Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1909-01-22 · Heft 4 (22.1.1909) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 4 (22.1.1909)
Date
1909-01-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651605-2651610--06186-2663257
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite M. JÜDISCHE RUNDSCHAU || I I - ־ , ־ * ־-- —..י —. — No. 4. religä'isen Gesinnungsgenossen bedanken mag. Also erst wenn der Misrachl aus eigener Kraft eine Aenderung des Baseler Programms durohgesetzt haben wird, wenn er also, was dazu erforderlich wäre, eine grosse Mehrheit aller Gcsctzcstrcucn vereinigt haben wird — dann wollen auch die Herren gesetzestreuen Rabbiner dem Misrachi ihre freundliche Unterstützung leihen I Die Herren mögen es uns verzeihen: aber man könnte der Meinung soin, dass dieses Verhalten sich von dem einer Wetterfahne in der Tat nicht sehr unterscheidetI Statt zu führen, sich vom Winde treiben lassen —• abwarten, bis die Mehrheit sich zu oiner Meinung Überzeugt haben wird, statt den Ansehauungen der Menge Weg und Richtung zu weisen — nein, das können nicht Führer in Israel sein, die so handeln! Und das führt auf den Kernpunkt der ganzen Sache: dem Zionismus gegenüber hat man sich ablehnend verhalten zu müssen geglaubt, weil eben heute die Zionisten noch eine Minderheit sind; weil unsere Grossen und Mächtigen noch immer den Zionismus als einen Irrweg betrachten, weil cs eine k (1 h n c und mutige T a t erfordert hätte, den Zio* nisnms anzuerkenuen, deswegen schob man religiöse Bedenken vor — alle anderen liabcn sich nach dem Zeugnis des Referenten und des Korreferenten!der Versammlung als nicht stichhaltig erwiesen! — um sich dieser ״imposanten Bewegung“ auch weiterhin leider fcmhalteu zu müssen. Wer aber glaubt, hier werde der Vereinigimg gcsctzcstreucr Rabbiner zu Unrecht Mangel an Mut nachgesagt, der vergleiche mir die Resolution, die dein ״Hilfsvcre;n der Deutschen .luden" gewidmet wurde mit der über den Zionismus. Bern Hilfsvcrein wird! vollste Sympathie ausgesprochen, weil er die j von ihm geschaffenen Anstalten in religiösem ן Geiste le'tc, obwohl der Hilfsvcrein bekanntj lieh sich programmatisch weit weniger! festgclogt hat als der Zionismus. Des Rätsels j Lösung ist eben einfach diese: der Hilfsvcrein mit schien! philanthropischen Pro-׳ gramm stüsst nirgends an, der Zionismus mit! dem nationalen Programm ist ״unbequem". # , . ״Das also ist des Pudels Kern!" — LeiderI Denn es ist tief bedauerlich mit anzuschcn, wie eine Vereinigung gcsctzcstreucr Rabbiner Deutschlands cs fertig bekommt, eine Bewcgung in nahezu allen Punkten als berechtigt, als richtig, als «imposant, als dem historischen Streben unseres Volkes durchaus entsprechend anzuerkennen, um dann mittels eines Vorwan• des jede Unterstützung, ja jede pos'tivc Stellungnähme abznlelmcn. Denn das ist ja eben das Be,zeichnende, dass man auch nicht gegen! den Zionismus Stellung genommen hat, wie vor einem Jahrzehnt. Das wäre ja freilich nach den Referaten ein Nonsens gewesen. Aber dann sollte man auch nicht nach Vorwänden suchen, um sieh 11m eine Befürwortung des in manchen Kreisen unbel'cbtcu Zionismus herum zu drücken! Eine solche Bewegung w i 0 den Z i o n i s 111 u s k a!111 nt a 11 d 0 c 1t nicht mit Redensarten a b f c r t i.- gen! Entweder ist sie v c r w c r f - lieh ־-• dann verwerft sic, oder si 0 ist «I m Kern gut jüdisch und z 11 ku 11 ftsvo11 — dan 11 habt den Mut, das zu bcke 11 neu! Dies Rezept wäre einer Rabbiuervcrsamni* hing angemessener gewesen, will uns scheinen. Die Herren Rabbiner haben ja alle einmal auch den Horaz gelesen, und sie hätten sich der sprichwörtlich gewordenen Horaz’sclic.n Welsheit in ihren halachischen Spaziergängen wenigstens flüchtig erinnern sollen: ״Carpe dient!“ — Wir 111 ii s s e 11 den Tag u ii t z e!1, den heutigen, denn wir w'sscu nicht, ob es morgen noch Zeit «ist! Oder glauben die Herren Rabbiner, die sich heute noch immer nicht eiitscliliessoii können, dass wir noch e i 11 m a I 11 e 1111 z e 1111111111 d e r t J a 11 r c Zeit haben? (Nachdruck verboten.) Die Judenfrage In der dritten Reichs-Duma Bericht von 1.. א .אissc 10witsch, j M i t g I i e U d c r R c i c 11 s - D11 m a. j (Fortsetzung.) Folgerungen j Nach Durehsieut der vorangehenden Abschnitte . des vorliegenden Herielits werden viele Juden, J denen die dritte Duma als Urbild der Reaktion er- I scheint, '011־ der wir Juden .nichts Gutes zu erwarten haben, iniigl!eherweise behaupten, dass ich von Natur aus Optimist sei und alles im glänzendsten Lichte sähe, oder dass ich absichtlich einzelne für 1ms günstige Momente aus der Dumatätigkeit her* viugehohen habe, oder dass ich von heimlichen taktischen Absichten atisgehc. Tatsächlich ist weder die eine noch die andere Annahme begründet. Mir Ist cs ebenso wie der ganzen Opposition klar, dass ein bedeutender Teil der DuniaJeputicrten uns einstweilen nicht freundlich gesinnt ist. Viele aus dem Grunde, weil ihnen selbst die Jüdische Frage unbekannt Ist und sie siel! nach den Auslassungen der antiscmitlsehen Presse richten, im festen Glauben, dass allo Juden Revolutionäre und Ausbeuter sind; andere wieder einfach deshalb, weil der Judeifimss ähr einziges Bekenntnis ist. Ich möchte cs daher weilen vor mir selbst, noch vor anderen verheimlichen, dass uns in der Duma kein leichter Kampf bevor stellt. Ich möchte gleichfalls nicht verheimlichen, weder vor mir seihst noch vor anderen, dass wir in der Duma nicht nur. keine eigenen Mirabcaus und Grtfgoircs besitzen, sondern dass unsere eigenen Kräfte für den bevorstehenden Kampf äusserst schwach sind. Die Verteidigung einer gerechten Sache ist jedoch bedeutend leichter, als fiir etwas Ungerechtes cluzustelicn. Ich behaupte, dass auf unserer Seite helleuchtendes Recht und elementare Gerechtigkeit stehen, und glaube daher fest und iinunistössiieh. dass durch energische Unter- Stützung unserer Gönner aus der Mitte der Opposition und sogar vieler aus der leitenden DumamaJoriiät und au dieser Unterstützung zweifle ich keinen Augenblick — es uns gelingen w׳ird, auch von der dritten Duma die c I c in c n ta reu Menschenrechte z 11 g c b i 11 i g t zu erhalten, auf deren Erreich ung unser Streben gerichtet ist, falls die Duma die für sie festgesetzte Dauer erreichen sollte. Möge die Duma festen Boden fassen, sieh innerlich festigen, dann unterliegt es keinem Zweifel, dass der kollektive Staatsverstand cs ihr sagen wird, dass das Wohl unseres gesamten Vaterlandes cs g h l c t e r i s c h fordert, die I ii d i s e h c Frage zu lösen. Und die einzig richtige Lösung könnte für. die Juden mi■ im wohlwollenden Sinne ausfallcn. Meine Gegner kommen gewöhnlich d•״• zurück, dass, solange die Duma existiert, die Rer.icrmig den Juden gegenüber keineswegs eine humanere Haltung einnimmt. vielmehr würden di<. I'.iiiseliränkungsgesetzc noch unnachsichtiger gcliandhabt, in der Ucbcczcugiutg. dass die Duma nicht nur nicht widersprechen, sondern im Gegenteil zusthnnei wird. Ich bezweifle jedoch sehr, dass die Regierung in ihren Repressalien gegen die Juden von derartigen Ansichten geleitet worden ist. weil mir eben genau bekannt ist, dass in einzelnen Fällen fiir die Ahiindcrung der Vcrfolgungsvcrfügimgcn gegen die Juden Fil *spräche erhoben wurde. Dies geschah nicht nur auf Betreiben von Deputierten des Zentrums, sondern sogar auf Veranlassung der Fraktion der gemässigten Rechten, Der Regierung war cs zur Genüge 11ckannt, dass sich die Verfolgung der armen Klassen de* jüdischen Bevölkerung, wie z. B. die Massenaus- Weisungen von Handwerkern aus den von ihnen hewohnten Orten ausserhalb des Ansiedlungsrayons, weil sich diese angeblich nicht mit ihrem Handwerk beschäftigen, keineswegs der Sympathie der Dumamchrlieit erfreut. Trotzdem fährt die Regierung fort, die armen Juden zu bedrücken. Würde in der Duma eine energischere Opposition sitzen, die den Wunsch hätte, diese Angelegenheit praktischer zu bc- Ebenezer (Nachdruck verboten.) Von S. Linge. Aus dem Schwedischen übertragen von Hc 11 ny Bock-Ncumann. (Schluss.) So verging die Zeit, ״Elfcnbeinnase" hatte nun fast ein iahr in der Gasse gewohnt, und war unterdessen Immer beliebter bei denen geworden, die mit ihm in Berührung kamen. Er war sonderbar, das konnte man nicht leugnen, upd c«־ sah noch sonderbarer aus, aber trotzdem lag zuweilen eine solche Würde in seinem ganzen Benehmen, dass sogar die schlimmsten 11! ר Eulcnspiegel den Mund hielten, wenn sie auch zuweilen ln Versuchung gerieten, sich auf seine Kosten lust'g zu machen. Die Benennung ״Elfcnbcinnase“ war nun fast ein Ehrenname geworden, und schon längst populärer, a3s der Name Ebenezer. Gegen Ende des zweiten Sommers kam die Zimmermannsfrau eines Tages blass und verwo’nt zu Ebenezer. Sic führte ihr kleines Tüchtcrchcn an der Hand, und trug ausserdem einen Korb, den slo behutsam vor den Juden nlcdcrsctztc.!.Wie geht es?" fragte er, und blickte von seiner Arbeit auf, ״wohl Stiefel, die neue Kappen brauchen?" ״Nein, nein," sagte sic traurig. I ״Kehle Stiefel. Wir müssen einstweilen mit ' zerrissenen gehen. Mein Alter liegt schon seit j einer Woche im Krankcnhaiisc, und Gott allein j weiss, ob er jemals wieder Manns genug \ werden wird, um seine Arbeit wieder aufzunehmen. Er f'cl vom Gerüst und hat sich schwere Verletzungen /!!gezogen. Mir scheint, dass mit ihm nicht mehr viel los ist." Die arme Frau brach in Tränen aus, und das i kleine Mädchen, das Anfangs eine Weile die j Mutter anstarrtc, begann ebenfalls laut zu j schluchzen. Ebenezer legte schic Arbeit hin, stand auf, und ging in seiner Stube auf und ab, die Katze folgte ihm auf den Fersen, er schien einen mag* netiseheii Einfluss auf sic auszuüben. Schlicsslieh blieb er vor der Nachbarsfrau stellen, die gebeugt dasass und ihr Gesicht mit der SehÜrzo bedeckt hatte. ״Weine dich aus," sagte er. ״Tränen sind die Regenschauer, die die Sorgen fortspülen." Sic musste aufblickcn, um zu selten, welche M'enc er hatte, als er so sprach und sic sah, 1 dass sein Antlitz so viele ׳ sonderbare Falten und Runzeln zeigte, dass sic vor Erstaunen! aufhörte zu weinen. Immer von der Katze gefolgt, setzte er sc ne Wanderung In dem engen Zimmer fort, schob einen drelbcinigen Lehnstuhl fort, der im Wege stand, wäre fast über einen alten ledernen Mantelsack gestolpert, setzte sich aber statt dessen auf denselben, und zündete eine kleine Tonpfeife an, die er zwischen dem Gerümpel auf dem Feuerherde hcraiisgcfisclit hatte. Aber als er kaum einige Züge getan hatte, klopfte er sic aus lind legte s'e wieder beiseite. ״Was haben Sie in dem Korbe?" fragte er plötzlich u.'id wandte s’eh der Frau zu. Die Zimtuermanmtrau stand aal, ging mit dem Korbe auf ihn zu, und zeigte ihm den Inhalt. ״Bali, was soll ich denn damit tun?" fragte er. ״Kaufen.“ sagte die Frau zögernd. ״Ich brauche zu morgen notwcnd'g das Geld für die M etc, sonst werde ich exmittiert, mul ich weiss nur üoeh keinen Rat, wie ich die Summe aufbringen soll. Und ich habe ja meine Kleinen, wie Sie wissen, drei Mäuler zu stopfen . . ." Ebenezer schüttelte den Kopf. lakönhd, T3a1c ' ta״fn ״lchts•" sagte er druH ,• ־ n,A! .Cr, ab״r dc״ «»mutigen Auser ’? ,dcr Pra״ 'vernahm, setzte er entschuldigend hinzu: nlCM alt KcnuK• wissen Sic, so etwas hat keine Nachfrage im Handel." nJZVV114 sic nlcht* Ich erhielt s«c als ßwut^cheiik von meinem Alten, Ich kann wohl sagen, dass es mir schwer genug fällt,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.