Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 14-15 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 16*1. Bodenreform und Zionismus Am 29. März verunstaltete die Charlottenburger Zionistische OrtSKruppo einen üffentiiehen Vortrag über ״B 0 d e 11 r e f o r m und Z i 0 11 i s m u s." Die Referentiu. Frl. B. Kaliski. führte imgcfälir folgciules aus: Hie Türkei ist Verfassungsstaat geworden. Die politischen und praktischen Zionisten erstreiten nunmehr endgültig die Heiinstüuengrilntlung fiir das jüdische Volk in Palästina. Von «rosstcr Wichtigkeit dafür ist die Bodengcsetzgcbiiiig. Das ״freie Warenrecht'* am Grund mul Boden hat in den Kulturstaateii soziale Schilden gezeitigt, die zur U11denrd״n111to\vegung geführt haben. Aber ihre! Lehren sind nur eine Neubegritndung der 1110• saischen Agrargesetze des jüdischen Reiches. Die Unzulänglichkeit des ״freien Eigentums" an Grund und Boden in Deutschland zeigt sich einerseits in der unverdienten 11 o h e 11 Grundrente, andererseits in der Verteuerung der Volkscrnähnmg und exorbitauten Wohmingsmicteu, Dazu kommt die kritische Lage des Agrar- und Bauernstandes. — Die Wert* Steigerungen von Grund und Boden sind auch in Dalästina bereits eine allgemeine Erscheinung. Darum ist die zeitige I.a 11 d c r w cr b u 11 g in Paliistina und die Drage des jüdisch-nationalen Bodenbesitzes als zukünftiges Eigentum der Gesamtbeit von eminenter Bedeutung. Die Reehtsforni fiir die Besitziiabmc des Bodens durch die Volksge* nossen wäre die Erbpacht. Sic wird von den niassgebendsten Natioiialökonomcn als die Reehtsforni der Ziikunft liezciebuet; sie ist ihrem Sinne nach die Idee der jüdischen Agrargesetze. des Sabbatlium! Hailjalircs. ׳i'rolzdcm die mosaischen Sozialgcsetze uns fremd geworden sind, ist ihr Geist in uns Juden lebendig geblieben und so bestehen wir nach zweitausendjähriger Verbannung, als ein Jüdisches Volk von Briidcni. Aber ein Volk ohne Land, das aufs neue seine Kundschafter nach Palästina sendet. — Die jüdische Staatsverfassung hat sich iiherleht, aber wie dio ethischen Gesetze, wie der jüdische Sabhathgedanke haben sieb die Prinzipien der mosaischen Agrargesetze als ewige Wahrheit erwiesen. Als wissenschaftlichen Verfechter dieses Gedankeiis müssen wir Herrn Dr. Oppenheimer bezeichnen, der auf dem VI. ZionistcioKongress die Forderung aufgcsteilt hat. dass der Boden im heiligen Land im Eigentum der Gesamtheit stellen muss, mul dass ein jüdisches Volkstum nur auf dem l'uudament einer jüdischen Bauernschaft erstellen kann. Herr Dr. Oppenheimer will dieses Ziel durch Gründüng von landwirtschaftlichen Prnduktivgeuossen• schäften erreichen, die er Siedlimgsgeiiossenscliaiten siver BodenwJrtschaft, der Kleinbetrieb, denn Grossbetriebe. Es hat sieh aller gezeigt, dass bei intensiver Bouenwiitschaft, der Kciuhctricb, dem Grossbetrieb überlegen ist, was mich dem iiidividualistischeu Voikscharakter der Juden am meisten ent* spricht. Darum empfiehlt sieh die Etablierung von j il d i s c 11 e 11 K1 e i 1111 n 11 e r n und deren Organisation zu Einkaufs-, Verkauis- und Verwertungs-Genossenschäften. An den;uisgNzcielineleii, mit grossem Beifall aiu'geiioiiimencn Vortrag schloss sich eine sehr leb- J U EDISCHE RUNDSCHAU No. H. Hafte Diskussion, an der sieh u. a. auch Herr Damaschke, der Eilhrer der deutschen Bodenreformer beteiligte. Nach seiner Ansicht konnte der Zionismus nicht nur dem jüdischen Volke, sondern auch der ganzen Menschheit wertvolle Dienste leisten, wenn die Bewegung in ihren Institutionen die bodcnrcfornicrischcii Prinzipien durchzufiihrc» suche. Von andern Rednern wurde die OppcnhehuerseUc Sicdliingsgcnossciisehaft in iiircn Konsetiiienzcn für den Zionismus behandelt. Dio Versammlung, die leider nur müssig besucht war, nahm einen sehr würdigen Verlauf und gehört zweifellos zu den interessantesten Veranstaltungen unserer Ortsgruppe. Uu#• יי* * , Nationalfonds-Hagadah Von Dr. Max .!tmgtnann. Mit Illustrationen von Hermann Struck. Etir viele Juden bedeutet der Setlernbend den Samiiielbegiifi für alle irdischen Genüsse; Klösse in der Suppe, Eier im Salzwasser, Putenbraten, Cbarosscs mul vier Becher Wein. Der Zionist aber 11cgniigt sieb damit nicht, sondern er gedenkt an diesem Abend lener grossen Zeit, da seine Almen aus der Kncclitscliaft in die Freiheit zogen. Dabei erinnert er sich der Wunderdinge, die um Israels willen geschaben. Es war ein widerspenstiges und tniirriselies Volk, das gerne den lieben Gott für sieb sorgen iiess. Er musste die Acgvptcr und Aiualek schlagen, er musste gebratene Wachteln und Mauna vom Himmel regnen lassen mul dafür sorgen, dass ein l eisen Wasser gab. Die Kinder Israels Hessen sieiis schmecken um! wurden sehr verwöhnt, und wenn einmal Moses nicht sofort ihren Willen tat, drohten sie mit der Rückkehr zu den Fleischtöpfen Aegyptens. In der Freiheitsbewegung, der wir modernen Juden tum schon länger als ein Jahrz.ehnt unsere Kräfte widmen, geht es uns ähnlich wie unseren Almen. Durch ein göttliches Wunder war imscrin Volke ein Führer erstanden, der wie Moses sterben musste, hevor er sein Werk vollendet hatte. Wars nicht auch ein Wunder, dass in einer so kurzen Zeitspanne ein durch Jahrhunderte geknechtetes und erniedrigtes Volk plotzlijt von hohen Idealen durehtränkt erschien und von der unwiderstehlichen Sehnsucht nach Freiheit 1111.1 Bodenständigkeit erfüllt wurde? Wars nicht schliesslich ein Wunder, dass gerade iene Männer, die dazu Berufen wären, als Hohepriester unseiiii Führer zur Seite zu stehen, ihn bekämpften? Nur in e'ner Beziehung unterscheidet sieh unsere heutige Freiheitsbewegung von der unserer Almen, nicht mit dem Schwerte wollen wir das gelohte Land wiedergewiiu.en, sondern in friedlicher Absicht und mit friedlichen Mitteln sind wir bestrebt, unserm ruhelosen Volke eine Heimstätte zu bereiten im Lande der Väter. Zu den Hilfsmitteln des Friedens gehört aber in unseren lagen wie vor alters nicht zuletzt das Geld, viel Geld. Woher sollen wir nun das viele Geld, das zur Erwerbung einer neuen Heimat nötig ist, hcrheiseluiffen? Die Frage ist wahrlich nicht leicht, •doch waren kluge Männer in Israel um dio Antwort nklit verlegen. Sie gründe teil den jüdischen א a t i 0 n a 1 f o n d s, der jedem Juden die Möglichkeit gibt, sein Sclierflcin fiir dieses grosso Werk bciz.utragcu. Obwohl nun schon so viel über den Nationalfoiids gesprochen und geschrieben worden ist, gibts wahrhaftig dennoch Juden auf der Erde, die noch immer nicht über die Bedeutung der so wichtigen lustitution unterrichtet sind. Diese armen Menschen kann man nach dem Vorgänge der Hagadah in vier Oruppe» einlcilen. Vier, ln der Gemütsart verschiedene Typen lassen sich auf führen: Der Weise, der Bö sc wicht, der Einfältige und der. 1«nigc, der nicht einmal zu Fragen vei- 8 t c 11 t. 1) e r W eise frag!; Was bedeutet der Nationalfoiids? Ihm antworte; lü-r In• dischc Natinualfoiids ist dazu bestinin.!. palästinischen Boden als Ocsamteigcntini des indischen Volkes z.u erwerben und;!:;i ewige Zeiten zu er. halten. Vom V, Zionisten - Koiigre.:; 1901 gegründet. Iw. sitzt er heute ein Vermögen von c\ l'.-i Million Mar. Der Weise wird si.i! darüber aussen״- deutlich freuen und dafür sorgen, ־das*, die zweite Milli־«.! bald überschritten werde. Derb ö s c w i c!11 fragt: Was soll eu.:! der Nationalfonds? ״Euch״, sagt er, nicht ״uns". Hm mach die Zähne stumpf und gib ihm zur Antwort: Wenn z du dich;1 lieh der jüdischen meiiisehaft scliiicsst. zählen von (k. ans. so dich diejeiiu gen. denen du dich aufdräiigcn uiöcii• test, leider doch zu den Juden. Nur tinaclien sic einen Unterschied zwi. sehen dir und uns• indem sie dich nicht nur hassen, sondern auch verneinen. Und wir beklagen deinen Verlust nicht, denn du gleichest einer faulen Frucht, ,durch deren Abfall unser edler Stamm reiner und schöner erscheint. in der .Indeugasse mul ■!mmer lebte sie in Friej den mit iliren Gefährtinnen. Niemals zankte j sie sieh und beleidigte niemanden. Sie bot nicht, < wie die anderen, »:hre Ware mit lauter Stimme! feil, sic beschwor nicht jeden Augenblick den j Preis, noch schmeichelte sie den Kunden, oder fluchte ahnen, wenn sie nicht kauften. Stets war sic ihrer lievkuuh Ungedcuk, der Würde ihres Mannes, dessen Ehre es gebot, sieh selber zu achten. Deswegen schonten sie auch die anj deren, da sie wussten, dass Lea einst eine wohl-; habende, geachtete Hausfrau war und ein anj dcrcs Leben geführt hatte . . . Und heute? Was! hatte sic nun? War sic nicht schon ganz wie die anderen geworden? ... Aber was ist Schuld daran? . . , ״Allmächtiger Gott! Warum strafst du mich so hart? Warum stürzest du mich so tief? Muss denn auch noch meine Scde so tief versinken, wie mein äusserer Stand gesunken ist? Um der Frömmigkeit meiner seligen Eltern, o Gott, erbarme dich über mich . . . denn der Tod äst Ja besser als ein solches Leben! . . Ihr Geist wellte in anderen Gegenden und entfernten Zeiten. Das verflossene Leben tauchte in ihrer Erinnerung auf. . . Welch' eine Kluft zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart.. , \v!ie tief ist sic gesunken! Wer hätte ahnen können, dass es mit ihr so weit kommen, dass sic eine MarktbCsitzcrin in der Judengasse werden würde ... Sie war die einzige Tochter reicher Eltern, die Guts- Pächter waren'. Sie hatten cs gut und waren glücklich. Der Vater war ein grosser Talmudist und sehr fromm; er stammte ans vornehmer Familie. Aber er war auch ein gewandter Cieschäftsmaun, der sein eigenes uixi fremdes Getreide auf weit entfernte Atürkte bis nach Leipzig brachte und einen sehr schwunghaften Handel trieb. Die Mutter schaltete im Hause und wartete des Kindes. Lea war der Augen- Stern ihrer Ellern. Sie war ein liebliches Kind und wurde mit der zärtlichsten Sorgfalt gehegt und gepflegt. Welch' glückliche Jahre waren das! Sic kannte keine Sorge, keinen Kummer; ihr Leben war eine Kette von kindlichen Freuden und wonnigen Hoffnungen ... Es war der heisse Wunsch der Eltern, ■ihrem einzigen Töchtcrchc» einen berühmten Tahnudistcn zum Mann zu geben, der später in einer grossen Gemeinde Rabbiner werden könnte; der Wunsch der Eltern war auch Leas Traum und sic sah sich!in seligen Stunden im Geiste schon als Frau Rabbincrin, als Gattin des geistigen Ober- Hauptes einer grossen Gemeinde dn Israel, . . . Und der Traum ging mich in Erfüllung. SaL mon war bereits zum Rabbiner durch bedeu* tende talmudische. Autoritäten approbiert, als er ihr nräutigam wurde, und man prophezeite ihm eine grosse Zukunft. Auch sein Vater war Rahbiner. Das junge Paar liebte sich innig und treu. Lea achtete in «ihrem Manne nicht nur sein immenses Wissen und seine grosse Frötumigkeit, wie den Adel seiner Abstammung, so1׳- dern liebte vornehmlich seine Hcrzensgiite und sein mildes, sanftmütiges Wesen. Sie habe״ auch später Leid und Freud getreulich geteilt, stets in Frieden und Eintracht gelebt und einander das Dasein nach Kräften zu versiissen ge* trachtet. Salmon wohnte bei ihren Eltern. Es waren dies die glücklichsten Jahre ihres Lebens, sie verflossen in ruhiger Wonne und ungestörteilt Gluck, Salmon lag flcissig dem Talmud- Studium ob, und der iungen Ehefrau machte es grosse Freude, sich ihm gegenüber zu setzen und seiner sanften Stimme zu lauschen, wenn er lernte. Das Herz wurde ihr weich dabei. Salmon sagte, sic liabc Anteil an seiner Geistesarbeit, und der himmlische Lohn werde ihr auch zuteil werden, da sie ihn dabei fördere und nicht wie andere Frauen vom Studium ablcnkc. Leas Herz erfüllten diese Worte mit freudigem Stolze und sic .verdoppelte ihren Eifer, •ihm zu dienen und ihm den leisesten Wunsch von den Augen