Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4. Seile 42. j Ü 1) ISCHE R ü N D S C H A U. mmgeii iiir das bereits 1911(» projektierte F r i e d r i e 11־ L u i s c 11 ־ I I ״ s p i z im SoolbaU D ü r r h c i in zusainmen zu bekomiiien. Von irgend welcher sonstigen Feier, sei es in den Sehlde« oder in den (]einuinden, hat man nichts gehört. Sogar die Festschrift, die für das Jubiläum gepinnt war, ist noch nicht erschienen. Das ist also eigentlich mehr ein negativer Bericht, aber leider ist er charakteristisch für, unsere Zustände. Hass man den Ablauf eines Jahrhunderts staatlicher Verfassung und Verwaltung der jüdischen Religionsgemeinschaft in Baden, eines Jahrhunderts der Gleichberechtigung mit den christlichen K״nfcssioiten in den Oemeinden fast saug- und klanglos voriihergeheu lassen würde, — wieviele hören die Predigten? — das hüttc man doch nicht für möglich gehalten. I'.s ist auch ein Beweis dafür, dass mau sich in den leitenden Kreisen selbst einer gewissen Schuld bewusst ist, dass Jetzt vcrluutet, die eigeutliehe Feier sei n tt f d e n S 0 in m e r verso h o b e n. J’in tlrnnd dafür ist weder ersichtlich noch wird einer angegeben. Aber es könnte immerhin den schlechten Eindruck wenigstens teilweise wieder vergessen machen, wenn man nachholte, was mau jetzt allzu reichlich versäumt hat. :־ AUS ALLSR WeLT :: Deutschland Eine Erpresseraffäre matht gegenwärtig viel von sich reden und gibt manchen Blät'tcrn Stuft zu langen Artikeln. Ein Mitarbeiter oder Redakteur der von dem Antisemiten B r n 11 n herausgegebenen ״Wahrheit", eines Berliner Skandalblättchens iibeler Soite, soll eine Erpressung nach bekannten Mustern gegen einen (]raten F. verübt haben. Auch einige jüdische Blätter werden sich darüber wahrschcinich wieder sehr aufregen. Wir möchten davor warnen, dem antisemitischen R c v o 1 v c r j o u r n a ־ lisinus dadurch in die Hände zu arbeiten, dass man durch Aufbauschung־ solcher gemeiner Diebes- Affären zu grossen Ereignissen den Herren Erpressern und ihren antisemitischen Helfershelfern eine Bedentnng amliehtct, die ihnen bei ihren zukünftigen Rauhziigen nur vorteilhaft sein kann. In Sierk in Lothringen war die Verwalterstclle einer Apotheke zu vergeben. Ein jüdischer Strass• burger Apotheker meldete sich hierzu, erhielt aber einen ablehnenden Bescheid, und zwar mit der ausdriicklichen Motivierung, dass die Bevölkerung Anstoss nehmen würde, wenn ein Jude in der Apotheke angcstollt würde. — Die ,.Erkftr. Ztg.“ hofit, dass die christlichen" Rillen, welche die Einwohner von Sicrk aus ihrer Apotheke zu beziehen gewohnt sind, in Zukunft nicht nur gegen Schäden des Leibes, sondern auch gegen solche des (leistes helfen werden. Wer doch mit hoffen könnte I Russland Da einige Wilnaer Bank- und Handelsinstitntc, wie auch industrielle Diitcrnclmumgcn Juden zu ihren Bevollmächtigten erwählt haben, die sic hei den bovorstehenden S t a d t v c r 0 r d n c t c n w a 111 c n vertreten sollen, hat die hiesige Stadtverwaltung diesen Instituten die Mitteilung zugehen lassen, dass die Juden auf (]rund der herrschenden gesetzlichen Bestimmungen (?) I) i s auf weiteres von jeder Art Bcteiligung an den S tad t vcro r duc tcnwuhlcu ausgeschlossen sind, dass ihnen also auch nicht das Recht zustelu, sieh als Vertreter von Körpcrschaftcn au Wahlversammlungen zu beteiligen• Auf welche gesetzlichen Bestimmungen sich dieser neue Ukas gründet, ist bis letzt unbekannt. In Wilna tagte vorige Woche eine Konferenz der Leiter der jüdischen Handwerks- und 0 e- יץ c r h e s c 11 u 1 e 11 Russlands. Aus den gclcgentlieh dieser Versammlung erstatteten Berichten heben wir folgende interessanten Mitteilungen hervor: Bis zum Jahre 1904 gal» es in Russland 13 mustergültige Gewerbeschulen. 7 Lehrwerkstätten und 35 Gewerbe-!(lassen, die an die allgemeinen Schulen ungegliedert waren. In den letzten fünf Jahren sind drei neue Gewerbeschulen gegründet worden, und die zu verzeichnenden Eortsclirittc sind recht ansehnlich. So ist die technische Ausstattung’ der Werkstätten viel reicher geworden. Man hat Motor«, neue moderne Werkzeuge «sw. angeschafft. Für diesen Zweck wurden ungefähr 150000 Rubel ausgcgcbcu, Früher wurden die Schüler nur in der Tischlerei und Schlosserei ausgcbiidct. Jetzt sind noch hinzugekommen Gicsscrci, Modelltischlerei. Schnitzerei und W c b 0 r e i, Im Laufe der letzten fünf Jahre haben insgesamt 720 Schüler die verschiedenen Anstalten absolviert. Von diesen bcschüftigcn sieb Gf>,5 Prozent bis auf den heutigen Tag mit dem Handwerk, das sic in den Schulen gclernt haben. Arbeit haben die Schüler zumeist in den jüdischen Fabriken des Ansiedlungsrayons gc* funden. Etwa 17 Prozent gingen nach dem Ausland, und mir eine sehr geringe Zahl fand Beschäftigung In den Gouvernements ausserhalb des Ansicdlungsravons. — Von den Beschlüssen, die von der Konferenz angenommen wurden, sind erwähnenswert die Gründung von Vorbcrcitungsklnssc«. vo:1 Bureaus für Arbeitsnachweis für die ausgcbildctcn Schiller, Unterstützung armer Schiller. Verbreitung der Erkenntnis von der Wichtigkeit der Handwerks- und Gewerbeschulen für die jüdische Bevölkerung Russlands. Finnland Der Einnlämlisclie Senat beschleunigt die Vorbercltiingsarbeiteu für die Ausarbeitung eines Gesetzes zur Regelung der Rechte der Juden in Finnland. Ein Vorschlag gellt dahin, den Juden das Recht auf Naturalisation zu erteilen, während ein anderer Plan nur das Wohnrecht der Juden in Fimi* land erweitern will. Von einer vollständlgen Gleichberechtigung ist bis jetzt II i r g' c n d s die R e d c, Ren Finnnl,׳indem .scheint es also doch etwas ängstlich geworden zu sein. Denn dass diese ״Bcselileiiniguiig״, die jetzt gemeldet wird, nicht aut einen Umschwung der Stimmung in Finnland zurückziiiiiliren Ist, sondern lediglich eine Folge der Bewcgimg, die in den letzten Tagen sieh in der enropäischen Presse gegen Finnland bemerkbar machte, dürften auch die berufsmässigen Optimisten ziigcbcn. — Einer der ersten Politiker, der zu dieser Aufriitteluiig der öffentlichen Meinung beitrug, war Dr. T h c o ü 0 1׳ Bart 11 in Berlin, der Vorsitzende der neuen demokratischen Partei, Auch in Londou, wo vor einigen Tagen eine fiimläudisclic Anleihe aufgeJegt wurde, machte sich eine starke B c - w e g 1111 g g e g e n F i 11111 n 11 ü geltend. Die finnische Presse bespricht diese Protestbewegung sehr ernst, und es scheint also, dass sie wenigstens nicht ganz ohne Eindruck geblieben ist. (N.J.K.) Türkei Unter dem neuen konstitutionellen Regime bcginnen nunmehr auch diejenigen Juden in der Türkei, I die bisher; aus Furcht und Zaghaftigkeit der national- 1 jüdischen Bewegung fern standen, eitizusclie», dass eine national-jüdische Betätigung ihr Ansehen bei den freiheitlich gesinnten Elcmcncn blos erhöhen könne. III Saloniki haben cs die Juden früher üngstilch vermieden• irgendwie mit dem Zionismus und den Zionisten in Berührung zu kommen, Ziele und praktische Tätigkeit der zionistischen Organisation j waren ihnen vollständig fremd, und es gelang auch nicht, trotz ־zahlreicher Vct suche von zionistischer Seite, sie darüber anfzukläreu. Nunmehr sind bereits wiederholt zionistische Redner in Saloniki nufgctrctcu, die vom Publikum freundlich begrüsst wurden und nennenswerte Erfolge zu verzeichnen haben. Vor einigen Tagen ist der Redakteur der spnniolisclicn Zeitung ״El Avcuir", Dr. Florleit, mit einer zioulsti* sehen Rede hervorgetreten, wobei er die nationale Tendenz, des Zionismus mit grossem Nachdruck und Klarheit charakterisierte. Das zahlreiche Publikum spendete ihm starken Beiiall, ein Umstand, der noch vor kurzem undenkbar schien. Im ״Journal de Salonuiiie“ veröffentlichten N01׳ da 11 und So 1^0 10 w aufklarendc Aitikel über den Zionismus, seine Ziele und bisherigen Arbeiten. Auch diese Artikel werden viel gelesen, und man Imf/t, dass in allernächster Zeit der Boden für einen grösseren z i 0 11 i א t i s c h c n Verein geschaffen sein wird. Dieses ist umso mehr zu begrüssen, als zionistische Vereine in der Türkei nicht nur von lokaler, sondern auch von allgemein politischer Bedeutung sind. Wie sehr die zionistische Agitation in Saloniki gefruchtet hat, geht auch daraus hervor, dass die Juden von Saloniki cs abgclclmt )iahen, den Boy ko׳ t, der von den Türken inaiiguriet und eifrig־ betrieben wurde, zu unterstützen mit der Begründung, dass dadurch für die Behandlung der Juden in Griechenland schädliche Folgen entstGien könnten. Das nationale Zusammengehörigkcits-Oefiilil gebiete ihnen diese Taktik, wenn auch sic persönlich dabei zu leiden haben könnten, * Gegenüber dem Korrespondenten einer liidischen Zeitung hat sieh der ChncbaimBnschi in Konstant!- nnpel jüngst sowohl über den Ausfall der Wahl zum P1־\.־V.\mcut wie über eine ItUUscUc Kolonisation in Palästina ausgesprochen. Er besserte: Mit den fünf jüdischen Mandaten haben die Juden einen Erfolg errungen, wie er, abgesehen von Palästina mir von den Optimisten erwartet werden könnte. Bedauerlich ist und bleibt cs. dass aus Palästina kein Jude in das Parlament cingezogcn sei. Daran haben aber die palästinischen Juden seihst Schuld, weil sic eben nicht dafür gesorgt haben, das türkische Bürgerrecht zu erlangen und wahlberechtigt zu werden. Der Chacham-Baschl begrüsst es, dass das nationale Selbstbewusstsein der Juden in der Türkei immer bestimmter zum Ausdruck komme. Dies muss dahin führen, dass die Alliance Israöiite Universelle in ihren Schulen den hebräischen Unterricht cinfüliro Dafür müsse Jetzt gekämpft werden. Ausserdem soll der Kolonisation in Palästina eine grösscrcAusdchnung gegeben werden. Bei den Jetzigen Verhältnissen in der Türkei ist die Situation für eine Erweiterung und SystciiiansIci'Hiig der kolonisatorischen Arbeiten in Palästina eine sehr günstige aber sic muss von den bCe.m'IzrUrdcni״liChkCitC״ mit dcr ״Ü״KC״ Hi״sicht Amerika lm November 1908 sind im Ncw-Yorker Haie״ 342(» jiidicbe Einwanderer gelandet gegen 12 41k i!(1 November 1907, Von den EiugcwanJcrtcn kamen 2292 aus Russland. 914 aus Oesterreieii-Ungarn. 1&3 aus Rumänien. *II aus England und 9 aus Deutschland. Von den Eiiigewaiidcrlen gingen 893 nach an. deren Punkten der Vereinigten Staaten, während der Rest in N c w -Vor k verblieb. S V0M״B6ZAL.eL“ lieber die augenblickliche La׳ge des Bczalel er. halten wir von kompetenter Seite folgende Dar- Stellung: Der gegenwärtige Zustand der Schule bercchtu: zu überaus erfreulichen Hoff n n n g e n. I)!c derselben zugelicmlcn Bestellungen sind sehr beim:.•, reich und Mellen an die Leistungsfähigkeit der Schult,• ganz bedeutende Ansprüche, es erfolgen auch zal!!. reiche Nachbestellungen, aus denen die Zuiriedusheit der Käufer hervorgeht. Hält die Bescliäitigimg weiter an. so dar! mau berechtigt sein zu glaube■!, dass die Schule hinnen absehbarer Zeit zu einer hohen Entwicklungsstufe gebracht wird. An ik׳ Absatziähigkeit der in der Schule hcrgestelltcn I■:* Zeugnisse, bestehend in Teppichen, Metall- und Fi::, granarbeiten, Bilderrahmen und Holzschnitzereien, kann nicht gczwciiclt werden. So erfreulich diese Tatsache ist, so ist ander!, rseits zu konstatieren, dass die finanziell ■• L a g e sich nicht in der gleichen günstigen Weise präsentiert. Bekanntlich ist die Schule vor einigen Monaten in die neuen ״Bczalcl-Häuser״ übcrgesiedU.t und hat bei dieser Gelegenheit verschiedene Verbesscningcn und Vcrgrüsscrungcn in den verschic denen Abteilungen der Schule vornehmen müsse:.. Auch sind jetzt mehrere Ateliers neu eingerichtet worden oder sollen demnächst in Angrifi genommen werden. All dies hat an die finanzielle Leistungsfähigkeit bedeutende Ansprüche gestellt, die nur zum Teil ans den laufenden Einnahmen bestritten werden konnten. Es ist noch eine schwebende Schuld von ca. 8000 Mk. zu decken Ferner ist zu berücksichtigen, dass, so erfreulich der grosse Bcschäftigungsgrud der Schule auch ist, zur Ausführung der vorliegenden Aufträge aber grössere Beträge erforderlich sind und auch fcstgelcgt werden müssen, um ein Lager in den verschiedenen Erzeugnissen zu unterhalten. Audi um die Rohmaterialien vorteilhaft einkauftn und dis. ponicrcn zu können, wäre cs von der grössten Bedeutung für die Schule, einen Betrichsfonds zu besitzen. Trotzdem in dem jüngst erschienenen Geschäftsbericht fiir das verili.sscuc Jahr dies bereits erörtert wurde und zur Schäftung eines Betriebsfonds au die Gönner und Freunde appelliert wurde, sind bis jetzt zu diesem Zwecke der Schule keine Beträge /«!geflossen, cs ist aber fiir dieselbe von der allergrusstcn Bedeutung, dass ein Betriebsfonds so bald als möglich gcschaffen wird, da sonst die Existenz der Schule ems:. lieh bedroht ist. Unter unseren Glaubens- und Gesinnungsgenossen, die sonst für die jüdischen Institutionen Interesse und Gefühl haben, befinden sich eine grosse Anzahl, welche noch nicht Mitglieder des Bczalel sind oder einmalige Beiträge gespendet haben. Diesen, den Zionistischen Ortsgruppen sowie den Korporationen möchten wir dringend ans Herz legen, den B c - z a I c I nicht als Stiefkind zu behandeln und dazu 1» c i z u t r a g c n , das begonnene Werk glücklich zu Ende zu führen, vielen unserer Glaubensgenossen durch Einführung des Kunstgewerbes eine Existenzmöglichkeit zu schaffen und sic gleichzeitig auf ein höheres kul* turelles Niveau zu bringen. PALfle5TINA־RUNDSCHAÜ —111a— Zu wiederholten Malen ist von den Ko'.!!• nisten in Palästina darüber geklagt worden, dass sie keine Möglichkeit haben, die Geflügelzucht so zn organisieren, dass die Kolonien ihren ganzen Bedarf bekommen, den ihre Wirtschaft erfordert. Wiederholte Versuche, die unternommen wurden, um auf künstlichen! Wege Vögel zu züchten, sind aus Mangel a!1 Sachverständnis fchlgeschlagcu. In den Kolonien wird cs nun mit Freude begrüsst, dass nach Wadi •Chan in ein junger Mann aus Amerika gckommen ist, der in diesem Fache grosse, aus der Erfalirung gewonnene Fertigkeiten besitzt. Es wurden bereits alle modernen technischen Mittel, die einer künstlichen Vogelzticlitung zugute kommen könnten, ungeschaut. und auch in sachverständigen Kreisen 110111 man, dass diese Versuche zu den langersehnten KcsuUatcn führen werden, und die Kolonien so von emoni Mangel befreit werden, unter, dem sie iahrclaug .«ciitton haben, Für die Entwicklung der kolonialen Wirtschaft wird ein Gelingen des Unternehmens von grosser und iiachholtiger Bedeutung sein,