Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 99. J9,״.__ Orthodoxie und Nationalismus Von Rabbiner Dr. Emil Levy. Vor cinijrcn Wochen habe ich in diesem Blatte 1ic$ tiefen Eindrucks Erwähnung getan, den die umannoschcc zu Jerusalem auf den Besucher ausübt - Es soll nun meinerseits nicht verschwiegen wer• den. dass das Betreten des Pclscndotncs nach den Ansfiiiirnngen des Maimonides rcligionsgcsctzllch ver- M«״ ist. 'Venn aucli der streitbare Rabbi Abraham ben Pavid gegen dieses Verbot polemisiert; so hat ׳ doch die Nachwelt die Entscheidung׳ des Grösseren als verbindlich anerkannt — wie Ich mich nachtrüg. lieh gern überzeugt habe. — Es mag min ein Jeder über diese Frage denken wie er will, auch der orthodoxeste Jude wird ancrkennen müssen, dass der Scheu vor den» Betreten de» Tcmpclplatzes ein gewaltiger nationaler Ged.1 n k c zu Grunde liegt. ״Die Statten haben von ihrer Heiligkeit nichts cingcbllsst.״ Die Jahrtausendo I jes ('.״Ins sind verglichen mit der Ewigkeit des Jü- I Jiselieu Volkes wie ein Tag, Ja nur wie eine Wach« I!1 der Nacht, und der Tempel wird sielt einst wieder• erheben als Zcntralstättc der geeinten Nation. — Dieser nationale Gedanke gibt 'der Jüdischen ״Orthodoxie" ihre historische Berechtigung. Nicht In der Bekämpfung der E111wiekJungs, lehre, nicht in der Bestreitung wissen. $ e 11 a i 11 i c I! anerkannter Prinzipien erfüllt sie ihre Mission, sondern in der Erhaltung und Konservierung der jüdischen Natloiialgesctzc — bis zu Jener grossen Zelt, da auf palästinischer Erde ״das Oltset/, •dmc Volk“ dem ״Volke ohne Gesetz" zurück- Rigolten wird. Es wiirc ein Verhängnis, wenn die jüdische Orthodoxie sich selbst verkennen würde, sich verkirchlichte, sielt in Glaubenslehren und Katecliisnius vcrfiusscrllclitc. Die Jüdische Orthodoxie miss national sein — oder sic wird nicht sein. Dass meine Kollegen auf der Versammlung zu .Marburg diese Wahrheit gefühlt haben, beweisen die laugen und erregten Debatten Über den Zionismus. Sie Konnten die Bewegung nicht verdammen, wenn siv nicht dem orthodoxen Judentum selber das Todesurteil sprechen wollten. — Ich beklage cs nur aus tiefster Seele, dass Skrupel und kleine Bedenklichleiten die achtbaren Vertreter Jüdischer Prömmigj keit und Gelehrsamkeit abgcscltrcckt haben, iltrcn Einfluss auf die Jüdisch-nationale Bewegung stärker »eilend zu mache». Nicht 'der Zionismus hat den Schaden zu tragen, sondern ilicGrthodoxic. — Wir halten eine Reihe von Jüdischen Welsen und (idcltricn. zu denen wir In Hochachtung empor- Micken: aber sic erfüllen in einer Beziehung nicht immer, was man von einem geistigen Führer Israels verlangen darf. In früheren Zelte«! waren die Ge-!ehrten Israels Mlinncr von energischer Tat und von politischem Weitblick. Sic waren in ihren Pergamenten nicht vergraben, sondern lebten das ganze l.ckn des Jüdischen Volkes. Und nicht selten sind sic aus der Studierstube hcrvorgctrctcn und haben entscheidend cingcgriffcn in alle Kümpfe utn Jüdische Existenz und Jüdische Kultur. Wollen die heutigen Rabbinen der Fühlung mit dem Volke nicht verlustig gehn, dann müssen sic in die Arena des Lebens hinaustreten und Stellung nehmen zu allen Fragen, die das jüdische Interesse bewegen; Israel lebt nicht nur in den Pergamenten der Vergangenheit, Israel lebt Töpfe, Halstücher, und was ein Menschenherz sonst mir begehren konnte. Durch die Mitte der Strasse, wo ein unauftiOrliclics Gedränge herrschte und 1$c kreisclicudcn Stimmen der Verkäuferinnen durchcinamkr erschallten, wogte eine ganze Reihe wandelnder Lüden: eine Bank, oin Korb, eine ן Mulde, ein tragbares Gcriist und darauf einige Acpfel. Bratkartoffeln, Bohnen oder andere Leckerbissen, die man für den Sabbath feilbot. Bic Verkäuferinnen, meist ältere Frauen, im Oe- *’eilte braun und blau vom Frost und in ürmliehe Fetzen gehüllt, brieten ihre erstarrten Fin- K*er an Feuertöpfen und schrien den Vorüberkeilenden den Preis ihrer Waren zu, verlicssen auch zeitweise ihren ״Stand", um einen Kunden °der eine Kundin am Acrmcl oder Rockschoss anziifasscti und trotz des Sträubens Iterbclzu- Errett. ..Frau, gnädige Frau!" schrie eine der Krämerinnen einer mit dem Körbchen in der Band vorübergehenden Hausfrau zu. »»Was kaufen Sic? Hier ist Weissbrod. hell wie aas Sonnenlicht." ..Hierher, Gnädigste, hierher I Ihr Brot ist j ^lilmmelig, meines Ist knusperig wie Hier-! kuchen I" kreischte eine Nachbarin. 1 ..SK’ tilg♦, Madame, sehen Sic her, solches in den Myriaden und aber Myriaden der Gegenwart, die bis auf's Blut gequält sind und zum Himmel auf* schreien ln Ihren Drangsalen, ־*־ Audi Moses ist nicht im Piiaraoncnpalast geblieben, beim Studium der Papyri. ״Er wurde gross" heisst cs. Und dio Grösse, meint der Midrasch, bcstand •darin, dass er hinaus ging zu seinen Brüdern, nicht, um kaltblütig ihren Lastarbeltcn zuzusohon, auch nicht um wehklagend die Hünde zu ringen, son» dorn um tatkräftig elnzuschrelten, als er sah, ״dass kein Mann war." — Grosse Bewegungen haben ihre eigenen Gesetze und entwickeln sich unaufhaltsam. Wer nicht beizelten die historischen Konstellationen erkennt und ausnutzt, über den rollt das Rad der Geschichte hinweg. VJdcant coniules! — zeugung, dass die früher als ״Klcinkolonisation" verworfeno praktische Arbeit in Palästina für die politischen Ziele ihren vorbereitenden Wert insofern habe, als die Juden formale Ansprüche, politische Rcchto aut Palästina erst dann haben könnten, wenn sic durch ihro Zahl und wirtschaftliche Macht die Herrschaft in Palästina tatsüchlich schon gewonnen hätten. Noch der letzte Zionlstcnkongress brachte eine Opposition gegen diese allmählich herrschend gewordene Ansicht seitens der sogenannten ״polltischen" Zionisten, die ein unbedingtes Festhalten an den Hcrzlschen Grundsätzen predigten unter Verkennung der veründerten Voraussetzungen. Hcrzls Qodankcngattg, der vor zehn Jahren unbedingte Riehtlgkclt bcsass, bedeutete ihnen der Weisheit letzten Schluss, eine Wcitcrcntwickclung konnten sic nicht mehr zugeben. Die junge Türkei und der Zionismus Von Walter Fischer, 1. Als Hcrzl vor zwölf Jahren seinen ״Judenstaat" schrieb, entstand zum ersten Male ein in prägnanter Welse formuliertes Ocdnnkcnsystcni, das die Judenfrage, ihre Bedeutung, ihre Ursachen und die Mög- Jichkcit ihrer Lösung kiariegte. Dieser Qedankengang ist in seinem theoretischen Teil die unumstösslichc Grundlage des modernen Zionismus geworden und bis Jetzt geblieben, Die negative Begründung des Zionismus aus der Unmöglichkeit eines Vcrschwindcns. einer Assimilation der Juden an Ihre Wirts- Völker bewiesen zu haben, ist das 0411« uituntstrittcuc und dauernde Verdienst des ״Judenstaates". Der zweite Teil Ist der, in den! Herzl die Verwirk- Hebung des Zionismus in der von Ihm gewühlten Form skizziert und liier ein neues geniales System schafft, das Im ״ßascicr Programm" seinen endgültigen Ausdruck gefunden hat. Das Hcrzlschc Postulat: ״Gebt uns die Souveränität über ein Stück Erdoberfläche", das alsdann vom Kongress, dem Vertreter des Jüdischen Volkswillctis, auf Palästina bcschränkt wurde, musste notwendig die Epoche eines diplomatischen Zionismus Inaugurieren, der von der Person Hcrzls getragen wurde. Das nächste Ziel war der Charter für ein bestimmtes Gebiet, welches Teil eines grossen, aber politisch machtlosen Reiches war, Mithin war os Sache der zionistischen Politik, die Machthaber, d. h. die im vorderen Orient Inter• cssicrten Mächte für den Platt zu gewinnen und sich zugleich bei den einflussreichen türkischen Kreisen geneigtes Ohr zu vcrschaiicn. Diese eigentliche Ausscnarhclt des Zionismus wurde sanktioniert durch den Passus 4 des B/tscicr Programms; Vorbereitende Schritte zur Erlangung der Rcglcrungszustimmungcn, welche nötig sind, um das Ziel des Zionismus zu erreichen. Konnte mm eine derartige Politik ewig dauern? Nein, denn Jede Politik ist stets mir eine Anpassung an bestellende Zustände, und sic wird ItiufüUIg, wenn die Voraussetzungen, an die sie geknüpft war, andere werden. * Durch die Ugnndanffärc und den in dieser Zelt fallenden Tod Hcrzls werden die diplomatischen Fäden zerrissen, die Spaltung innerhalb des Zlonisntus nötigte zu neuem Nachdenken über die grundlegenden Voraussetzungen. Man kam zu der Uber- Dies war die Lage des Zionismus noch vor % Jahren, als plötzlich ein Umschwung cintrat, und zwar von einer Seite her, an die man kaum je ge* dacht hatte, ein Umschwung von so enormer Tragweite, dass cs gar nicht glaublich erscheint, wie er selbst von Zionisten anfangs so wenig in seiner ganzen Bedeutung gewürdigt wurde. Es sind die Umwälzungen in der Türkei. Das türkische Volk ist mündig geworden, es hat die Leitung seiner Politik selbst in die Hände genommen, cs hat die Mächte aus seinen inneren Angelegenheiten ausgcscliaitct. Welche Bedeutung hat nun dieses Ereignis für uns? Die Qarautic der Mächte, die Hcrzl an den Schluss des Programms gesetzt hatte, ist hinfällig geworden. Denn die Postulierung der Garantie hatte zur Voraussetzung, dass die Türkei kein Rechtsstaat war. Ohne Garauticcn Kolonisation zu treiben, hicss sielt In die Gewalt der Pascliawirtschaft begeben. Jetzt aber ist die Türkei ein Rechtsstaat, wenigstens ist sic auf dem Wege, cs zu werden, folglich können wir unsere Kolonisationsarbcit. die wir früher nur durch Freibrief der Mächte sichern konnten, in unserer Eigenschaft als türkische Staatsb ü r g c r beginnen. Es ist klar, dass das tükrischc Volk uns heute keine Autonomie bescheren wird, cs wird schwerlich Provinzen seines Reichs verschenken. Will also der Zionismus Palästina, so muss er türkisch werden, mithin; Der Zionismus Ist eine innertürkische Frage geworden. Diese neue Znkimftsmisslcht steht scheinbar In so schroffem Widerspruch zum Hcrzlschen Postulat; Gebt uns die Souveränität filier ein Stück Erdoberfläche, dass sich uns die Frage aufdrängt: Ist das noch derselbe Zionismus, wie Um Herzl gesell affen hat? — Gewiss ist er cs. Das Ziel ist genau dasselbe geblichen, nur der Weg ist verändert. Das Zionismus wollte Ja nio einen Judenstaat, er wollte eine rechtlich gesicherte Heimstätte. Wir bedurften aber damals einer recht* liehen Sicherung und zwar einer öffentlich-rechtlichen durch die Mächte, und das war der Charter. Heuto hat uns der Entwicklungsgang in der Türkei ein mächtiges Stück weiter gebracht, die fast unüber* wlndllchcn Schwierigkeiten der Erlangung des Cltarters sind vorüber. Unsere rechtliche Sicherung bcruht in unserem Verhältnis als türkische Bürger dem türkischen Staat gegenüber. Die Autonomie, dio früher Voraussetzung war und sein musste, ist Jetzt das letzte Qlicd in der Entwickelungskcttc geworden Inwieweit wir sie schliesslich erhalten können und Brot finden Sic «Jeht in der ganzen Stadt I" replizierte die crstcrc. ״Achten Sie nicht auf das Gerede, ihr Brot Ist ohne Salz," und damit trat sie aus der Türe, ergriff die Angerufene und versuchte sie Jn Ihren Laden zu ziehen. ״Aber, lasst mich nur gelten," wehrte die Dame, ״Ich kaufe gar kein Brot." ״Frauen, Frauen, dass euch Gott segne, kommt doch her. was kaufet ihr? Qraupe, Reis, Hirse. Nudeln für Schabbesl" ״Kartoffeln, gross wie Melonen!" ״Bratkartoffeln, ein königliches Gericht I Jcschiwa-Bochcplni“) hierher, hierherI Drei Stück eine Kopeke!" ״Du Junge, von der Jeschiwah, he? wo sind die zwei Kopeken für Kartoffeln, db du mir schuldest? Und nun gehst du noch anderwärts kaufen?" ״Die deinigen sind ja verfault." ״Verfault? Die meinigen? Meine Karlöffeln verfault? Hört ihn anl Die ganze Stadt weiss, dass man in der ganzen Welt keine besseren Kartoffeln bekommt, und der sagt gar verfault Dass dir db Gedärme verfaulen! Naschhals I Melno zwei Kopeken her, auf der Stelle!" a) Hörer der Talmudschiilc. ״Ein anderes Mal, Jetzt hab' ich nicht 1" ״Ein anderes Mal? Vielleicht lebst du nicht mehr so lange. Schelgiz, Frechling! Ich erzähl s Reb Jokcl, dem Aufseher." ״Olt, bitte, Qcncndcl, nur das nicht, nur nicht erzählen. Ich kaufe ja schon wieder bei dir!" ״So, dann bist du mein geliebter Sohn. Für wie viel willst du Kartoffeln, mein Herz?" ״Bohnen, Bohnen 1 Trockne Bohnen, weiche Bohnen, heisse Bohnen!" ״Klösse, Frauen I Warme, Frauen, KHössd Kauft! ••mmvii, invitiwi 1 1\1uaaCI Un drei, Frauen! Drei für zwei Kopeken!" ״Herr, Herr, was kaufen Sie? Wichse Kerzen? Lampendochte? ZyMnder? Kleide bürsten?" ״Vorsicht! Ho, hü, hot!" brüllte ein Baue der auf einem mit Mchlsücken beladenen Las wagen herangefahren kam. Alles wich 2 beiden Saiten aus. Der Bauer fuhr in rasche! Trab vorüber. ״Oh, weh," klagte dn altes, kleines Mütterchcn unter bitteren Tränen, ״einen Topf voll Bohnen hat er mir umgestürzt." Vor ihr lag der zerbrochene Topf und sein Inhalt verstreut auf dem Boden, während dnige