Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 14-15 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 162. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. M/15. Rabbiner Dr. Jacob und die ft.l.ü.*) ״Oie ich rief, die (leister, wertT icli nun nicht los.“ Iterr M, A. Klausner wirit mir vor, ich hätte walirlieitswidrin hcriclitei, Herr Klausner hält cs nicht für angebracht, zu sagen, was denn mm eigentlich wahr sei au der ganzen Geschichte. Kr legt auch aui die Veröffentlichung seiner nur die Negation enthaltenden Berichtigung keinen Wert und hat vielleicht 511 seinem Erstaunen in N’o. 13 der ״Jüdischen Rundschau“ walirgcnonuuen. welchen Wert die Redaktion durch den Abdruck seiner Berichtigung auf loyales Verhalten legt. Ich glaube Herrn M. A. Klausner einen Gefallen zu erweisen, wenn i c 11 statt seiner die Tatsachen in chronologischer Folge knapii auffiihrc: Am IS. Oktober v. J. richtete Herr M. A. : Klaus 11er, Geschäftsführer der Deutschen Konfcrcnz-Gemeiusehaft der Alliance Israelite Universelle, an Herrn Dr. Jacob in Dortmund die Bitte, die in der Monatsschrift für die (losch.!1. Wiss. des Judentums erschienene Besiirechmig des •Coblenz'sehen Buches ״Die jüdische Religion“ in ״Ost und West" .׳:!)drucken zu dürfen, Herr Jacob verwies ihn an die Redaktion der Monatsschrift, die darüber zu hestimmen habe. Nachdem Herr Klausner von dieser Seite die Erlaubnis erhalten hatte, richtete Dr. Jacob an ihm die ausdrückliche Bitte, er möge in einer Kussuotc zu verstehen geben, dass der Abdruck nicht von ihm — Dr. Jacob — herbeigeiiihrt sei. da er nicht den Eindruck gehässiger Verfolgungssucht gegen Dr. Coblenz erwecken möchte. Herr Klausner antwortete darauf am 25. Oktober, das sei nicht mein־ angängig, im übrigen könne niemand Dr. Jacob, im Verdacht gehässiger Verfolgung haben. Einige Tage darauf erhielt Dr. Jacob Kenntnis von der Verteidigimgsbrosehüre des Rabbiners Dr. C o b 1 e 11 z. Am 3. November suchte Dr. Jacob• der sich damals gerade zu einer Sehnlkommissioiissitzting des liberalen Rabbinerverbandes in Berlin befand, Herrn Klausner I im Bureau der D. C. 0. auf. Es wurde dort verab- 1 redet, Dr. Jacob solle iiir ״Ost und West" eine Erwiderung auf die unsachliche Vcrtcidiguugshroschlire des Dr. Coblenz schreiben und das Manuskript bis zum 17. November etwa «insenden. Bereits am 13. November befand es sich in den Händen des Herrn Klausner. Am 15. November erhielt Dr. Jacob das Manuskript zu seinem Erstaunen von Herrn Klausner zurück mit dem Bemerken: es tue ihm leid, dass er Herrn Dr. Jacob vergebliche Milbe gemacht habe: die Sache habe doch kein Interesse für ״Ost und West". Noch erstaunlicher war der Schluss des Briefes: ״Um der Gerechtigkeit willen wird Herr Dr. Coblenz in ״Ost und West" zu Worte kommen müssen. Damit ist die Angelegenheit endgültig für uns erledigt." Was mochte hier vorgegangeu sein? Herr Klausner druckt aus eigenem Antrieb die Jncob'schc *) Vgl, ״Die Juden in Westfalen." No. 6. 7. 8. 12 und 13 der ..J.R." — Die vorstehende objektive Darstellung der Tatsachen durch Herrn Dr. W c i n b c r g. die aus den Schreiben des Herrn M. A. KJaiisner leider nicht zu entnehmen waren, ist nunmehr unser letztes Wort in dieser Sache. — Red. d. ״J. R." Besprechung ab, verspricht nach dein Erscheinen der Coblenz'sehen Vcrtcidiguugshroschlire die Aufnähme einer Entgegnung und zieht, nachdem er diese Entgegnung erhalten hat, nicht nur sein Versprechen zurück, sondern er erteilt obendrein noch Herrn Coblenz das Wort und erklärt damit die Angelegenheit für ״Ost und West" als erledigt; er wirft also denselben Dr. Jacob, den er seihst überhaupt erst in ״Ost und West" hereiugezogen hatte, zur Tür hinaus. Dr. Jacob stellte unter dem 16. November Herrn Klausner hierüber zur Rede und bemerkte: ״cs verstehe sich von selbst, dass er ferner einer Gesell* schuft nicht augehören werde, die ihn in eine solche Situation bringe." Hierauf antwortete Herr Klausner unter dem 17. November, dass ihm Dr. Jacobs Austritt aus der Alliance vollkommen gleichgültig sei, ja dass er sich desselben sogar freue, ״denn, so schreibt er. ich habe Anlass zu der Annahme, dass Sie wohl Mitglied, aber kein Krcund der Alliance gewesen sind." Das war für Dr. Jacob eine neue L'ebcrrasehung. Er fragte daher unter dem 20. November, auf welche Tatsachen oder Informationen siel: diese unverständliche Annahme gründe, und erhielt von dem Geschäftsführer der Deutschen K011iereiiz-Uemeinschait t'olgondc Antwort: Mir ist berichtet worden, dass Sic am vorigen Versühimngstag Ihre Ocmeindcmitgliedcr «ingeladen haben, n ie h t der Alliance, sottd « r n c i n e 1־ andere n 0 r g a 11 i s a t i 0 n beizutreten, und dass Sie hiuzugefügt hätten, wenn etwa die Geiiicindctuitglieder sonst noch etwas tim wollten, so hätten sie in der Gemeinde dazu vortreffliche von Ihnen bestimmt bezeichnet« Gelegenheit ־—" Damit war die Lösung des Rätsels gegeben. Mau hatte Dr. Jacob offenbar, um ihm in ״Ost und West" das Wort alizuschneldcn, im Interesse des Herrn Coblenz bei der Alliance verleumdet. Der wahre Tatbestand war folgender: Sowohl 19117 wie 190s hatte Dr. Jacob u. a. einen Aufruf sowohl der Alliance wie des Hilfsvercins mit der Bitte zugesaudt erhalten, au den hohen Feiertagen ihrer zu gedenken. Am Vcrsühnuugstage 191)7 verlas er den Aufruf der Alliance, ihn noch aus eigenem nachdrücklich erläuternd, indem er besonders das Schulwerk der Alliance hervorhob. 19öS machte er au gleicher Stelle auf den Hilfsvcrcin aufmerksam. Beide Male setzte er hinzu, dass man aber auch die lokalen Wohltätigkehsinstitutionen nicht vergessen möge. Unparteiischer konnte man wohl nicht verfahren. Die gegen ihren Rabbiner gerichtete ’Verleum• dimg mul das Verhalten der D.C.G., die der Gemeinde keine Genugtuung gab, erregten in der Dortmunder Gemeinde eine solche Entrüstung, dass die Gemeinde als solche und ein grosser Teil der Gcmciudcmitglieder aus der A.I.U. austraten, bis dieselbe für eine walirhcitsgcmässcrc Berichterstattung von Dortmund aus gesorgt habe. Hinzufügen will ich noch, dass seitdem der hiesige Vertrauensmann und Berichterstatter der Alliance, der Parteigänger des Herrn Dr. Coblenz, Herr Flürshehn, der u. a. Vorstandsmitglied der Deutschen Konfcrenzgemeiuscliait der Alliance und Vorsitzender des Verbandes der Synagogcugenieiuden Westfalens ist, verschiedene Versuche gemacht hat, um der hiesigen Bewegung gegen die Alliance Einhalt zu tun — ohne sonderlichen Erfolg. Ich bitte nun die geehrten Leser, mit dieser Dar. Stellung die von Herrn M. A. Klausner angegriffene״ knappen Sätze meines Artikels in No. G der ״J. R.•• Im Zusammenhang des Ganzen zu vergleichen: siu werden nunmehr verständlich finden, weshalb Herr Klausner in seiner scharfsinnigen Berichtigung ihnen den positiven Sachverhalt vorenthält. Die Juden in Westfalen aber, die so energisch aus dem Schlafe gerüttelt sind, das möchte ich 11׳•d! zum Schluss verraten, haben das dringende Bedürin!•*. wenigstens in der ״Jüdischen Rundschau" wieder zur Ruhe zu kommen. Dortmund, den 28. 3. 09. Dr. L. W einher g, Feiglinge Der antisemitische Geist unseres Heeres b,t wiederum ein Opier gefordert, Uebcr den tratir;.!1 Vorfall berichten die ״AbwcUrmittcihinzcn" aus M ■!. hausen i. E.: ״Der Sohn eines angesehenen indischen M hlirgcrs. Einjährig-Freiwilliger beim dort! :1 Jägerregiment zu Pferde, hat sich das Leben nominell — wie in Mülhausen allgemein öiflicli behauptet wird, infolge der Ausnahme• bell andilung. unter der er ,infolge f c s s i 0 n c 11 c r Voreingenommenheit eines Vorgesetzten beim Militär zu leiden lu•״:. Als verbürgt wird mitgetcilt, dass Scliwadronsclicf des jungen Mannes ihn vor v.r. sammcitcr Mannschaft als ״reiches Juden. ii»n 2 eichen" anredctc. was die Stellung >..s Einjährigen in der Schwadron jedenfalls n .v.t angenehmer gestaltete. Unter ungeheurer 'i '!• nähme der Zivilbevölkerung fand die Beerdiw ■ statt. Die Angehörigen des jungen Mann.s hatten sieh die Beteiligung des Regiments urbete»! und auch die von den Offizieren gcsniul:׳::: Kränze zurückgcwiescn. In einem angesehenen Blatte, wie der ..Strassburger Post", wird n ■Ui bemerkt: ״Allgemein wird die Art und Wei<: getadelt, wie die Tat des unglücklichen jun.vn Mannes den bedauernswerten Eltern ■mitgeic;',? wurde. Es wurde nämlich ein Unteroffizier mit diesem keineswegs angenehmen Auftrag betr.n!:. der sich der schwierigen und delikaten Aufgabe, wie cs l'.cisst, nicht sehr geschickt entledigte." Der Miilhauscucr Einjährige ist einem M,:r• tyriuin erlegen, das vor ihm ]׳hinderte bestand•.■:: haben und noch viele nach ihm werden erleid•:: müssen. Wer als Opfer eines allgemeinen Missstaudo fällt, den ehrt mau nicht, indem mau sich im Augesicht des Todes schamhaft mit einer sachlichen Meldung begnügt, wie es seitens der Tagespresse ge• schelien, sondern cs gilt den Finger auf die Wunde zu legen, um vielleicht künftiges Unheil zu verhindern, jedenfalls aber den Schuldigen nicht utige• straft zu lassen. Wer mit den in Betracht kommenden Verhält■ nissen vertraut ist, der wird schon aus dem Knappen Bericht das eine ersehen: Es war kein ״krankhaftes Ehrgefühl", das den unglücklichen jungen Manu zu dem verzweifelten Schritte trieb, sondern er ent• floh den 11 n e r t r ä g 1 i c 11 e 11 Verfolg 11 n g c eine s 111 ä c 111 i g e 11 Feiglings, vor d « 1: e n es keine andere Rettung gab. GcwNs mag manch ein anderer auf dem Posten aiisgelialuu oder aus der Lage andere kaum minder gefahrvolle (Nachdruck vcrbo’cn.) Lea Hin Slrasscnbild Von ß c 11 ־ A v i g d 0 r. Aus dem Hebräischen von ß c 11 j a 111411 Segel. (Fortsetzung.') Micrcl zeigte sich natürlich nicht undankbar; ein Kassenschein verschwand in der Hand des Richters und Marcel! lioss eine Menge blanker Münzen in schier Tasche verschwinden, auch der hiiibcrcitc Anton ging nicht leer aus. ״Jetzt können wir ins Wirtshaus gehen!‘• rief Anton, ״du hast nun hinreichend Geld, um uns gehörig die Gurgel zu befeuchten. Auch Zubiss hast du schon." ״Ja, aber wenn der vermaledeite Richter mir nicht die dreissig! Kopeken abgenommcu hätte, so hätten wir noch mehr gehabt,“ bedauerte Marceil. ״Glaubst du, dass er mir heute zum ersten Mal den Streich spielt? Er kommt, so oft cs ihm beliebt und plündert mich aus, der Schuft. Der Teufe! hole ihn mit meiner Magdalona zusammen 1“ ״Ich werde mich auch um ein StrassenwUchtcrantt bewerben,** sagte Anton, ״man kann cs ja da zum reichen Matinc bringen!" ״Bah, nicht alle Strasscnwächtcr haben cs gleich," belehrte ihn Mnrocll, ״in den anderen Gassen, wo es keine jüdischen Verkäufer und Verkäuferinnen gibt, da fällt n/ehts ab. Die Juden sind ein einträgliches Material, eine wahre Milchkuh; ich kann sic pressen, so viel ich Lust halic, immer presse ׳ich was heraus. Wer wird es mir verwehren? Niemand. Gott erhalte sie; wären nicht diese schmierigen Jii* diimen und Juden, ich würde bei schmaler Kost Heben tmd Branntwein, den würde :!ch nicht einmal riechen. Wenn mir nicht dieser Halunke, dieser Nimmersatt von einem Vicrtelrichter wäre, der mich anssaugt und beraubt, man könnte aufatmen." Unter solchen Gesprächen nahten sich die beiden Freunde dem Schauklokalc, wo sie alsbald verschwanden. V. Nach einer Viertelstunde kehrten die Fischweiber zurück und nahmen jede an ihrem Platze Aufstellung. Auch Lea war darunter. Aber sie hatte das Herz voll Kummer und Betrübnis. Welch einen bittern Tag hat sic heute! Die Krankheit des Mannes ist gefährlich. Jeder Augenblick brachte ihr ■neues Leid. Die Losung ist heute kärglich; sonst pflegte sic jeden Freitag einige Rubel zu verdienen, die für die ganze Woche reichten, tmd lieutc hat sic kohlen Heller, Sie und die Kinder sind hungrig; hungrig, doch wenigstens gesund . . . vor Hunger stirbt man nicht . . . aber er? . . . Leas Maare standen zu Berge . . . Der Wein tut ihm so not und sie besitzt keinen Heiler, um welchen zu kaufen.!י;:- zu hat sic der Wächter so misshandelt und Kraubt . . sechsundvierzig Kopeken, ein ganzes Vermögen, hat er ihr entrissen, einen K<»r' kleine Fische auf die Erde verstreut und zertreten, die Bank, die letzte von ihrem Hausrat, zerschmettert . . . nun hat sie nicht einmal, \!0 sich mit ihrer Ware liiuzusctzcn. Wer weiss, wie cs ihrem Manne geht! Vor zwei Stunden hat sic ihn so schwer krank zuriickgelasscn. Er war cingcschimnmert, nur. ist er gewiss erwacht und hat nicht einmal eine Erquickung. Wie sehr möchte sie jetzt bei ihm sein; aber wie kann sie mit leeren Händen heim kommen? Und die Kinder, die des Brotes harren? . . . MW יי ן um riuna von aicscn nscucu.׳־ frug eine junge, reichgckieidctc Frau die Yci kuufcrin, indem sie auf einen ihrer Körbe zt schritt. ״Drcissig Kopeken 1“ antwortete Lea vo Hoffnung, einen guten Fang zu tun, denn di rrau sah aus, dass sic mehrere Pfund kaute könnte.