Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 1 IN. JU HD! SC Hk: RUN DSC KAU. No. II. icli kam mir grosser vor, weil ich mir dachte: ..Sollte denn wirklich diese cross e Freiheit s• bewegung . , . (Uncnlic rechts) Ule ganz Kuss• land ergriffen hat. mul d n 11 k welcher Sie. m, H., jetzt hier sitzen (Unruhe rechts), sollte denn wirklich diese Bewegung das Werk meiner Cilanhenshriider sein ... Rechts: Leider! Ni ss c I o w i t s e h: Nie rufen .,Icidcrl" Nun ent. ich erinnere daran, dass Ihr Liebling M e n seiiikow im Jahre HM» in der ..Nowoje Wremja“ in einem Peuilleton sehrieh, dass die russische Intelligenz die russische Konstitution niemandem anders verdankt als den Japaner 11 u 11 d d e n J n d e 11; bildlich gesnroehen, hat er sieh aiisgudn'ield. die russische Km!• Mitution hätte auf Japaniseliem!,apier mit hehrädsclien Buchstaben geschrieben werden müssen. M. H.. ich habe das damals als Scherz niifgefasst. und jeder von uns nahm es als Anekdote uni. aber ictzt kommen die• selben Worte von dieser hohen Tribüne! Zur!ihre des russischen Volkes muss ich feierlich erklären, dass Sie lügen, das Sie das rassische Volk verleumden... (Anhaltender Beifall und ürnvo.Rufe links.) Die russische Konstitution, wie sie auch gegenwärtig sein iimer. ist erobert .... Kruponski: Sie ist nicht erobert, sie ist vom Zaren verliehen! N i ss e I 0 w i t s c h: .... ist erobert nicht durch die Juden allein, sondern durch das gesamte russische Volk! biiiiiiern Sie sich, in. II,. wann Sie eigentlich diese gesetzgebende Duma erhalten haben? Sie haben sie erst nach dem ״llgcuieiiicn Streik erhalten, k'rst damals erhielten Sie als Üesehenk des russi. sehen Herrschers das Manifest vom 17, Oktober... doch ach. dieses Manifest haben Sie schon z.־r• rissen. Stirn in e r e c!11 s: Und haben ent daran getan! N i ss e | o w i t s e 11; Ich kehre zu ihrer Beschul• digiuig zurück, die Juden hätten sieh der revolntio• 1'iircn Bewegung aneeschlosscn. Wenn Sic dies he- ' lumpten, so bestreit e 11 w i r es li e i n e s w e g s. >o habe ich schon im Prühüug des vorigen Jahres in meiner Rede zum Ptat des Kultus-Ministeriums darauf liiiigiwiesuu. dass ein Teil der jüdischen Jugend sieli der russischen Revolution aiige.schlosseu habe, \\1il mau sie von den Seliulen ausgeschlossen iiat. (Zuruf rechts: (hm sei Dank!) Jetzt füge ich hinzu, dass die jüdisch e Muss c m i t der R e v u I u t ion s v m pa thi sie r t hat. doch nicht deswegen, wie Sie behaupten, weil sie Oleiehherech• ikmur erstreike, nein, m, h.. sondern \v eil sie sich in der v e r z w e i I e 11 e 11 I« a « e völliger Rechtlosigkeit h u fi 11 d e t! Ich bitte Sie, diese beiden Begriffe sehari \;111 einander zu trennen, ich will Sic weiter fragen; h1־t diese Revolution erst im Jahre I90j oder I05״ begonnen? Iller ist doch die Rede von Azow und Loptichin. Sie wissen doch, auf weiche Weise Lopnelilii den hoben Rosten eines Direktors des Polizei-Departements erlangte. Das war doch damals, ajs Rieh sv c siel) in die (1011• vcrncmcnts Charkow׳ und Roltawa begab, um dort den Aufstand niederzuwerfen. Wie Ich glaube, meu• terten dort nicht J u d e n. s 0 n d e r n r u s s l s c h e Bauern, dort meuterten dieselben, die auch später meuterten, und die Juden schlossen sich erst später der Revolution an. Dieser Bewegung war im April 1903 der K i s c h i n c w c r R o g r 0 m vorange* gangen. (Zuruf rechts: Sie sind selbst daran schuld!) Was Wunder also, dass, nachdem ein Blutbad unter den Juden angeriebtet war. nachdem als P.rsatz für den Verlust der Küste von Sachalin zu den russischen Meeren ein neues hiuznknm -- das Meer der jiidi• sehen Triincn mul des jüdischen Blutes — (Stimmen: Ai. ai. ai), was Wunder also, dass der Augenblick kam. da dieses Meer sieh erhob und aus den Ufern trat? (Summen: ach . .oi. oi. ״i . . . Das ist uiclit über Azew!) Indem ich mm zu Azew׳ zuriickkelire und von ihm nur als dem Rrovokator spreche, muss ich dem Abgeordneten Markow antworten. Br bat hier den Wunsch ausgesprochen, diu russische Regierung möge sieb nicht mehr der Dienste des Juden Azew bedienen. Diesem Wimsehe schlicsse ich mich von ganzem Herzen an, denn indem die russische R e g i e 1• 1111 g J 11 d e 11 i 11 d e 11 S c 11 n 11 d di e 11 s t der politisch e 11 11 ä «s c 11 e r c i a 11 f 11 i m m t. erw eist sie ״ n s J 11 d e 11 d u r e 11 aus keine B11 r e. und wir werden Hott danken, wenn Russland daran! verzichtet. Wir bedauern aus ganzer Seele,!lass es einen solchen Azew gibt, dass der Jude Azew׳ sieb als solch ein Rrovokator gezeigt bat. Doch, m. II., solche Azew׳'s tauchen nur dann auf. wenn dafür ein vorbereiteter Boden vorhanden ist. Und der Hmlen war vorbereitet. Betrachten Sie doch, m. 11״ die Berichte der offiziellen Quellen. Ich habe liier den untertänigsten Bericht des Senators Tu ran über die Uiirnlieii in Kiew. (Stimmen: Lieber Azew!) Ich muss Sie bitten, mich ebenso aiMiihürcn. wie wir die Herren Markow uiui Selmbinski angeliört haben. (Xuml rechts: l'.iu grosser Unterschied! Zuruf links: Ruhe, man hat Buch auch angeliört!).P.s wäre falsch, die l'rsaehe der revolutionären Bewegung, die noch vor dem Pogrom sieli in den Oktober-Unnilien ,'iiis.serte, ausschliesslich in den örtlichen Lelieiishediiigiiugeii zu suchen. Diese Ursache." sagt der Senator Turan, ..liegt viel tiefer und lässt sieh mir durch diu allgemeine (lärmig erklären, die ganz Russland ergriffen hat.‘* Der Senator Turan erklärt also. Oie (lärmig habe ganz Russland ergriffen, iis ist also ״ lebt die grosse i 11 d i s e 11 e R e v o lution. die, wie sieli der Abgeordnete Selmlgiii delikaterweisc .־msgedrüekt hat, v <* 11 f u 11 f .1 11 d e 11 - hoiigelu gemacht wurde. Nein', nicht fünf Judenheiigcl luibcii sie geschallen, sondern die Verhältuisse, die Willkür mul die Oewalt. die bei uns immer geherrscht haben und noch herrschen, und nicht nur über die Juden allein, solidem über ganz Russland, i'ber das ganze russische Volk. Hören Sie. wie Senator Timm die Vorgänge in Kiew lieselirei'ii: ..Zweifellos bestärkte die Untätigkeit der Rolizei mul des Militihs während des Pogroms die Uebcrzeiignng. dass die Regierung seihst den Pogrom ii'szen iert habe mm daher die Gewalttätigkeiten an Leih und Out der Juden ruhig mitansehe." Doch, in. 11״ der Bericht über den Kicwer Pogrom verblasst Im Vergleich za eliieih anderen offiziellen Dokiiinent. dem Bericht des Rittmeisters R i e 111 e 11 o w an den Warschauer OciieiaMJmiverneur über den Pogrom in Sicdlcc. (Zuruf: Zur Suche!) Dies ist zur Sache, da liier dieselbe Provokation ynrliogt, Wenn das Zentrum behauptet, dass Azew׳ seine umvokatoriseheii Tätigkeit von seinem Volke geerbt hat, so will ich Ihnen sagen• da war eine Provokation, von der sie sieli Überzeugen können, dass sie 11 lebt v o 11 c I n e m ,111 d e 11 ausgiug, sondern v 0 n eine m ec 111 r 11 ss I sc 11 e 11 Manuel Der Hauiumaini 'I scliano'vski, lierichlet Pictuclmw. hatte die Absicht, eine gewisse Zahl von Juden als Geiseln fcstz.11• nehmen. Auf die Präge, wie die (leiscln ums Lehen kommen sollten, wandte sieh der Hnuptinaim Tselinnowski an den Polizeimeister mit der Präge. 011 er nicht einen Nolmtzninnii hätte, der sich geisteskrank stellen mul so die (leiscln nietlcrscliicsscn könnte. (Stimmen: Zur Sache!) Das ist zur Sache.( Stimmen: Wir müssen noch heute enden! 12 Uhr! Ucber Pogrome werden Sie sprechen, wenn cs nötig.sein wird!) Ja. icli spreche filier die Provokation seitens Azew und anderer, und deswegen müssen Sie mir gestatteii zu beweisen dass gerade in Skilec mit Provokation gearbeitet wurde. Hier einige Zeilen aus dem Ilerieht des Rittmeister Piutuchow: ״Die Dragoner ycrkündeten mit selbstgefälligem Lächeln laut: ״Wir wollen schon einen Pogrom anriehtcii. bei dem kein Pardon gegeben wird!" (Durch Zwischenrufe gestört, verliest Redner noch andere ähnliche Stellen aus dem Bericht.) Was war die Poice? Dur Minister des Innern kommandierte nach Sicdlcc seinen Deuiuten (leboiiin. (iehonin bestätigte den Bericht des Rittmeisters Pictuclmw. Daraufhin drückte der General-Gouverneur Skala 11 seine besondere Dank, barkeit dem liauptnumn Tselianowski. den Dragonern und allen Soldaten aas! Hat also der Minister de־. Innern irgend welche Massnahmen ergriffen, um eine gerichtliche Untersnelmne einziilütcn? Bis jetzt ist nichts derartiges geschehen. (Zuruf rechts: Reichen Nie eine Interpellation ein!) Hier ist nicht die Rede von Interpellationen, sondern davon. w a r d a s Provokation oder nicht.* Dort war oiieae Provokation, und die Regierung behauptet iioeli: ״Provokation Hessin wir me zu. lassen und werden wir nie zulasseii." Ich behaupte dass Pro• v o k a t i o 11 z 11 g e I a s s e 11 w 11 r d e 11 u d 11 o e!1 jetzt z 11 g e I a s s e 11 wird! (Zuruf rechts. Gott sei Dank!) Ich wusste im voraus, das־. Sie am Unrechten Ort (iott danken werden. De! Ministerpräsident I1.!t ׳gesagt: ,,Ps ist nicht 1111 vorteillutfl, über die Verwaltung sinnlose Oenicliic zu \er• breiten, da durch solche (ieriielile und Dcscliuldi• guneen der Verwaltung, die Verantwortlichkeit fio die Revolution auf die Regierung ahgcwältzt werden kann." Icli muss erklären, dass die Worte des M!• i.islerpriisidentui schon längst widerlegt wurden, und zweifellos fällt die Verantwor- 11111 g für den Pogrom in Sicdlcc, und dafür, dass die Schuldigen bis zum heutigen Ta:i: noch nicht z.m Verantw ortmig gezogen sind, a 11 s s c 11! i c s s 1 i c 11 auf die R e g i e r 11 n g. (Beiiall links.) Roosevelt Am •I. März hat Präsident Roosevelt die Leitimg der amerikanische-.» Staatsgcschäitc niedergelegt. Die sieben Jahre seiner Präsidentschaft gaben ihm mu .*■eiten (iclcgeiilicit, siel! öffentlich mit jüdischen Dingen zu befassen. Aller hei diesen Anlässen he• währte er sieli stets als Piirsprechcz der Bedrängt»!! und als treuer Schützer der Ul e i e ii 11 e r e c 1111 g 11 n g aller B ii r g 0 r. wie sie in der republikanischeu Verfassung anerkannt ist. P.rst kürzlich, u! einem oiiciien Briefe, bei Gelegenheit der Wahl seines Nachfolgers, hat er e’mleutig zu erkennen gegeben, wie fremd sdmein Wesen die Kleinlichkeit konfessioneller Vorurteile sei. P.s wird unvergessen bleiben, wie er den Uekron• teil ein beschämendes Beispiel gab, indem er sich zum Pürspreeher der Verfolgten von Kiscliinew macht., und es kamt seinem Ruhme keinen Abbruch tun, dass die russische Regierung sieli weigerte, die Protest■ »lote eiitgegenziiiielimcn. Auch die rumänische Note des Sekretärs May war mir im P.inverständnis 11m dem Präsidenten möglich. Die Präge der russischen Pässe amerikanischer Juden wurde mit weit stärkerem Nachdruck betrieheil, denn er in anderen Staaten, ,deren jüdische Bürger unter den gleichen Schikanen zu leiden haben, belicht wird. Allerdings muss zugegeben werden, dass die selbstverständliche Porderung der ainerikaiiisclicn Juden ihm in würdiger Weise vorgctrag'e! wurde, während die Vertreter der deutschen Jaden im gleichen Palle ein Bittsehreihen für angebracht hielten. Ist es Roosevelt auch nicht gelungen, die (Nachdruck vcrbo'cn.) Lea Hin Strasscnbild Von Bcn-Avigdor. Aus dem Hebräischen von B c 11 j a in i n Soge I. (Portselzune.) ״Weine nicht, Lea!" rieten mehrere!־'rauen zugleich, während ihnen selbst die Augen feucht wurden. ״Gott ist gross und gut, er wird deine׳! Mann nicht lange krank sein lassen. Dein Reb Sttlmon ist ein wahrer Zadik.U er darf nicht krank sein!" ״Mögen deine Worte in Hrfiillmig gehen!" sagte Lea. ״Wer keimt d‘c Pi'ümmigkeit und Gottesfurcht meines Mannes besser als icliV Auf dem Krankenlager wird er n'elu milde, Thora") z.n lernen, sobald ihm etwas leichter wird, Kr.lernt answendig, alle heiligen Bücher kann er auswendig. Und wie sanftmütig er ist! Niemals beklagt er sieli über seine Krankheit, nur weil er nicht gehörig in der Thora lernen und Gott dienen kann. , . Ach, und wie gut er ist! Kr murrt nicht und ist niemals übellaunig, »er klagt niemals über seine Schmerzen, obwohl er schrecklich leidet. Nur darüber grämt er ’) Rin Qciechter. ") Die heiligen Bücher der Lehre. sich, dass ich mich plage im Prost und Wetter, und draussen sitzen muss. Oftmals bat er mich, icli möchte ihn ins Krankenhaus bringen, um mir leichter zu machen. . . . Aber ich kann's nicht über mich bringen. ... Ks schneidet mir ins Herz, zu sehen, welche Qualen er ausstehen muss. Heute ist ihm sehr schlimm, schlimmer als sonst, er ist ganz entkräftet. Ach. Ribbouo sehe! ülam,") wie gerne möchte ich für ihn krank su'n! Kr ist ein gerechter und gottesfürclitiger Man.n und icli mir ein sündiges Weib! . . .״ ״Nicht doch, Lea!" protestierten einstimmig die iimslvlivndcn Kranen. ״Choliloh."’) Gott hewahre, wer wird so etwas sagen! Blc'hcdn gesttnd und deinen Mann wird Gott hcrstcllen!" ״Malctvai,") Amen, barmherziger Vater!" ״Willst du, Lcali, nicht mitkommen, um auch diesmal mit mir einen Rundgang durch die Gewölbe zu machen?" sagte die Sammlerin, die (»iter in Leas Begleitung dort die Almosen einsammelte, ״Sehr gerneIP antwortete Lea, übertrug die Obhut übet־ iiire drei mit kleinen Kischen gefüllten Körbe einer;Nachbarin, und trat in 6) Herr des Weltalls. 1#) Behüte, ״) Gehe (Jott, Begleitung der Hmsanimlerin ihren Rimdgang zu den Ladnerinnen an. Und in der Strasse, rauschte es unaufhörlich weiter. Händler und Händkriimen schrien ihr«. Waren mit Stentorstimme in die Menge hinein. d!c sieli drängte und flutete, als gälte es ־.in langersehntes Ziel zu erreichen. ״Matisses,1*) schöne Mansses, ’l'aii.'Vinhiiu!• eine Nacht, Buwc-Maasso, Mädchen kauft!" schrie ein Greis, vor dem ei1׳ grosser Häuf׳.* interessanter Lektüre aiifgesehichtct lag, den die vorübergehenden mit begehrlichen Bücken ver• schlangen. ״Neue Schuhe, soeben aus der Werkstatt!" hauchte ein altes Mütterchen, welches mühevoll den mit grünem schimmeligen Selmhwerk angefiilitcn Korb fortbewegte. . ",9°*״’, i)״rcs Qokll zehn Kopeken da־* Pmnd! Kleine Kisehe hundert auf das Pm1;d. kauft. Prauen, kauft!" II. ״Guten Morgen, Marcell! Wie gelit's!" grusste■ den Strasse,׳)Wächter ein junger Manu mit plattem, gerötetem, blatternarbigem Gesicht, an •einem gelben Schafspelz, den ein rotes Tuch wie cm Gürtel zwsammonhiclt, u> lh7ül1l1111C11:׳ für das Volk,