Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1909)
- Date
- 1909-02-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Karl Kautsky, Der Ursprung des Christentums•) Eine Besprechung von Dr. Max Besser (Hamburg). In der Physik und Biologie stellen die vcrschic• denen Theorien keine absoluten Wahrheiten dar, son- ,lern nur Versuche, die Hrscliclnttngcu der Natur ln ein Schema n\ bringen. Wir sind nicht In der Lage,!:ic Kleinigkeit der einzelnen Hypothesen, z. B. die der Schwerkraft, mit metaphysischen Gründen zu bcweisen: es sind willkürliche, zmn Teil recht subjektive Annahmen, deren Wert davon abhangt, dass die d.ihingehürigen Erscheinungen mit ihnen in Kin• klaue zu itringen sind, und dass!de befruchtend auf die Weiterentwicklung des betreffenden Wissenszweiges wirken. Wenn sielt he ra!»stellt, dass eine neue Titeorie diese Bedingungen besser erfüllt als die tndier geltende, dass sie neue Perspektiven eröffnet mul zu umfangreicheren praktischen Ergebnissen iiilut. so wird ihr auf naturwissenschaftlichem Gebiet ,:weitcUos sofortige Geltung verschafft werden. Die Hert/selicn Theorien haben revolutionierend auf die piiysih gewirkt, die Darwinsche Lehre auf die I,j,ti»g»>cl1c Forschung. Also nicht von der Uebercin- «timmu.tg mit bestimmten philosophischen Voraus- H-t/iiiigeii kann der Wert einer naturwissenschaftiklicii Hypothese abhängig gemacht werden, sondern um ihrer Wirkung auf die praktische Förderung der Wissenschaft. Nicht ein bestimmtes philosophisches stctn kamt ihr Ausgangspunkt werden, sondern nur die pen nte Beobachtung' aller Einzelheiten des hetriikmUm Gebietes und iltre Zusammenfassung unter einem einheitlichen Gesichtspunkt, ebenso wie utugelehrt die Erörterung metaphysischer Gesichtspunkte .n der Pliilosopltie sielt ttielit auf itatiirwissenscliaftliehe livpotltesen stützen darf. \eu11iicl1. und doch wieder anders verhalt es sielt!;,11 der historischen Forschung. In der Naturwissen- Kii.ii! kann der Wert einer Theorie durch die uuinittcil'aie Anschauung, durch das Experiment, durch matliematiseltc Berechnung geprüft werden: sie kann ,1111 Oniii.l allt.igliclter Beobaelittiiig utifgcstelit werdm. Die Geschichtswissenschaft dagegen muss sielt mit einer mutmasslichen Darstellung vergangener Geecltehinsso auf Grund schrili'licher Aufzeichnungen begimgeii und entbehrt exakter Beweise fiir die Richtigkeit dieser Darstellungen. Und doch muss auch die historische Forschung Theorien nufstcllc», um einen Zusammenhang der F.reignisse zu ko!!. Mnuereii. Hin solcher Zusammciiluuig ergibt sich nicht ״lme weiteres aus den uns überkommenen Schritten, denn diese haben häufig den Charakter von!.egenden oder Fälschungen, ״der sic spiegeln die Hihiektivc Auffassung des Verfassers wieder und entiahen Argumente, die mit den wirklich wirksam gewtseiieit Motiven nicht identisch sind. Wenn z. B. ein Geschichtsschreiber aus unseren Tagen berichten wird, dass Staatssekretär Deriilmrg litt Reichstag die deutsche Kolmiiiilpolltik mit der Verpflichtung hegricidet hat, In im/.ivilislerte Stätten christliche Ge- Mtiinig zu tragen, so wird dem Historiker künftiger Tage die Aufgabe Zufällen, hinter dem offiziell propagierten Motiv das wirklicit wirksame zu finden. Naturgeniäss bleibt für die Darstellung und Motiviernng weiter Sniclrattm offen. Welche Motive der einzelne Forscher als wirksam in der Vergangenheit insicht, das hängt auch grösstenteils von seiner pervmilieiicti Stellung zu den Dingen der Gegenwart ab. ikr Theologe wird religiöse Ideen und Gefühle als l'estiiuniende Faktoren betrachten; andere werden aicuicii, dass die grossen Pcisöulichkcltcn den Gang der Geschichte bestimmen. Die grossen Wirtschaftheilen Umwölzutigctt des 19. Jahrhunderts )toben uns miseie Kenntnis des ncsellsehaftslcbcus der Menschen uni seiner iiknomischett Triebkräfte ungemein vert'vft. Hin Heer von Desperados musste, um einen "irhs'umm Kampf gegen die sie umklammernde wirf- 'clinftlichc Ueberniacht zu führen, den Ursachen 1,;׳clispitrcn, die sic in diese Lage gebracht hatten. 1״«I die Uebertragmig dieser von den Kompien der tiegenwart hergcnoimitencu Methode;,ll! die historische Forschung wurde von dem "v Migcti Vorkämpfer der Proletarierbeweguiig, Karl *Marx, diirehgefültrt tmd'als materialistische Gcschiclits- :׳iiii.issiiiig bezeichnet. Sic erscheint bei ilmt noch in ‘1er alten eng umschriebenen Fassung. ״Die Prod'iktioiisweisc des materiellen Lehens bedingt den w,zialen, politischen und geistigen Lebensprozess ,11׳crhatipi.״ (Zur Kritik der politiscltcn Ockonontic.) ׳'!!er schon Fugels milderte die Einseitigkeit dieser ,Vifiassung, indcni er sagte: Die ökonomische Lage Ist Basis; aber die verschiedenen Momente des Ueber- *) Stuttgart 1908, Verlag von J. H. W, Dietz ^'•teltfiilger. baue», politische Verfassung, religiöse und pltlloso- Plüsche 1 Iteorlcn, Traditionen, Rasscnlnstinktc etc. haben auf die ökonomische Basis eine Rückwirkung und bestimmen somit gleichfalls den Verlauf der ge- Schichthöhen Kämpfe, Dass die materialistische Geschichtsauffassung eine Reihe geschichtlich wirksamer Faktoren aufgcdeckt hat, die man bis dahin vernachlässigt hotte, wird auch von den Gegnern dieser Auffassung kaum geleugnet werden können, Und wenn sie daher auch nicht der Wissenschaft letztes Wort sein sollte, so muss ihr doch als Hypothese für die Qcschkhtsforschiing «ln unschätzbarer Wert zugcbllllgt werden, ebenso, wie in der Naturwissenschaft kann der Wert einer solchen Hypothese nicht von der Uebercin- Stimmung mit Irgendeinem philosophischen System abhängig gemacht werden, sondern nur von der Tatsaclte einer möglichst grossen Berücksichtigung unserer erweiterten Kenntnisse und Erfahrungen. Es ist daher mich entschieden zurückzuweisen, wenn die materialistische Geschichtsauffassung ständig mit dem philosophischen Materialismus in Verbindung gebracht wird. Geradezu revolutionierend muss die matcrialisti- Geschichtsauffassung wirken, wenn sie auf Zeiträume und Ereignisse angewendet wird, für deren Kenntnis uns bisher mir Schriften mit religiöser Tendenz zur Verfügung gestanden Italien. Darin liegt die grosse Bedeutung des von Karl Kautsky verfassten Werkes ״Der Ursprung des Christentums". Die wissenschaftliche Bearbeitung der Entstehung»- zeit des Christentums hat infolge des religiösen Charakters des Quclleiimatcrlals früher fast ausschliesslich in den Händen von Theologen gelegen, die seihst da, wo sic einer historisch-kritischen Mctliode huldigten, an bestimmten altüberlieferten Auffassungen ttielit zu rütteln wagten. Ein Harnack hat sielt zwar von dem Glauben an die leibliche Göttliclikeit Christi cmaticipicrt, alter für ihn ist doch Jesus die gewaltige, gottähnliciic, von geheimnisvollen Kräften beseelte Schöplcrgcstalt, die dem Judentum eine ,geläuterte Anschauung gegenliliergcstciit und den Impuis zu einer Weltbewegung gegeben hat. Es hat allerdings auch unter den Theologen ttielit au radikalen Geistern gefehlt, z. B. Kalthnff. der die historische Existenz Jesu gänzlich leugnete; aber diese reine Negierung erweist sieh als Wissenschaftlieh unfruchtbar. Kautskys Huch dagegen ist das Werk eines Mannes, dem sein Schatz von historischen und okoitoiitischeti Kenntnissen und seine praktische Hinsicht in die politischen und sozialen Kämpfe der Gegenwart cs ermöglicht halten, neue Momente in die Betrachtung zu werfen und int Rahmen seiner Auffassung in grnss/iigigcu Strichen ein Bild Jener Zeit \״r unseren Augen zu entwerfen, ttielit Idos» negierend, sondern auch :uifbattend. Ich halte cs für angebracht, die Aufmerksamkeit Jüdischer Leser auf dieses bedeutende Werk zu lenken, das liehen einer Hülle von intcressniiteit Gedanken und Anregungen mich eine eingehende Darstellung des ökonomischen und geistigen Werdegangs des jüdischen Volkes enthält, lieber die wissenschaftliche Qualität im einzelcn zu urteilen, stellt mir ttielit zu; aber auch derjenige, der die Methode und politische Auffassung Kautskys ahlelmt, darf Über diese Erscheinung nicltt hinweg•- gehen, ohne sielt mit ihr auseiuandergesetzt zu haben. Der Eiuwand. dass ohne Bereicherung des Quellenmaterlals keine Möglichkeit fiir eine gänzlich veränderte Darstellung der betreffenden Epoche gegeben sei. ist liinfällig. Die Lektüre des Kautskyschen Buches wird Icücit darüber belehren, wieviele Stellen z. B. der Propheten und des Joscpltus. an denen früher die theologische Wissenschaft achtlos vorübergegangen ist. dem Forscher üct Gegenwart eine Handhabe bieten, mit Hilfe der modernen Gesell, sebaftswlsseiisehaft die politischen, wirtscliaftichcn und kulturellen Zustände einer vergangenen Zeit zu rekonstruieren. Ich erinnere nur an die Ausführungen von Franz Oppenheimer über das Latifuttdlcn-Wcscn im alten Palästina. Wenn ich mm den Inhalt des K,'selten Buches zu skizzieren versuche, so kann Ich angesichts des grossen Materials nicht litt entferntesten den Anspruch auf Vollständigkeit erheben.*) Im ersten Abschnitt untersucht der Verfasser die Glaubwürdigkeit der Quellen, aus denen wir etwas über Jesus und die Entstellung des Christentun» erfahren. Es ist auffällig, dass die heidnischen und Jüdischen Schriften uns kaum etwas über die Person Jesu berichten können. Eine Stelle des Jnsephus, die sich mit Jesus befasst, hat sich als nachträgliche Einschielmng erwiesen. Wir bleiben *) Es braucht wohl kaum besonders hervorgehoben zu werden, dass Ich über den Inhalt referiere, ohne mich mit dem Autor In allen Einzelheiten zu identifizieren. daher auf die christlichen Quellen, d. 11. die Evangelien angewiesen. Da diese Jedoch nicht von Zeitgenossen Christi Itcrrältrcn, mit einer Fälle von sagenhaften Erzählungen ausgeschmückt sind, die Spuren nachträgiieher Ueberarbeitung und Zusätze zeigen, ist cs fast unmöglich, aus ihnen einen historischen Kern herauszuschälen. Daher hat sich die bürgerliche historische Wissenschaft mit der Darstellung der Theologen begnügt, die die Entstellung des Christentums auf eine Persönlichkeit zurückfllhrtcn, über deren Lehen ttttd Bedeutung wir nichts Bestimmtes wissen. ״Anders gestaltet sich aber die Sache, wenn j man eine Weitreiigion nicht als das Produkt eines einzellten Ucbcrmcnscltcn. sondern als ein Produkt der Gesellschaft auffasst. Die gesellschaftlichen Zustände zur Zeit der Entstehung des Christentums sind ganz gut bekannt. Aber auch der geseiischaftiicltc Charakter des Urchristentums lässt sielt aus dessen Literatur mit einiger Sicherheit erforschen.“ Um nunmehr verständlich zu machen, welche Momente im römischen Kaiserreich die Entstehung und Verbreitung des Christentums begünstigt haben, gibt K. eine ntisführliclic Darstellung der Gesellschaft der römischen Kaiscrzcit und verfolgt die Entwicklung ihrer Wirtschaftsweise bis zu ihren Anfängen. In Rom bildeten sielt infolge der Anhäufung von Grossgrundbesitz und damit des Reichtums in den Händen einzelner, der Vctsclnildiing und Verarmung der Bauern, des Niedergangs des Handwerks schroffe wirtschaftliche Gegensätze. Den vornehmen Römern, die durch Wucher, durch massenhafte Sklavenzufuhr ihren Reichtum vermehrten, stand ein Heer schützloser Sklaven und abenteuerlicher Lumpenprnlctnrlcr gegenüber. (Fortsetzung folgt.) Bücher-Besprechungen D r. i u r. A b r a 11 a!11 L b b, Die Rcchtsvcrhältnissc der Juden im eltomnllgen Königreiche und der Jetzigen Provinz Hannover. Frankfurt a. M.!908, Verlag J. Kaufmann. VIII. NO Seiten. Unser eifriger Gesinnungsgenosse Dr. Löh (Haniiovcr-Fmden) behandelt in dieser Monographie nach einer eingehenden Darlegung der historischen Ent- Wicklung auf Grund einer umfassenden Bearbeitung der Literatur und der einschlägigen, überall verstreutet• gesetzlichen Bestimmungen das Verhältnis des Staates zur jüdischen RciigionsgcscÜscItaft, die rechtliche Stellung der hannoverschen Laiulrabbincr, sowie der Synagogcitgcntcindcn, iltre Befugnisse und Aufgaben. In 8 II der Abhandlung kümplf Lob mit guten Gründet! gegen die durch das Urteil des prctissisclicn Obcrvcrwaituiigsgcrichts vorn 10. Juli 1897 ausgesprochene, der bisherigen Auffassung widersprechende Anschauung, dass der Landrabbincr nicht als Staatsbeamter anzusciicn sei, Audi die Stellung der Lehrer und die Frage der Jüdischen Volksschule werden behandelt. Ein umfassendes LItcraturvcrzciclinis und einige als Anhang beigefügto geschichtliche Anlagen erhöhen den Wert dieses schätzenswerten Beitrages zur Entwicklung• und zur Lage der Juden Deutschlands. Unseren jungen Akademikern empfehlen wir dringend, in ihren Doktordissertationen, welchem Anlasse auch diese Schrift ihr Entstehen verdankt, (ihnilchc Themata jüdischen Inhalts zu bearbeiten; einer wohlwollenden Kritik seitens der Fakultäten dürfen sic sicher sein, da sic sich mit solchen Arbeiten auf ein neues, wenig bearbeitetes, aber dankbares Gebiet begeben. Dr. T. Eingegangene Bücher Denaungen sma nur an aie Kcaaktton der ״jQdiKChon Rundichau•. Chartöttenburff. ülrIbircusir.jtv. 1u richten. Ruckiendungkann nicht •tattllnden. Dl« mit beielchneten Werkt Und lerelu tur Besprechung vergeben. Erez Israel. ״Dos Jüdische Land.“ Von J. H. Kann. Köln und Leipzig, Jüdischer Verlag. 1909. (Mit einer Titclzeielinung von Josef Israels, zwei Karten und mehreren Illustrationen). VIII und 185 Seiten. * Mitteilungen zur Jüdischen Volkskunde. Organ der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde in Hamburg etc. .... Hcratisgcgcb. von Dr. M. drunwaii 11, Jalirg. 4. Heft. Leipzig, M. W. Kaufmann. 1908. Rälfs monistische Philosophie. Dynamo- und Pneumato-Monisntus. Von Dr. Oswei Aronowicz. Frankfurt a. M.. L. Golde. 1908. 70 Seiten. # Th« Jews 01 Illinois, Sncclal Issuc of tlic Re- ■׳ form Advocatc. Chicago, Bloch and Newntan 1909. I .