Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nu. 7. JUEDISCHK RUNDSCHAU Seite 77. Berlchliflung J :* * 5־"— Der in No. 5 Ihres Blattes vom 5. Februaräbgedruckte Artikel des Herrn Dr. L. Weinberg' aus Dortmund »her ״Die Juden in Westfalen“ bedarf in dem von uns handelnden Teile folgender Bericht!- jung: I. ־י•* i'W•‘ wahr• dass unser Verband ‘voranlasst wurde“, sieh mit der Angelegenheit Jacobcohlenz zu befassen. — wahr vielmehr Ist. duss der Ausschuss unseres Verbundes sich mit der Angelegenheit befasst hat und zwar nus eigenem Antriebe. I Es ist nicht wahr, dass der Verband ״trotz Proteste*•• die Angelegenheit auf die To'gcsordung H't/tc.•— wahr ist nur, dass, als der betreffende I»unkt der Tagesordnung in der Sitzung verhaudelt werden sollte, lediglich Herr Dr. Jacob selbst in einer vom Vorsitzenden erbetenen kleinen Pause eilends einen sogenannten Protest gegen die Verhandlung dieses Punktes niederschrieb und dann verlas. .א׳י •י ist nicht wahr, dass der Verband ״sich auf dein letzten Verbandstage dazu hcrbclllcss, das wenig glimpfliche und unzarte Vorgehen Dr. iacob'8 durch eine Rüge zu brandmarken“, — aalir vielmehr Ist, dass der Vorbandstag die von Herrn Dr. Jacob gewünschte Verhandlung־ pervnilieher Streifigkeiten überhaupt nicht zuge• lassen hat. 4 i!s ist folglich auch unwahr, dass ״dieser Akt den Austritt der Dortmunder Gemeinde aus unsenil Verbände zur unmittelbaren Folge hatte", wahr hingegen ist, dass Herr Dr. Jacob auf (iriiinf der virti unserem Ausschüsse volle!'.־ Monate sp/ltcr gefassten Resolution, welche un Interesse des gedeihlichen Zusammenwirkens der Ausschussmitglieder die Form und die unsachlichen Angriffe der Jacob’schcn Kritik verurteilte, hei der ncmcindc Dortmund den Aus* tritt aus dem Verbände forderte und erzielte. Dortmund, den 9. Februar 1909. Der Verband der Synagogcn-Gemelnden Westfalens. S. Flörsheim. Vorsitzender. » AUS ALLSR WCLT t I I Deutschland Die zweite Lesung des prcusslschen Justizetats ist glücklich vorüber, ohne dass die leidige Frage der Zurücksetzung Jüdischer Anwiirtc r im Justizdienst unseren herrlichen Ülockfricdcn gestört hätte. Die ״freisinnigen" Parteien, die sonst in solchen Fragen ״der Not gehorchend", das Karnickel spielen mussten, hatten die einzig richtige laknk gewühlt: Sic schickten die Justizrütc Cassel und Pcltasohn vor. Denen brauchte man es nicht erst zu sagen, dass cs im gcgonwürtlgcn Zeitpunkt inopportun sei. derartiges nuzusclincldc». Immerhin ist es erfreulich, dass auf die Herren die Geschichte von den sauren Trauben nicht anzuwenden ist, sondern dass sic sich mit aller Wärme i׳.r Amtsrichtcrdicnstwohmmgcn und dergleichen ins Zmg geiegt haben. I’.inem polnischen Redner erwiderte der Herr tusti/ministcr, dass man bei der Anstellung Im Justizdienst nicht gegen die Verfassung, sondern im Interesse des Staatswohls verfahre. Das war «loch wohl nicht so allgemein gemeint? . fa• * In Bozen Ist am 0. Februar der frühere Reichstagsahgcordnctc Hofprediger a• D, Adolf Stöcker, Jahre alt, gestorben. Stöcker war einer der intransigcntcstcn Münncr teuer protcstavAlsch-Wcrikalcn Richtung, die steh ln den letzten Jahrzehnten, begünstigt von der Zunähme des allgemeinen politischen und religiösen, heuchlerischen Strebertums, so herrlich weit n Deutschland entwickeln konnte. Wir Juden haben in Sü.ckcr den Mann uns zu merken, der cs vcr8‘fna' ״״!er Spekulation auf kleinliche, spießbürgerliche Instinkte gewisser deutscher Volksschichten den ״Feldzug gegen das ausbeuterische Judentum zu organisieren, Jene berüchtigte ״Berliner 8®^®*®')* zu inszenieren, die freilich nur einem tiefgefühlten Bedürfnis zu entsprechen schien, da sie .sich mn rapider Geschwindigkeit wie eine Seuche über aas l-nnd verbreitete. Stöcker hat den Antisemitismus nicht geschaffen — der Antisemitismus wird deshalb trotz allen Frohlockcns über den ״seit langem politisch toten Mann“ mit Stöcker nicht zu Orabc gehen. Aber Adolf Stöcker, der P r e UI g 0 r d 0 r c h r lst״ liehen Nächstenliebe, hat dem Antlscmltls״ ״us In Deutschland die gemeingefährlich® Giftigkeit clngcflösst, hat Ihm Jene taktlose soziale Drutalitüt gegeben, durch die *Ich dlo deutsche Spezies des Antisemitismus vor den fremdländischen Arten so überaus unangenehm auszeichnet. E* ״׳8®״יי strebt uns selbst in diesem Falle, dein Toten, angc* sichts des kaum geschlossenen Grabes auch noch oHe seine persönlichen Mängel uachzurcchncn. Wir haben uns mit Stöckers Persönlichkeit noch• erst kürzlich beschäftigen müssen und können daher heute darauf verzichten. Adolf Stöcker war bei aller Stärke seiner Persünlichkcit doch kein Original — er war nur ein bcsonders scharf ausgeprägter Typus, dom wir Im heutigen Prctisscn-Dcutschland leider oft begegnen, da die Stimmung, die einst an hoher Stelle das Wort von der ״S t ö c k c r 01 und M u c k 0 r e l“ erzeugte, bedauerlicherweise nicht lange vorgchaltcn hat. Stöcker Ist tot ״־־die Stöcker sind geblieben." F.ln Haupt Ist der Hydra des fanatischen Judenhasses abgeschlagen, und hundert neue st rockt uns die lernälscho Schlange entgegen. Wer da glaubt, dass cs mit dem Kopfabschlagcn getan sei, ist hier wie anderwärts, im Irrtumcl Ib, In den .IJIätfcrn für 'Erziehung und Unterricht" teilt Redakteur Steinhardt in längeren Ausflihrungen u. a, mit. kürzlich habe ein ihm bekannter Bucluiruckcroibcsltzer eine Lehrlings stelle ausgeschrieben. Unter den Bewerbern seien auch drei Junge jüdische Lehrer gewesen. Scharenweise wendeten sich Jüngere Jüdische Lehrer anderen Berufen zu. Das ist die Wirkung des Volksrcliullchrorscfotzos auf die jüdischen Lehrer, die sich schon ohnedies in keiner allzu rosigen Lage befinden. Russland In einem Interview mit dem Vertreter eines iimerriissiseiieii Dluttcs hat der Duma Präsident C11 o m J a k 0 w wieder einmal Gelegenheit ge• nominell, dureli Aeiisseruugen Uber dlo Judenfrugo zu beweisen, dass er das /,.eng zu einem hervorragenden Stantsuiaimc besitzt. Hr sagte: ״Ich bc• trachte die Jüdische Frage folgcmlcrmasscn: Den Juden ist so manches verwehrt, sic dürfen nicht überall wohnen etc., aber wenn der Jude etwas Geld hat. so gelingt cs ihm leicht, alle Hindernisse zu umgehen, und der Unterschied zwischen uns Russen und den Juden bestellt eigentlich nur darin, dass die Juden für vieles zahlen müssen, was wir Russen umsonst hallen. Olfen gesagt, wenn wir hier auf unsere Polizei Rücksicht nehmen wollten, dann dürften wdr das Projekt der Abschaffung des iiidlschcn Ansicdluucsravons nicht ,nmelmien. (Denn das Bestehen aller dieser Beschränkungen ist natürlich für die russisciien l’olizeiheaiiiten eine dauernde Quelle regel-!nissiger licstcchuiigschiuahutcii. die in Russland so alltäglich sind, dass mau sie als völlig seihstverständlich betrachtet. Der Referent.) Wollten wir , aber der Polizei einen Schabernack sniclcn. so müsste die Reform durchgetührt werden." Dlcso profunde Staahwclslielt gibt der Präsident der russisehen Rclclisdunin dein auihorchcnden Russland zum besten! Bekanntlich hat derselbe Herr sieh früher einmal dahin gchusscr». dass er sehr froh sein würde, wenn er eines Morgens erwachte, und cs in Russland keine Juden nicht• gäbe. Aber diese svml'nthische Gefülsisilnsscrung war doch immer noch erheblich ernster nls die Albernheiten, die Herr Chom- Jakow letzt ־־n vcr/anlcn geruht. Gelegentlich der Beratiuntcii über den Terrorisums hat kürzlich der bekannte Abgeordnete der Partei der Volksfreiheit (sogen. ״Kadetten") Rodlt* sclicw. eine Rede gehalten, die ausserordentlich ׳• *וי•,1)!״!,׳ou der Art. hi der frtPmr •He Kadetten die Jmlenfraao In der Duma zu behandeln pflegten. Von der Rechten des Hauses war natürlich hei dieser Gelegenheit auf Kadetten, Revolutionäre und Juden weidlich geschimpft worden, und 11 a in e 1111 i c 11 d e 11 .111 d c 11 wurde die Hauptschuld an dem Entstehen und UmsicligrcHcn des revo- 1111 i o 11 ä r c 11 Terroris m 11 s zugeschricbcn. Dagegen wendet sielt mm Rodltschcws Rede. In der er u. a. folgendes sagte: ״Man macht uns darauf aufmerksam, dass das Zentrum des lerrors die Jüdische Agitation sei. und dass alle Revolutionäre und Terroristen Juden seien oder von Juden abstammten. Meine Herren! Wenn dom 10 wilro. Slo hätten kein Recht, steh darüber zu wundernI Denn soiango dlo Rechtlosigkeit und dlo Verfolgung der Jetzt unterdrückten Bevölkerung dos Reiches andaucra wird, soiango worden Sie auch don Terror nicht abschaffen können, Wann Slo den politischen Morden ein Ende machen wollen, so gibt cs nur einziges Mittel, dass Sie nämlich Gerechtigkeit beachten. , Verletzen Sie nicht fortwährend das Rcchtshcwusst• ' sein eines bedeutenden Teiles der Bevölkerung." 1 Auf einen Zwischenruf hin fuhr Rodltschow mit er- 1 hobencr Stimme fort! ״Jawohl, molno Herren, wir I ן)מןן hier erschienen, um dlo Gleichberechtigung der Juden zu erkümpfont Machen Slo der fortgesetzten Ungerechtigkeit ein Ende, und Sie worden solcho gesellschaftliche Bedingungen schaffen, unter denen politische Attentate als Masscncrschclnung unmöglich sein werden. . . . Für Russland ist dlo Frage dor Gleichberechtigung eine Grundfrage, und ohne diese Praao gelöst zu haben, worden Slo kein nouos Russland׳ erlebenf Nur mit dor schleunigen Beendigung des alten Systems können Sio Jene Stundo herbeiführen, in der Russland eine neue Epoche des Fort- Schritts und des Friedens beginnen wird." Wenn diese Rede wirklich bedeutet, dass die Kadetten von ihrer bisherigen lauen Taktik in der Judcufrngc. gegen die der jüdische Abgeordnete N i s s c 10 w i t s c h mit grossem Mute seit langem ankämpftc. ahgehen wollen, so wäre sic schon durum erfreulich, auch wenn man nicht glaubt, dass dadurch etwas an der tatsächlichen I.ngc der Juden In Russland geändert wird. Qalixien Mitte Januar fand in Lemberg eine Konicrcnz der Vertreter von 19 lüdlschun Gemeinden Galiziens statt. Um diese Konferenz richtig würdigen zu können, muss nun die Jüngsten Ereignisse in den österreichischen jüdischen Gemeinden kennen. Im April vorigen Jahres fand nämlich in WI c n eine Zusammenkunft von Vertretern der Jüdischen Gemein• den aus ganz Oesterreich statt, bei der beschlossen wurde, für Oesterreich eine allgemeine jüdische Organisation zu schaffen. Es wurde damals auch ein Komitee gewählt, dass die Statuten ausarbeiten sollte. Dieses Komitee versammelte sicli erst Ende November zur Besprechung eines Entwurfes von Snnnenstein-Troppau. Aber als cs zur praktischen Durchführung׳ der allgemeinen jüdischen Organisation kam, sträubten sich dlo Führer des Ualizischen Kahals dagegen. Die ״Pölen mosaischer Konfcssion" waren wieder einmal gegen eine allgemeine Organisation der Juden und erklärten unter allerlei nichtigen Vorwänden, sich dem Beschluss der Konferenz vom April nicht fügen zu wollen, well diese Konferenz nicht kompetent gewesen sei. einen solchen Beschluss zu fassen. Diese Herren sind cs. die nun in Lemberg eine spezielle galizischc Konferenz veranstalten, zu der sie bezeichnenderweise von den 250 Jüdischen Gemeinden Galiziens ganze 19 (!1) Gemeinden cingcladcn haben. Und auch in diesen 19 Gemeinden wurden die Wahlen derartig ״geleitet", dass von vornherein die Annähme der vorbereiteten Resolution gesielten war Der Erfolg entsprach der Sorgfalt der Vorbereitungen. Es gelangte eine Resolution zur Annahme in der sich die Konferenz aus verschiedenen scheinheiligen Gründen gegen das Projekt einer allgemeinen Jüdisehen Organisation aussnricht. Statt dessen wird den galizischcn Gemeinden vorgcscldagcn. ״sich zum Zwecke des Rechtsschutzes" dem Allgemeinen ()österreichischen Israelitischen Gemoindclnmd in Wien anzuschlicsscn, einer Organisation, die natür« Heil ganz andere Aufgaben hat als sic die geplante Gesamtorennisation erfüllen seilte, und in der ausserdem kein besonders reges Leben herrscht. Ausserdem wollen die genannten jüdischen Polen einen galizischcn Landesverband schaben, in dem sic natürlieh die Oberhand haben wollen. Unter dem Vorgeben, religiöse Streitigkeiten zu vermeiden, und die Selbständigkeit der einzelnen Gemeinden und Landesverbände aufrecht zu erhalten, werden also die Interessen der galizischcn Juden, die dringend eine Gesamtorennisation der üstcrrclchischcn Juden fordern, rücksichtslos preisgegeben •nnd den Interessen einer kleinen CliaUc geopfert. Glücklicherweise haben die anderen die Gefahr heeriifen und haben, ohne sicli um die Beschlüsse der Lemberger Konferenz zu kümmern, eine neue Konferenz auf den 21. Februar zur Wcitcrfülirung ihrer Arbeit, nämlich der Schaffung einer wirklichen Gcsamtorgaiilsatfon der österreichischen Juden einberufen. Auf diese Weise ist nun auch den seinerzeit ausgcschicdcncn Gemeinden nochmals die Möglichkeit gegeben, sich an der nllgcnicincn Arbeit zu beteiligen, die mit ihnen oder ohne sie ledcnfalis durchgcfilhrt werden wird. Es bleibt zu hoffen, dass auch die bisher abseits Stehenden sich nunmehr die Sacho reiflich überlegen werden, ob sie durch ihr Fernbleiben ein so grosses und durch die ZcitvcrhüHnlsse gebieterisch erfordertes Werk weiter stören wollen! Kroatien » ^Cm. l*ro»G*ch0f1 Freidenkerkongress, der Ende Dezember vorigen Jahres in Zagreb (Agram) tagte, äusserte sich Dr. Hinkovlc, einer der her* vorrogendsten österreichischen Kriminalisten über die Judenfrage: ״Es ist wahr, dass die Juden verfolgt wurden, aber gerade durch diese Verfolgungen erzielten slo so viel Widerstandskraft, so viel Solldarltütsgeflild. dass sic allen anderen Völkern als Vorbild dienen könnten. Wahr Ist cs auch, dass sie Christum weder verurteilt noch getötet haben, aber es ist auch wahr, dass sic cs deshalb nicht taten, weil sic überhauot keine Macht hatten. Dio Kirche lehrt und dlo Katholiken glauben es, dass nur der Sohn Gottes durch seinen Tod die Menschheit erlösen konnte, und wäre dieser Tod nicht gewesen, so gäbe cs auch kc no Erlösung: und hätten ihn die Juden nicht angeklagt und Verfolgt, so wäre es auch zum Tode n cht gekommen.! so folgt nach dhscr Logik, dass die Juden dl• Vorsussetzung dieser Erlösung ermöglicht hatten, dass 110 Oottes Willen erfällten. Und