Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 14-15 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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סא. H/lö. JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 163. K(v״sc.jue״/cn kcz״»״ lialten. Diese Stärkeren mag ״,an K'wunUcrn oder verachten, niemals aber werden $je Jen SchuldtKcn entlasten können. W er so vielerlei Verfolgungen ausgesetzt ist, wie wir Juden, der lernt es allmählich, die Absicht seines Beleidigers richtig abzuwagen. Wir wissen, dass 11115 Jas ״Hcp־hcp" bisweilen als beinahe kindliche $ciu1u1hung Ungebildeter nachklingt, wir merken aber auch sehr wohl, wann uns ein erbarmungsloser Feind ins Innerste treffen will. Das wollte der Rittmeister in M״!h.msen. lis war Ja auch sogefah" los. denn dem Widersetzlichen drohte langjährige Festungshaft.י Dieser Antisemitismus lasst die verhet/endo Absicht deutlich erkennen. Seine Stellung ermöglicht ja dem Vorgesetzten in hohem Grade eine suggestive!:inwirknng auf den grossen Teils lünd-• liehen l'isatz jener Grenzgarnisonen. und man wird sich unschwer vorstcllcn können, welches Echo die Worte ..reiches J udcniflngcI cItcn" bei den t’iucrgebciien gefunden haben! Wer wird da dem i:11:c•..׳. bisher vom Glück begnadeten ,Menschen, der mit Jen schönsten Hoffnungen, vielleicht mit ein \u;..c kindlichem Stolz auf sein ״nobles״ Regiment j e l־.cnst/cit angetreten hatte, seine Verzwciflungs* •..׳argen? l's ist wahrlich ein schriller Misston, der'״die Kr:.' :•-enden Worte der jüngsten Reichstagsdebatten ';an: ertönen sollte! '.’er Fall zeigt aber auch wieder einmal, wie fab-:, es Ist. In den öffentlichen Erörterungen die jüdischen Reserveolllzlere, die cs nicht gibt, zum Angelpunkt der gesamten Judcnlragc, ja auch nur der t rage nach den Zurücksetzungen der Juden Im Heere zu machen. I - v. jüngste Katastrophe mag zu den Seltenheiten .1. die Vorgänge, welche ihr vorangiitgen, sind ■ei:, und Jener .Müihauscncr Rittmeister ist K.n/elcrschcinung, sondern ein Typ, der aus System erwachsen ist. welches dem deutschen wahrhaftig nicht zur Ehre gereicht. Fritz Abraham. *g;.f ג.!:.. kl״'• c.iu: Hur Adolf Bartels :■. Stoeserzeitmig ..Das Reich" klagt In bewegun W ten über die Totseliwcigc-Taktik. die dem > י■ . .eilten Literaturhistoriker Adolf Bartels ... .••er geübt werde. Obwohl nun Herr Bartels c.:; :g Reklame für sich!rächt, wollen wir ihm doch ccm grösserer Publizität verhelfen und drucken uni Juir.ihtvristisehc Stelle ans den abschliessenden Bemerkungen zur ..Gcslchiclito der deutschen Literatur1. ״t. mit der Professor Bartels das deutsche Volk beschenkt hat. Um die Wirkung nicht etwa abzus;!rA.<.hen. enthalten wir uns auch jeden Kommen* tan. und heben nur besonders schöne Stellen hervor. Her׳ Härtels schreibt also: ..Auch frühere Zeiten haben Ungerechtigkeiten d uns Grosse ist verkannt, dass Gemeine er* hoben worden, aber es war dinn der natürliche Ltiii dir Dinsc, die Ausgleichung erfolgte unbedingt, w.d ruid sie heute geraJezu unmöglich erscheint. C׳J׳.r wie will man es ic wieder gut machen, dass 11• Geschäftsleute wie Lindau und BI u m c nt h a l die ganze Entwicklung des ernsteren deutschen Dramas unterbrochen und wirkliche Dichter wie ni11״C * Ferdinand von Saar, beinahe selbst A nzciirnbcr. tot gemacht haben, dass eine jüdische Mitteimüssigkeit wie Ludwig r u I d a allein die Erfolge cinhcimstc. die zwanzig mindestens ebeno begabte Deutsche mit ihm hatten teilen sollen, dass die Bühne für Gerhart Hauptmann) eine Zcitlang geradezu monopolisiert und dadurch nicht bloss die Entwicklung des naturalistlsehen Dramas Im ganzen unterbunden, auch Haupt- יי!ןןהיזי eigene Entwicklung geschädigt wurde, dass endlich Gustav Frenssen«) fast allein die Ernte der gesamten Helmatkunst cinfaltrcn konnte? Man hat von Amerikanistnus gesprochen, der auch bei uns erstehe und die künstlichen Stars schaffe, und ich leugne nicht, dass die Uniformierung und Mcchani- Sterling unseres ücsamtlebcns auch manche litcrarische Erscheinungen erklärt. Dennoch würde der deutsche Individualismus sich jederzeit stärker geltend machen, wenn nicht dlo unheilvolle Verlndnng der Presse und unseres geistig״ seelischen Lebens Überhaupt elncotrctcn wäre, dlo cs uns schon bclnalio unntögllcli macht, starken Lebcnsaiisscrungcn unseres Volkes, dlo der fremden Rasse aus Irgend einem Grunde nicht genehm sind. In der Öffentlichkeit Ausdruck zu verleihen. Talenten die es verdienen, aber die die herrschenden Moden nicht mitmachen. zum Durchbruch zu verhelfen und den bekannt gewordenen die natürliche und unbeirrte Weiterentwicklung zu sichern. Hat man bcfeit» mul zwar mit Recht, vom deutschen Theater jüdischer Nation ,gesprochen, so erscheint eine jüdisch zensierte, mit dem jüdischen Imprimatur versehene,;a, vollkommen von Ilidlsehent Geist vcrscuchto deutsche Literatur, und zwar sowohl Dichtung wio Wissenschaft, trotz der früher anccmcrktcn giinsti* gerat Anzeichen In ganz naher Aussicht. Dagegen nnztikämpfen ist die wichtigste Aufgabe der Oegen* wart, wichtiger als alle politischen Aufgaben, denn was nützte es uns. selbst die Herrschaft der Welt zu erringen, wenn wir In Deutschland selber, als Nation, seelisch und geistig zugrunde gingen! Die Hauptsache ist auf allen Gebieten dca Lehens die Erhaltung der Kraft. ..Wie sollen wir uns das aber vorstcllcn. Kraft ohne Nationalität?", schreibt Ferdiiiaud Avenarlus, ״Wäre das nicht beinahe ein Widerspruch in *־ich sehst. so etwas wie: Kunst <»11110 Kraftiinelle? Das Nationale ist das Vererbte, das. was schon im Zwanzigjährigen Jahrtausende alt Ist — wenn das nicht das Festeste in uns ist. was. bei allen Naturwissenschaften, ist es dam?" Die Gefahr licet aiicr zurzeit nicht darin, dass wir mit unserer Kultur irgendwo mul -wie stecken bleiben, sondern darin, dass unsere Kraft von einer fremden Rasse zersetzt oder mindestens verfälscht wird, dass unsere Wesonselgcnart durch clugcflösstes Gift zerstört oder doch unheilvoll verändert, dass unsere Welse zu;,rbeiten und zu verarbeiten durch eine unserem Wesen nicht •entsprechende ersetzt wird, an der wir nach und nach zugrunde gehen. ..Ihr könnt nicht G o 11 . d i c 11 c n und dem M a m in o n". rief Christus — wir Deutschen dienen leider in unseren Tagen ׳dem Mammon, dem fremden Oott. unser flott ist uns verloren gegangen oder droht verloren zu gehen. Nur ein unermüdlicher, heisser, selbstloser Kampf um unsere höchsten Qütcr mit dem Ziel reinlicher Scheidung zwischen Deutsch und Un• deutsch kamt uns noch retten — das Ist die Ueberzeugung aller Besten des Volkes, kaum einer, der sich dem ungeheuren Ernst der Zeit noch vcrschlicsst. Mögen uns die guten Geister unseres Volkes unterstützen, möge die Fortwirkung all der Dichter, dlo wahrhaft deutsch sind, immer gewaltiger zunchmen. mögen auch die jüngeren Dichter alle begreifen, dass sic vor allem ihrem Volke gehören, dass in Zeiten, wie der unscrigcn, alles rein persönliche Bestreben, internationale Weitläufigkeit und nationale und slttliehe Laxkeit geradezu Frevel sind." Die genannte ..Ocschichtc der deutschen Litcra* tur". der diese Zeilen entnommen sind, erscheint soeben in 6. Auflage! Neudeutsche Ehrlichkeit Deutscher Mut und deutsche Treue, deutsche Ehrlichkeit und ähnliche hohe Tugenden besitzen hekanntlich nur unsere arisch-teutonischen Antisemiten. Besonders ein Berliner Blatt, die ״Deutscho Tageszeit un g", hat diese germanischen Tugenden in Erbpacht genommen, ln einem Artikel «Juden als Offiziere", dessen sachlicher Inhalt hier gar nicht interessiert, heisst cs: ״Aber auch abgesehen davon, wir wünschen nicht und halten cs nicht für crspriesslich. dass ein Judo Vorgesetzter der deutsch-christlichen Soldaten sei. Mau mag unsere Auffassung und Stellung als reaktionär verdammen, das muss uns völlig gleichgültig sein. Sollte man aber in ihr ein Zeichen des Hasses gegen das Judentum sehen, so würden wir uns dagegen aufs entschiedenste verwahren müssen. Wir fühlen uns völlig frei vom Judcnhassc und vcrurtclcn alle Gehässigkeiten gegen unsere Jüdischen Mitbürger durchaus und mit voller Schärfe. Trotzdem bleiben wir dabei, dass ein wirkliches Aufgehei des jiidlsehen Volkes im deutschen unmöglich sei. und dass deswegen ein friedliches, aber schiedliebes N c b c 11 c i n a n d c r wo 11 n c n erstrebt werden müsse. Aus diesem GrimJc haben wir immer das Verlangen gewisser jüdischer Kreise unterstützt, dass man dort, wo cs einigermassen angezeigt erscheine, besondere indische Schulen, nötigenfalls mit staatlicher Unterstützung, gründe. Von diesem Standpunkte aus können wir die Anstellung jüdischer Offiziere rieht für crspriesslich erachten. Wir sagen!Jas mit aller Ruhe und ohne lede Leidenschaft- Ilchkclt, Die ganze Frage würde übrigens gegenstandslos sein, wenn man sich cntsclilicsscn wollte, dem Gedanken näher zu treten, oh cs nicht zweckmässig sei. die israelitischen Mitbürger iiberhaunt vom Heeresdienste zu befreien," Wir wollen natürlich gar nicht auf die versteckten Gehässigkeit des Artikels selbst eingehen, — aber wir wollen dem ehrlichen deutschen Agraricrblatt zum vielleicht zehnten oder auch zwanzigsten Male den unverschämte 11 u n ü feigen Schwindel Vorhalten, den cs immer wieder mit der Betonung seiner angeblichen Gegnerschaft gegen ״alle Gehässigkeiten gegen unsere jiidisehen Mitbürger" treibt. Wir wären allwöchentlich in der Lage, ein Dutzend solcher Gehässigkeiten aus der ״Deutschen Tageszeitung•‘ zu präsentieren, warn das nicht für unsere Leser und uns selbst zu ermüdend wäre. Hie und da tun wir cs — und die ״Deutsche Tageszeitung" schweigt und lässt den Vorwurf der Unchrlichkclt. der feigen Heuchelei jedes Mal tapfer auf sich sitzen. Sie wird’s auch diesmal tun! Po eine gcrmanische Tugend — die ist gar fest gegründet!! ״) Nach Bartels offenbar auch schäftslciitcl" — Red. d. ״J. R." .jüdische Oe- ..Preissig Kopeken!" antwortete Lea voll Hoiimniß, einen guten Fang zu tun, denn d־c Fr.m sah aus, als ob sic mehrere Pfund kaufen k\׳:mtc. ״Dreissig Kopeken?" versetzte jene skept:sJ1. ,.zwanzig gebe ich." ״Ich habe ja selber fünfundzwanzig Kopeken das Pfund bezahlt; kann ich denn verlieren." e־.wklcnc Lea bitter. ..Das ist unmöglich, die Fische sind ja nicht frisch." Vie können Sic das sagen, Madame! ztc Lea vorwurfsvoll. ״Die Fische sind jefangen, sie sind nur erstarrt, sonst wür« 2 zappeln." lein, mehr als zwanzig bekommt Ihr nicht, gehe ich zu einer anderen." :a ward wütend. Sie, die reichen Damen in Ueberfiuss und Wohlstand, und begrei- :ht. was in der Seele einer armen Frau 1t. Sie sind herzlos und haben *c'n “[־ n mit Kranken und Hungrigen . . - wie ersättlich sind und an der Not der armen sich bereichern wollen. Würde siever- . wenn sie ihr die elenden dretss g en bezahlt hätte? Hat sie etwa mehr als Venn**?/ mir das Pfund um zwanzig I Kopeken nicht geben wollt, so gehe ich zu einer! anderen." wiederholte d'c Frau. ...Min bitter Masel'•1) über Huch!" gab Lea ׳ zornsprilhcnd zurück. Die Frau ward verwirrt I mul blickte s!c erstaunt an; ohne ein Wort zu i sagen, ging sie davon. j i Augenblicklich empfand Lea tiefe Reue ■ und Beschämung über ihren Schritt. ,.Warum t habe ich ihr geflucht? Kamt ich sic zwingen, mir den Preis zu zahlen, den ich wünsche? Gott, welche Sünde habe ich begangen, einen Menschen zu beschämen. Was ist mit mir? Ich vergesse ja. wessen Tochter und wessen Frau ich bin, und dass ich nicht den anderen Fischweibern ähnlich se:n darf . . . Wird nicht. Gott behüte, mein Mann für mein VergehSen blissen?" Hätte ihr die Frau die Beleidigung zurückgegeben. Lea wäre beruhigt gewesen . . . Aber jene gehörte offenbar zu denen, welche auf Be« schimpfungen nicht antworten. Und dies bcdrückte Lea um so mehr. S'jc wollte Ihr nach und sic um Verzeihung bitten, aber wie sic sich umwandtc. ward sic anderen Sinnes. Zippe, die Kinderlose, hatte die Käuferin herbeigerufen und bot ihre Fische, das Pfund zu zwanzig **) Schicksal• Kopeken; schon begann sic die Ware zu wiegen. Bei diesem Anblick stieg Leas Erbitterung aufs höchste. Wie. diese Zippe, die keine Kinder zu ernähren hat. hat heute schon bemalte zwei Rubel verdient und alles ist für sie zu wenig; jetzt russt sic ihr den Bissen aus dem Munde, ihrem kranken Manne und ihren hungrigen Kindern! ״Du!" stürzte sich Lea wütend auf ihre Rivalin, ״du wirst mir den Bissen aus de* Munde nehmen?! Du . . ." und sie begann ihre Gegnerin mit Faustschlägen zu bearbeiten. Augenblicklich wurden die Beiden von den übrigen Weibern umringt und auseinander gerissen. ״Lea!" sagte zu r’hr eine vertraute Freundin, ״was ist dir heute? Du bist ia wie ausgcwechsclt. Ich erkenne dich nicht mehr! Du machst dich ja zum Spott der Leute!" ״Ich bin sehr unglücklich," flüsterte Lea und ein Tränenstrom brach aus ihren Augen. Zippe nahm die Misshandlung still hin, denn sie wusste, wie Leas Gemüt heute verbittert war. Vielleicht hatte sie auch recht? Leas Leid ging ihr sehr zu Herzen. Lea aber war keines Wortes mächtig, sondern wandte sich zur Seite und weinte bitterlieh. Ja. sie ist in der Tat eine andere geworden. Seit zw'ci Jahren ist sie Fischeverkäuferin