Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651605-2651613--06227-2663301- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 70. J U 1: DJS C II P jUtNPSCHAlf. vereine aui seiner Tagung In Kassel nach einem ein• ßchcndcn vortrefillchen Referate des — Herrn Dr. K. vielleicht doch wenigstens dom Namen nach hekannten — Renlscliiililirohtors Dr. Adler In Frank- Inrt n. AI., eines der ersten liidiselien Schulmänner der Gegenwart, beschlossen, Ich kann die Gründe, welche die in Sachen der Schulpolitik durchweg liberale Lehrerschaft zu diesem Beschlüsse veranlasst hat, im Kalunen dieser kurzen HrwUlenin: nicht aulflihreii und würde Herrn Dr. K. empfehlen, das gedruckte Referat des Herrn Direktors Dr. Adler eifrig zu losen, ehe er wieder scliulpolitisolio Artikel schreibt. Nur die Gründe, welche gerade für die Ostmark eine Aufrccliterlialtimg der jüdischen Schulen notwendig machen, will ich kurz uiittcilcu. 1. Werden die jüdischen Volksschulen aufgehoben, dann sparen die ostmürkisclien Juden kein Kapital, sondern sie werden noch schwerer belastet. Herr Dr• K• hat wiederum keine Kenntnis davon, dass die jüdischen Hausväter hei Auflösung ihrer Sozietälsschule Scliiilstciicrn an die evangelische oder katliolische Sclmlsozietät gesetzlich zahlen müssen. Hier aber betragen die Seliulbelträge durchweg noch einmal mindestens aber l:l» mal so viel als die Beitrüge für die ciuklassigc jüdische Zwergschule. Die ostmürkisclien Juden sind in den kleinen Städten last durchweg die liuchsthcsteuerlen, eine Hiiiölmng der Schiilheilrägc würde sie also ganz besonders belasten. In der sicheren Hikciiiitiiis dieser Tatsachen würde die Kgl. Regierung einem Antrag auf Aufhebung der jüdischen Zwergschule mit Vergnügen urteilkommen, sobald nur der jüdische Lehrer anderweitig versorgt ist. Demi die Regierung spart ja heim Hinzutritt so kräftiger Steuerzahler einen Teil ihrer Stnntshcihitfcu für die christlichen Sehulsozictaten, die sic fast alle erhalten; 2, der Lchrcrilhcrfhiss, über den gerade die jüdische Lehrerschaft der Ostmark auf ihrer letzten Tagung so eingehend beraten hat, würde durch Aufhebung der jüdischen Schulen noch grösser werden denn an christlichen Schulen finden bekanntlich iü'disehe!.einer keine Anstellung und Siimiltanschulen, an welchen jüdische Lehrer Anstelhing linden, gibt cs gegenwärtig nur an drei Orten der ganzen Provinz Posen. Hat Herr Dr. K. bedacht, was die ostmürkisclien Lehrer in banger!•'rage auf ihren Verhandlungen zum Ausdruck brachten: ״Wohin mit den jüdischen VolksseiuillchrernV"; 3. bei einer Aufhebung der jüdischen Volksschulen würde aber — besonders in rabbinerlosen Oemcinden und dort befinden sich die meisten jüdischen Volksschulen -־ den jüdischen Schülern der höheren sowohl als auch der niederen Schulen kein ordnnngsmiissiger Religionsimterricht erteilt werden können, denn dass die Knltusbeamtcn trotz ihrer sonstigen Berufstiiehtigkeit. besonders die nicht scminarisch gebildeten, von der Kgl. Regierung niemals zum Religionsunterricbt an den öifcntllchcn Volks- und höheren Schulen zugelnsscn werden, scheint Herr Dr. K. auch nicht zu wissen. Oder macht ihm die religiöse Versorgung der jüdischen Schulen nicht so viel Kummer, als die kulturelle Schädigung der ostmärkischen Juden durch jüdische Zwergschulen? — Iiu Interesse der ostmürkisclien Juden und der ostmärkischcii Gesamtheit ist dringend zu wünschen, dass die Zurückweisung der Behauptungen des Herrn Dr. Carl Kassel In Posen In den weitesten Kreisen bekannt werde. * Dazu schreibt 1ms der Verfasser des von Herrn Lehrer Becker angegriffenen Artikels folgende Zeilen, mit denen wir vorerst die Diskussion dieser Angelegenheit abschlicssen möchten. Hine Hrwidcrmig meinerseits auf die Angriffe des Herrn Becker? Welchen Wert sollte sie haben? Sachlich gibt es keine Billigung zwischen mir, dem Anhänger der SiimiHaiiselmle, und dem Verfechter der Konfessionsschule, Sachlich gibt cs keine Einigung zwischen dem, der die Zwergschule wegen ihrcr pädagogischen UnwcrtigkcJt zu beseitigen wünscht und dem Pädagogen, der, um das System zu verleidigen, das pädagogisch nicht zu halten ist, unter* legt, anstatt aiisziilegeiil Scheu Sic, Herr Becker da beginnen auch zwischen uns beiden ästhetische Differenzen, mau könnte sie vielleicht noch anders nennen[ Zeigen Sic mir, Bitte, die Zeilen, das Wort, womit ich auch nur im Hutferutesteii dem Staude der jüdischen Lehrer zu nahe getreten bin. Ihr Versuch, mir eine derartige Kränkung tmferzitschicheii, ist in den Grenzen parlamentarischer Diskussion sehr wohl zurückzuweisen: Sic behaupten etwas öffentlich, was den Tatsachen nicht entspricht! Die Lehrerschaft kämpft seit Jahren den .schönsten Kulturkampf gegen die ALtssciiselmlcn mul gegen die Zwergschulen, deren Miiulcrwert von allen Pädagogen bestätigt wird. Liegt ii! dieser Bestätigung etwa ein Angriff gegen die — moto* Ü ’lu•!! f .«!.»,•■•V Womi ]!Mit ftitl Dorfsehullehrer, dem eine Kritik an einem Schulwesen mit 271) Kimlern und einem Lehrer in die Hände Käme, sieh liiiisctzen und sachliche Systembelcuehtung mit einer Verteidigung des Dorflelirerstaudcs bcant- Worten wollte, den würde die Redaktion aushiehcn oder. Wenn diese boshaft wäre, so würde sic den Artikel ohne Kommentar abdrucken! Herr Becker kämpft — freilich nicht mit schönen Mitteln - für den Stand der jüdischen Lehrer. Wohin mit ihnen, wenn die jüdischen Volksschule» ver-! schwinden? Als Gegner der Konfessionsschule stellt mir das Ganze höher, wie der einzelne Stand. Daher fehlt hierüber jede Diskussioiismöglichkcit zwischen uns, ohne dass es mir etwa einfielc, den Anhängern der Konfessionsschule' so zu begegnen, wie Herr B. es mit seinem Gegner tut. Die Vorlesung über die Stellung der jüdischen Lehrer in den christliche» 1 Kollegeiikreisc» ist überiHissig; denn, abgesehen! davon, dass cs selbstverständlich auch grundsätzlich j antisemitische Lehrer gibt, verhält sich Jeder Christ- liehe Lehrer zu ledern jüdischen Kollegen je nach; seinen Leistungen und je nach seinen persönlichen j Dualitäten, Sollte sich in einem Palle eine Ablehnung j eines Jüdischen Lehrers seitens der gesamten Kollegen zeigen, so wird ernsteste Sclbstprüfung des Jüdischen j Lehrers notwendig sein. Das Urteil der christlichen 1 Lehrerschaft über die jüdische ist ein gutes und als י solches mir längst bekannt. Leider muss ich diese Punkte hervorheben, weil nur hierdurch verhindert I werden kann, dass Herr Becker mit seiner Unter- Stellung Recht ,behielte. Herr B. reduziert die Zahl der Zwcrgschulopfcr auf 30 von 30000 ostmürkisclien Juden, Pädagogen; nehmen an, dass der erste Unterricht der grundlegend | wichtigste ist. Daher bemüht man sicli jetzt, die 1 tüchtigsten Lehrkräfte in die untersten Klassen zu! setzen. Ich möchte es unterlassen, weitere Folge- I rungen liier auszusprechen, möchte cs aber nocli 1 einmal licrvorhcbcn, dass an ihnen die jüdischen No. 7. Lehrer keinen Anteil haben, sondern dass sie dem gHmia^tcui zur Last fallen. Dieses zu beseitige״ samtlicit. Ich hätte gewünscht, diesen Dingen in der Hr. widenmg einen etwas breiteren Raum gewähren zu können. Hs ist alter zu schwer, aus dem etwas laug geratenen Artikel des Herrn 13. die ernsten Punkte lierauszufindcn, die teilweise Widersprüche konstruieren, wo keine vorhanden, teilweise himm. lische Verzückung vor jüdischen Abgeordneten etc. ausdriieken, die ich gar nicht zu teilen vermag! Ich übergehe gern all' das, auch das Kapitel Aesthetü; — selbst in Verbindung mit Richtern, Kreisärzten, Stadt, verordnten usw.־ P.s ist nicht in Kürze und Pik y.u erledigen. Sie werden mir Feigheit, Rückzug vorwerfen I Ach nein, das sollen sonst nicht tut ine Higcnsclniften sein. Nicht in diese Grenzen'hinein gehörte eine Urwiderung auf. den Satz: ״Weiss Herr Dr, K. nicht, dass an den Volksschulen der Stadt Posen, die ca. 60 jüdische Schüler zählen, 8 jlidis.he Volkssehuilchrer angestellt sind, Lehrer, denen er die Schuld an den ungenügenden Leistungen der;..!i• sehen Zwergschulen beimisst?" Nun, Herr Heem-r. wenn ich nicht so liebenswürdig wäre, für du .sc dreiste Behauptung als Entschuldigung den Umst ::1d aiiziiueltuieu, dass Sie nicht imstande sind, Sy.'-tv.-n von Person zu trennen, so würde ich diesen I! cn Versuch, die Posener jüdischen Lehrer, deren <.״•!. tung mir wie kaum einem am Herzen liegt, als \!ן• griifspunkt meiner Kritik hinzustellcn, in wesen:;.eh anderer Form zurückweisen. Ich weiss sehr wohl, dass das Thema, das eh besprochen, sielt cfiicm in verschiedener Beleucht:::!*.׳ zeigen kann. Je sachlicher und kürzer seine Be• spreehmig, desto zweckdienlicher für die Sache. Daher bedaure ich. durch die Angriffe des Herrn R gezwungen worden zu sein, sachliche Erwidern!»: mit persönlicher Zurückweisung zu verquicken. 1 •a• ' bei bin ich mir bewusst, dass die sachliche Seite gegenüber dem persönlichen Moment zu kurz ge• kommen ist. Aber dieser Umstand, der mir aufge• zwungen ist, lässt die Sachlichkeit des Gegners be• 1 werten. * Dr. Carl Kassel. Posen.! Die Juden in Westfalen Zu dem in voriger Nummer unter diesem Titel veröffentlichte» Artikel von Dr. Weinberg• Dortmund sendet uns der ״Verband der Synagoge»• Gemeinden Westfalens" in Dortmund eine sogenannte ..Berichtigung“, um deren Aufnahme er unter Be• ziigiiahtne auf den § 11 des Gesetzes über die Presse ersucht. Obwohl w׳ir auf Wunsch jede solche H r w'idcrung —• der Name ״Berichtigung" ist für das folgende Skriptum eine ganz unangebrachte Htiquette und offenbar nur behufs Anrufung des Pressgesetzes gewähltI — 01111Q weiteres loyale* Weise mitgenommen hätten, wenn sic nur einiger• (nassen sachlich im Tone w׳ar. so müssen wir doch unserem Bedauern Ausdruck geben, dass ein indischer Verband sich nicht scheut, ein so absolut inhaltloses Schriftstück, wie diese ״Berichtigung", die aber auch gar nichts Tatsächliches oder irgendwie NVeseiit• liebes wirklich berichtigt, einer jüdischen Zeitung aufziidrängcn. Der § 11 ist viel, aber selten ärger missbraucht worden. Nun mögen unsere Leser selbst urteilen: Am »ächsrcn Tage in Qottes Frühe befand sich Sarah bereits auf dem Markte. Sie feilschte und handelte bei einer Unzahl von Bäuerinnen, bis s'׳c sieh endlich entschloss und tun drei U111den einen Indian käuflich erwab. Obwohl die Last ziemlich schwer war, trug sie sic doch mit Wonne. Sic sali sich nach allen Serien tun, ob sie wenigstens, gesehen werde. Leider bcgeg> ncto iJtr keine einzige bekannte Person in dieser frühen Morgenstunde, deshalb fasste sie auch, als sre bereits in der nächsten Nähe ihre Wohnung war, den Entschluss, einige Strassen zurückzugehen, in der Hofinung. ein bekanntes Qesieht zu ervvisclicn. Und als cs ihr dennoch nicht gelang und der Indian unruhig zu werden begann, ging sic endgültig nach Hause. Als Sarah in die Stube trat, sass Schmul bei der Maschine und nähte Er wusste wohl, wer jetzt ointrat, docli hob er nicht den Kopf und sah sich nicht um, um so gewissermassen die Freude der Erwartung nicht abzukürzen. Erst als Sarah hart an der Maschine stand, erhob er sielt vom Sessel. Sic übergab ihm mit einem stolzen Lächeln ׳den Indian. Schmul bewegte Hin auf und ab in seinen Händen, um das Gewicht zu erraten. Dann bl'cs er ihm in die Federn, um sich vom Zustande seines Fleisches zu überzeugen, griff ihm in den Kropf und sprach: ״Ein prächtiges 1 Kerl'“ ' Hierauf wurde der Indian, nachdem er \ seinen Fesseln entledigt worden, auf die D'elo gestellt, Er reckte sielt, schüttelte d’en Strassen- I staub von seinen Flügeln, streckte den Hais und scliltig ein Rad. Schmul hielt sielt die Selten vor Lachen. Frau Sarah sah beglückt auf den neuen Gast. In diesem Augenblicke trat der ältere Sohn j dn. Als er des Indians ansichtig wurde, schrie j er mit lauter Stimme: ״Boruch haboi" ן Jossl aber sass im Cheder und lernte den WochcnabseUuitt. Es ging ihm schon lange nicht so schlecht wie heute. Er war ganz einfach nicht bei der Sache, konnte, so oft cs der ״BcJiclfcr" von ihm verlangte, den Satz n'clit wiederholen und musste daher fortwährend mit Rippenstössen oder Kopfstücken vorlicbnchmcn. Er sass da mit glühenden Wangen und leuchi tenden Augen und cs war nur ein einziger Ge- [ danke, der ihn bcschfift'gtc: Ist er schon zu j Hause oder ist er noch nicht zu Hause?! Alls cs endlich elf Uhr wurde, musst’e er J sielt sagen: Ja, Jetzt ist er zu Hause. Er erhob i sielt von seinem Sitz und bat um die Erlaubnis, 4 hinauszugehon. Kaum war die Türe hinter ihm ins Schloss gefallen, als er die Arme cinbog, siic 1 .in die Seiten stemmte und wie ein Reit davonstürmte. Er l!cf über Stock und Stein, wie ein ge• betztes Wild, Als e«r um cincEeke bog, schlug er mit einem Burschen zusammen und beide pur• zelten der Länge nach hin. Ein jäher Schmerz ergri י ihm das Bein, doch Jossi achtete nicht darauf, sondern lief weiter, immer weiter,!לויי er sein 7,fc\ erreichte. Er riss nvt aller Gewalt die Türe aui. Zn• nächst sah er nichts, denn die Augen versagten ihm vor Aufregung, Dann erblickte er etwas sich Bewegendes, Befiedertes und als er gm hin• sali, da war cs ein richtiger leibhaftiger, wirk* lieber Indian .... * __״vuwi^ c-immen zu naben. In Mitte stand jetzt ein neues Lebewesen, diesem war alle ihre Sorgfalt gewidmet, drehte sich um den Indian. Jeder erblick ihm etwas Neues, Merkwürdiges, noch nie seltenes. Und was die Hauptsache war, konnte sich von den Leuten beneiden la fSchluss folgt.) J