleidigung den K i 11 j ü h r i g c 1t Block zum Selbstmord getrieben, ferner durch vor- Ncliicdei'e Aciisscrungcn den Vater des Bintahrigeu beleidigt haben soll. Der Angeklagte wu׳■ zuletzt א Wochen vom Dienst .suspendiert wurden. Die Beweisaufnahme ergab, dass der dreitiigige Mittclarrcst. der den! Selbstmorde \nr.t11fgiug und als munittclhurcs Motiv an• Kcschen wurde, uielit vom Angeklagten. Mindern vom Oberleutnant P.11 g e l - ו!! a n 11 verfügt worden war. Auf der anderen Seile aber wurde erwiesen, dass der Angc• klagte sich zu persönlichen und antisemitischen Gehässigkeiten habe hlnrcisscn lassen, Das iericlit nahm nur einen einzigen Fall von Be• leidigtmg, begangen durch den Ausdruck .liidenjungc oder .ludcnliimmcl. als erwiesen an und verurteilte den Angeklagten zu 2 Tagen Stubenarrest. Bezüglich der anderen Punkte erfolgte Freisprechung, Jel/.t wissen wir also, was das Leben eines mdiselion Soldaten in der deutschen .Armee z w c i Tage Stubenarrest! oder minder hochgeborenen Herren ihren judcnfcindliciieu Launen also keine Zügel mehr aiiziilegcn. Wenn auch immerhin bei dem schönen Frilhllngswctter zwei läge Stubenarrest für einen passionierten Riiicr und Kavalleristen recht unangenehm sein iiiogi'ii. kostet: Die Dich hi.uiclicii jetzt gar Aber diese Sache ist zu ernst, tun mit ciuigen ironischen Worten abgetan zu werden. In der deutschen Armee tim tausende jüdischer Soldaten ihren Dienst für das deutsche Vaterkmd. und sic leisten ihn wahrhaftig mit derselben Lust und Liebe wie alle anderen Angehörigen des Heeres. Dass sie ihn schlechter oder unwilliger leisteten, hat denn auch noch niemand zu behaupten gewagt, wenn man von den Oeiiiissigkeitcn antisemitischer Exaltados absieht. Warum also werden die jüdischen Soldaten — von verhältnismässig wenigen Ausnahmen abgesehen, die es gerade gut getroffen haben — noch einem besonderen Martyrium im dcutscheu Heere unterworfen, das schlimmer ist als die I'iisstrittc oder die groben Worte mangelhaft zivilisierter Unteroffiziere, die ihren Acrgcr bissvelLn an allen Untergebenen ״ohne Unterschied der Konfession“ auslasscn! Schlimmer, weil cs zumeist die Offiziere sind, die das böse Beispiel antisemitischer Redensarten geben, das dann natürlich von den niederen Vorgesetzten hoch reichlich derber nachgcahtnt wird, Warum die jüdischen Soldaten das erdulden müssen, int Heeresdienst, den zu leisten sic v c r- Pflichtet sind? Weil in den Augen der meisten Vorgesetzten, der Offiziere, der Jude eben co ipso als Wesen minderen Rechtes gilt. Wenn der Staat und seine höchsten Beamten tPgUiglicli zeigen, dass Ihnen alles Ocrede von Gleichberechtigung recht herzlich glelchgiltig ist, dass Juden eben nicht wie allo anderen dcutsehen Bürger zu behandeln sind, dass sie, sogar wenn ihre Vorfahren schon Im 12. oder 13, Jahrhundert in Deutschland ansässig waren, nicht einmal desselben Rechtes sind, wiic Irgend ein |n Deutschland naturalisierter Franzose oder Engländer — wenn das. die alltägliche Uebung unserer Staatsbehörden Ist, wie soll sich dann ״Der Zlonlimui critrcbt für dai Jlldliche Volk die Schäftung einer OflentUch-reehtllch getlchortcn Helmitltte 10 PtlBitlni." Duoler Programm. fes ta Inlalt Zwei Taeo Stubenarrest! — Prof. Dr. Benno Badt. (Mit Bild). — Pharisäer! — Der englische Protest und die lüdlschcn Studenten. Vom Prii• sidlutn des ״Kartells Zionistischer Verbindungen." — Aus oller Welt (Deutschland. Russland. Galtzien, Frankreich. Türkei). — Palästina-Rundschau. — Vom Hllfsvorcln. — Ein Jüdischer Agrarlands für Palästina. — Aus den Gemeinden, — Vereins* Rundschau. — Sprechsaal. — Briefkasten. — Feuilleton: Sein Junzc. Von Israel Auerbach. — Jung Israel: Juda Makkabls Gebet. Von Theodor Zlocisti. — Das ersto Jüdische Lied. Von Lina W a g 11 c r -T a u b c r, — Sprüche aus dem Talmud. — Rätsel und Rütscllüsung. gerade bei den Offizieren die Meinung Balm brechen, ein jüdischer Soldat sei ebenso zu behandeln wie ein anderer, ein jüdischer Kinjäliriger, der ja niemals ״Kamerad", auch mir in der Reserve, werden kann, sei ebenso feinfühlig wie einer germanischen, keltischen oder anderen Blutes. Insofern wären die Offiziere, die sieh antisemitische Redereien gegen‘־•'•ihre jüdischen Untergebenen leisten, wenn auch nicht zu entschuldigen, so doch milder zu beurteilen, da sie ja nur in ihrem Kreise tun, was auch Richter und Lehrer und andere Staatsbeamte bisweilen tun. Und es wäre den Offizieren vielleicht noch die militärische Schroffheit des Verkehres zugute zu halten, die ja — ebenso wie sic die Unter* gebenen zur Kriecherei und Heuchelei verführt — beim militärischen Vorgesetzten leichter die wahre Natur und die innere Gesinnung zum Durchbruch kommen lässt als in anderen Stclhingen, deren Inhaber sich auch im Verkehr mit den ihnen unterstellten Personen mehr der sonst üblichen höflichen Formen bedienen müssen, die zu einer gewissen Zurückhaltung und Selbstbchcrrschung zwingen. Doch die Srjchc hat eine andere, eine schlimmere Seite, In Deutschland spielt bc• knnntlich — wie kaum in irgend einem anderen Lande der Welt — das Offizierskorps eine bc- .sonders bevorzugte Roillc. Nicht nur gesellschaMich, sondern auch sonst im Staatslebcn. Das Offizierskorps beansprucht für sich eine besondere Ehre, die ganz erheblich empfindliehcr und deshalb auch sorgsamer zu schützen sei als die anderer Bürger. Es wacht eifersüchtig über die Lauterkeit der '״Herkunft und der Haltung seiner Mitglieder. Wir habeii hier nicht zu beurteilen, inwieweit das alles.' bcrcchtigt Ist oder Übertrieben wird. Die Tatsache steht fest, dass bei uns der Offizier sich als Vertreter des ״ersten Standes“ Im Staate fühlt. Und dass er sich auch im Alltagsleben meist dementsprechend benimmt, sei zugegeben. Wie sehr sticht aber dieses rittciUlchc, vornehme Verhalten, auf das sich die Offiziere so viel zugute tun, ab gegen die empörende Feigheit, die dazu gehört, einen Mann, derwehrlosvor einem dasteht;, det• nicht mit der Wimper zucken darf — wißl er nicht Ehre, Freiheit und Existenz auf's Spiel setzen! — zu beschimpfen, wie dies, sonst,rtur ein Strassonjungo' tut! Und das nicht ein Mal, im Acrgcr, nein, mit der Konsequenz der Bosiiciit einen solchen Wehrlosen zu peinigen, bis dem Acnnstcn dieses Leben vergällt ist! Gleichviel wie man den Selbstmord des Miiihanser Einjährigen beurteilt, wieviel höher steht dieser junge Mann, der scltweigcnd ans dem Leben geht, ohne dem verhassten Vorgesetzten noch mit einem Schlag die Karriere abzuschncidcn, als dieser hochgeborene Graf, der noch n a e h dein Tode des von ihm Misshandelten den ״angeborenen" Takt nicht wiederfinden kann. Und was soll man zu diesem Urteil sagen! Man schreibt cs am besten einfach nieder: ein Rittmeister, der einen jüdischen Einjährigen mit gehässigen Schimpfworten zu Tode gequält hat. bekommt dafür — zwei Tage Stubena r r c s t! (Weil ein anderer Offizier angeblieh die ״unmittelbare Ursache" zum Selbstmord gegeben hat — welcher KriegsgteriehtspsyehologJe mag diese wohl gcriclit»• notorisch fcstgcstcllt haben!) Ocniigt's ohne Kommentar? Der ״Vorwärts“ widmet dein Urteil das folgende Versehen: ״Es hält, der Wage nach, die Frau Gerechtigkeit Noch überall nach alter Art Gerichte, Ist je bei uns ein kleiner Unterscheid, So ist es etwan im Gewichte." * Wir möchten nur die Herren, die sich all- Jährlich mit dem jeweiligen Kricgsininistcr Du Parlament in dasselbe eintönige Zwiegespräch über ״die Juden im Heere" zu vertiefen pflegen, auf diesen Fall und dieses Urteil recht nachdrücklich aufmerksam machen. Herren Kopsc 11,0o111 ei 11 6 tutti quantl — 111 c r liegt das Kcrniibel! Das ist cs, was wir Juden vor allen anderen Dingen im deutschen Heere abgeschafft wissen möchten: die moralische Folterung Jüdischer Soldaten durcJi bedenken freie Vorgesetzte, die kaltlächelnd einen ״Judcnjungen" in den Tod schicken, weil ihnen seine Nase missfällt! Wenn deutsche Offiziere ein solches Verhalten ihrer diffizilen Ehre für entsprechend und des deutschen Heeres für würdig achten —wir können an solcher vernichtenden Selbstkritik nichts ändern. Aber wir Juden wo01e 11 uns d^s. denn doch 11 ic 1t11 ä 11 - ger gefallen lassen!•■.•Die;jüdischen Soldatcu können ja; nicht *reden droht ihnen doch das Damoklesschwert *bis weit in’s bürger. liehe Leben hineinl — also'ist .es an Euch, Ihr Herren Vertreter der lydcji und'Repräsentanten der humancii und liheratefrideehl Mit Mundspitzen lst'S aW nicht getan — es muss gepfiffen w&yaen! r Professor Dr. Benno Badt Geboren 17. Januar 1841־, : Verschieden 15. April 1909. Das Jüdische Volk hat einen seiner besten und treuesten Söhne verloren. Am Abend des!5, April ,verschied nach schwerem Leiden in Breslau Profcssor Dr. Benno Badt. Es ist uns bitter weh ums Herz, da wir dieses niederschreiben müssen. Wie gern hätten wir Ihn noch in unserer Mitte behalten.

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