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Jüdische Rundschau · 1909-04-16 · Heft 16 (16.4.1909) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 16 (16.4.1909)
Date
1909-04-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seile 182. Götze geworden, dem die deutschen Juden seit 100 Jahren die schwersten Opfer bringen. Somit sei klar, dass die Reform keine Erneuerung des Juden* tums bedeute. Sodann erörterte der Redner die möglichen Einwände auf seine Thesen: Mau behaupte, die Reform sei doch Reduktion, nämlich ״Anknüpfung an die Propheten" gewesen. Als Beweis diene die ״Ethik des Judentums", die sic herausgearbeitet habe. Hem sei zu erwidern, dass die ״Ethik des Judentums" nicht eine reformatorisehe. dem religiösen Bcdiirfnis der Massen entgegenkommende Schöpfung ge* wesen, sondern auf apologetischem Wege entstanden sei, indem die aut die Betonung der Sittlichkeit ge* richtete ')'enden/, des modernen Protestantismus die• seihe Tendenz im indischen l.agcr ausgelöst habe. Apologetik sei der Wert der jüdischen Ethik für die Juden. Ausser dass sie zur Hebung des jüdischen Selbstbewusstseins beitrage, habe sie keinen Wert. Was könne man auch von einem Lehrgebäude, einem Gedankensystem anders erwarten? Selbst wenn cs in rcligionsphilosophischc Begriffe cingcklcldet würde, könne cs nie Religion werden. Und 5m sei cs in der Tat gewesen: Pie Reform habe den tulnmdisnms aufgelöst aber in der ״Ethik des Juden* tums." ein noch starreres P ״ g m a an seine Stelle gesetzt. Und das nenne man Anknüpfung an die Propheten, denen doch das Judentum innerstes E.rlebnis war. Erlebnis müsse das Judentum wieder werden. Pas würde dann Reformation heissen. Erlebnis sei Bewegung, und Bewegung sei Religion. Erlebnis sei Schöpfung und schöpferisch solle Israel wieder werden. Pnnn würde cs seine wahre Be- Stimmung erfüllen. Indem der Redner zum Schluss auf den Zionismus als ein Mittel hinwics, Israel dieser Bestimmung wieder zuzuführen, schloss er unter Beifall seine Ausführungen. In der Piskussion wandte sich Herr Rabbiner Dr. V o g c I s t c i n gegen einzelne Thesen des Redners, die er als übortricbcn!charakterisierte. Im übrigen ermahnte er zu gemeinsamer, brüderlicher Arbeit. Ein jüdischer Bazar in Mannheim Wir halten eigentlich keine Veranlassung, mit unseren zionistischen Erfolgen in Mannheim zufrieden zu sein. Sagen wir es gerade heraus: wir haben keinen oder keinen wesentlichen Zuwachs an Mit* gliedern, seit lahrcn schon. Aber wir halten eine Kerntruppe hier, auf die man sich verlassen kann, und die uns zn einem Ansehen — um nicht zu sagen Respekt -• verhalt, das mit unserer Zahl durchaus nicht in Einklang stellt. Kaum geschieht etwas im jüdischen Leben unserer Stadt, sei es auf gemeinpn. litischem, sozialem oder kulturellem Gebiet, wo nicht Zionisten mit in erster Reihe wirken, wo sie die Sache nicht angeregt oder geradezu geschahen halten. Pas Gleiche gilt auch für unsere Eraticn. die, bc* sonders in den letzten Jahren. Hervorragendes hier geleistet halten. Eben Italien sic eine neue gute Tat vollbracht. Eine der Unsrlgen bringt die Idee eines j ü d i - , sehen Bazars hier auf, ein kleiner Kreis von Gcsimnmgsgenossiimen stimmt ihr freudig zu; man versteht Ausscnstchemlc zu interessieren, sehr ge* schickt ein neutrales Damcn-Komltcc zu bilden, mit vieler Energie den Plan zu verteidigen und durchzu* setzen. Pie jungen Damen der jüdischen Gesellschalt werden für den Kartenverkauf gewonnen, alles drängt s;ch zu den Verkaufsbuden, dem Ca* liarct, Geschenke flicsscn allseits zu. die Vcranstal* . tung selbst ist überfüllt: ein voller Erfolg! I Vom Reinerlös erhalten zwei Drittel die Jü* d i s c 11 e Kinderstube, die auch von Zio• nistinncu gegründet und geleitet — N.R, vortrcfilich geleitet — wird und ein Drittel der B c z n I c I, Gestein hat man dom Bozalcl auf »»ס ln c n Anteil 2500 M k. 0 b c r s c n d c n könne n. Es wäre ungerecht, diesen wundervollen Erfolg als zionistische Leistung zu werten. Wir sind ein Häuflein nur. An der Spitze wirkte mit vieler Hingeltung und guten! Geschick, eine Dante, die unseren Bestrebungen fern stellt. Die im Zentrum aber stauden, sich sorgten und mühten, auspornten und kämpften, das waren doch die Unsrigcn. Und sic völlig frei von jeder sportlichen Beigabe, die sich doch so leicht zu solcher Veranstaltung findet; cifcrvoll nur dem Zwecke dienend: der Kinderstubc, die Ihnen ans Herz gewachsen, weil in ihr die armen Kinder der russischen und gaiizischcu Kolonie gewartet und betreut werden und — weit über dem Interesse an dieser Institution hinaus — dem Bc za! cl. Eine wenigstens von all denen, die so treu zur f*<־hc standen, muss man mit Nantcn nennen: Frau Br. Moses. Sie hat die ganze Veranstaltung angeregt, sie mit Hintansetzung aller Rücksichten auf J U £ DIS C 11 £ RUNDSCHAU. sich seihst durchführen helfen, im Hintcrgrtmdo wirkend, wo sie's konnte, kämpfend, wo sie musste, mit eifervollem Bemühen besonders dem Bczalcl dienend, und schliesslich auch all den Uiiaunelunlieh• kclteu tapfer trotzend, die ja nicht ausblcibcu. Denn cs ging nicht gerade ganz glatt alles ab, wahrhaftig nicht. Die»Eingeweihten wissen ein ürtlein davon zu reden, besonders über die Episoden, bis map begreifen wollte, dass über der örtlichen Notwendigkeit eine andere, eine uns noch wichtigere steht, über der lokalen Angelegenheit eine Volkssuche, Pie Hauptsache ist aber schliesslich doch, dass cs zu gutem Ende kam. Jetzt sollen andere Städte nachfolgen. Eifervolle Hingabe einiger Wenigen nur Ist notwendig. Man erführt nicht immer Erhebendes beim Zusammenarbeiten mit den anderen, denen all unsere Sehnsucht und unsere Begeisterung Immer fremd bleiben wird. Pas aber muss überwunden werden. Wir brauchen sic so wie sic uns heute wohl »Immer entbehren k< nuten. Erlebt unser Heber Professor Schatz drüben in Jerusalem etwa nur Freudiges, seit er siel! ganz und gar in die Bresche stellte! Lasst uns darum ihm auch die Möglichkeiten des Arbeitens geben! Lasst uns für 11 c n Bczalcl wirken! Ben Amk ״Wolf und Lamm“ Am Grab So 11 ncn t!1 a! s hielt auch der christlich-soziale Vizcbürgcrmelstcr von Wien, Hier- Iiammer einen Nachruf, Nach ihm sprach für das Kuratorium des Jüdischen Museums Baurat Stiassnv. Nach dem Bericht der ״Zeit" sagte er in seiner Rede 11. a.: ״Möge dein Tod —׳ und (zu Vizcbürgcrnicistcr Hicrliammcr gewendet) cs sind ja die An- Zeichen dafür vorhanden — die Morgenröte ei זו er Versöhnung zwischen den sämtlichen Bürgern unserer Stadt bcdcuteil. Sei gesegnet. Somicnthall" Vizcbürgcrmcistcr Hicrliammcr drückte nach dieser Rede dem Baurate Stiassnv warm die Hand. Sic standen in Menge um Soiincntlials Grab, lind weinten Tränen des Schmerzes hinab. Sie sprachen und schwätzten drei lange Stunden An der Leiche des Grossen die kleinen Gesunden, Pie gerne sich hören im rosigen Licht, Per Tote lag still und muckte sich nicht. Es saugen dem Künstler sein Lob die Minien Um! Hicrhanmier mussten den Mitbürger rühmen. Und als die Vorstellung fast schon zu Ende, Pa hob Herr Stiassny geschwind noch die Hiindc Und rief, hochrot im Angesicht Und vcrg.iss die tragische Geste nicht — Und riei: ״Pie Morgenröte ist nah, ״Lueger, Hicrliammcr! Ilallelujali! ״Pu sprachst grosser Nathan, von den drei Ringen. .,Schau auf! Nun muss doch alles gelingen! ״Im Osten will sich der Himmel röten, ״Hicrliammcr kam ja, Mcehde beten!“ Und Kolm und Mittler und Guttmaim und Stern, Die lauschten wie Kinder mul hörtens so gern Und sangen verklärten Gesichtes den Reim: ״Awodim hojiint beercz Mizrniim." Und drückten voll Ehrfurcht sich scheu an die Wand, Als Hicrliammcr gal» dem Stiassny die Hand. Und alle standen erschauernd im Kreise, Und sprachen laut und redeten weise, ״Mit der Salvatormedaillc ging es zwar schief, ״Aber Lueger schrieb einen Bdlcidsbricf — ״Pie Ringe her! Ilirc Hand. Herr Hicrliammcr! ״Wer jetzt noch zweifelt, der bleibt ein Cliamiucrl" Und aus den Wolken, vergnügt wie 'ne Hummel, Sah Heinrich Heine herab auf den Rummel Und sagte: ״Adolf, sei Ihnen nicht böse! .,Sic lieben noch immer das Gäiiscgckrösc, ״Poch naht sich ein Christ mit feisten Sclmnkcn, ״Patin kommen sic gerne herbclgchtmkcn. ״Sic wedeln zn Wasser mul wedeln zu Lande ״Und bleiben Immer die gleiche Bande.“ Poch Adolf zog finster die Stirn kraus: ״Vorhang! Das Spiel ist ansl ״Sic konnten mir fluche» — ich war ein Judl ״Hnb’s lauge getragen mit frohem Mut. ״Hört' oft sic klatschen zu meinem Wort — ״Und draussen wiesen mein Volk sic fort! ״Und hör' ich von Liehe, von Frieden, Erbarmen, ״Dann denk ich an Shylock den Reichen und Armen, ״Dem stahlen zuerst sic die Truhen aus, ״Und führten ihm dann sein Kind aus dem Haus, ״Sie raubten ihm sein Recht, sein Gut, ״Und höhnten ihn noch: ״Du schmutziger Judl" ״Ich meine, trotz Musik und Flöten und Qoigcn ״Darf Shylock sich niemals vor Portia neigen I" Und riss die Rolle in Petzen zum Rand Und Heine drückte ihm kräftig die Hand. Julius L ö w y. No. 16. I :: AUS ALLER WELT ::!! Deutschland -- i Dein am 16. und 17. Mai in Berlin zusammen- > tretenden XI. Dcutsch-Israclitisclieu GemcüuJctavc 1 liegt der Entwurf dies Gesetzes betreffend dk \־er.! fassung der jüdischen Rellglonsgescllscliali 1 Prcussen zur Begutachtung vor. Per Entwurf ist von 1 einer gemischten Kommission des Dcutsch-|s. r a c I i t i s c h c 11 G e 1» c i n d e b u n d <js unj Verbandes der deutschen Juden in zwei Lesungen fcstgcstcllt und soll später nach endgnl. tiger Feststellung des Textes der prcussischen Rc. j gierung als Vorlage für ein entsprechendes Gesetz 1 überreicht werden. Per erste' Abschnitt erörtert die I Bildung, Auflösung, Mitgliedschaft, Verfassung!,sw. der Synagoge n gern ein de 11, die ihrer Ab•' ן grenzimg nach in der Regel den politischen Verwal. timgsbezirkcn aiiztischlicssc» sind. Per zwei׳•; Ah. schnitt behandelt die Bildung von B c z i ׳ k s v e r - bänden zur gemeinschaftlichen Erfüllung ci1u1.׳ner Zwecke, insbesondere zur gcmciiischaitiiche:: An- Stellung von Rabbinern, Vorbetern und Re! lehrern, wo die Kräfte der einzelnen Gemeind;■; zur Erfüllung ihrer Aufgaben nicht ausreicheu I»vr I dritte Abschnitt befasst sich mit der Bildnis. w,;1 P r o v i n z i a I v c r b ä n d e n, die eine Art 8 ’;utz. recht über die unteren Verbände aiiszuiibci!!. hen, besonders bezüglich der Bildungs- und Wr,];l:;.‘:rtscinriclitimgcn. Die Syiuigogeiigemeindc Berlin soll einer P r, 0 v i 11 z i a I » e in e i 11 d c nicht n!! - gehören. Pie Provinzinlgemeiiulea und d!״׳• <y. »agngciigemciiule Berlin bilden zusammen die iu..; ^c!1 כ Landcsgcmcindc. welche die LanJ-.sgc• samtintercssc» der Juden Prcussciis zu vtru.ica hat; ihre Behörden sind der Vorstand 4er Landcsgcmcindc und der Landcsgcm ein de tag. Letzterer besteht aus Ahgcorduti-n der Provinzialgcmcinden und der Synagogciigcu.uii• den von mehr als 10 OM Seelen. Der Laiuk^gemeindetag soll alle zwei Jahre, in der Rege;!n Berlin ziisamineiitrctcn. Per Vorstand der La:. k,. gemeinde wird vom Landcsgcmcindctag aus seiner Mitte gewählt. Per sechste Abschnitt betrifft die S c 1 b s t v c r w a 1111 n g und die S t a a t s .1 u i. siebt. Die einzelnen Verbände der;mgciuiikii Art sind Körperschaften des öffentlichen Rechts, sic verwalten ihre Angelegenheiten selbständig innen,alb der Grenzen der Gesetze und unterstellen der Aufsicht des Staates; über d:esc Staatsaufsicht werden dann im einzelnen nähere Bestimmungen festgekgt. Es folgl zum Schluss noch eine Reihe Sehliissbcstimmimgon und Uebergaiigsbestiminimgcn, * 0 Von einem jüdischen Zentr11msm:mn weise öic ״Köln. Vnlks/.citimg" aus Lippstadt zu bcrici.k::: ״Dass mau ein guter Israelit und dabei ein treuer Zentrums m a 11» sein kann, hat der liier iin Alter von nur 50 Jahren verstorbene Miihleiibcsit/cr Herr Emil Schüler bewiesen. Stets hat er sieh offen mul entschieden als Anhänger der Zentrums- Partei bekannt und ist für diese unentwegt 1i״״ctreten, keine Arbeit im Interesse der Partei war i.;n zu klein, keine zu schwer. Bei seiner Beerdigung war daher die hiesige Zcrtrumslcitimg auch oiii/iell vertreten und hatte als Zeichen der Dankbarkeit ein herrliches Pahueiiarraugcmcnt auf den Sarg des trefflichen Mannes nicdergclcgt." Wir hallen die politische Stellungnahme dieses Lippstädter Juden durchaus für diskutabel. Erst kürzlich haben die Verhandlungen des!?eichst.tges gezeigt, dass zum mindesten die religiöse״ Intercsscn der Deutsche» Juden im Zentrum bessere Vertreter finden, denn etwa bei der Sozialdemokratie, der die .Inden noch immer in ziemlich grosser Z.i!11 Zuströmen. Schliesslich hüben sieb die LibCi.ile.i mit ihrer ״historischen Schuld“ an die Juden d״ch auch nicht allzu glänzend bewährt. Wir wiirdui es hegriissen, wenn die deutschen Juden sich allmählich von der althergebrachten Vorstellung freimnehen könnten, dass ihre Interessen lediglich bei den ganz links stehenden Parteien eine angemessene Vortrctung finden können. * Die ״Dculsc 11 e Tageszeit 1t 11 g" lud: seit bemiissigt, die folgende, immerhin recht interessante ״Allerhöchste Kabinettsorder" vom 20. März IS9»"1 auszugraben. Es heisst da, dass zu aktiven Offizier״:» geeignet seien; ״Sölmc solcher ehrenwerter btirgerbchcr Häuser, in denen die Liebe zu König 1mJ Vaterland, ein warmes Herz für den Soldatcnst.mJ und christliche Gesittung gepflegt wird." Wennglcicli, dieser Befehl .in neuerer Zeit eine Revision erfahren liat, so gibt doch die Tatsache, dass auch hier die Anschauung vom christlichen Staat Ausdruck gefunden bat, zu denken,

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