Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sciic 74. UI; DI SC Hi: RUNDSCHAU. des Generalstreiks, iällt, in welchem die Fiiikonnnensiiuellen des Komitees so gut wie völlig versiegten, wird mau die Rührigkeit des Komitees in den folgenden zwo! Jalircn umso höher einsclu'itzcu müss׳.m. Vieles hiervon wird freilich auf das persönliche Konto der gegenwürtigen Leitung des Komitees zu setzen sein: in; den letzten l.s Monaten der Bcriolitspcriode hatte das Komitee in der markanten Persönlichkeit Ussisehkins einen tatkräftigen, ziclbewusslen n1׳d umsiclit'gcu Führer. - Die Konferenz vom!>., 10. und II. Februar sull 111111 über die Mittel und Werte beraten, wiu die Tätigkeit des Komitees den Anforderungen iks gegenwärtigen wichtigen Zeitmo* nieiits entsprechend weher ausgebaut und er• weitert werden soll. Das lebhafte Interesse, welches zurzeit .iiifolge der Neugestaltung der j türkischen Staatsverhältnisse in weiten Volks-; kreisen den Fragen der Palästinaarbeit ent• j gcgeiigebracht wird, die• leichlialt'gcn und akj tucllen Traktanden der Konferenz, die das Komi* J tee in weht geschickter Weise trotz Tolmat- I sehow und ״verstärkten Schutzes״ auszuarbeiten ן verstand, berechtigen zur Hoffnung, dass die; Verhandlungen der Konferenz von erheblichem I Nutzen für die praktische Palästinaarbeit sein; werden. Möge die Konferenz die in sie gesetzj teu Hoffnungen rechtfertigen! i Gustav Tuch Mitglied des ״NationalvereiiiM״, und bald nach BeCii• divamg des Kriege:'. ISöü beteiligte er sieh au den jiilirckuucn Kämpfen, «Ile den Ansciihiss Hamburgs, das «laimds noch Zollauslaiid bildete, an die deutsche Wlrtseliaftsspliaie erstrebten. Nachdem er mehrere Jalire Leiter der Ktumnerz• mal Diskonto-Hank und später der Angio-Deiitschen Dank gewesen war, trat! er 1S7-I in die Redaktion der damals liberalen, jetzt j nltrareaktloiinreii ״Hamhur g0r אaeh r ich t e n" ein. Hie Winulhimr der B is m 11 r e k sehen Wirt* schaftspolitik Im .Jahre IS/’O mul die bald darauf einsetzeude :mtiseuiitiselie Bewegung machten seiner Rcdaktmiistätigkeit und nicht viel später auch seiner politischen Betätigung ein Bude. Als fünfzigjähriger Mann iiiachle er einen dicken Strich unter seine politische Vergangenheit, an die J er später niemals eriimerl sein wollte, und begann ן 11 t /1 erst, sich mit * ii d i s e h e 11 I׳' rage 11 zu hej schäbigen. Hie eigenartige Verfassung der Haint Imrgcr jüdischen Ocuicindc kam .seinen rein sozialen, jedem Religiösen abgeneigten Bestrebungen sehr zu ן statten. Die .lahrlmiiderte laugen religiösen Zwistig-; Leiten iuuerhalh der Hamburger Oemcinde hatten י eine Lösung dadurch gefunden, dass das Prinzip der ,׳ Trennung von Staat und Kirche in der (lemeindeverfassaiig strikte zur Durchführung gelangt war. Während sieh die GeineiiiJc• lediglich mit der politischen Vertretung der ludensehaft und den sozialen Attigaben zu befassen hatte, wurde der Kultus zwei hcsonderen Verbänden überlassen, dem orthodoxen Syuagogeiivcrbaude mul dem ״liberalen" Tempelverbünde. Und so kam es, dass Chistav Tuch, der!ns zu seinem!abenscude keinem der beiden genannten Kultiisverbämlc angehort und wohl kaum Mi! Gustav Tuch, der am 1. Februar im ".י. LeiKtisiahr lieitugegangeu ist, scheidet die markanteste Pcrsünllehkcit aus dem jüdischen Lehen Hamburgs. Bast alle modernen jiUlisclieu Institutionen der Stadt verdanken ihm ihre Umstellung oder sind doch mit seinem Namen aufs innigste verknüpft. Die .ludenschaft Hamburgs folgte willig dein rastlosen nie ermüdenden Liier ihres Führers. Seine nusserordeuiliehe Willenskraft und seine glänzende Beredsamkclt wussten alle Hindernisse, die ihm entgegentraten, aus dem Wege zu räumen, Ls ist charakteristisch für die Lntwickching der deutschen Judcnheit des verflossenen Jahrhunderts, dass Gustav Tuch erst in späten Jahren sein jüdisches Herz entdeckte. Seine Jugend und sein bestes Manncsaltcr galten ausschliesslich dcutschnationalen Interessen. Zum Studium der Mathematik entschlossen, musste er sieh infolge der Lrkrankung seines Vaters der kaufmännischen Tätigkeit zuwett• den, fand aber dabei Müsse, sieh mit Philosophie und Volkswirtschaft eingehend zu beschäftigen. Dies!׳rächte ihn anfangs der sechziger Jahre zur politisehen Beschäftigung■, und mit Lenereifer widmete er sich den Bestrebungen, die auf die politische und wirtschaftliche Billigung Deutschlands gerichtet waren. Br war Mitbegründer des Hamburger ״Liottcnvcreiiis der deutschen Jugend" und eifriges jemals eine Synagoge besucht hat, in der gesetzlichen Vertretung der Hamburger Jüdischen Ueiiteinde die massgebende Rolle spielen konnte. Hieraus erg'.ib sich aher von selbst, dass die iiidischu Betätigung Gustav Tuchs mangels Icdcn religiösen Interesses von vornherein auf rein nationaler Grundlage erfolgen musste. Dass er dennoch erst drei Jahre vor seinem Tode den Weg zum Zionismus gefunden hat. lag an seiner eigenen jüdischen Weltanschauung, diu er in seinen Reden und Schriften stets in die Worte zusainmeuzufassen!)Hegte: ״Die Lrdc für Juda und Juda für die Menschheit," Br war der Meinung, dass cs die Mission der Juden sei, den ״ethischen" und ״ästhetischen" Wesensinhalt des Judentums unter allen Völkern zu verbreiten. Diese von allem Religiösen losgelöste Missionsidcc suchte er in den zwei Jahrzehnten seiner so überaus fruchtbaren jiidischcu Tätigkeit in die Praxis mnzusctz.cn. Und dazu diente iln» als Instrument der die ganze Welt umfassende Jüdische Orden der ״Biicl-Brith". der durch seinen Tod den allcrscbmerzlichsten Verlust erlitten hat. Alle seine Pläne hatten einen Zug ins Grosse, Am seine Anregung wandte sielt der Orden der Bekämpftmg des schändlichen Mädchenhandels zu und j Tuch selbst, der erkannt hatte, dass die Wurzeln des!Mädchenhandels tiefer sassen. versuchte von Ham- ן luirg aus, mit Hih'e des Ordens, die traurige W1rt. schaftlichc und kulturelle 1-agc der galizischen Juut״ zu heben. Der grandiose Plan scheiterte an m, Macht der Verhältnisse. Oustav Tuchs System war erschüttert! Br War zu der Ueberzeiigting gelang dass seine weitausschaiicnden Pläne bei .seinen bis. herigeii Mitarbeitern noch nicht das volle Verstand• nls fanden und dass andrerseits eine kulturelle Amw.irtseiitwicklung. wie er sie wollte, ohne den ״atj<(. Malen Stützpunkt in Palästina undenkbar su. s, trat er, dreieinhalb Jahre vor seinem Tode, am» Tages mit einem Schreiben an den Vorstand du Hamburger Ortsgruppe her;n und erklärte se!11u Anschluss au den Zionismus. Als Zionist ist er in der Oeäentlielikeit mein m ׳. vorgetreten, dagegen hat er 1ms oft mit seiner reiüun Bi fahrimg zur Seite gestanden, und n״eh zwei WoJh,, vor seinem Tode nahm er an einer vcrtrauliJiu! Besprechung Teil, in der er noch einmal mit tidm Verständnis auf die nationalen Probleme des /.!•• nismiis cinging. Die deutsche Judcnheit hat einen ihrer Go,־,sv( \erloren — Blire seinem Andenken! v. Die Entwicklung der jüdischen Intelligenz in der Ostmark Von Her man 11 Becker. Lehrer in Wöllstein!. 1». Unter obigem Titel veröffentlicht Herr Dr. Ca.1 Kassel (Posen), einen Artikel in No. 2 der ״Jüdi. sehen Rundschau" vom א. Januar, der mir Lider erst verspätet /!!gegangen ist. Dieser Artikel ent hält so viel schiefe Urteile über die gegenwärtig!. I.age der osttnärkischcn Juden, insbesondere ein v> hartes, mein von näherer Kenntnis der iüüisdu•״ Sehnlverhältnisse getrübtes Urteil, :lass wir jiidis.hui Lehrer in der Ostmark weiteren Kreisen eine Am Klärung über diese Verhältnisse schuldig sind, wum nicht neben der grundsätzlichen Abneigung gegen du jüdischen Schulen in nichtjiidisehen Kreisen;hk:! auch ein Widerstand unserer Glaubensgenossen ..uj ürausseii" und in der Ostmark selbst Platz graten und damit dem indischen Volkssclmllehrer in seinci; hurten Bxistvnzkampf noch neue f'ciude erstehen s>*Ucn. Herr Dr. Kassel behauptet, dass, ״asthetisaa Mängel noch teilweise heute an den Nachkommen der ältesten deutschen Kulturträger der Urcn/maH (d. 11. den osttnärkischcn Juden) unliebsam in du Augen fallen". Diese ästhetischen Mängel bezeichnet er aber nicht näher und sagt auch nicht, ob sie 1ha nur an den Juden der Stadt Posen oder an allen Juden der Provinz unliebsam in die Augen gefalle״ sind. Herr Dr. K. nimmt ihr sielt eine genaue Kenn!• tiis der Kstmärkischui Verhältnisse in Anspruch- Trotzdem weiss er nicht, dass die Poseucr Regierung gerade in jüngster Zeit die jüdischen Binwohuer ab Mitarbeiter au ihren Germaiiisierimgsliestrebmigen * und das trotz der ästhetischen Mängel, die unlieb* sain in die Augen fallen — nicht blos durch sclame Worte, sondern auch durch Anstellungen, Bciuruc• Hingen und Grdeusvcrleiliiingen sehr wohl zu schätzen weiss. Br möge sich doch zunächst in her (Nachdruck vvrboUm.) ן Der Indian Eine Geschichte aus Galizien Von David Rot 11 hl tim j Bs war ungefähr zwei, dre»! Tage nach j Purim, als Schmtil Blitz, seinvs Zeichens ein j Schneider, mit dem HcglcUcsscu zw Fhven der Prinzessin Sabbat beschäftigt war. Auf dem lisclte standen zwo' Messingloucliter, die aus zwei melancholisch brennenden Talgkerzeu ein düsteres Licht verbreiteten, ferner befanden sich auf demselben eine ganze und eine halbe Barclics und ein Hering. Neben Scluniil sass seine lTau zur Rechten und zur Linken se-’iie beiden Sprösslinge, ein fünfzehnjähriger Solm, der sclton tüchtig be'm Schneidern mitlialf und ein siebenjähriger, der noch das Glieder bcsuclite. SclmmJ rcltlch Barcltesselmitten, legte auf jedes Stück eine ],ortion Hering und verteilte so seine Gaben an seine Beisitzer. Als die!teilte an den kleinen Jossl kam, schnitt er 0*11 Gesicht, als Zeichen seines Protestes, dass seine Portion um so vid kleiner sei, als die seines Bruders. Als ihm der Vater aber ofucn zornigen Blick zuselilcudcrtc glättete der Sohn seine Gcsiclits* zöge, nahm mit Resignation den ihm zugedachten Toll, schwieg und ass. Hierauf leckte Solinml das j?ett des Herings von seinen Fmgern. nahm das Gebetbuch zur Hand und begann unter dem Geselmalzc seiner beiden Sühne, das der Vorzüglichkeit des Herings gewidmet war, das ״Flialm"-Qcbct mit all schien Variationen und Kombinationen laut zu rcziticren. Ev war noch gar nicht weit in seinem Gebete, als er durch eine merkwürdige Drage seines Sohnes, eile ihm auf Gott we'.ss was für ei;iem Wege eingefallen war, unterbrochen wurde. ״Vatc,r," fragte Jossl nämlieli, ״hast du schon einmal Indian gegessenV" ״Wie kommst du mir am' diese Idee?" aut* w ortete Schumi mit einer!Tage, ״leb iiab's noch ti’e gegessen," sagte Jossl. ״Aber gesehen habe ich schon das Fleisch cinigemalc. F.rst vorgestern auf dem Tische bei Rosenstocks. Ich sage dir, Vater, das Fleisch ist so weiss w׳ic Marmor und die Haut ist so bräunlich, so milrbc -- cs muss doclt wunderbar schmecken ... I" ״Natürlich schmeckt Indian sehr gut," sagte der Vater gewichtig und selbstbewusst, wie ein erfahrener Mann. ״Ich habe auch in meinem Leben nicht einmal davon gegessen. Namentlieh an Feiertagenum suirmisclt der Kieme. ״Wh: es geschmeckt hat. kann ich dir liclt nicht mehr sagen, da es sclton ziemlich I her ist. aber allenfalls war es sehr gut." ״Ist es wahr. Vater," fragte der ältere in gesetzterem Tone ״dass diese Vögel au dien stammen?" ״Gewiss. Daher auch der Name, vielen hundert Jalircn brachte mau wahrsc lieh Indiancier aus jener Gegend zu uns um wurden sie ausgebrütet." ״Und wer hat sie atisgebriitvt, Vai nagte der alleweil neugierige Jossl, währen Aeltcre stell mit der Antwort ztifrhdengab. ״No, eine Ind'aiiin." ״Hat man doch dann die Vögel auch bringen müssen?" forschte der Kieme v üctnnf}־* *MC SchnmT ml ״\W»;׳.u haben dann di׳e Fier gct׳u!1?1 ״um du: Vögel selbst mitbrachte?״ fragte uncrmildl'ch weiter. M n *!״״״' .st,,lztc ci״cn Moment und s!,Das verstellst du nielit." ״Vatcrl kauf uns oinen Inü'an zu Pess bat Jossl mit lioelicrliobenen Händen. ..Ja, moin Kind, das gellt nicht. Nn