Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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jUEDISQHE KUNDSCHAU. Seite 63 No. 6, licrvor/.ukütrcn, um «lei! Entstchuii«. ,׳mml "״d ‘lic l>«*«lM*berctflniKu1iK des Chassidismus /״ crDörat umi zu begründen. Der Oriuulton aul Jen diese Apoloijlc abKesti״um ist, ist ungefähr f0|. ([Ciider: Das1 rabbln ischc Schrifttum ist zu einem trockenen Oefüge, gleichsam zur Mumie geworden ' Pas l.ehcn nucli dem Talmud und Sehulelian Arucli nt ali/'i trübe und dunkel. Die Haarspaltereien und die über alle Massen gehende Kignrositflt der Rabbnicn haben den Juden zur ScclcnzerrlUtung gcbrncht r»t. der Leümsfreudc beraubt. Sic haben seine Weit miiu.dkt und alles um ilu» in Trauer gehüllt. Der ClussidiMtms hat die natürlichen Regungen des Juden 4,1s ihren Hesseln und ihrem dunklen Kerker erlöst,!!,11 dm dem Lehen zuriiekgegeheu ,und ihm dio SeMiMt der Welt gezeigt. Kr hat nichts von der ulimuliselicn Sopliistik, von den spitzfindigen Ausiegn״cci« auf welche die üesetzesbestimniungcn sich Bünden. Die ״Zadiklm״ haben Anteil an der Qloric de־״ Göttlichkeit und dürfen sieh doch niihren und ifciu1 ־. "ie es Menschenkindern ziiknmint. Mit rinn״ Wort: «in neuer Himmel, neues Leben und 1 me .Menschen, Und seitdem gar Perez und H vidi c z c w s k y die ״Chassidimsedlc" eittdockt luhtu. und aus dem clwssidischcu Sngcnschatz ״Perlen'* hervorholtcii, wurde der Chassidismus zu einem eigenartigen Kultus, zu einem bengalischen I.kIii. durch das ..Outt Triumphe feiert“. All dieses lut um den einen kleinen Haken, dass solche scharf• vmue und feinfühlende Gelehrte wie N. Krachmal, .\ .1. Iv’.ipaport, Josef Perl, J. B. Lewinsohn und J. Gm. die doch in der Zeit gelebt haben, du der Chassidismus immer mehr an Ausdehnung gewann, 1111״ dm doch aus den ersten (.hiellcit keimen sollten, ״,iss ,׳;esc Gelehrten nicht sein schimmerndes Licht mul sv11n*11 veredelnden Klufhiss auf das Jlldlsuho o׳lk. vrkaiuit haben. Sie Ivabcn Ilm abgcleimt, lim .!'s imwnrdig und verderblich zurückgcwlcscii. Es Muhe ais.i b'nss die Annahme. dass diese Münncr .11״ den Ilaskninli-Prinzipicn und von ihrem Natlomi• l'iims cchieudet und iiAt Vorurteilen Regelt den Chassidismus erfüllt worden seien, Arme ..Maskiliiii!" Sie ahnten nicht, dass einst uiie neue (leneration erstehen wird, der cs gruselig sein und hei dem Namen ״MaskU" und Rationalist. >e almleii nicht, dass eine neue Epoche in!der i.itcratur anhrechcn wird, die das von ihnen als miwiirdig Erkannte verherrlichen und als erhaben preisen wird, die gerade dort Perlen und Kosthur• heilen selten wird, wo sie Umrciiicssharcs und Wert- Imes sahen. Hs ist kein Zufall, dass die Verherrlichung des ClasstdiMims in der hchrüischcn Literatur zu der• Hiku Zeit cinsctzt. in der die Haskalalt-Epochc ab- ׳,liitss!. Nicht sofort fanden die Haskalali-Müimer 1»r ihre Bestrebungen einen präzisen Ausdruck un׳J .«c Kainpfesparolc. Ebenso gcscimiacklos und vers!4na111si<»* wie uns heute die Rufe nacii ״Leben des i vhvns -B erklingen, erscholl damals der Ruf ״Wach m nivi•» Volk". Zusammen mit den schönen Seelen, I.iciit und Befreiung hcrbclschntcn vom Fanatis* 1״ns mul vrlu Alicrglaubcii des dunklen Ghettos, rii'.iii'incii mit den grossen Heistern, die cs milde "״rin, das Joch des Qolus-Juilentuins zu schleppen,!111׳ moralische und geistige Qolus-SclimacU mit all '1 Anspielung auf gewisse Strömungen In der 1oilivltraisclien Literatur, ihren schmerzlichen Folgen zu tragen — zusammen mit diesen criiobcn sich auch In der Haskalah-Kpocho Legionen von gefühllosen und gewissenlosen Sub• n* Hasknlah sollte sie von den geheiligten I (lichten befreien und Ihnen zu tun gestatten, was ihnen Willkür und Gesetzlosigkeit predigten. Aber selbst diejenigen, die den Lcbcnsliauch clnatmcu wollten, der aus der allgemeinen menschlichen Kultur hervorströmt, haben »lebt Immer dasjenige begehrt, woran cs Ihnen tatsächlich mangelte. Grosse Geister erhoben sieb damals, die nach innerer Ganzheit, seelischer Einheit, die Urnen abging, strebten, die die gegebene Wirklichkeit mit ihrer Gedankenwelt aus• sölmen wollten, die eine ethische Vervollkommnung und die Ereiheit ihrer persönlichen Entwicklung sich zu erringen trachteten. Aber auch seelische Zwerge befanden sich unter Ihnen, die ein Leben führen wollten, das keine gesellschaftlichen Pflichten kenne, das von allen ethischen Banden und allgemeinen Satzungen frei wUrc. Sic bcgrltfcn nicht, dass der wahre und wohlerzogene Kulturmensch gewisse Pflichten freiwillig clngeht. So waren die damaligen Bestrebungen verschwommen und verwirrt. Alle aber hatten einen berechtigten Kern, insofern sic gegen das dunkle Qoluslcbon protestierten, Insofern sic sich von der Schmach eines Ghetto-Daseins hefreien wollten. Die grosse jüdische Vergangenheit mit all ihren üeberüeferuiigeu und Olauhenssützcn ist einer Nachprüfung unterworfen worden. Das Jüdische Herz wurde kritisch zerlegt, und der .,Mensch" sollte mit dem Juden eine organische Ver• hiuduug eingeben. Es war sicher eine grosse, er* haben« und ganze Leistung, die die Haskah1h*Müm1er damals vollltringeii wollten. Sie kümpftcu gegen den Fanatismus und den Aberglauben In einer Zeit, du der Fanatismus und der Aberglaube alles in seinen־ Bann gezogen hatte. Ahg'ustosscii von den t'ihuudi• sehen Grübeleien^ beginnt die Haskalalt mit der Er- Icrumig von Elcmcntarkeimtnlsscii, und sic schllcsst ah. nachdem sic der wahren wissenschaftlichen Er• Kenntnis und dem meiiselillclieii Fühlen weite, für die damalige Zeit neue Horizonte, erschlossen butte. Diese maimhaften Vorkämpfer der Haskalub. ule gegen Finsternis, grobe Unwissenheit, dunkle In• stinktc und blöde Illusionen, unter welcher Maske, in welcher Form und auf welchem Gebiete des ge• sellscluiitllelieu Lebens sie auch auftrateu, mit unet• hittlichcr /üliigpcit nnkütupftcii erklärten auch dem Chassidismus den Krieg. Sic vermochten nicht die ,.aufrechte Haltung" der Cliassidim zu sehen, dieser angeblichen ,.Könige mit der Krone der All• macht auf ihren Hüiiptem unter nuitkclmiiniicnt.** Sie sahen es nicht, weil es Überhaupt nicht existierte. Jene M.'imtcr konnten die Chassidim aus timnittcl• barer Nähe beobachten Sic kannten ihre Lebens• gewöhnlichen und ihre Lebensführung, ihren seeli• lischen Gehalt und ihre Gedaiikengünge. Sie sahen aber auch im Chassidismus nicht die ״grundlegende innere Befreiung" weil « r in der N.'ilic gescheit, nicht das Gold war, ais welches er der erhitzten liinhil• düng der modernen Phantasten erschien. Diese Männer wussten, dass der Chassidismus die sklavische Unterordnung und Unterwürfigkeit gegenüber einem jeden Zadik und Wimdcrmuuu fordere. Die Hasknhtli erkannte, dass hei Ihren Bestrebungen, den ״Juden" mit dem ,.Menschen" zu vereinigen, kein geführlleherer Feind vorhanden ist, als der Kadavergehorsam der Chassidim gegen ihre Zadlklm und deren fanatischen Aberglauben. Nicht ohne Grund erstand Jeu Be- Strebungen der Haskalalt voll den Chassidim eine viel scJt'irfcro und rücksichtslosere GcgncrscIuiJt als von den glaubcnsfcstcn ״Misnagdim." Während der Bminstrahl, den Rnbbi Elluh (Wilna)״) gegen den , Chassidismus schleuderte, in der Hauptsache auf den! ' Papier blieb — denn In Wirklichkeit haben die 11.*her I stehenden Misnagdlm niemals den von Ihnen gch'tssten Chassidim ein Leid zugefügt. ohne provoziert . worden zu sein — fand das Anathema, das von (Jen ' Chassidim gegen die Haskalah verkündet wurde, in Verfolgungen, Verletzungen, Verleumdungen und Denunziationen seinen akuten Ausdruck. In Jer An- Wendung dieser demoralisierenden Mittel waren die Chassidim überhaupt höchst routiniert. Sic ge• brauchten sic auch gelegentlich gegen die Mitglieder Ihrer eigenen Sekte hei *Gezfinken ihrer eigenen Parteien. feil hin kein fanatischer Eiferer für den , Hlsnagdut". Wenn unsere grossen Vorfahren darin gefreveit haben, die Chassidim mit ihrem Bannfluch zu verfolgen, so werden wir als moderne Menschen es sicher nbleluien, in ihren Spuren zu wandeln. Auch die Tätigkeit des Anführers im Kampfe gegen den Chassidismus, des Rabbi Eljalt (Wilna), ist für mich nicht ganz einwandfrei. Dam auch er!tat die tausendjührige Golus-Arheit fortgesetzt. Aber matt soll doch den Mut haben, die Tatsachen so zu nehmen, w ie sic wirklich sind und sich in ihrer natürlichen Entwicklung zeigen. Es wird dann zu• gegeben werden müssen, dass der Üaon sich mit einer wenn auch nur in gew issen Grenzen gehaltenen Kritik un die talmudischcn Abhandlungen hcranw'agtc, und dass er damit den Weg geebnet hat für die spüter folgende wissenschaftlich-literarische Kritik. Lange ״or Zunz uttd Gractz hat sieh tler Oao.1 erlauht, veraltete Lesarten im Talmud und in den Ge- .xetzbliehcnt zu verbessern. Olt hut er mit einem Federstrich den Sinn ganzer Abhandlungen und der daraus resultierenden Satzungen verschoben. Und uiif diesem Gebiete war das Urteil des Gaoit zwcifel• los zuverlässiger und begründeter als das der spütvreu Vertreter der Wissenschaft des Judentums. Demi selbst der hervorragendste Kritiker der sp.'itereu Zelt konnte unmöglich diese phänomenalen Kennt• hisse im Talmud Midrasch, wie in der ganzen ruhhlnlschcn Literatur erlangen, die der Guon besessen hat. Seine grandiose Persönlichkeit war für seine Generation mul seine Umgebung ein Wegweiser auf dem Gebiete des geistigen Lehens. Er w־ar sicher der licrvorragcndstc Jude nicht nur seines Zeitalters, sondern auch vieler vorangegsmgeiier und nachfolgender Geschlechter. Der jüdischen Erziehung ״) Rabbi Eliali (Wilna) war eine der merkwiirdlgsten Persönlichkeiten des Rabbinertums. Er Ist in Russland unter dem Namen ״Onort" bekannt und sein Name wird mit der grössten Verehrung genannt. Das Volk erz.'ihlt heute noch in sagenhaftem Tone von der Grosse seines Charakters, der Tiefe seiner Rcligiositfit. Zahlreiche Legenden sind über ihn im Um• lauf. Er starb 1798; int Jahre 1898 wurde in Wilna sein hundertjähriger Todestag würdig begangen. Die splitcrc Haskalalt (Aufklärung). die etwa um dieselbe Zeit In Russland t.'itig war. wie die an Men• delsohtt anknüplende indische Aulklürung In Deutsch-!and, hat oft seine Autorität dazu benutzt. um ihren Ideen grosseren Nachdruck zu gehen und sich vor den Fanatikern zu schützen. ver1inc11 und seinem Qotte zuzufQhrcn. Aber ,1׳״t ist unübertragbar, den mtis jeder finden 1,11 Tiefsten seines Herzens, auf dass er ihn **sitze.“ ..Ach, Majestät," wandte ich ein, ״das wider- ')»rel1t den Dogmen. Das könnte Ihnen bol uns 'öir schaden." Der König fuhr fort: ״Und wieder leuchtete stvm uuf in Bethlehem Uber einem Sohne P!lli1!( s Stammes. Das Wort von der Liebe *'*■' ilureli die Laude und übers Meer und weit bis an d!c Grenze des Lebens. Der Ruf *־[Diiic ans Jerusalem und widcrhallte von den v‘cr Enden der Welt: Friede den Menschen, die eines Gottes '1"^• Kinder eines Vaters!“ 1•ine grosse Pause trat ein. Dcr König seufzte tfcf auf, dann sprach er;1111 Nepresster Stimme: 1, ״Von hier strahlte das Licht und zurück! die Finsternis. Von hier zog der Friede "hd heim kotn der Krieg. Sic bauern Wer 1 '0|R־xl1üuscr, jeder in seiner Welse, und j’״eilen, wessen die bessere sei; sie bekriegen!*,1’1’hömpfen sielt /m Namen der Liebe. Sie uollGt zu viel und erreichen zu wenig. ״c 1,י Gott ist ewig und mein Volk ist nahe. * *empcl Saloinonis ruft voll Sehnsucht nach Di Menschen, sie zu einen, aber sic kommen n'cht. Spater zog aus Bethlehem die Sehnsucht, Himmel und Erde zu vermählen —■ Ueber- 1 menschliches wurde ersehnt, und Unmensch• ' licltcs kam oft ans Lieht," Das war ein gutes Stichwort für mich, eine Anküpfung, um aus dem Metaphysischen ln die Sphäre des Tages zu kommen. ״Jawohl, Majestät," stimmte ich ein, ,und wie dte Kinder Ihres Stammes behandelt werden! Die Strassen Jerusalems sprechen davon. Arme, kranke Juden aus Marokko, fieberhafte Kinder Israels aus Persien, halbverhungerte Söhne Davids aus Arabien, aus Russland, aus Polen, «ine rechte Mnsterkarte des Elends, die ' auf ein nettes Warenlager von Jammer in den! Ländern shliesscn lässt, aus denen sic kommen.״ ״!Sie haben die reine Idee," unterbrach er. ״Reine Kleider wären Ihnen besser", witzelte ich. ' Der König blickte finster. Ich suchte, den üblen Eindruck zu verwischen. . . ״Majestät verseilten, aber wir leben Im Jahrhundert der wirtschaftlichen Weltanschau• Ul)},; picht die Ideen regieren mehr, sondern das Geld," Er schüttelte das Haupt, ״Majestätverzeihen, in letzter Linie das Geld.' Die bösen Antisemiten in Wien wollen I den Juden aber g־eradc das Geld nehmen, auch! denen, die cs nicht haben. Die Idee hat ga.־ keinen Wert bei uns, höchstens wenn mau aus ihr cr'n Theaterstück macht. Das trägt noch etwas. Die Poesie weicht der TantRmc. Der liebe Gott ist ganz aus der Mode, und wer an ihn glaubt, dem schlägt man die Fenster ein." Der König hörte mich gar nicht mehr, er hob die Arme empor und ich fühlte, wie wir in die HöIkj strebten. Der scharfe Luftzug nahm mir die Worte aus dem Munde, dass sic nngehört verhallten. Wir zogen immer weiter in die Höhe. Wie wir so in die Lüfte waudcrtcu, überlegte ich. was das bedeuten solle. Ich fiirchtetes so eine Art Wandclbildcr, ein historisches Diorama. e׳n Schauspiel, in dem eine Idee vom ersten Menschen bis zu Marx und LassaJIe totgehetzt wird. ״Ach Majestät“, begann ich, ״mir ist die ״Tragödie des Menschen" von Madach bekannt und den ״Meister von Palmyra" verehre ich —• selbst bei der Operette ״Adam und Eva" bin ich gewesen- Es ging erbarmungslos immer höher und höher, Längst schon sahen wir die Berge von Judäa wie kleine Maulwurfshügel, die Gletscher des Libanon wie wcissc Schafe unter uns. Ini Osten leuchteten die erstarrenden Spitzen des