Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite ה./. meidiieh, Dieser Nationalismus wird aber ein streng: territorialer Nationalismus sein. Wie schon sein Name besagt, befasst sich der territoriale Nationalismus nur mit denjenigen, die im jüdischen Territorium geboren oder naturalisiert werden. Derselbe zieht in keiner Weise diejenigen Juden hinein, die an ihren gegenwärtigen Orten bleiben können und wollen, selbst wenn sic aus Mitgefiihl für die weniger Glücklichen oder mehr Strebsamen itoisten sind. Dagegen zieht derselbe auch solche Nichllinlcn hinein, die in! jüdischen Territorium geboren oder sich in demselben naturalisieren werden. Ich weiss wohl, dass diese Erklä* rung manche Itoisten abkiihlcn wird, die uintcr Tc r r11or IaIismus sic 11 lediglieh 21 o 11 i s m u s 0 h n 0 Z i 0 n denke!>.*) Man könnte mit ebenso viel Recht behaupten, dass cs Zion ohne Zionismus sei. Denn während Palästina, gleich irgend einem anderen Laude, unter die Territeriaiformel fällt, verbietet die letztere unbedingt einen Zionismus, der Luftnationallsmus predigt. Wir bedeuten Realpolitik. Die unreifen Pollt i k c r, die die H a s c l f 0 r m e l entworfen haben, besitzen allerdings uns gegenüber einen grossen Vorzug, indem sich Jlire Formel für erregende N n tio na! 1 ic d e r und glühende Trib(in c na 11 s p rae 11 cn sehr eignet. Jedoch! müssen 'vir diese Losungen und PeUtgeselireic den Interessen nüchterner Staatskunst opfern. Die zer* streute und anormale Lage der Juden raubt Ihnen 1 selbst den Luxus einer nationnlistisclien liewegung, wie sie den auf indischem oder ägyptischem Territorium konzentrierten Indier oder Aegypter belebt. Das ist vielleicht die Tragödie, die dem Öolus die Krone aufset/t. Der .hule darf erst dann von Nationalismus sprechen, wenn er sich auf eigenem Boden befindet, cs sei denn, dass die westlichen Juden sich dazu entschlicssen, ihre politische Identität mit ihren Mitbürgern aufziigcbcn, für die sie Jahrj kumlcrtc lang gekämpft und ihr welche die Juden in ’ Russland .״,och jetzt kämpfen. Halter begeht der; Zionismus einen potitischen Fehler, wenn er die Idee j des Nationalismus in der Diaspora predigt. j Jedoch wird die Erwerbung־ Palästinas dem 1 zionistischen Nationalismus einen Todesstoss versetzen. Man würde dann denselben 'durch einen palästinischen Nationalismus ersetzen müssen. Die : Berührung mit der mannigfaltigen territorialen Wirki Hehkeit. wie tmch die Probleme lokaler Sclbstver-! waltung und internationaler Beziehungen würden | selbst den Lmt/.ionisten die Absurdität und Uciülir- | iiehkeit eines Aluvcscnltcitsiintionnlisnuis bald bei- I bringen. Bei festem Hoden unter den Dissen würden! sielt die Luitiiationalistcn in Tc"ritorialnntionaiisten! verwandeln. In der Tat ist der zionistische National i sm 11 s mit seiner aus der Luft gegriffetkii Voraussetzung, dass Palästina ein politisches Zentrum oder einen Schutz für die Diaspora werden könne, gerade z 11 kindisch, um der Krwii g u ng würdig zu erscheinen. Ist cs zum Beispiel denkbar, dass der Präsident der atnerikonischen zionistischen Pörderatinn, falls er ein Kinwohncr Amerikas bleibt, seinen in Washington ausgelieferten Pass gegen einen palästinischen aus- *) Diese und folgende Hervorhebungen im Druck rühren von uns her. Red. der ״J. R,״ JÜDISCHE RUN DSC HA U_-- tausche, nnch'deni er sich zuerst regelrecht in Jcr.usalcm durch Aufenthalt naturalisiert hattet׳ Nein. Wenn Palästina je erworben wird, so muss die Erwerbung nach den Zügen der Itoformcl und nicht nach der nationalistischen Formel der. 410nisten geschehen. Es muss für diejenigen Juden erworben werden, ״die in den Ländern, in denen sic Jetzt weilen, nicht bleiben können oder wollen", nicht aber ״für das jüdische Volk", dessen grösster Teil da nicht wohnen würde, wenn er cs auch könnte, oder da nicht leben könnte, wenn er es auch wollte. Die weiteste politische Hoffnung der Juden — selbst wenn das Territorium Palästina sei — ist von Territorialismus begrenzt, und Zionismus wird entweder tcrrltorlalistisch oder wird nichts sein. # * Wir haben in diesem Artikel ein Konglomerat von wahren Selbstbekenntnissen und gröbsten Unrichtigkeiten. Herr Znitgwill muss schon mit seinem ( ״JTO-Land" in arger Verlogenheit sein, wenn er in ( dem Bemühen, dem Zionismus eins anzuhöngen, sielt ־ in eine so heillose Kasuistik verwirrt, dass cs für; einen Sophisten ein auserlesener Genuss sein dürfte. ־ sielt in die Tiefen dieser Paradoxe zu versenken.! Die ,JTO" ist national und ist es nicht; sie verhält j sielt zu diesem Problem gleichgültig. Aber diese; Neutralität ist eine Uumöglielikeit, oder eine prak- | tische Berechnung, die aus der Not, keinen Standj IHiukt entnehmen zu können, eine Tugend macht. 1 Die Mimlciitiiug auf einen iiuitiisitorlselion Gedankenj zwang ist nicht tun־ eine hohle Phrase, sie ist auch eine j Phaiipliaromule. die nur geeignet ist, die Laclmmskciii •tles Lesers in Bewegung zu setzen. Wer kann hier; von einer liniuisition sprechen? Denkt jemand! daran, etwa Aiito-ila-ie’s gegen Nationalisten oder j Assimilautcn zu vernustalten? Man müsste dann Jede j l'tirtei, die sieh offen und ehrlich zu einer gewissen Idee bekennt, als ein iniinisitoriselies Tribunal be- ' zeichnen. Es ist nur ein Missbrauch der Sprache,! wenn Herr Zar.gwill vc-,sichert, das ״JTO-Land" '׳ werde alle .luden atifnehmcn, nationale und antij nationale und wenn er dabei mit grosser humaner Geiiärde auch Niehtjuden dorthin einladet und ihnen! die Segnungen der Gleichberechtigung in Aussicht! stellt. Daran zweifelt aiteh niemand; Herr Zangwill : stürzt hier mit gemachtem Pathos offene Türen cim Die F ׳agc. die sich mit aller Gewalt der Logik auf-! drängt, ist, oh die JTO, und nicht ob das Zukuuftsj elend der JTO, jüdisch-iiationa ist, oder nicht. Eine 1 Volksbewegung kann sich nicht tun diese Frage ן drücken, so unbciiucm deren klare Beantwortung : lainl der ITn, ii'uliseli-iiatioiml ist, oder nicht. Eine I iaiigs als national, dann nahm sic. aus Opportunitäts- 1 gründen, assimilatorische Elemente auf. Deshalb wurde die!•'rage gestellt. Wir dächten, ein autono-! inistisehes Bestreben müsste national sein. Alien man j scheint es dort auch mit der Autonomie nicht ernst j nehmen zu wollen. Strebt Herr Lticicn Wolf nach ן einer jüdischen Autonomie? Würde er sielt doch damit ׳ in einen schroffen Gegensatz zu all seinen Theorien f stellen!! Herr Zangwill selbst lut die Hinfälligkeit seiner Ncutralitütsdoktrln eingeschen und widerspricht sieb in seiner ״Profession de foi" mehr als einmal. Die JTO ist neutral; sie kann mit ihrem Mantel ullct und alle bedecken, cs ist eben ein weiter Mantel Trotzdem halt cs Herr Zangwill für notwendig, *y dieser Frage Stellung zu nehmen - aber wie? |)cr Zionismus ist Luft, Palästina ist ein Territorium, die Verwirklichung des Zionismus wird also antinutioiial sein. Es wird einem im Ernst bei alledem so dumm, als ginge ein Mühlrad im Kopfe herum. So etw« Verstiegenes und Geschraubtes, solch eine Entstellung und Verstümmelung der einfachen Begriffe konnte man kaum unter den tollsten Spitzfindigkeiten der Syllogismeii-Kombiuatioucu finden. Auf dem Weg« einer solchen Argumentation könnte man wirk'i.h den Nachweis erbringen, weiss sei schwarz, und schwur/, sei weiss. Man könnte zu den .,Trugedic» of tiie Ghetto" aucli diese Tragödie zählen: die Tragödie eines schönen, scharfen, aber auf einem ,!0• wissen Punkt ganz verirrten Geistes. Der aus.:czeichnete Satiriker, derselbe, der erst vor einigen Jahren die Assimilation mit einer solchen Vchcmai gcisseltc, dass auch tmscrcinem die Leidenschaft.•:11• keil der Angriffe gar zu masslos schien, stürzt .*.ich in ein eigenmächtiges praktisches Unternehmen und bewegt sid' seitdem in' einem so verhängnisvoiim Zirkel von Täuschungen und Missverständnissen, ci.iss er bei seiner impressionistischen und impulsiven An. Inge, verärgert über die Unerreichbarkeit seiner Chimäre auch nach all den Kompromissen mit Assitr.ilantcn, die Verfasser des Baseler Programms ״un. reife Politiker" nennt. Irrig und unvollständig in vielen Punkten — cs entspricht nicht den Tat. Sachen, dass Jeder Jtoist vom Zionismus ausgeseNJ• tet wird - richtet er die Kampfreden und die Tiraden gegen dieselbe nationale Idee, die er so immdgewaltig verfocht! In Palästina — so lautet der Kassandraruf — werden die Juden zu TerritorialistenI Ja, an diesem Witz mögen sich die Genügsamen er• gützen und mögen die seichten Verehrer den Meister bejubeln. Wir, seine wahren Verehre״, trauern ob dieser Entgleisung eines schönen Talents, das auf Abwege geraten ist und wünschen aufrichtig, dass cs sich durch den ״JTO-Land"-Sommcrnacl1tstraum zu neuer Klarheit literarischen mul — nationalen Schaffells durchringc, Nachas. Vornehm! Die ..Deutsehe Tageszeitung‘‘, das Organ des BiiikIcs der Landwirte, bestreitet bekanntlich öiters, wenn es gerade so in ihren politischen Kram passt, dass sic antisemitisch sei, und gibt vor, die Juden* frage ״objektiv״ zu betrachten. Deshalb sei liier wieder einmal eine Aeiisscrung festgenagelt, wie man sie älmlicli fast jeden anderen ‘lag in dem Blatt finden kann: ״lieber den Ernst der Lage, in der wir uns in voriger Woche befanden und der durch die oster* reicliiseli-tiirkisclie Verständigung kau.11 völlig ge• lioben ist. konnte auf keiner Seite ein Zweifel l׳c* vcrf'cl, die Augen .schlossen sich. - Der Schreiber stund noch immer regungslos in tiefer Verbeugung. — Lautlose Stille herrschte. . . . Da wurde inir’s imheimlicli. ״Gestatten, Majestät," wagte iclt einznwenden, ״in der Tat, cs ist furchtbar staubig hier — auch die Hitze quillt sehr — besonders weil es doch mir Cistornenwasscr gibt, das voll Bakterien sein kann, und Bier nur in einer einzigen deutschen Kneipe. Kein Wunder, wenn die Leute etwas enttäuscht davongchcn. — Und schliesslich, Majestät mögen entschuldigen, tatsächkch belichten Sic doch vor einigen Tausenden von Jahren zu sterben und Höchstihr Grab wird von den Muhammedanern so eifersüchtig bewacht, dass man es gar nicht zu selten bekommt." Der König sprach, hielt aber die Augen geschlossen; die Rede kam wie unbewusst ans s'dncm Munde. ״Der du die Menschen Hissest sterben und sprichst; kommet w.’cdcr Menschenkinder, denn tausend Jahre sind vor Dir wie der Tag, der Restern vergangen!'st." — — ״Seraja, Scrajal" rief er. Der Schreiber erhob sich aus seiner gebeugten Stellung. ״Scrajo, wie heisst es weiter?" Scraia zit’crtc; ״—* wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Nachtwache." ״Gestatten, »nein königlicher Herr, Psalm neunzig, Vers vier war cs. . . . Erinnern sieh Majestät an Vers zehn desselben Stückes; der dann durchs ganze Land schwebte wie ez'ne Möwe und wieder v.uritckkam w’c eine Taube, die in ihr Nest fliegt?" ״Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es hoch kommt, so sind cs achtzig — und wenn es köstlich gewesen ist, dann Äst cs Mühe und Arbeit gewesen." ״Als ich das zum ersten Male unten im Tale Josaphat vorgelescn hatte, da kanten die Leute■ und küssten das Pergament ־- besonders die alten Männer waren ausser sich, sie wollten alle den Psaliin geschrieben haben. — Zwei Schekel Gold bekam ich fürs Stück, und jedes vollendete Blatt wurde von anderen Schreibern abgeschr'ebcn und jenes wieder von weiteren — das ganze Land war voll des Liedes. Ach, welche Zoitl Damals, wo die Hirten mit deinen Hymnen zu Berge zogen, 0 Herr und König!" ״Das Meer sah und floh, der Jordan wandte steh zurück, die Berge hüpften wie die Lämmer, die Hügel wie die Jungen Schafe." ״Das war auch o'n wunderbar Lied, aber kurz, hie lernten es alle auswendig, die Land- •!eilte cs war leicht zu behalten und trug in.r nichts ein." Die ztisaniniengcsunkene Gestalt des Kö’ igs begann sielt zu regen, das Gesicht belebte sielt. Die Erinnerung an schien Dichtcrruhm schien ihn zu bewegen. Da dachte ich denn auch meinerseits zu!« Lohe des königlichen Dichters ein Uebriges zu tun. Denn schliesslich etwas Eitelkeit haftet allen Poeten an. ״Gewiss," stimmte ich ein, ״die Erfolg Eurer Majestät müssen ungewöhnliche genannt werden, denn noch heute werden Höchstslire Werke mannigfaltig gedruckt und viel gelesen, flcissig rezitiert und vielfach in Musik gesetzt und gesungen." Ich begann nun. die einzelnen Vorzüge seiner Dichtungen hervorzuheben: den Glanzder Sprache, die Plastik des Ausdrucks, die poetische Wirkung der Bilder. Je mehr iclt sprach desto ernster, desto trauriger wurde das Antlitz des königlichen bungers. Die Augen bohrten s!ch fragend in mein Gesicht, sic drangen in mein Innerstes und suchten und forschten. (Schluss folgt.)